57/100: American Pie

Don McLean (1972)


Mein Besuch bei Blank & Jones hat Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass ich zwei wahnsinnig nette Typen kennengelernt habe, mit denen ich einige musikalische Vorlieben teile. Schon auf der Autofahrt nach Köln erlebte ich einen magischen Moment, der immer noch nachwirkt. Der dazu führt, dass ich mit „American Pie“ hier einen Song aufführe, den ich über Jahrzehnte mit aller Kraft verabscheut habe. Den ich aber seit diesem einen Moment nicht oft genug hören kann. Der das Potenzial hat, zu einer Hymne für die nächsten Jahre zu werden. Und der darum spontan (auch für mich völlig unerwartet) in meine Liste kommt – und damit vielen Songs zuvorkommt, die ich schon seit Jahren für diesen Blog fest vorgesehen hatte.

Auf dem Weg nach Köln
Für jemanden mit meinem (Un)Verständnis von Technik sind die Navigationsgeräte von Volkswagen eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Ich brauche an diesem Mittwochmorgen eine Ewigkeit und mehrere Versuche, um die Studioadresse von Blank & Jones in das Navi des Dienstwagens einzugeben. Als ich endlich auf dem Weg bin, versuche ich zunächst erfolglos, die Technik dazu zu bewegen, mich doch bitte schön Radio hören zu lassen. Ich gucke auf den Verkehr, ich gucke auf die Armaturen, ich drehe an Knöpfen, ich rolle mit den Augen. Am Ende entdecke ich doch noch die Volume-Funktion an einem der grotesk vielen Knöpfe und kriege WDR2 rein. Nur kurz darauf setzt Madonna an: „A Long Long Time Ago, I Can Still Remember…“ Wieder schaue ich genervt, denn vor meinem geistigen Auge läuft dieser Film ab:

Auf dem Weg in die Vergangenheit
Fiz Oblon 1991. Die Welt ist schlecht. Niemand versteht mich. Alle doof, außer ich. Und meine Freunde. In unserer Dorfdisco geht mir insbesondere eine Clique auf die Nerven: die Schüler des Handruper Gymnasiums. Alles Hippies, die zu Oldies abgehen. Mit ihren Second-Hand-Klamotten und den mutwillig aus der Facon geratenen Haarschnitten stehen sie für vieles was ich verabscheue. Regen sich auf, wenn auf Partys Plastikgeschirr verwendet wird. Trinken nur natürlich gepressten O-Saft. Fahren aber dreimal am Tag mit dem Auto ihrer Eltern zu ihren Freundinnen, die lediglich 500 Meter entfernt wohnen. Verlogene, fehlgeleitete Nichtsnutze. Was die gut finden, muss ich doof finden. Bob Marley, die Doors, Led Zeppelin – sind nicht nur langweilig, weil sie alt sind. Sondern weil die Handruper sie gut finden. Und „American Pie“ ist besonders schlimm. Achteinhalb Minuten Hippie-Rumgehopse, während ich viel lieber zu Public Enemy abgehen will.

Osnabrück 2000. Madonna ist cool. Mit „Ray Of Light“ hat sie sich neu erfunden. Bei „Beautiful Stranger“ beeindruckt sie mit ihrer Physis. So verkehrt kann sie mit „American Pie“ also nicht liegen, als sie 2000 ihre Coverversion veröffentlicht. Ich rede mir ein, dass ich den Song in dieser Fassung leiden kann. Schließlich würden die Handruper sie doof finden.

Zurück in die Gegenwart
A59 bei Bonn 2014. An die Handruper will ich schon lange nicht mehr denken. Madonna ist schon lange nicht mehr cool. „A Long Long Time Ago, I Can Still Remember…“ Ich schaue genervt. Und dann kommen diese Zeilen:

„And I knew if I had my chance. That I could make those people dance. And maybe they’d be happy for a while.“

Hallo?

Ist das nicht mein Vorsatz, wenn ich auflege? Meine Motivation für zehn Stunden auf den Beinen? Der Grund, so manch seltsame Situation auszuhalten? Warum sind mir diese Worte bislang nie aufgefallen? Steckt in „American Pie“ mehr drin, als ich bislang wahrhaben wollte? Der Song läuft weiter. Bei Zeilen wie „Now do you believe in rock and roll, Can music save your mortal soul“ kriege ich eine Gänsehaut und will laut „Ja“ schreien. Ich steige ob dieses Erlebnisses völlig euphorisiert im Westen Kölns aus dem Auto, um Blank & Jones in ihrem Studio zu besuchen.

Zurück in Bonn
„American Pie“ lässt mir keine Ruhe. Kaum zuhause, google ich erst mal den Interpreten des Originals. Ich schaue, ob ich den Song auf dem Rechner habe. Und suche dieses Buch raus:

buch_talk small (1)_small Ich hatte mir von dem Kauf vor einigen Jahren versprochen, alle meine Bildungslücken im Vorüberlesen schließen zu können. Aber so oft ich das Buch auch zur Hand nahm – so richtig viel hängengeblieben ist bei mir nicht. Zu groß scheinen meine Bildungslücken, als dass die Anekdoten irgendwo andocken könnten. Ich versuche also weiterhin Gespräche über Plato, Proust und Mies van der Rohe zu vermeiden. Immerhin: Ein Absatz zu „American Pie“ war offensichtlich hängengeblieben. Den las jetzt aufmerksam durch. Meine Vermutung vom Vormittag schien richtig: In dem Song steckt mehr als gedacht: Anspielungen auf den Tod von Buddy Holly, Ritchie Valens und The Big Bopper, auf die Beatles und das Woodstock-Festival. Auf einmal macht vieles Sinn. Ich entdecke eine ganz neue Welt, die sich mir mit jedem Mal hören, mit jeder recherchierten Webseite weiter erschließt. Dazu noch ein Verfasser, der sich Interpretationsansätzen entzieht. Nicht zu vergessen: die bereits erwähnten Textzeilen, die mich emotional berühren. Was für ein Song…

Vor einigen Tagen habe ich sogar ein paar Takte aus dem Song rauskopiert und angefangen, mir ein Intro daraus zu basteln, das ich auf Partys spielen kann, bevor der Abend von „Aufwärmen“ zu „Abtanzen“ wechselt.

„And I knew if I had my chance. That I could make those people dance. And maybe they’d be happy for a while.“

Ich denke, das bleibt für die nächste Zeit mein Mantra. Und diese Begeisterung ist für mich Grund genug, „American Pie“ hier spontan mit aufzunehmen. Was so eine kleine Dienstreise ausmachen kann…

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. „American Pie“ ist ein großartiger Song – auch wenn ich ihn lange ignoriert habe. Ich fand ihn weder gut noch schlecht – aber ich habe auch nicht den Sender gewechselt, wenn er im Radio lief. Da lief er halt und störte nicht groß. Die Nervbacken meiner Generation störten die Parties eher mit den Toten Hosen oder Kreator. Den Interpreten von „American Pie“ konnte ich mir auch nie merken: Ob er nun Don McLean oder Don Henley hieß, war mir aber völlig egal.

    Mit dem Madonna-Cover ging es mir genauso wie Dir: Ihr „American Pie“ war sogar die erste Madonna-CD, die ich mir überhaupt gekauft habe. Nein, es gab davor auch keine Schallplatten oder Kauf-Musikkassetten von ihr in meiner Sammlung. 

    Denn Madonna ging nach „Like a Prayer“ überhaupt nicht mehr klar: Diese ganze Gaultier-Hyper-Emanzen-Metall-BH-Arie war nervig und nicht schick. Ihre komischen öffentlich aufgeführten Sexperimente gefielen vor allen Dingen ekelhaft-lüsternen alten Typen wie meinem Fahrlehrer (Nachträglich hier noch mal: Du bist ein Arschloch!) und „Evita“ hat mir die Vorfreude auf meine erste USA-Reise total versaut, weil Madonna mit ihren jämmerlichen Schauspiel-Fehlversuchen fast vier Stunden lang das Bord-Programm auf dem Hinflug blockierte. Mit „American Pie“ habe ich ihr das alles aber wieder verziehen.

    Ihre Version war einfach groß. Das Video war spitze und traf dieses Millenium-Feeling perfekt: Etwas Altes Revue passieren lassen, etwas Neues anfangen und dabei nicht genau wissen, wo es eigentlich lang gehen soll mit dem jungen Leben… Jedenfalls ist das meine Assoziation mit Frau Ciccones Version. 

    Doch zurück zu dem magischen Wunder, dass Du auf der Autobahnfahrt plötzlich diesen einen Song gut fandest. So etwas habe ich gefühlt schon 100 Mal erlebt: Zum Einen habe ich plötzlich irgendwo genauer hingehört und alte Lyrics mit neugewonnenem Alterswissen besser kapiert. Das funktionierte durch alle Genres hindurch und es betraf nicht unbedingt nur Songs von Künstlern, die ich vorher scheiße fand – im Gegenteil: siehe Bob Marley –> siehe NWA –> siehe Depeche Mode –> siehe David Bowie –> siehe The Police –> #undsoweiterundsofort. 

    Zum Anderen habe ich verschiedene Total-Egal-Songs (wie eben im Fall von „American Pie“ beschrieben) durch gezielte Nachschulungen absolut schätzen gelernt. Dabei kam mir vor allem zugute, dass ich zehn Jahre lang die amerikanische Kulturgeschichte studiert habe und dabei viele interessante Pop-Aspekte vorgesetzt bekam. Doch auch vorher habe ich immer wieder engagierte Lehrer erlebt, die mit uns in verschiedenen Kursen Lyrik- oder Vokabel-Analysen anhand von Pop-Songs trainierten: Ich erinnere mich dabei unter anderem an Elvis, die Beatles oder an David Bowie. In diesen Fällen kannte oder mochte ich die Lieder meist aber vorher schon.

    Doch der Song, der mir nach dreitägigem Grübeln heute einfiel, wurde mir erst 1997 in der Berufsschule während meiner Bankausbildung direkt auf dem Papier serviert: „You’re So Vain“ von Carly Simon. Leider weiß ich nicht mehr, wie die engagierte Business-Englisch-Lehrerin hieß, aber ich bin ihr sehr dankbar, dass sie uns neben all dem Vokabular über Baufinanzierungen und Grußformeln in Business-Briefen diese Unterrichtsstunde mit Carly versüßt hat.

    Der Song hat gleich mehrere Parallelen zu „American Pie“: Zum Einen stammt er fast aus der gleichen Zeit, zum Anderen trägt er ein großes Geheimnis in sich, da Carly Simon niemals verraten hat, um wen es in diesem autobiographischen Song ging.

    „You walked into the party / Like you were walking onto a yacht / Your hat strategically dipped below one eye / Your scarf it was apricot / You had one eye in the mirror / As you watched yourself gavotte“ 

    „Mit dieser Eitelkeit kann sie nur David Bowie meinen“, erklärte uns unsere Lehrerin. Und schwelgte darin, wie romantisch es doch sei, diese Beziehungsgeschichte derart verklausuliert und doch sehr direkt in Poesie umzuwandeln. Carlys Geheimniskrämerei lässt viele Leute ja scheinbar bis heute nicht los – und die Enthüllungen von unbeteiligten Promis widersprechen sich teilweise vehement.

    Doch ich fand das toll – schon alleine wegen der Vorstellung, dass sich der eitle Bowie mit einem großen Auftritt Zugang zu einer Party verschafft oder mit seinem Privatjet mal eben schnell nach Neuschottland fliegt, um sich eine Sonnenfinsternis anzusehen… was für ein kapitales Kopfkino!

    Dann erklärte uns die Lehrerin, dass Mick Jagger (übrigens auch ein möglicher Adressat dieser Verse) mal eben so heimlich den Refrain im Hintergrund verstärkte. Ich finde, dass man das deutlich raushören kann – doch zu diesem Zeitpunkt hatte sie uns das Lied noch nicht vorgespielt. Jedenfalls feiere ich diesen Cameo-Auftritt von Mick bis heute beim Hören übrigens genauso wie den von Michael Jackson bei Rockwell, aber das nur am Rande.

    Du siehst: Solche Pop-Puzzleien machen einfach Spaß – und ich kann sehr sehr gut nachvollziehen, warum Dich manche Lieder „happy for a while“ machen…

  2. *Ist das jetzt schon so lange her? „American Pie“ war damals ja ein Ohrwurm, und ist immer wieder aufgelegt worden. Macht Spaß, den Song jetzt wieder zu hören, und dank des großartigen Kommentares von Mikko noch viel mehr!

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