Interlude: Jan Delay

Herr Delay geht einen interessanten Promo-Weg. Der lässt mich allerdings darüber grübeln, welchen Stellenwert Musik heute noch hat.

Das Ganze sieht also so aus: In einem Player stellt sein Label bis zum Album-Release von „Hammer & Michel“ am kommenden Freitag jeden Tag zwei neue Tracks im Prelistening-Modus zur Verfügung. Zum Zeitpunkt des Verfassens konnte ich mir neben den drei bereits bekannten Auskopplungen „Wacken“, „Liebe“ und „St. Pauli“ bereits drei neue Tracks anhören. Zwar nicht vollständig, aber immerhin jeweils die erste Strophe plus Refrain. Der Link dazu wurde freigiebig über Promoverteiler und Soziale Medien gepostet, so dass ihn auch Special Interest-Blogs wie der unsrige ihren Lesern zugängig machen können. Und da bin ich doch gerne dabei!

Inhaltlich habe ich ja bereits eine Menge zu Jans Rock-Ansatz geschrieben – das nächste Mal äußere ich mich erst wieder, wenn ich das gesamte Album am Stück durchgehört habe. Denn ich gehöre zu der Generation, die noch immer der schönen Vorstellung anhängt, dass bei guten Alben alles zusammen ein stimmiges Ganzes ergibt: das Artwork, die Liner Notes, die Reihenfolge der Songs usw.

Daher will ich mich hier lieber auf die Marketing-Strategie konzentrieren.

Als ich in den 90er Jahren intensiv als Musikjournalist mit Rapmusik bemustert wurde, gab es noch die schöne Idee mit den Snippet-Tapes. Je nach Labelgröße und Etat wurden CDs oder Kassetten mit kurzen Auszügen aus dem beworbenen Tonträger mit der Post versendet. Weil es ja um HipHop ging, wurden viele dieser Muster-Tapes von DJs liebevoll zusammengemixt: manchmal auch mit Shoutouts oder exklusiven Remixen aktueller Charthits versehen. So wurden solche Snippets oft selbst zu kleinen Mixtape-Kunstwerken, die es zu archivieren galt. Wenn man denn als Nerd genug Platz und Muße dafür hatte 😉

Doch eines war dabei immer klar: Die Snippet-Macher spielten Tracks an, aber sie verrieten selten die gesamte Marschrichtung des kommenden Releases. Heute scheint es etwas anders auszusehen – die Verbreitung der Songs in Reinform ist offenbar kein Tabu mehr, wenn ich mir die Causa Delay ansehe. Tracks in 1:30 Min. zur Verfügung zu stellen ist so ähnlich wie zu sagen: Schau her, kannste nach anderthalb Minuten ruhig skippen, denn dann kennst du das Wesentliche bereits. Nach meinem Gefühl zerstört es einfach einen Teil der Vorfreude.

Andererseits bin ich ja zugleich ein Pharisäer, wenn ich diesen Link mit solcher Kritik versehen poste. Das tue ich aus zwei Gründen: Zum Einen bin ich Fan und freue mich seit einer gefühlten Ewigkeit über neue Wortspiele vom Delay Lama. Zum Anderen hat der Herr Delay vorgestern im Tagesthemen-Interview (ab Minute 24:56) bemängelt, dass all die kritischen Blogger nicht über sich selbst lachen können. Stimmt aber nicht. Und jetzt her mit der Platte: Herrgott, lass es endlich Freitag werden…

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