58/100: Helicopter

Bloc Party (2004)

Als Stammleser meiner Texte hast Du natürlich längst mitbekommen, dass ich meine Songs immer mit bestimmten Episoden meines Lebens verknüpfe. Auch wenn es sich manchmal vielleicht alles locker-flockig stream-of-consciousness-mäßig liest, muss ich meistens aber erst mal in mich gehen, welchen Lebensabschnitt ich mit einem Song verbinde. Oder umgekehrt: Ich denke, dass ich über ein bestimmtes Erlebnis berichten möchte und suche dazu den passenden Song. Ist ja auch alles legitim – ein bisserl Recherche schadet ja nie. Wenn ich aber an das Jahr 2004 zurück denke, habe ich sofort „Helicopter“ im Kopf.

Seit 52/100 erzähle ich ja in mehreren Episoden, wie sich ein total Deutschrap-Nerd in mehreren Erkenntnis-Stationen hin zu einem Allround-Pop-Fan gewandelt hat. Ich musste erst die Lust an etwas verlieren, dann einen neuen Blick auf das große Ganze gewinnen und ein wenig an den Wurzeln schnuppern, um irgendwann einmal die richtige (Blick-)Richtung zu gewinnen. Bevor das passieren konnte, musste ich mich erst noch einmal richtig in eine neue Welle stürzen und mitsurfen, um zu verstehen.

Zum Britpop war ich – wie gesagt – ein paar Jahre zu spät gekommen. Und trotzdem schielte ich seit Oasis immer häufiger nach Popland UK, weil ich das Gefühl hatte, dass es dort musikalisch immer noch an allen Ecken und Enden brodelte und mich bereicherte. Und 2004 war definitiv das Jahr, in dem vieles Großartige passierte. Und es geschah gefühlt im Minutentakt: Coldplay traten mit ihren gigantischen Messias-Shows in die Fußstapfen von U2. Keane wiederum nahmen Anlauf, um Coldplays emotionalen Unschulds-Pop erfolgreich zu kopieren. Robbie Williams verstörte mit „Radio“ die Massen und amüsierte mich weiterhin. Pete Doherty jammerte sich mit den Libertines in die Herzen aller Unverstandenen. Im Osten von London pöbelte sich ein hungriger Rapper namens Dizzee Rascal auf UK-Garage-Sounds in die Charts. Ich besaß noch keinen iPod und tat mich insgesamt mit MP3s recht schwer. Also kaufte ich nahezu jede Woche ein anderes Album, das ich abfeierte.

Auf eine Band konnten sich im Sommer 2004 alle einigen: In Glasgow kopierten Franz Ferdinand die Ideologie der Sex Pistols und zeigten, dass Kunsthochschulen und Rockmusik wirklich kein Gegensatz-Paar sein müssen. Franz Ferdinand – ein Bandname, der wunderbar kantig-deutsch durch die Charts und Indie-Clubs hallte. Und durch unsere Redaktion: Seitdem eine Kollegin die vier Schotten zum Interview überreden konnte, wurde das gleichnamige Album mit seinem Bauhaus-Cover unter den Reportern wie heiße Ware weitergereicht. Es war aber auch einfach wahnsinnig eingängig: 5 Singles, angenehm-geheimnisvolle Lyrics und geschickte Melodiebrüche. Vor allem letzteres faszinierte mich: Es kam mir jedes Mal so vor, dass ich bei Franz Ferdinand immer gleich zwei Songs in einem zu hören bekam. Und beide waren gleich gut!

Mein Freund HiFi Brown war von dem Hype dagegen genervt: Einerseits passte Franz Ferdinands Melodie-Ansatz zu seinem Mantra „schneller mehr machen“. Andererseits konnte Konsens nicht gut sein, vermittelten mir unsere Gespräche. Stattdessen spielte er mir Bloc Party vor, die ein ähnliches Konzept verfolgten – nur irgendwie roher und ungeschliffener. Ich war begeistert.

Beruflich und privat war der Sommer 2004 eher merkwürdig. Ich wohnte nun seit anderthalb Jahren in meiner ersten eigenen Wohnung und wunderte mich täglich, wie ich es jeden Monat schaffte, die Miete zusammen zu bekommen. Ich hatte meine ersten zögerlichen Aufträge als TV-Reporter, musste aber erstmal das Vertrauen der Redaktion in meine Fähigkeiten gewinnen. Zugleich steuerte mein Studium auf eine komplizierte Phase hin: Mein erstes Nebenfach musste abgeschlossen werden. Außerdem plante ich ein Feuilleton-Praktikum bei einer Lokalzeitung, was für drei Monate nicht viel Geld versprach. Es war vieles unklar und im Wandel. Und irgendwie passierte jede Woche etwas Neues – nicht nur musikalisch.

Doch ich fühlte mich wahnsinnig frei. Die spackige Hinterhof-Wohnung lag in Schöneberg, einem eher rauhen Viertel. Über Nacht war jemand in mein geparktes Auto gerast und hatte Fahrerflucht begangen. Am nächsten Morgen fand ich meinen angefahrenen Golf in leicht veränderter Position wieder: Wirtschaftlicher Totalschaden. So leid es mir zunächst tat – ich sattelte für die nächsten drei Jahre komplett aufs Fahrrad und die Öffentlichen um. Und siehe da: Das ging wunderbar.

Es war eine unbewusste Phase des Downsizings – Studentenleben pur. So schlimm das Viertel sein mochte, man konnte dort recht preiswert überleben: Im Vorderhaus lag eine Filiale des Discounters Plus. Die Tortellini al Carbonara vom Italiener drei Häuser weiter kosteten 3,95 Euro und er gab immer reichlich frisch gebackenes Brot dazu. Für einen Euro mehr gab es ein Cordon Bleu beim Kroaten-Grill um die Ecke. Und wenn ich morgens um 3 Uhr nach dem Feiern Appetit auf einen Döner hatte, gab es dafür in meinem Block gleich drei Alternativen.

Urlaub fiel in dieser Zeit zwar flach, genauso wie neue Klamotten oder Sneaker: Mein einziger Luxus waren neue CDs und Konzertkarten. Oft genug für Bands aus Dänemark oder Berlin, deren Auftritte meist für unter 15 Euro zu sehen waren. Auf viele dieser Konzerte ging ich nur, weil HiFi Brown mir die Künstler empfohlen hatte. Meist waren deren Gigs nicht einmal plakatiert – doch HiFi war early Adopter von MySpace und mir unter anderem deshalb immer mehrere Schritte voraus, weil er sofort verstand, was soziale Medien können. Jedenfalls tummelte ich mich ständig in abstrusen Locations von Wohnzimmer-Größe und lernte alle möglichen Spielarten von elektronischer und Indie-Musik kennen. Und über allem schwebte 2004 Bloc Partys Hit „Helicopter“.

Als ich in der Kulturredaktion des Tagesspiegels anfing, war man dort von meinem Pop-Enthusiasmus begeistert. Während sich meine fünf Jahre jüngere Mit-Praktikantin auf die Ausstellungen und Klassik-Konzerte stürzte, durfte ich Gangster-Rapper im Strafvollzug besuchen, Duran Duran im Luxus-Hotel interviewen, mir vormittags um 11 Uhr Metallica-Dokus im Kino ansehen und das Debütalbum der schwedischen Punkrocker The Hives analysieren. Ich fühlte mich von Tag zu Tag mehr wie ein Allrounder und bekam das Gefühl, dass auf meine musikalische Meinung ernsthaft wert gelegt wurde. Und so durfte ich auch Bloc Party analysieren.

Und im Herbst erlebte ich dann Bloc Party endlich live: Ich war offensichtlich nicht der Einzige, den sie mit ihrem rohen Sound angefixt hatten – die mittlere Halle war ausverkauft, obwohl ihr Debütalbum „Silent Alarm“ noch nicht einmal veröffentlich worden war. Doch der lokale Jugendradio-Sender „Fritz“ hatte einen großen Einfluss auf die Indie-Hörgewohnheiten der Hauptstadt.

Was ich drinnen erlebte, war faszinierend: Tolle Songs, aber der Sound war schlecht abgemischt und der Drummer lag oft genug neben dem Takt. Doch das alles störte mich nicht und als sie „Helicopter“ spielten, gab es kein Halten mehr: Der ganze Saal bebte und ich tobte mit.

Am Ende lief ich klitschnass und begeistert zum Ausgang und traf HiFi Brown. Ich umarmte ihn und bedankte mich für diesen muskalischen Tipp: Es war einfach ein toller Abend gewesen und irgendwo musste ich halt mit meinen Endorphinen hin. Er sah mich mit seinem typischen Gesichtsausdruck an, mit dem er immer signalisiert, dass er ein wenig enttäuscht ist, dass ich wieder etwas zu langsam war und etwas nicht verstanden habe. Er sagte: „Vergiss Bloc Party, die sind durch. Rich & Kool sind das neue Ding.“

Und er hatte wie immer recht. Jedenfalls für die nächsten Wochen. Trotzdem mag ich „Helicopter“ bis heute gern!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn ich an das Jahr 2004 denke, habe ich nur ein großes Fragezeichen im Kopf. 2004 war das Jahr, in dem ich ahnungs- und teilnahmslos durch die Musikwelt getaumelt bin. Es kamen mehrere Gründe zusammen: Zwölf Monate nachdem ich beim Intro gegangen war, waren auch so gut wie alle noch aktiven Kontakte so gut ein eingeschlafen. Exklusive Vorabinformationen zu Neuveröffentlichungen erreichten mich immer seltener. Wie das eben so ist mit Kollegen: Aus den Augen, aus dem Sinn. War nicht tragisch, letztendlich war ich ja auch ein wenig froh darüber, Musik nicht mehr hören zu müssen: um in der Redaktionskonferenz ein Urteil abzugeben oder einem Promoter eine Einschätzung durchzusagen. 

    Dazu kam, dass ich nach Bonn umzog und dort das Intro als Leser gar nicht mehr so einfach in die Hände bekam. Somit versiegte auch eine wichtige Informationsquelle für neue Musik. Ich hatte weder die Zeit noch die Muße, täglich Webseiten anzusurfen und mich dort zu informieren – schließlich war es die Zeit vor Twitter und RSS-Feeds. Wenn ich mal etwas über eine interessante Veröffentlichungen las, fand ich damals kaum Gelegenheiten, sie auch anzuhören. Und nur im Vertrauen auf einen Text gleich ein ganzes Album kaufen – dazu hatte ich mit Rezensionen einfach zu viele schwierige Erfahrungen gemacht. Und so verlor ich ein wenig den Anschluss.

    Scissor Sisters, The Rapture, The Darkness, Franz Ferdinand und natürlich auch Bloc Party – die Namen kamen mir schon irgendwie unter. Ich war ja nur nach Bonn gezogen und nicht hinter den Mond. Ich hatte sogar einen Kollegen, der mir seine Neuerwerbungen regelmäßig vorspielte. Und gelegentlich fand ich im Netz auch Hörbeispiele, mit denen ich die Koordinaten des Popuniversums aktualisieren konnte. Aber wirklich gefühlt habe ich die Musik nicht. Das rauschte alles an mir vorbei, ohne wirklich Begeisterung oder zumindest Spuren zu hinterlassen. Sachen, die mir beim Hören gefielen, vermochte ich nicht einzuordnen. Sachen, die sich interessant lasen, wollte ich keinen Vertrauensvorschuss geben.

    Als symptomatisch für diese Planlosigkeit führe ich immer wieder gern meinen ersten Einkauf im itunes-Store wahr. Im Sommer 2004 hatte ich mir die Software zum ersten Mal runtergeladen und installiert. Anschließend guckte ich im Store, was es denn so für mich an kaufenswerter Musik gab. Und nach vielen ergebnislosen Klicks habe ich „MKLVFKWR“ gekauft – eine Kollaboration von Moby (den ich eigentlich schon lange uncool fand) und Public Enemy (die damals ihren Zenit auch schon überschritten hatten).

    Dieser Zustand sollte sich erst im Verlauf des Jahres 2005 ändern. Ich lernte über gemeinsame Bekannte John kennen, der schon länger in unserem Stadtteil – meiner neuen Heimat – wohnte. John hatte die Spex abonniert, fuhr zu Konzerten nach Köln und kaufte sich CDs. Und nett war er obendrein. Mit ihm hatte ich eine neue verlässliche Informationsquelle für relevante Informationen aus der Musikwelt bekommen. Während unsere Kinder auf dem Spielplatz schaukelten, ließ ich mir erklären, was gerade angesagt war. John war es auch, der mich ein wenig später auf Burial aufmerksam machte

    Ein weiterer Meilenstein bei meiner „Resozialisierung“ war der MP3-Player, den mir meine Frau zu Weihnachten 2005 schenkte. Nicht nur, dass ich darauf meine Lieblings-CDs kopieren konnte. In meinem neu erwachten Interesse an Musik entdeckte ich auch bei itunes viele Podcasts, die sich mit Musik beschäftigten. Fast jeden Abend lud ich neue Sendungen und Folgen per itunes auf meinen Player, die ich am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück hörte. 

    Auf einmal fühlte ich Musik wieder. Und konnte mich wieder begeistern. Etwa für Bloc Party, deren „Luno“ irgendwie den Weg auf meinen MP3-Player gefunden hatte. Mit etwas Verzögerung – während meiner Elternzeit im Frühjahr 2008 – wurde auch ich Fan der Band, als ich gleich beide Alben – „Silent Alarm“ und „A Weekend In The City“ – auf Heavy Rotation hatte. Ich suchte mir Remixe im Netz zusammen. Und fand auch eine Akustik-Session, die Bloc Party für eine Musik-Webseite aufgenommen hatten. Dort spielten sie eine wunderbare Version von „Here We Are“ die ich immer noch großartig finde – und auch gerne spiele

    Somit: sehr gute Wahl. Auch wenn ich damit eine ganz andere musikalische Phase verbinde als Du. 

  2. Pingback: 88/100: Steh wieder auf | 100 Songs

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