60/100: With Every Heartbeat

Robyn (2007)

Stell Dir vor, Du hast den Auftrag, Miley Cyrus zu treffen, um die Geschichte ihrer Verwandlung zu erzählen – hast aber noch nie zuvor von ihr gehört. Ungefähr so fühlte es sich an, als ich mich im Sommer 2007 durch Robin Miriam Carlssons Biographie las.

Am Freitag hat Robyn zusammen mit dem norwegischen Duo Röyksopp ein Mini-Album namens „Do It Again“ releast. Den Titeltrack hat die schwedische Pop-Elfe in dieser Woche bereits bei Circus Halligalli (bei Timecode 40:33) performt: Mit einer etwas schwierigen Vo-Ku-Hi-La-Frisur und einem Outfit, das mich an eine Mischung aus dem Ziggy Stardust-Bowie und den Episode-IV-Luke-Skywalker erinnert. Trotz der leicht irritierenden optischen Erscheinung bin ich immer wieder gerührt, wenn ich Robyns Stimme höre: Dieses zerbrechliche und zugleich toughe Timbre macht ihr keiner so schnell nach. Robyn ist für mich ein weiterer Beweis dafür, dass schwedische Popmusik einfach immer wieder ganz weit vorne ist.

2007 hatte ich mir in der Redaktion eines Fernsehsenders den Ruf erworben, mich grundsätzlich ganz gut mit Popmusik auszukennen. Durch meine nordischen Wurzeln schien ich außerdem der geeignete Reporter für alle Themen zwischen Helsinki und Bergen. Also kam eine Redakteurin auf mich zu und schlug mir vor, ein Interview mit diesem ehemaligen schwedischen Teenie-Star, der gerade sein eigenes Label eröffnet hatte, zu drehen: „Diese coole Electro-Nummer von ihr kennst Du bestimmt – „Konichiwa Bitches“ läuft eigentlich ständig im Radio…“

Hm, irgendwie nicht auf den Stationen, die ich gerne hörte. Aber das behielt ich für mich und nahm die CD mit der kurzen Bio strahlend entgegen. Ich freute mich über das mir entgegen gebrachte Vertrauen und las ich mich in das „Thema“ ein. Wikipedia war noch nicht so umfangreich bestückt wie heute, aber irgendwo fand ich eine Liste ihrer Videos und war immer irritierter, wie mir dieses schwedische Wundermädchen hatte entgehen können: Angeblich war sie ein gutes Jahrzehnt zuvor Europas Antwort auf Britney gewesen und mit 16 in den USA für drei Grammys nominiert. Dann hatte sie ein wenig mit elektronischer Musik experimentiert und durfte diesen Song aber nicht veröffentlichen, weshalb sie sich irgendwann aus ihrem Knebelvertrag rauskaufte. Zwischendurch war sie als UNICEF-Botschafterin in Afrika unterwegs und hatte nun also ein Label mit einem bewusst falsch geschriebenen japanischen Namen gegründet. Klang in jedem Fall alles sehr spannend. Und ihre Single „With Every Heartbeat“ war einfach großartig!

Der Kontakt war erstaunlich schnell hergestellt und Robyns PR-Dame lud mich ein, die junge Schwedin in Stockholm zu besuchen: bei ihr daheim im Wohnzimmer, von wo aus sie ihr Label und ihre neue Karriere mit Hilfe von MySpace über ihren Laptop managte. Ich war einigermaßen beeindruckt, denn selten sind Promis so zeigefreudig, wenn ein Kamerateam involviert ist. Und so bereitete ich mich akribisch auf meinen Trip nach Stockholm vor.

Ihr Wohnhaus sah dann völlig anders aus, als alles, was ich von Schweden bisher kannte: Ein pompöser fünfstöckiger Gründerzeitbau auf einer der zig kleinen Inseln, auf denen die schwedische Hauptstadt erbaut ist. Das markante für mich: Ihr Haus sah aus, als wenn es in einer Straße mit mindestens fünfzig ähnlichen Bauten stehen müsste, doch es war ein Solitär. Drumherum gab es wenig andere Gebäude, stattdessen einen kleinen Industriehafen, ein paar Schienen und einen Kiosk. Trotzdem wohnte Robyn mitten in Stockholm mit Blick auf das Wasser: Hier konnte man in jedem Fall viele Inspirationen finden und mit musikalischen Experimenten ordentlich Krach machen, ohne allzu viele Nachbarn zu stören.

Als wir klingelten, öffnete uns die freundliche PR-Frau und führte uns durch die geräumige 8- bis 10-Zimmer-Wohnung, die der Traum eines jede Interior-Designers sein dürfte: Sonnenhell beleuchtete schneeweiße Zimmer, die spärlich aber zugleich ausgesucht möbliert waren. Wir streiften unsere Schuhe ab und ich warf einen Blick auf Robyns beeindruckende Sneaker-Sammlung: Viele dieser seltenen adidas- und Nike-Modelle hatte ich noch nie in so kleinen Mädchengrößen gesehen. Ein riesiges Zimmer war vollgestopft mit lustigen Papp- und Styropor-Requisiten, die sie in einigen ihrer Videos verwendet hatte. In einem anderen Raum stand nichts außer einer Couch mit einem Beistell-Tisch und einem Fernseher.

Robyn saß in der Küche und begrüßte uns freundlich, aber wenig herzlich. Von einer zerbrechlichen Künstlerseele war nichts zu spüren: Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass sie etwas schüchtern sei. Warum eigentlich..? Denn von Zurückhaltung keine Spur. Sie war voll Businessfrau und kam entsprechend gleich zur Sache. Zunächst erklärte sie mir, dass wir nur in der Küche und dem Requisiten-Zimmer drehen dürften und dass sie keine Lust habe, merkwürdige Antextbilder zu drehen. Wir dürften sie aber bei einer kleinen Arbeitsbesprechung am Küchen-Laptop mit ihrer PR-Managerin filmen, außerdem könnten wir ihre Goldenen Schallplatten und Requisiten für irgendwelche Stopptricks o.ä. benutzen. Eine klare Ansage, die ich selten von Protagonisten bekomme. Schon gar nicht in den ersten fünf Minuten.

Während mein Kamerateam alles für das Interview aufbaute, versuchte ich ein wenig Smalltalk und ein paar Eisbrecher-Fragen. Doch ich stieß auf Granit: Nein, sie wolle überhaupt nicht mit dem aktuellen Electro-Boom in Zusammenhang gebracht werden, denn Robyn sei eine eigenständige Popfigur und ihr Sound authentisch. Dann wollte ich mehr darüber wissen, warum es noch eine zweite Fassung ihres „With Every Heartbeat“-Videos gebe und sie fackelte nicht lange:
– „Das Eine hat der schwedische Producer Kleerup ins Netz gestellt, darüber werde ich aber nicht sprechen. Du kannst in Deinem Beitrag nur mein Video zeigen.“
Punkt.

Da ich ein Jahr zuvor in Tansania gewesen war, versuchte ich, sie nach ihrer Afrika-Reise für UNICEF zu befragen: Doch da fielen ihre Antworten sehr einsilbig aus: „Das ist schlimm dort, die armen Kinder.“ Auch über ihre popmusikalische Vergangenheit wollte sie nur wenig erzählen, denn diese Phase sei für sie abgeschlossen. Als ich versuchte, mit ihr über ihren Kollegen Justin Timberlake und seinen sensationellen Solo-Werdegang zu sprechen, blockte sie wieder ab:
– „Ich versteh gar nicht, was Du meinst.“
– „Nun, ich bin einfach überrascht, dass ausgerechnet er derjenige von N’SYNC ist, der solo so wahnsinnig erfolgreich ist. Dabei war er doch eigentlich immer der Typ, der auf den Postern und in den Videos hinten zu sehen war.“
– „Nee, also mich überrascht das gar nicht: Mir war schon klar, als ich ihn im Disney Club sah, dass er mal groß werden würde.“
Punkt.

Das Vorgespräch lief völlig aus dem Ruder: Robyn hatte zwar Bock auf PR, aber von mir war sie sichtlich genervt. Also unterließ ich weitere Smalltalk-Versuche und wartete still am Küchenfenster, bis mein Kameramann mit dem Einrichten des O-Tons fertig war.

Das Interview selbst lief dann ganz gut: Sie lächelte plötzlich, beantwortete ausnahmslos alle meine Fragen und tabuisierte auch ihre ersten Karriereschritte als Teenie-Star nicht. Dann schlug sie vor, dass wir ja noch nach draußen gehen könnten und ich sie am Wasser entlang spazierend filmen dürfte, weil doch so schönes Wetter sei.

Also dachte ich: Fein, dann sind wir ja doch noch Freunde geworden – offenbar waren meine Fragen gar nicht so schlimm. Doch auf dem Weg nach unten ignorierte sie mich und unterhielt sich ausschließlich mit ihrer PR-Managerin. Der war das erstaunlicherweise alles überhaupt nicht unangenehm – stattdessen strahlte sie mich an, als ob mir Robyn gerade einen Heiratsantrag gemacht hätte.

Also drehten wir unsere Spazier-Bilder, ich durfte ihr zwischen Industriehafen und dem Kiosk noch ein paar Fragen stellen – und dann entschwand sie elfengleich wieder in ihren Wohnturm.

Als wir im Auto saßen und mein Hotel ansteuerten, hielt ich es nicht mehr aus und sagte zu meinem schwedischen Kameramann:
– „Boa, die ist aber echt schwierig gewesen. Einerseits lädt sie uns nach Hause ein und andererseits hat sie keinen Bock auf uns…“

Er sah mich verständnislos an und fragte:
– „Wieso? Die war doch sehr nett und hat alles mitgemacht.“
– „Na ja, alles ja wohl nicht… und dann diese… diese komische arrogante Art… sie hat uns zum Abschied nicht mal richtig die Hand gegeben, obwohl wir vorher noch bei ihr Kaffee getrunken haben…“
– „Hm, also ich finde, sie war ganz normal. Vielleicht hast Du die Schweden einfach noch nicht richtig verstanden… Du bist ja schließlich auch Finne.“
– „Na ja, die Finnen reden noch weniger mit Fremden.“
– „Siehst Du, Robyn ist eben ein sehr weltoffener Mensch.“

Wir lernen: Auch wenn sie uns dank IKEA und H&M kulturell so nah erscheinen, sind Schweden im echten Leben halt irgendwie anders drauf. Wir lernen auch: Das Reporter-Dasein kann manchmal echt ernüchternd sein – vor allem, wenn man anfängt, seine Interview-Techniken, seinen externen Sympathiefaktor und sein gesamtes Wesen während eines Drehs komplett in Frage zu stellen. Wir lernen aber ebenso: Robyn macht bis heute wirklich richtig tolle Musik.

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Robyn ist eine tolle Wahl. Der Trentemöller-Remix von „Konichiwa Bitches“ hatte mich vor einigen Jahren echt umgehauen. Nicht, dass der bei uns im Radio gelaufen wäre. Er war auf einer CD, die ich mir von John ausgeliehen hatte. Anschließend verfolgte ich wohlwollend Robyns weitere Veröffentlichungen. Schon die erste Zusammenarbeit mit Röyksopp gefiel mir gut. Und auch „Do It Again“ ist klasse. Keine Frage: Sie macht bis heute tolle Musik.

    Mich hat der Hype um sie auch nie verwundert. Musikalisch ist er auf jeden Fall berechtigt. Und die Art und Weise, wie Du sie bei eurem Treffen beschreibst, hat sicherlich dazu beigetragen, dass sich die Musikjournaille erst recht sich für sie interessierte. „Die ist aber ein bisschen schwierig“ – wenn Promoter bei der Interviewkoordination diese Redewendung verwenden, ist das für viele weniger abschreckend als vielmehr der Ansporn, mit einiger ordentlichen Vorbereitung erst recht ein verwertbares Interview zu führen. Zumindest habe ich es so wahrgenommen. Und Deine Begegnung mit ihr scheint ja auch viel besser gelaufen zu sein als so ein paar andere Interviewkatastrophen.

    Nichtsdestotrotz: Interview-Situationen, in denen man an sich selbst zweifelt, kenne ich auch. Andererseits hatte ich aber auch mal ein Interview, in dem von vorneherein klar war: Mein Gesprächspartner wird keinen Ton sagen. So sehr ich mich auch bemühe, so sehr ich auch mit der Kamera um ihn herumspringe… Nichts zu machen.

    Es war im Sommer 2001. Wir alle fanden „Sonnendeck“ von Peterlicht gut. Die Experten in unserer Redaktion nölten zwar, dass der Song ja schon ein wenig älter und lediglich neu aufgelegt worden sei. Wir anderen fanden ihn aber klasse und hörten brav alle vier Titel der Maxi durch. Schnell entstand der Wunsch, Peterlicht für ein Videointerview anzufragen. Konnte ja nicht so aufwändig sein, schließlich residierte der Künstler wie wir in Köln. „Der ist aber ein bisschen schwierig“, sagte uns der Promoter am Telefon. Unser Ehrgeiz war geweckt: „Kein Problem, das wird trotzdem gut“, versicherten wir. Man versprach uns, sich zu kümmern.

    Und tatsächlich: Nur wenige Tage später kam die Bestätigung. Aber nicht so wie wir gedacht hatten. Peterlicht – schien wirklich schwierig zu sein. Er mache bei der Aktion gerne mit, wolle aber nicht vor die Kamera. Man solle die Fragen per Mail schicken, Peterlicht würde sie dann einsprechen und uns per CD schicken. Und für den  Videodreh würde man einen Vertreter schicken. Dieser käme demnächst per LKW. Wir runzelten die Stirn. Per LKW?

    Als kurze Zeit später tatsächlich ein Lieferant vor unserem Fenster seine Laderampe runterfuhr, waren wir gleichzeitig verunsichert und neugierig. Der Fahrer lieferte bei uns einen großen Karton ab, ließ sich die Übergabe quittieren und machte sich dann vom Acker. Zunächst standen wir schüchtern um dieses Riesending herum. Dann öffneten wir ab doch vorsichtig den Karton – und packten einen wackligen Bürostuhl aus. Den Bürostuhl, der sowohl im Video als auch auf dem Cover von „Sonnendeck“ zu sehen war. Wir riefen nochmal bei der Plattenfirma an und wurden in unserer Annahme bestätigt: Wir sollten den Bürostuhl abfilmen und die Bilder dann mit der Antwort-CD von Peterlicht unterlegen.

    Also wartete ich einen Sonnentag ab und schleppte den Stuhl in den Stadtgarten. Dort stellte ich meinen Interviewpartner unter einen Baum und filmte das Möbelstück aus allen möglichen Perspektiven ab. Von oben, von rechts, von links, von unten. Gerade, schräg, auf dem Kopf…. Dann schleppte ich den Stuhl wieder zurück.

    Ein paar Tage später kam dann tatsächlich eine CD, auf der Peterlicht die Antworten auf unseren Fragebogen gebrannt hatte. Er setzte dem ganzen noch die Krone auf: Seine Stimme war durch unzählige Effektgeräte gejagt worden, mal sang, mal flüsterte, mal schrie er. Mal kriegten wir Angst, mal mussten wir lachen…

    Wie dem auch sei: Wir taten wie besprochen und brachten Video und Audio zusammen. Wir warteten noch auf einen guten Anlass und stellten das Interview mit dem Bürostuhl im Herbst auf die Seite. Als wir bei der Plattenfirma nachfragten, was denn mit dem Stuhl geschehen sollte, bat man uns darum, ihn wieder einzupacken und an eine Adresse auf Ibiza zu schicken – da habe der Stuhl seinen nächsten Interviewtermin. Was danach aus dem Stuhl geworden ist, haben wir nie erfahren. Aber vermutlich wird man ihn auch dort nicht zum Sprechen bekommen haben…

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