Interlude: All The Luck In The World

Sonntagmorgen, 4.30 Uhr. Auf Bonns Straßen ist niemand außer mir unterwegs. Das ist auch gut, denn so kriegt niemand mit, wie ich mit meinem Wagen wieder und wieder das Endenicher Ei umkreise. Dass ich aus dem Kreisverkehr nicht rausfahren will, hat einen Grund: der Song, der im Radio läuft. Ich muss wissen, wie er heißt. Unbedingt.

Es ist noch keine zehn Minuten her, dass ich nach einer Party meine Anlage im Kofferraum verstaut habe. Die ersten Vögel haben schon angefangen zu zwitschern, in meinem Kopf hallen noch die Hits der Party nach. „Our Darkness“, „Sonne“, „Disko Partisani“, „Wake Me Up“, „Thrift Shop“ – ich bin mit mir zufrieden, Gastgeber und Gäste waren es offensichtlich auch.

Nach zehn Stunden auf den Beinen tut der Fahrersitz richtig gut. Da ich mit der plötzlichen Stille nicht klar komme, stelle ich noch das Radio an. Auf Einslive klingt gerade ein Uptempo-Song aus, der mir nicht viel sagt. Während ich noch darüber sinniere, ob mir die Stimme bekannt vorkommt, setzt schon der nächste Song ein. Fragile Akkorde auf einer Akustik-Gitarre, eine ebenso zerbrechliche Stimme – ich fühle mich ein wenig an meine erste Begegnung mit „Wake Me Up“ erinnert. Keine Minute später muss ich unbedingt wissen, was für ein Song das ist. Da ich seit „Reload“ weiß, wie schwierig es sein kann, Sender-Hotlines nach Playlisten für diese Uhrzeiten auszufragen, will ich mein Handy zücken. Shazam soll mir helfen.

Nur: Ich sitze auf dem Handy.

Zum Glück kommt der Kreisverkehr. Ich fahre in das Endenicher Ei ein, schlage mit der einen Hand einen Kurs ein, der mich sozusagen im Auto-Piloten im Kreis fahren lässt, während ich mich mit anderen Hand erst mal abschnallen muss. In der Hoffnung, dass das Lied im Radio nicht gleich zu Ende ist, fummle ich das Telefon aus der Gesäßtasche und starte Shazam. Was ich nicht bedacht hatte: Das Telefon ist neu, ich starte die App hier zum ersten Mal.

Also muss ich erstmal Fragen beantworten. „Darf Shazam Ihnen Nachrichten schicken?“ Neue Runde im Kreisverkehr. „Darf Shazam ihren aktuellen Ort verwenden?“ Neue Runde im Kreisverkehr. Endlich ist die App soweit. Ich halte sie in meiner Verpeiltheit statt an den Lautsprecher vor das Radiodisplay, immer noch Kreise fahrend. Aber dann kriege ich endlich die Information, die ich wollte:


All The Luck In The World — Never – MyVideo

Kurz danach ist der Song schon zu Ende. Und ich bin zuhause. Mit einem neuen Lieblingslied, das mich nach der Party wunderbar geerdet hat.

Nach dem Aufstehen will ich natürlich wissen, was es mit dem Song auf sich hat. Und lerne, dass „Never“ ein kleiner Youtube-Hit war. Dass der Song in der Werbung eingesetzt wurde. Dass die Band aus Irland kommt. Und dass sie gerade erst in Deutschland Konzerte gegeben haben. Schade, ich hätte sie gern im Blue Shell in Köln gesehen… Vielleicht beim nächsten Mal. Bis dahin werde ich „Never“ noch oft hören. In meiner „Es reicht – Ruhe jetzt“-Playlist hat der Song schon längst einen festen Platz.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Du hast den echt nicht in der Trivago-Werbung kennen gelernt? Ich habe ihn im Sommer im Urlaub gehört und mache ihn seitdem immer mal wieder gerne an 🙂

  2. Mittwochabend, S1 nach Wannsee. Hinter mir liegen zwölf Stunden mit vielen Konferenzen und ein paar erledigten Deadlines. Die rumänischen Musiker sind gerade wieder ausgestiegen, um dem nächsten Wagen ihre Version von „Ai Se Eu Te Pego“ vorzutröten.

    Zwei „Straßenfeger“-Verkäufer später habe ich keinen Nerv mehr, mich auf die neue Ausgabe des „Journalist“ zu konzentrieren, zumal am Bahnhof Yorckstraße gerade jemand grundlos in den Waggon geschrieen hat: „Hallöchen, wer bist Du denn? Für Dich ist hier Endstation!“ und dann weiter ging. Der ganz normale Wahnsinn.

    Ich hole meinen Kopfhörer aus der Tasche, tippe „100 Songs“ ein und freue mich über Deinen Text. Als die Bahn aus dem Empfangsloch raus ist, klicke das Video an. Dann schließe ich die Augen… und bin fünf Minuten lang total entspannt. Yessssssss………….

    Übrigens Ines: Ich bekenne hiermit, dass ich die Trivago-Werbung letzten Sommer offenbar auch total ausgeblendet und den Song also noch später als Michael entdeckt habe 😉

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