55/100: Where Will You Go When The Party’s Over (A Tom Moulton Mix)

maxi collageArchie Bell & The Drells (1976/2012)

Ich behaupte mal: Ohne Tom Moulton gäbe es diesen Blog nicht. Zumindest nicht in dieser Form. Denn: Tom Moulton hat drei fundamental wichtige Dinge „erfunden“, mit denen er meine Wahrnehmung von – und meine Begeisterung für – Musik seit über 30 Jahren prägt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie (m)eine Musikwelt ohne Moulton aussehen würde. Was würde ich in meinem Plattenregal sammeln, wenn nicht Maxis und Remixe? Hätte ich überhaupt ein Plattenregal? Und würde ich diese Platten dann auch noch auflegen wollen? Es wird Zeit, Tom Moultons Errungenschaften und Einfluss zu würdigen.

Tom Moulton ist offenbar ein Mann mit vielen Talenten. 1940 in Schenectady, New York, geboren hat er unter anderem als Musik-Promoter gearbeitet, zwischendurch auch mal als Model. Er wird aber vermutlich den meisten Menschen in Erinnerung bleiben als der „Erfinder“ des DJ-Mixes, des Remixes und der Maxi-Single. Und ohne diese drei Dinge wäre ich sicher nicht der Musik-Verrückte, der ich heute bin.

Es ranken sich mittlerweile viele Legenden darum, wie Moulton zu diesem wichtigen Einfluss geworden ist. Ich habe viele davon gelesen, seitdem ich vor anderthalb Jahren bei meiner „Rage Hard“-Recherche auf Tom Moulton gestoßen bin. Diese Punkte habe ich daraus für mich destilliert:

Erfindung #1 – der durchgängige DJ-Mix
Irgendwann Anfang der Neunzehnsiebzigerjahre war Moulton in einem New Yorker Club, in dem vornehmlich Black Music gespielt wurde. So sehr er ihm die Musik dort auch gefiel, war er doch frustriert: Immer wenn die Gäste mit einem Song richtig warm geworden waren, war dieser auch schon wieder vorbei. Hinzu kam, dass die eher holprigen Übergänge zwischen den Songs zu einer großen Fluktuation auf der Tanzfläche führten. Daraufhin machte sich Moulton an die Arbeit und fertigte ein Tape an, auf dem er einerseits die Songs verlängerte, andererseits die Übergänge zwischen den Songs glättete. Für die 52 Minuten, die sein erster Mix lang war, hatte er rund 80 Stunden Arbeit investiert, in denen er Bänder kopierte, mit der Rasierklinge zerschnitt und anschließend wieder zusammenklebte. Es dauerte eine Weile, aber dann kam der Auftrag, solche Mixe regelmäßig für den Club zu produzieren. Die Idee eines durchgängigen Musik-Mixes in einem Club war geboren.

Erfindung #2 – der Remix
Als nächstes kam Moulton auf die Idee, fertig produzierte Songs noch einmal neu zu arrangieren. Er wollte Tänzern die Gelegenheit geben, zu ihren Lieblingssongs länger als die üblichen drei Radio-Minuten tanzen zu können. Er besorgte sich von den Plattenfirmen die Bänder und verlängerte die Songs. Legendär wurde das Disco-Break: In der Mitte eines Songs ließ er häufig nur noch Schlagzeug und Bass laufen, um nach und nach die übrigen Spuren wieder dazuzumischen. Songs für den Einsatz im Club zu verändern – Moulton erschuf damit die Blaupause für die Extended Version und den Remix.

Erfindung #3 – die Maxi-Single
blondie_maxiWenn Moulton einen Song remixt hatte, ließ er davon eine 7“-Single pressen, die er dann gleich in den Club mitnahm. Eines Tages war kein entsprechendes Acetat mehr da, so dass er und sein Toningenieur sich entschieden, stattdessen eine 10“-Acetat zu pressen. Da sie mehr Platz als auf einer normalen Single hatten, wollten sie die Rillen breiter machen und drehten dafür den Song auf. Das Ergebnis haute sie im wahrsten Sinne des Wortes um – der Sound war um einiges druckvoller. Weswegen sie beim nächsten Remix eine 12“-Single pressten. Und damit die Maxi-Single erfanden.

In den Jahren drauf hat Tom Moulton nach eigenen Angaben an mehr als 4000 Songs mitgewirkt. Von denen ich auch nur einen Bruchteil kenne. Darunter sind bekannte Songs wie „T.S.O.P“ von MFSB oder „La Vie En Rose“ von Grace Jones. Aber eben auch ein Song wie „Where Will You Go When The Party’s Over“ aus dem Jahr 1976, den Moulton erst 2012 für eine neue Compilation bearbeitet hat. Warum ich gerade diesen ausgewählt habe? Schon das Original ist großartig: der Refrain bittersüß, das Arrangement opulent, die Akkorde der Strophen würden sich auch heute noch in einem House-Track ganz wunderbar machen.

Durch Moultons Bearbeitung bekommt der Song eine ganz neue Dramaturgie, werden die schönen Passagen noch schöner. Und dann dieses Break in der Mitte, das ich als Stilmittel auch heute noch großartig finde.

Ohne Songs wie diesen wäre „Introspective“ von den Pet Shop Boys, der „Sing It Back“-Remix von Moloko oder auch „Get Lucky“ von Daft Punk niemals möglich gewesen. Und vielleicht wäre Trevor Horn niemals auf die Idee gekommen, den für mich so wichtigen Remix von „The Look Of Love“ zu produzieren. Und vermutlich wäre es auch niemals zu meiner DJ-Initialzündung gekommen.

Und nicht zuletzt darum bin ich mir fast sicher: Ohne Tom Moulton gäbe es diesen Blog nicht. Danke, Tom.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Alright, dann verneige ich mich hiermit gerne vor Tom Moulton. Ohne den hätte ich in den letzten anderthalb Jahren deutlich weniger Spaß gehabt. Und ich verneige mich vor Deinem Detailwissen, das Du in diesen Text gepackt hast: Vielen Dank für die kleine Unterrichtseinheit, Michael.

    Doch als Schreiber stellt es mich vor ein Problem: Was soll ich dazu noch beisteuern? Zum Thema DJ-Mix, Remix und Maxi ganz bestimmt nichts Qualifizierteres als Du.

    Deshalb stelle ich Dir jetzt einen Mann vor, ohne den die ZWEITE Häfte dieses Blogs nicht so richtig funktionieren würde: Frederik Hahn aus Heidelberg ist zu großen Teilen verantwortlich dafür, dass ich mich in eine Musikkultur eingearbeitet und ganz viel unnützes Nerd-Wissen dazu angehäuft habe. So viel, dass ich einiges davon sogar in meine Magisterarbeit mit einfließen lassen konnte.

    Vielleicht kennst Du ihn auch als Torch beziehungsweise ein Drittel der Formation Advanced Chemistry. Torch hat mir erklärt, was HipHop mal bedeutet hat und auch was einen MC ausmacht.

    Ich bin mir sicher, dass weißt, dass MC für „Master of Ceremonies“ steht. Ihren Ursprung hat die Bezeichnung irgendwo zwischen Jamaika und der Bronx. In den 70er Jahren, als öffentliche Soundsystems in Problemvierteln spontane Stadtteilfeste beschallten. Soundsystems, die manchmal nur aus ein paar großen Boxen, zwei Plattenspielern und einem einfachen Mischpult bestanden. Dahinter stand der DJ und feuerte die Menge mit kurzen Sprüchen zum Abgehen an – in Jamaika nennt man das „toasten“, in den USA wurde „rappen“ geläufiger.

    Aus diesen anfänglichen Spontan-Beschallungen entwickelten sich mit der Zeit immer größere Events. Die DJs perfektionierten ihre Live-Mixtechniken immer weiter und konzentrierten sich aufs Scratchen, Cutten und Tempo-Anpassen. Deshalb tauchten immer häufiger Personen VOR dem Mischpult auf, um das Publikum anzufeuern und die Aktionen des DJs zu kommentieren. Es wurde also jemand gebraucht, der das Publikum durch die Show führte – ein „Zeremonienmeister“.

    Diese direkte Publikumsansprache hatte zum Teil viel vom Kasperle-Theater – was sich in den Stereotypen von Rap-Shows bis heute durchgesetzt hat:

    – MC: „Say: hoho!“
    – Publikum: „Ho-ho!“
    – MC: „Say: Oh yeah!“
    – Publikum: „Oh-yeah!

    Und so weiter. Mit der Zeit wurde aus dem bloßen Anfeuern eine Kunstform in Reimform. Die MCs wurden zu Live-Poeten: Rap war gebohren – in all seinen Facetten. Es gab Freestyle-Cyphers, in denen Spontaneität und Wortwitz gefragt waren. Und es wurde gebattlet, wie wir das aus „8 Mile“ kennen: In den 70er Jahren galt New York zwar als attraktive Metropole, wirkte aber im Vergleich zu heute eher wie Kalkutta. Armut, Drogen und Gang-Gewalt beherrschten die Stadt. Um dem entgegenzuwirken gründete Afrika Bambaataa die „Zulu Nation“. Die Block Parties wurden zu Wettbewerben: Statt sich mit Drogen vollzupumpen und sich gegenseitig zu erschießen, sollten sich die Gegner in Breakdance, Graffiti, DJing oder Rappen battlen. Ohne Drogen. Die HipHop-Kultur war geboren.

    All das wusste ich höchstens in Ansätzen, als ich den Song „Kapital 1“ zum ersten Mal hörte. Torch war zur Zeit des Releases bereits in der Szene mit dem Advanced Chemistry-Song „Fremd im eigenen Land“ bekannt geworden. Doch „Kapitel 1“ versteckte sich auf dem „Alte Schule“-Sampler, den sein Label MZEE veröffentlichte.

    Das Artwork dafür lieferte der französische Graffiti-Künstler Mode2, von dem ich schon einiges gehört und gesehen hatte: Es fasste perfekt die ganze History von HipHop bis zum Jahr 1993 in einem Bild zusammen. Und als ich „Kapitel 1“ zum ersten Mal hörte, begannen diese Bilder sich in meinem Kopf zu bewegen.

    Der Song ist ein wichtiges Puzzlestück für das Selbstverständnis einer HipHopper-Generation. Er verknüpfte den individuellen Werdegang eines schwarzen Deutschen aus Heidelberg mit dem großen Ganzen. Ich bekomme bis heute noch Gänsehaut, wenn ich den Track höre:

    Ein paar Monate später traf ich Torch das erste Mal persönlich bei einer „Oster Jam“ in Prenzlauer Berg. Ich steckte mitten im Abitur und freute mich auf die Ablenkung. Aufgeregt fuhr ich bereits am Nachmittag zur Location, um zu sehen, wie so eine Jam eigentlich funktionierte. Bereits beim Aufbau und Soundcheck herrschte eine gute, fast familiäre Stimmung. Davon ließ ich mich anstecken und sprach ihn einfach an. Wir unterhielten uns über Musik und die Kritik an „Kapitel 1“: Es gab unter den Rapfans haufenweise Kiffer, denen die Werte der „Zulu Nation“ zu dogmatisch schienen. Dann fragte mich Torch, was ich denn hier schon so früh mache und ich antwortete, dass ich diesen Event dokumentieren wolle.
    Er antwortete: „Okay, Du machst also DIE Fotos!“
    – „Nein, Du hast mich missverstanden: nur ein paar Fotos für mich.“
    – „Sehr cool, das gefällt mir: Jeder macht hier das, was er am Besten kann.“

    Ein paar Stunden später war die Jam voll im Gange, als ein paar Eier auf die Bühne flogen. Das Berliner HipHop-Publikum war berüchtigt: Es fanden sich immer ein paar Stressmacher, die so ihrem Unmut Luft machen wollten. In diesem Fall über eine Interviewpassage von Torch in einem kleinen Stadtteil-Magazin.

    Als kurz darauf Torchs Drummer eine Flasche gegen seine Stirn bekam und aussetzen musste, offenbarte Frederik Hahn eindrucksvoll sein diplomatisches Talent: Er schaffte es, die überhitzte Stimmung komplett zu drehen, ohne den Flaschenwerfer bloß zu stellen oder ihm gar Gewalt anzudrohen. Torch war nicht nur ein guter Rapper, er war ein guter Host, ein MC – die personifizierte Zulu Nation. Das imponierte mir sehr.

    Obwohl er in den folgenden Jahren bundesweit und auch international großen Respekt für seine Musik und sein Auftreten als HipHop-Ambassador genoß, schaffte es Torch nie groß in die Charts. Das lag auch daran, dass er sich konsequent dem Kommerz verweigerte und immer mal wieder jahrelang von der Bildfläche verschwand. Dann bastelte er an Beats für Freunde oder veröffentlichte deren Platten auf seinem kleinen Label „360° Records“. Zwischendurch traf ich ihn ab und zu nach Auftritten eben dieser Rapper, für die er sich selbst als Back-Up MC nicht zu schade war.

    Im Jahr 2000 veröffentlichte Torch sein lang erwartetes Soloalbum „Blauer Samt“, dem aber der große kommerzielle Durchbruch verweigert wurde. Später hörte ich, dass er als Galerist in Zürich arbeitete. 2011 feierte er seinen 40. Geburtstag in Heidelberg mit einer Festwoche – inklusive HipHop-Straßenführungen und einer echten Jam. Und 2012 stand er als DJ Haitian Star beim Splash Festival vor 15.000 Zuschauern auf der Bühne.

    Wenn Du wissen willst, was einen echten MC ausmacht, dann ist das Torch. Auch wenn er sich schon ein paar Mal öffentlich von der HipHop-Szene losgesagt hat bereitet er dem Begriff alle Ehre. Ich bin sehr froh, dass ich seine Musik damals kennen gelernt habe: Ohne ihn hätte ich meinen Platz als Beobachter und Kommentator der Musikwelt nicht so selbstbewusst einnehmen können.

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