56/100: Junimond

Rio Reiser (1986)

Vielleicht hast Du ja auch mitbekommen, dass gerade vergeblich versucht wird, ein altes Reetdach-Anwesen in Nordfriesland zu verkaufen. Fresenhagen. Wunderschönes, romantisches Fresenhagen. Ein Ort, der Popgeschichte geschrieben hat und den es nun

nicht mehr geben soll.

Ich war gerade ein paar Wochen zurück aus Indonesien, als ich auf den „Berliner Seiten“ der FAZ einen Artikel von Benjamin von Stuckrad-Barre las. Der Text weckte aus mehreren Gründen mein Interesse: Zum Einen schätzte ich seinen pointierten Schreibstil, zum Anderen befand sich der Berichtsgegenstand in „meinem“ Quadranten der Stadt.

Der Pop-Literat war nach Lichterfelde gereist und hatte Gert Möbius einen Besuch abgestattet. Der betrieb in dem unscheinbaren bürgerlichen Stadtviertel das „Rio Reiser Archiv“ – eine privat organisierte Einrichtung, die sich um die Verwaltung des Andenkens dieses großartigen Musikers kümmerte. Eine tolle Geschichte, mit der ich auch meinen Lokalredakteur – einen alten Rio-Fan – überzeugen konnte. Also las ich mich ein und merkte, wie wenig Ahnung ich eigentlich von der Musik Rio Reisers und seinem Werdegang hatte. Ton Steine Scherben waren in meinen Teenie-Jahren für mich nicht wichtig gewesen, von Rios Solo-Erfolgen war mir eigentlich nur der unvermeidliche „König von Deutschland“ in Erinnerung geblieben. Aber vom „Rauch-Haus-Song“, der RAF und Claudia Roth hatte ich keine Ahnung gehabt.

Dementsprechend ehrfürchtig betrat ich den zweiten Stock der Gründerzeit-Villa. Und als ich dem Bruder von Rio Reiser die Hand schütteln und mit ihm über seine Arbeit und Rios Tagebücher sprechen durfte, erlebte ich einen dieser Pop-Momente, in dem sich plötzlich Tausende Puzzleteile zusammensetzten und etwas Neues Sinn machte.

Gert Möbius hatte allerdings nicht viel Zeit für mich, weil er mit seinem Team alles zusammenpacken und nach Fresenhagen fahren wollte. Dort fand zum fünfjährigen Gedenken an Ralph Möbius Todestag zum zweiten Mal der „Rio-Reiser-Preis“ statt: ein Musikfestival, bei dem junge Bands bis heute ein Preisgeld von 5.000,- Euro gewinnen können. Wenn man rückblickend die finanziellen Schwierigkeiten der Organisatoren betrachtet, eine besonders große Leistung. Doch davon ahnte ich zu dem Zeitpunkt nichts.

Dann erzählte mir Gert Möbius noch, dass sein Bruder Ralph – den er liebevoll Rio nannte – ein ganz besonderes Grab habe: 1996 sei er auf einem Privatgrundstück begraben worden – als einziger Deutscher neben Franz Josef Strauss. Dass die beiden mal etwas verbinden würde, hätten sie wohl selbst nie geglaubt. Ich hatte jedenfalls Feuer gefangen.

Pünktlich zum 5. Todestag von Rio Reiser erschien mein Artikel am 20. August 2001. An diesem Abend lernte ich meine heutige Frau kennen und verliebte mich. Wir führten anderthalb Jahre lang eine Fernbeziehung, weshalb wir uns zu Geburtstagen und Weihnachten vor allem Zeit miteinander schenkten. Und weil wir beide Pop-Fans waren, fuhr uns mein alter Golf an einem verregneten Herbsttag 2002 über schleswig-holsteinische Holperstraßen nach Fresenhagen.

Unser Ziel lag am nördlichsten Zipfel Deutschlands, auf der Mitte einer Diagonalen zwischen Flensburg und Sylt. Ein schönes Fleckchen Erde, wenn auch etwas verregnet. Wir hatten uns im Rio-Reiser-Haus in eines der 18 Zimmer eingemietet. Neben uns waren nur zwei andere Pärchen, ein paar alte Wegbegleiter, sowie Rios Mutter Erika anwesend. Ach ja, in der Studio-Scheune komponierte Rios zweiter Bruder Peter gerade ein Kinder-Musical für das Stadttheater in Unna. Aber der wollte nicht gestört werden und grüßte nur kurz.

So verbrachten wir drei wunderbare Tage in Fresenhagen und wurden von der Familie Möbius abends immer freundlich zum Wein im großen Gemeinschaftsraum dazu gebeten. Wir erfuhren von den finanziellen Schwierigkeiten der Gedenkstätte und Erika erinnerte sich daran, dass ihr Sohn mit seinen „Scherben“ in den 70ern ja auch nie Geld gehabt habe und wie sich alle gefreut hatten, wenn sie mit Proviantkörben zu Besuch kam. Dann schlief sich irgendwann im Sitzen ein.

Rios Zimmer hatten sie natürlich unverändert gelassen: Im Regal stapelten sich Karl-May-Romane und überall duftete es nach Patchouli – „Rios Lieblingsduft“, wie Erika erzählte. Auch wenn ich mit meiner Barbour-Jacke und meinen ehemaligen Auftraggeber, dem Axel-Springer-Verlag, nicht ansatzweise so aussah wie der übliche Fresenhagen-Nostalgie-Besucher, fühlte ich mich die ganze Zeit über willkommen. Niemand versuchte, uns politisch abzuklopfen oder womöglich zu indoktrinieren – wir sprachen ganz normal über Jobs, Studium oder Wohnungen in Berlin und über die Geschichte dieses Ortes.

2011 wurde Rios Grab umgebettet und er ruht seitdem in Berlin – zwischen Schöneberg und Kreuzberg. Auch wenn es für viele Fans schwer zu verstehen ist, hatte sich Peter dazu entschlossen, Fresenhagen aufzugeben. Wer mal ein Haus gebaut hat, weiß, was das für ein Geldgrab werden kann und das riesige Anwesen hat die Zeit nur schwer überdauert. Deshalb bin ich besonders froh, dass ich eine Nase von dem Geist tanken konnte.

Für mich ist Rio Reiser einer der größten und begnadetsten Songschreiber Deutschlands. Dass er sich Mitte der 80er Jahre dem Pop zuwendete, spricht nur für ihn: Er hatte es ganz einfach satt , immer nur Schwarzbrot mit Ketchup zu essen und am Existenzminimum zu kratzen. Und genau deshalb habe ich aus seinem riesigen Oeuvre „Junimond“ herausgepickt: Den Song, der mich immer wieder nach Fresenhagen zurückbringt.

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Ich verbinde „Junimond“ mit dem Echt-Cover. Höre es immer noch gerne, weil es mich an meine Teenagerzeit erinnert.

  2. Mit „Junimond“ hast Du einen großartigen Song ausgewählt. Ich muss aber gestehen: „Junimond“ ist der eine von den zwei Rio-Reiser-Songs, die ich auch Nachfrage spontan nennen könnte. Der andere ist – natürlich – „König von Deutschland“. Letzterer kam mir unter, als ich 1986 mit meiner Fußball-Mannschaft in Berlin war und er bei meiner Gastfamilie im Radio lief. Ich fand den witzig, hatte aber natürlich keine Ahnung, wer Rio Reiser war.

    „Junimond“ – da geht es mir wie Ines – habe ich durch Echt kennen gelernt. Es war der letzte Song im Film „Crazy“, der einen wirklich tollen Soundtrack hat. Notwist sind da drauf und auch großartige Songs von Slut, Smog und Vic Chesnutt. Aber auch der Einsatz in dem Film hat mir Rio Reiser nicht näher gebracht. Erst vergangenes Jahr – also 13 Jahre nach „Crazy“ – habe ich ein ein „Best Of“ des Sängers gekauft, das ich aber immer noch nicht komplett durchgehört habe. Und von dem, was Reiser mit Ton Steine Scherben geleistet hat, will ich gar nicht erst anfangen – das ist bei mir weitgehend noch unentdeckt.  
    So mag es vielleicht nicht verwundern, dass nach dem Lesen Deiner tollen Geschichte ein ganz anderer Aspekt bei mir nachklingt: „einer dieser Pop-Momente, in dem sich plötzlich Tausende Puzzleteile zusammensetzten und etwas Neues Sinn machte…“ Irgendwo aus den Tiefen meiner Erinnerung kroch eine Begegnung zurück in mein Bewusstsein, bei der ich genau dieses Gefühl hatte. Bei der ich auf einmal Dinge verstand, die sich mir bis dahin verschlossen hatten. Zumindest für einen Moment. Ich rede von meinem Treffen mit Barry Adamson.
    Barry – wer? In meiner Intro-Zeit hatte ich einen sehr regen Kontakt zum Mute-Label, der Heimat von Depeche Mode. Natürlich wollte ich viel über neue Entwicklungen bei meiner Lieblingsband erfahren, war aber auch am Start wenn Goldfrapp, Luke Slater oder Moby neue Platten rausbrachten. Barry Adamson gehörte zum Inventar des Labels, war mal bei Nick Cave und später solo unterwegs. Ich kannte von Adamson auch nicht mehr als zwei oder drei Stücke als Mute mir 2002 sein Album „King Of Nothing Hill“ zuschickte. Ich hatte seinen Namen aber auf vielen Maxis gelesen: Wann immer Nitzer Ebb, Renegade Soundwave oder eben Depeche Mode mit experimentellen Remixen rüberkamen, stand der Name Adamson drunter. Vielleicht kennst Du Adamson vom Soundtrack für „Lost Highway“, wo er ein paar leicht verstörende Instumentals beigesteuert hat.
    Pflichtbewusst hörte ich mir „King Of Nothing Hill“ durch und irgendwann kamen in meinem Hirn zwei Synapsen zusammen: Die Art und Weise, wie sich Stimmung und Dramaturgie der Platte veränderten, erinnerte mich an „Heart Of Darkness“, das umstrittene Buch von Joseph Conrad, das die Grundlage für „Apocalypse Now“ ist. Die anfänglich leicht erscheinende Reise mit klarem Ziel führt in eine unbekannte Region, läuft komplett aus dem Ruder und endet mit vielen Rätseln – „King Of Nothing Hill“ war genau so aufgebaut.
    Meine Neugier war geweckt, so dass ich Barry Adamson im Sommer 2002 in einem Kölner Hotel traf. Schon seine Erscheinung war bemerkenswert: Ein Mann von kräftiger Statur, der wegen seiner künstlichen Hüfte ein Bein nachzog. Der total smart war, aber einen hässlichen Rucksack auf seinem breiten Rücken trug. Der viele Sachen seltsam fand, aber über sich am lautesten lachen konnte. Das Gespräch mit ihm war eine 60-minütige Reise durch Film, Literatur und natürlich Musik. Wir sprachen über Joseph Conrad, Claude Chabrol und Barry White. Über Rockklischees, Hautfarben und gefährliche Bananenschalen. Wir dechiffrierten die Codes Kulturschaffender und erklärten uns gegenseitig Filmszenen und Musiktexte. Der Austausch machte wahnsinnig viel Spaß und viele der Strategien, von denen Adamson mir erzählt hat, setze ich auch heute noch ein, wenn ich versuche Kunst zu verstehen. Aber natürlich scheitere ich mit meinem gefährlichen Halbwissen auch weiterhin sehr häufig.
    Bei „Junimond“ hingegen will ich gar nicht mit dem Kopf ran. Der Song ist so wunderbar emotional, dass mir allein mein Herz schon sagt – der gehört in diese Liste. Und die Theorie zu Rio Reiser werde ich jetzt endlich mal nacharbeiten. Versprochen.

  3. Pingback: 58/100: Helicopter | 100 Songs

  4. Pingback: 64/100: Stark wie zwei | 100 Songs

  5. Pingback: Interlude: LOT | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.