59/100: Holocaust

This Mortal Coil (1984)

Viele meiner Geschichten auf diesem Blog handeln davon, wie ich Musik gesucht habe. Davon, wie mich ein Song so sehr berührt hat, dass ich mehr über ihn wissen will, ihn hören und besitzen will. Diese Geschichte gehört dazu. Und auch, wenn Dir die Dramaturgie meiner Erzählungen inzwischen vertraut vorkommen mag, muss ich sie in diesem Fall einmal mehr bemühen. Aus einem einfachen Grund: Der Song, um den es geht, ist so großartig, dass ich Dich für ihn begeistern will.

Frühjahr 1989, kurz vor den schriftlichen Abi-Prüfungen. Statt zu schlafen stelle ich spätabends doch noch mal das Radio an. Um die Zeit laufen auf Radio ffn immer die „Grenzwellen“. Als ich Ecki Stiegs Stimme vernehme, stelle ich in weiser Voraussicht den Cassettenrecorder scharf und drücke „Rec“. Die Aufnahme startet, als der Moderator just die Begriffe Howard Devoto, This Mortal Coil und „Holocaust“ jongliert. Da liege ich nun im Halbdunkeln, die LEDs der Aufnahmeaussteuerung betrachtend, eigentlich müde aber aus Schiss vor den Abiklausuren hellwach, und lausche Zeilen wie „you can’t get out of bed and you can’t sleep“.

Wie viel besser können Leben und Soundtrack zusammenpassen? Wie viel schöner kann man Niedergeschlagenheit vertonen?

Wie oft ich die Cassette noch in derselben Nacht zurückgespult habe, um mir „Holocaust“ wieder und wieder anzuhören – klar, dass ich das nicht mehr weiß. Und auch, wo sich das Tape heute befindet, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich habe ich es mit vielen anderen bei einem meiner Umzüge in den Nullerjahren entsorgt. Dafür weiß ich inzwischen mehr über This Mortal Coil und „Holocaust“, auch wenn sich die Recherche im Anschluss an diese Nacht im Frühjahr 1989 nicht einfach gestaltete. Erste Informationsbesuche bei famila brachten kein Ergebnis, die Jungs vom DJ Record Shop waren bei dieser Sorte Musik auch keine Hilfe.

Erst im Sommer 1991 wurde ich bei WOM am (ich meine damals noch) Kölner Neumarkt fündig: Dort gab es tatsächlich ein This Mortal Coil-Fach. Die knapp 40 Mark blätterte ich für die CD von „It’ll End In Tears“ gerne hin. Allerdings brachte mich der Besitz bei meiner Suche nach Informationen zu der – wie ich damals dachte – Band nicht substanziell weiter. Beteiligte Musiker wichen in vielen der Albumtitel von den Komponisten ab. Im Booklet fand ich noch nicht mal ein Veröffentlichungsjahr. So durfte ich noch eine ganze Weile weiterrätseln, während ich mich so unfassbar schönen Neuentdeckungen wie „Song To The Siren“ oder „Kangaroo“ hingab. Dass ich auch weiterhin nicht greifen konnte, wer hinter der Musik steckte und aus welcher Zeit die Platte stammte, verstärkte meine Wahrnehmung von „It’ll End in Tears“ als monolithisches Werk ohne jede Verknüpfung zu meinen bisherigen musikalischen Koordinaten.

Dies sollte sich erst ändern, als ich noch im selben Jahr auf einem Label-Sampler einen neuen Song von This Mortal Coil wiederfand: „Late Night“ war der Abschluss von „Rough Trade – Music For The 90’s • Volume 3“. Ab da wurde die Recherche natürlich leichter. So lernte ich, dass hinter dem Projekt Ivo Watts-Russell, Gründer und damaliger Chef von 4AD steckte, der mit Musikern seines Labels in wechselnden Besetzungen und in unregelmäßigen Abständen Platten aufnahm. Dass „It’ll End In Tears“ 1984 veröffentlicht wurde, also vier Jahre bevor mir ein Song daraus zum ersten Mal begegnete. Dass „Holocaust“ – wie auch „Song To The Siren“ und „Kangaroo“ – Coverversionen waren. Und dass keine der weiteren This Mortal Coil-LPs so schön geraten sind wie „meine“.

Erst jetzt, bei der Recherche zu diesem Blogpost, habe ich das Original von „Holocaust“ entdeckt. Es stammt von Alex Chilton und seiner Band Big Star. Was ich niemals geglaubt hätte: Es ist noch niederschmetternder als die Version von This Mortal Coil. Ich bin froh, dass Ecki Stieg mir dies im Frühjahr 1989 nicht um die Ohren gehauen hat. Ich wage gar nicht mir auszumalen, was das in der Situation, zu der Uhrzeit, in dem Lebensabschnitt mit mir gemacht hätte.

Welche Version gefällt Dir besser?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Nachdem Du mir neulich mit Madonna eine Steilvorlage zum Fabulieren geliefert hast, steh ich heute ein wenig dumm da. Eigentlich wollte ich Dir in meiner Antwort eine gut recherchierte Vergleichsgröße liefern – aber dieser Antwortansatz ist leider zum Scheitern verurteilt. Es ist einfach zu konfus und ich bekomme seit zwei Tagen Stimmen und Instrumente, Melodien und Harmonien, Stile und Genres durcheinander. Ich bin geistig am Ende: Das hast Du nun davon, dass Du so einen Track auf mich loslässt.

    Doch erst mal: Rewind, Selector! Zurück auf Los.

    Als ich den Song am vergangenen Sonntag zum ersten Mal in meinem Leben höre, macht irgendetwas in mir „klick“. Ich lausche den Streichern und denke an den ollen Richard Ashcroft, wie er gleich um die Ecke läuft und Leute anrempelt. Nach 25 Sekunden setzt das Piano ein und spielt ein Thema, das ich schon Hundert Mal im Radio gehört habe und zwar von… tja, von wem eigentlich?

    Es ist irgendwas total Peinliches und ich sehe mich innerlich triumphieren, wenn ich die Parallelen ziehe und dann offiziell in diesem Blog festhalte: „In den 80ern haben alle den gleichen Piano-Sound benutzt – von Bryan Adams über C.C. Catch bis hin zu This Mortal Coil. Das wird ein Spaß!“ 

    Ich stoppe den Song, lasse die Piano-Stelle noch mal laufen und denke: „Frauenstimme! Hm, Bonnie Tyler war es nicht, Barbra Streisand und Dionne Warwick auch nicht.“ Na gut, da kann ich ja später noch mal drüber nachdenken.

    Ich höre den Song also weiter und dann setzt dieser unfassbare Gesang ein, den ein Kritiker als „haunted“ bezeichnet hat. Das passt ja schon mal prima zu dem Titel, von dem ich irgendetwas in der Liga der „Todesfuge“ erwartet habe. Aber wenn ich rein nach den Lyrics gehe, geht es wohl eher um die kreative Verwendung des jüdischen Sprachbilds der „größten Katastrophe“ als um eine tatsächliche Verarbeitung einer Shoah-Erfahrung… wobei ich das nicht mit Sicherheit ausschließen kann. Doch zumindest lässt der Kurzcheck der Biographie des Komponisten keinerlei Schlüsse in Richtung KZ-Erfahrung zu.

    Ich habe den Song sieben, acht Mal gehört, bevor ich mich eingelesen habe: Als „Gothic Dream Dance“ haben das die Kollegen von „laut.de“ vorsortiert. Das klingt schon mal ganz gut – in diesem Pop-Sektor kenne ich mich allerdings überhaupt nicht aus: Bei mir hört das Verständnis von schwarzer Goth-Musik bei The Cure auf.

    Jedenfalls hört man die Schmerzen des „Holocaust“-Sängers Howard Devoto mit jeder Note heraus: Dieser fast schon kehlig-gurgelnde Gesang und sein Akzent lösen bei mir schon wieder eine Assoziation aus, die ich aber noch viel weniger als das Piano-Thema einfangen kann. Am ehesten fällt mir Joe Strummers Stimme dazu ein, aber das könnten auch schon die ersten Erscheinungen meiner Pophirn-Zersetzung sein, denn die Piano-Frage nagt unermüdlich weiter in mir.

    Meine arme Frau versucht, mich zu verstehen und mir weiter zu helfen. Aber immer, wenn ich die Melodiebögen des Pianos weitersummen will, kommen nur schiefe Töne dabei heraus. Wir gehen alle möglichen Optionen durch: „Billy Joel“, schlägt sie schließlich vor, aber ich höre ganz deutlich eine Frauenstimme in mir. Und das Fatale dabei: Ich habe den Song gerade erst vor vielleicht zwei, drei Monaten zum letzten Mal irgendwo gehört: beim Frisör, in einer schlimmen Bar oder in einem Kaufhaus vielleicht. Ich werde immer orientierungsloser.

    Was leider auch nicht weiter hilft: Ich habe in den letzten Wochen diverse Rock-Playlisten bei Spotify durchgehört. Dadurch habe ich unfassbar viele Schmuserock-Balladen in den Ohren, die ich noch von „früher“ kenne… vielleicht ist das ja die richtige Spur. Irgendwie klingt das Piano in meinen Ohren nicht wirklich rockig, aber wer weiß..? Ich bin schließlich verzweifelt! Also klicke ich mich zwischen REO Speedwagon, Nazareth und „November Rain“ durch… und bin doch keinen Schritt weiter.

    Am nächsten Tag nerve ich die Kollegen – da sind schließlich Musikwissenschaftler und Pop-Kenner dabei. Doch auch dort nur fragende Gesichter und ein mitleidiges: „Hm, ich weiß, was Du meinst… das Piano da vorne vielleicht ein bisschen wie… ne, sorry, da komm ich auch grad nicht drauf.“ Ein anderer erklärt mir freudestrahlend, dass ihn der Song total an das Original von Big Star erinnere: „Eine der besten Platten, die ich im Schrank habe…“

    – „Aber der Song ist im Original doch voll depri, da will man doch aus dem Fenster springen“, entgegne ich.

    – „Stimmt, total depri und gut gemacht“, bekomme ich zu hören.

    Da bin ich also beim Original angekommen und da kann ich zumindest sofort sagen, dass ich an John Lennons Solowerke denken muss: also mehr so das friedenbewegte „Imagine“ als „Woman“ und ähnlichen Mist…

    Doch zurück zum Piano. Ich höre diese 26 Sekunden immer und immer wieder und kann Dir genau sagen, ab welchem Ton sich die Melodie von meinem Ohrwurm entfernt… Entfernen ist überhaupt das richtige Stichwort: Denn je öfter ich „Holocaust“ höre, desto weiter entferne ich mich von meiner Mission, den Ohrwurm-Fiesling zu entlarven: „Richard Sanderson“, denke ich. Aber warum dann nicht gleich Richard Clayderman? (Für den ich übrigens vor 20 Jahren wirklich mal Geld bezahlt habe, um ihn live zu sehen.)

    Die Melodien verschwimmen immer weiter, inzwischen kann ich mich nicht mal mehr an den noch am Sonntag so präsenten und stets vor mich hingesummten Melodiebogen mehr erinnern. Leider hatte ich dazu keine Lyrics im Ohr, denn dann hätte ich es ja googeln können und wäre irgendwann drauf gekommen. Aber das war mir leider nicht vergönnt. Ich zweifle total an meiner Wahrnehmung und frage mich langsam, ob es so ein Lied überhaupt jemals gegeben hat? Oder ist dieser Song nur ein Hirngespinst? Ein Déja Vu, das es gar nicht geben kann? Hat sich vielleicht die Matrix verschoben und sich in meiner Erinnerung ein Riss in eine andere Sphäre aufgetan? Ich weiß es leider nicht. Und genau deshalb kann ich nur vom Scheitern meiner Klugscheißer-Mission berichten, die mich zeitweise in die Nähe des Wahnsinns gebracht hat.

    „Holocaust“ ist übrigens sonst ein sehr schöner Song. Und die Fassung von This Mortal Coil gefällt mir deutlich besser, obwohl man auch damit komisch drauf kommen kann, wie Du ja vielleicht schon mitbekommen hast…

  2. Pingback: Interlude: Mando Diao | 100 Songs

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