Interlude: LOT

Deutsche Popmusik ist so verdammt gut geworden.

Kannst Du Dich noch an die Zeit erinnern, als man im Radio die Wahl zwischen – sagen wir – Plastik-Dance-Produktionen wie C.C. Catch und dem neuesten Westernhagen-Kracher hatte? Jaja, das war die „gute“ alte Zeit, die 80er Jahre. Wenn Du wirklich gute Popmusik hören wolltest, hast Du nach England oder in die USA geschielt: Selten kam aus hiesigen Landen mal so was Substanzielles und Bleibendes, wie die Musik von Propaganda.

Vor ein paar Jahren habe ich mich mit Max Raabe unterhalten, warum er eigentlich die 20er Jahre so sehr abfeiert. Daran musste ich denken, als ich das Video von LOT angeklickt habe. Nicht, weil ich glauben würde, dass der in irgendeiner logischen musikalischen Linie mit Max Raabe stehen würde. Nein, mir ging es um Raabes Kulturansatz. Er sagte, die 20er Jahre seien die Zeit der großartigsten deutschen Künstler gewesen, die diesem Jahrzehnt das Prädikat „Golden“ zurecht verliehen hätten. Und er hatte natürlich recht: Schriftsteller wie Tucholsky, Brecht und Kästner, Maler wie George Grosz, Otto Dix und Heinrich Zille, Architektur aus der Bauhaus-Schule… Genauso die Musik… muss ich weiterreden?

Dann musste ich an Jan Delay denken, der in seinem Song „Kartoffeln“ den Gedanken weitersponn: „Ja es waren die Kartoffeln, die den Dämon erschufen / Und alle Flasher mussten abhauen, oder kamen in die Dusche / Seitdem ist hierzulande alles finster / Für Stil und Humor herrschten 70 Jahre Winter“.

Max und Jan – beide hatten recht. Aber 25 Jahre nach dem Mauerfall scheint sich langsam was zu tun. Zwar beherrschen die Formatradio-Faschos mit ihren belanglosen Schrottsongs und Pop-Balladen immer noch einen viel zu großen Teil des Äthers. Doch das Gute setzt sich immer weiter durch.

Und so bin ich endlich bei LOT angekommen, einem für mich unbeschriebenen Blatt aus Leipzig. Leipzig? Ja, genau. Überall in der Republik mausert sich tolle Musik und bläst zum Sturm auf die Pop-Bastille. LOT tut das mit Authentizität, mit Attitüde und mit Style. Gerne hätte ich SWAG geschrieben, aber das Wort ist zu stark belastet.

LOT macht es verdammt gut: Ich höre die Energie und Wortgewalt des jungen Rio Reiser heraus und ansonsten die bessere Alternative zu Tim Bendzko und Clueso, sorry – no offense. Seine Songs klingen ehrlich und natürlich – nicht krampfhaft auf Melodie gebürstet. Und trotzdem total eingängig. Kein zurückgenommener Singer-Songwriter mit Fußgängerzonen-Klampfe, sondern Urban Pop, wie er selbst sagt.

Und genau deshalb bin ich ihm dankbar, dass er uns angeschrieben und auf seine Existenz aufmerksam gemacht hat. Über seine Webseite bekommt man drei kostenlose Songs, auf seinem YouTube-Kanal gibt’s noch mal zwei wunderbare Tracks. Und der hier gefällt mir besonders gut:

Danke, LOT – Du produzierst mit Deinen Liedern ganz großes Kopfkino!

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich muss zugeben: Ich bin gar nicht auf so tiefschürfende Gedanken gekommen, als ich „Du führst Krieg“ zum ersten Mal gehört habe. Bei mir passierte eher folgendes: Ich höre das Piano-Intro und denke spontan, dass ich es keinem Genre zuordnen kann. Interessant. Ich höre die Stimme, und finde sie sofort gut. Mitreißend. Und bei der Stelle mit dem Hund fällt mir auf, dass da jemand auch noch zu texten versteht. Witzig. Das alles passierte bei mir in den ersten 20 Sekunden. Und nach 3:42 Minuten stelle ich erfreut fest: LOT hat alle Versprechen dieser ersten Takte gehalten. Grund genug, nach mehr zu suchen. Und auf seiner Homepage fand ich dann „Warum soll sich das ändern“ – für mich sein bester Song. Nicht nur, weil es eine tolle Komposition ist. Sondern (auch), weil der Song groß gedacht ist: melancholisches Klavier, sägender Synthie-Bass, die Toms, der Background-Chor und in den letzten Sekunden die zersägte Piano-Melodie. Alles ist möglich, nichts ist Selbstzweck. Großartig. Wie hast Du es formuliert: „Und genau deshalb bin ich ihm dankbar, dass er uns angeschrieben und auf seine Existenz aufmerksam gemacht hat.“ Genau.

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