Interlude: Metallica

20140604_metallica_5_450Auf der Liste von Dingen, die ich im Leben unbedingt erlebt haben will, steht seit einiger Zeit der Besuch eines Metallica-Konzerts. Gestern Abend konnte ich hinter diese Position einen Haken machen. Nachdem ich mich in den vergangenen zwei Jahren durch drei Dekaden Metallica gearbeitet hatte, wurde die Band mit ihrer Haltung, ihrer Energie und auch ihren Texten zum Soundtrack meiner derzeitigen Lebensphase. Daraus entstand der Wunsch, die Musik auch mal live zu erleben. Keine Frage: Meine Erwartungen an das Konzert in der Imtech-Arena in Hamburg waren hoch. Nicht alle wurden erfüllt. Aber ich habe bei meinem Tag im Moshpit trotzdem wertvolle Erfahrungen machen können.

1. Fans abstimmen lassen bringt interessante Ergebnisse
Bei dieser Metallica-Tour dürfen die Fans die Setlist bestimmen. Mit dem Online-Kauf des Tickets bekam man den Code für ein Voting-Portal. Am Ende haben die „Metallica-Family, Fans and Freaks“ (O-Ton Hetfield) weitgehend die Songs ins Programm gewählt, die die Band ohnehin schon seit Jahren spielt. Aber es gab auch eine Überraschung: In Hamburg hatte es aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen „St. Anger“ vom gleichnamigen Album aus 2003 auf die Setlist geschafft. Kurz zur Einordnung: Das ist die Katastrophen-Platte, deren Produktion sich über Jahre hinzog, die von Hetfields Alkohol-Entzug, Streitigkeiten, Gruppen-Therapien und einer eindrucksvollen Film-Dokumentation begleitet wurde. Ich mag die Platte, auch wenn sie schrecklich klingt. Aber ich dachte, ich wäre der einzige. Offenbar gibt es doch noch andere Leute, die „St. Anger“ zu schätzen wissen. Die Band aber scheint nicht dazuzugehören. Ein wenig lieblos kündigte sie den Song an und schrubbte sich innerhalb weniger Minuten durch eine verkürzte Fassung, in der nicht ein einziger Tempowechsel richtig saß. Aber gut: Wir alle haben Phasen im Leben, an die wir ungern erinnert werden. Warum sollte es Metallica da anders gehen.

2. Spontaneität ist möglich
20140604_metallica_2_450Ein weiterer erwähnenswerter Aspekt der „Metallica By Request“-Idee ist das „Vote Of The Day“. Einer der drei Songs, die es nur knapp nicht auf die Setlist geschafft haben, können per SMS am Konzerttag doch noch ins Programm gehievt werden. Mehrmals liefen Trailer im Stadion, in denen Metallica das Publikum aufforderten, per SMS (jeweils 50 Cent) für ihren Favoriten des Abends zu voten. Anschließend wurde der jeweils aktuelle Stand der Abstimmung gezeigt. Es war ein knappes Rennen zwischen „Fuel“ und „Blackened“, „Whererever I May Roam“ war weit abgeschlagen. Auch während des Auftritts verwies die Band immer wieder auf das Voting. Erst kurz vor Schluss wurde das Ergebnis ausgewertet: Auf den Monitoren wurde „Fuel“ als Sieger gekürt, Ulrich zählte an schon ging es los – samt der dazu passenden Visuals. Da ich nicht glauben will, dass hier von der Band getrickst wurde, sage ich an dieser Stelle einfach mal: So viel Spontaneität hätte ich auf einer Massenveranstaltung dieser Dimension nicht erwartet. Hat mir gefallen. Auch wenn ich lieber „Blackened“ gehört hätte.

3. Es wäre schade um die „Lords Of Summer“
Metallica hatten für diese Tour einen neuen Song versprochen. „Lords Of Summer“ kam auch gestern zum Einsatz und funktionierte gut zwischen den ganzen Klassikern. Ich würde den gern auf Platte haben, man könnte aus Hetfields Ansage aber herauslesen, dass der nur für die Tour ist und auf der nächsten LP nicht drauf sind wird. Für ein Provisorium ist „Lords Of Summer“ wirklich gut. Es wäre schade drum…

4. Es wurde auch mal emotional
Es gab gestern zwischen den ganzen eher rustikalen Songs drei emotional sehr berührende Momente. „Fade To Black“ war einer davon. Als um mich herum die Teenager von damals und IT-Systemadministratoren, Unternehmensberater und Familienväter von heute anfingen den Song mitzusingen, entstanden vor meinem geistigen Auge Bilder von Teenager-Zimmern mit „Ride The Lightning“-Postern an der Wand, von nutzloser Clearasil-Hautreinigung und Eltern, die einen nicht verstehen. Bei vielen um mich herum schienen sich Erinnerungen an eine frustrierende Pubertät Bahn zu brechen. Verbunden mit einer gewissen Dankbarkeit an die Band, diese Wahrnehmung damals in Worte gefasst und musikalisch begleitet zu haben. Das war berührend.
Ein zweiter bemerkenswerter Moment war „Nothing Else Matters“. Die oben beschriebenen Männer verstanden den Song als Einladung, sich mal von ihrer sentimentalen Seite zu zeigen und brummten den Text Wort für Wort mit. Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Natürlich war ich sowohl bei „Fade To Black“ als auch „Nothing Else Matters“ – und vielen anderen Songs des gestrigen Abends – aus meinen ganz eigenen Gründen sehr berührt. Und wie alle anderen auch komplett aus dem Häuschen, als „Whisky In A Jar“ einsetzte. Zwischen den ganzen Selbstfindungs- und Kriegsdramen des gestrigen Abends hat dieser Fun-Song richtig, richtig gut getan.

5. Manchmal geht es eben doch nur um die Musik
Ich mag die National Rifle Association nicht. Ich weiß auch nicht, warum man gern auf Tiere schießt. Ich reagiere zudem meist mit Zurückhaltung bis Ablehnung, wenn jemand vor mir und weiteren mehreren Zehntausend Menschen steht und zum Recken der Faust oder zum Gröhlen von Schlachtrufen animiert. Ich kann all diese Vorbehalte aber problemlos beiseite schieben, wenn die Musik dazu etwas mit mir macht. Und das hat sie gestern. Das erinnert mich an die Diskussion, die wir hier im Blog zu Lil‘ Wayne hatten. Da hatte ich mich ein wenig als Moralapostel aufgespielt. Gestern Abend war ich definitiv anders drauf.

6. Ich kann immer noch ein unreflektierter Fanboy sein
20140604_metallica_3_450Ich fand Metallica lange grauenhaft. Ich weiß um die fragwürdigen politischen Ansichten einiger Bandmitglieder. Aber: Eine Erscheinung wie James Hetfield löst in mir auch in hohem Alter den Fanreflex aus. Handy zücken, Augenkontakt suchen, Bewunderung zeigen und auf Anerkennung hoffen – mehr als einmal stellte ich gestern an mir diese Abläufe fest. Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, was ich davon halten soll. Aber im gestrigen Kontext, zwei Meter vom Sänger entfernt und zusammengepfercht mit Menschen, denen es offenbar genau so ging, fühlte es sich gut an.

7. Das Verhältnis zu den Fans wurde gestern Abend groß inszeniert
20140604_metallica_1_450Am Bühnenrand etwa standen jeweils rund 20 Fans, die das Konzert von dort aus miterleben durften. Hin und wieder rief Hetfield jemanden aus den Gruppen zu sich, um einen Song ankündigen zu lassen. Darüber hinaus dankte die Band in mehreren Ansagen den Fans. Auch nachdem der letzte Ton verklungen war nahmen sich Hammett, Hetfield, Trujillo und Ulrich viel Zeit, sich vom Publikum zu verabschieden. Ulrich verschenkte seine Trommelstöcke, die anderen warfen eifrig Plektren in die Menge. Letzteres sah ein wenig aus, als würde man Tauben auf dem Markusplatz füttern, aber es machte doch den Eindruck, als käme die Geste – von Herzen.

8. Über die Künste von Lars Ulrich kann man streiten
Als jemand, der gerne Schlagzeug spielt, muss ich natürlich auch was zu Lars Ulrich sagen. Über seine Fähigkeiten wird schließlich kontrovers diskutiert, seit es die Band gibt. Es gibt viele, die ihn für nicht nicht besonders präzise halten. Seit gestern weiß ich: Da ist was dran. Während die Band auf Alben – zuletzt auf „Death Magnetic“ – supertight zusammenspielt, war das in Hamburg manchmal echt Kraut und Rüben. Ulrich wurde mal schneller, mal langsamer und spielte mit seinen Armen und Beinen manchmal auch mindestens zwei verschiedene Songs gleichzeitig. Mehr als einmal mussten Hammett, Hetfield, Trujillo und die Fans sich sortieren, um zu dem trommelnden Dänen und dessen Ausflügen in die Welt unkontrollierter Fills und BPM aufzuschließen.

9. Kirk Hammett ist der Sympathieträger in der Band
20140604_metallica_4_450Bei Metallica hat jeder seine Rolle. Hetfield ist die Projektionsfigur. Trujillo der Freak am Bass. Ulrich der umstrittene Sprecher. Hammett ist – Kirk Hammett. „Der ist aber grau geworden“, raunten sich zwei grau gewordene Herren hinter mir zu, als der Gitarrist wieder eine Runde auf der Rampe im Publikum drehte. Aber Hammett altert mit Würde und strahlt vieles von dem authentisch aus, was mir an anderer Stelle manchmal etwas bemüht vorkam.

10. Es war ein cooler Abend
Das zeigt allein die Tatsache, dass ich meinen Tinnitus gerade mit meinen Metallica-Lieblingssongs übertöne, während ich mich über das gestrige Konzert auslasse. Das zeigen die rund 100 Fotos auf meinem Mobiltelefon. Wenn sich die Gelegenheit bietet, würde ich diese Erfahrungen gern bei einem weiteren Konzert noch einmal machen. Bis dahin widme ich mich weiter meiner Liste von Dingen, die ich im Leben unbedingt erlebt haben will.

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