54/100: My Way

Limp Bizkit (2001)

Totale Prollmusik. Für Dorftrottel-Kirmes-Feiern. Völlig indiskutabel. Limp Bizkit stehen für alles, was jemals im Crossover falsch gelaufen ist. Weiß ich alles. Und es stimmt total. Einerseits.

Andererseits…

Vor zwei Wochen habe ich Dir ja in aller Ausführlichkeit erklärt, wie ich um 2000 anfing, mich intensiv in das Pop- und Rockgeschehen reinzuhören. Popkulturell kam ich mir streckenweise vor wie dieser im Eis konservierte Ur-Großvater von Louis de Funès am Ende von „Onkel Paul, die große Pflaume“: Ich hatte so viel verpasst und saugte Informationen aus allen Richtungen auf.

In dieser Stimmung hatte ich mir auch den Soundtrack von „Mission: Impossible 2“ gekauft: Neben Metallica, Chris Cornell, Tori Amos und den Foo Fighters waren dort Limp Bizkit sehr prominent vertreten. Ihre Interpretation der Titelmelodie gefiel mir gut. Doch nach ein paar Wochen hatte sich so viel neue Musik bei mir gestapelt, dass die Band in meiner Wahrnehmung etwas unterging.

Dann waren Limp Bizkit plötzlich überall. In wenigen Monaten ballerten sie eine Single nach der anderen heraus und bekamen riesengroßes Airplay. Ich hatte langsam so viel Selbstbewusstsein auf dem Rock-Sektor gewonnen, dass ich natürlich erkannte, auf welchem Level die Jungs mitspielten: Mehr Bloodhound Gang als Rage against the Machine. Stereotype Abziehbilder für Teenies in ihrer Anti-Phase: Crossover für Kinderzimmer und College-Freshmen.

Mit Mitte 20 fühlte ich mich zu alt für Teen-Rock. Diese soundtechnischen Voll-auf-die-Acht-Breitseiten von Limp Bizkit passten einfach nicht zu der Art musikalischer Sozialisation, die ich mir gerade mühevoll durch Musikzeitschriften, Popliteratur, Feuilleton-Artikel und Mensa-Gesprächen aneignete.

„You think you’re special / You do, I can see it in your eyes.“

Wenn ich heute aber ganz ehrlich zurückblicke, hatte ich zu dieser Zeit einfach nur einen Dogmatismus gegen den anderen getauscht. Kam mir vorher lange nichts außer Rap auf die Ohren, mussten die Rock- und Pop-Bands nun ebenfalls ein gewisses Maß an Kredibilität erfüllen, um zu bestehen. Das hätte ich mir damals natürlich nie eingestanden, denn schließlich befand ich mich gerade in der totalen Pop-Transformation. Und sollte ich solche Gedanken womöglich doch irgendwo in einer hinteren Hirn-Region erahnen, dann wischte ich sie einfach weg. Limp Bizkit passten einfach nicht, wenn mein Wort als Pop-Feingeist etwas gelten sollte. Punkt. Also ignorierte die Band. Mit Verachtung.

Dann flog ich für ein paar Monate nach Indonesien.

Bei meiner Entscheidung, Deutschland den Rücken zu kehren, ging es gar nicht so um das Aufhübschen meines Lebenslaufes. Ich musste mein Ego aufpolieren, dass durch eine Trennung und ein paar andere Faktoren stark lädiert war. Ich suchte ein Abenteuer. Ich wollte mich selbst finden. Ich träumte davon, ein anerkannter Schriftsteller zu werden. Von allem ein bisschen etwas.

Doch gleichzeitig war ich gar nicht so kompromissbereit für Veränderungen, wie ich es hätte sein sollen. Das merkte ich in Jakarta immer dann, wenn ich allein war. Und nicht wusste, was ich mit mir eigentlich anfangen sollte. Klar, tagsüber hing ich mit meinen indonesischen Kollegen in einem Großraumbüro ab und hatte den ganzen Tag etwas zu tun. Doch nach Feierabend gingen die alle nach Hause zu ihren Familien. Und bis auf ein paar höfliche Restaurant-Einladungen von Kollegen aus dem mittleren Management gab es nach 18 Uhr relativ wenig private Kontakte.

Mitten in einem tropischen Moloch suchte ich westliche Normalität. Also setzte ich mich nach der Arbeit meist in ein Taxi und besuchte irgendwelche Cafés oder Einkaufszentren. Und hing in meiner Freizeit bald vor allem mit anderen Expatriates herum.

Mit meinen besten Kumpels Ulli und Jan eroberte ich das Nachtleben – und erlebte immer wieder herbe Enttäuschungen. Denn obwohl Jakarta eine gigantische 10-Millionen-Einwohner-Metropole ist, konnten wir keine funktionierende Clubszene oder ähnliches entdecken. Vieles, was als Disco deklariert war, entpuppte sich als Rotlicht- oder Abschleppschuppen für eine ganz eklige Sorte Singlemänner abroad. Diese Läden verließ ich immer so schnell es ging – nach zwei Bieren.

Deutlich lustiger ging es in irgendwelchen Bars oder dem Hard Rock Café zu: Auf der Bühne standen oft Coverbands oder offene Karaoke-Mics – und entsprechend bunt gemischt war die Musikauswahl. Anfangs wandte ich mich noch verächtlich ab, wenn Ulli wieder zu einer lokalen Interpretation von „Let’s Get Loud“ oder „Rock DJ“ tanzte. Doch nach und nach erlebte ich einen Geschmackswandel: Vieles von dem, was ich in der Heimat als uncool deklarierte, sorgte in Indonesien für sehr gute Stimmung.

„And I will give up everything / To be on my own again, free again“

Dann passierte es: Je öfter ich Songs von Limp Bizkit hörte, desto mehr mochte ich sie. Sie versprühten eine Energie, die jeden im Raum erfasste: die australischen Werber an der Bar, die deutschen Dreadlock-Touristinnen in ihren Batik-Shirts, die wenigen Indonesier mit langen Haaren und Ziegenbärten – und mich halt irgendwann auch.

Irgendwann waren alle Konventionen von irgendwelchen selbsternannten Geschmacks-Faschisten in der Heimat egal. Irgendwann ging es nur noch darum, eine gute Zeit zu haben: mitzusingen, zu springen, zu toben und am Ende klatschnass eine neue Cola oder einen Strawberry Caipiroska zu bestellen.

Limp Bizkit sorgten für gute Laune. Egal, wie viel Mühe sich Fred Durst gab: In ihren Songs gab es nicht viel zu verstehen. Vielleicht hatte er die eine oder andere Zeile geschrieben, der man eine gewisse Tiefe zugestehen könnte. Doch Limp Bizkit trugen ihre Texte mit einer derartigen Leichtigkeit vor, dass die Botschaften gar keine zentrale Rolle mehr spielten.


Limp Bizkit – My Way von hellvis2

Auch das Video von „My Way“ spiegelt diese Leichtigkeit wieder: Die ganze erzählte Emanzipations- oder Trennungsgeschichte (je nach Lesart) wird nicht ansatzweise visuell ausgeschlachtet. Die Bilderwelt ist so wie der Sound: unterhaltsam, aufgeladen, selbstironisch. Limp Bizkit haben Spaß am Startum und verbreiten dabei eine „Just don’t give a Fuck“-Attitüde.

Auch wenn diese Erfahrung wichtig war, bin ich in Indonesien kein völlig anderer Mensch geworden. Als ich nach fünf Monaten im Sommer 2001 wieder zurück nach Berlin kam, war ich einfach nur froh. Ich hatte mein altes Leben sehr vermisst: Meine Familie, meine Freunde, die Uni, die deutsche Sprache und nicht zuletzt die Freizeitbeschäftigungen. Nach zwei, drei Wochen bewegte ich mich schnell wieder in meinen alten Kreisen.

Doch auch wenn ich weiterhin gerne über schlechte Bands und cheesy Songs lästerte,
wusste ich immerhin, dass es nicht immer sonderlich hilfreich ist, seine Pop-Nase zu hoch zu hängen. Weil es einem den Spaß versauen kann und man viel verpasst.

In den Berliner Clubs spielten sie den Song nirgendwo. Und auch auf den Studenten-Partys waren Limp Bizkit nicht vorgesehen. Also ging ich los und kaufte mir das Album. Dann stieg ich in meinen weißen Golf, drehte die Kassette laut auf und sang mit:

„This time I’m a stand up and shout / I’m a do things my way, It’s my way, my way or the highway“

Meist war ich mit diesem Spaß ganz allein. Aber das passt schon irgendwie.

Limp Bizkit

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Totale Prollmusik. Für Dorftrottel-Kirmes-Feiern. Völlig indiskutabel. Limp Bizkit stehen für alles, was jemals im Crossover falsch gelaufen ist. Weiß ich alles. Und es stimmt total. Einerseits.

    Andererseits…

    “Nookie“.

    „Nookie“ hat mich ohne Vorwarnung umgehauen. An einem Sommertag 1999 saß ich auf dem Sofa und drückte mich vor meiner Doktorarbeit. Die Wohnung war schon aufgeräumt, die Wäsche erledigt – bis zum Mittagessen in der Mensa war noch Zeit. Anstatt nochmal ein Buch aufzuschlagen oder sonst irgendwas Sinnvolles zu tun, schaltete ich die TV-Kanäle durch. Bei MTV blieb ich hängen: Da lief so ein düster dreinblickender Typ zu einem mit Elektronik aufgepimpten Hiphop-Beat  wie der Rattenfänger von Hameln durchs Bild. Und dann kam dieser eruptive Teil, wo alle alles geben. Die Band. Das Publikum. Ich war sofort von der Energie fasziniert, die da zwischen den Musikern und den Leuten bestand. Hammer.

    Im „CD-Master“ besorgte ich mir das Album zum Song und hörte „Nookie“ fortan in einem durch. Der Song erwischte mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich zusammen mit meinem Kommilitonen Frank auf der Suche nach neuen Metal-Impulsen war. Frank hatte zuvor die frühen Notwist und auch so wirklich düsteres Geknüppel gehört. Ich kam aus meiner ersten Metallica-Hochphase und suchte etwas, was mich die „S&M“-Ära vergessen ließ. Frank und ich arbeiteten uns durch ein paar von Terry Date produzierten Platten, hörten uns Deftones an und liebäugelten ein wenig mit Korn – nicht zuletzt, weil die im Intro so gut besprochen worden waren. „Nookie“ kam da genau richtig.

    Die Nu-Metal-Phase war aber nicht besonders nachhaltig. Es blieb ein wenig Sympathie für die Deftones und die Begeisterung für „Nookie“. Als ich ein Jahr später beim Intro anfing, wurde mir aber schnell klar: Limp Bizkit waren ein rotes Tuch in der Redaktion. Dort stand man eher auf Radiohead, Björk und ähnlich eher filigran geartetes Zeug. Der prollig-großkotzige Fred Durst war da nicht so gut gelitten. Und als ich so nach und nach aus musikjournalistischer Sicht verfolgen musste, was der alles machte, verstand ich meine Kollegen immer besser. Da war der Beef mit Eminem, diese dämliche Christina-Aguilera-Geschichte bei den MTV Music Awards, die unangenehmen Anrufe vom deutschen Label… Limp Bizkit gingen einfach gar nicht in diesem Kontext.

    Und das, obwohl Fred Durst zumindest für die eher gitarreninteressierten Intro-Mitarbeiter noch ein Ass im Ärmel hatte: Gitarrist Wes Borland. Genau so, wie sich alle auf Durst als Proll einigen konnten, genau so war Wes Borland eine Identifikationsfigur. Die Jungs um mich herum fanden ihn als Gitarristen total gut. Und seine Outfits waren ein wohltuender Kontrast zu Dursts eher rusitkalem Style. Als Borland 2001 Limp Bizkit verließ, gab es eigentlich keinen Grund mehr Limp Bizkit zu mögen.

    Davon hat sich die Band in meiner Wahrnehmung nicht wieder erholt – auch nicht, als Borland zurückkehrte. Ich verlor Limp Bizkit aus den Augen – bis Fred Durst bei „Wetten, dass…?“ auftauchte. Ich fand seinen Auftritt mit „Behind Blue Eyes“ so peinlich – so unfassbar peinlich. Der Song ging mir ohnehin auf den Keks,  die Inszenierung als Verlassener erst recht. Wie der da steht, zum Vollplayback, mit ausgestreckten Mittelfingern in billigen Videoeffekten… Entsetzlich. Alle meine Vorurteile in nur wenigen Augenblick auf ewig bestätigt.

    Einerseits.

    Andererseits… Als ich vor einiger Zeit zwei Metal-CDs fürs Auto gebrannt habe, durfte zwischen all den  Metallica-, Prong und Faith-No-More-Hits ein Song nicht fehlen: „Nookie“. Ich sitze dann im Auto, drehe die CD laut auf und singe mit:
    „I did it all for the nookie, c’mon
    The nookie, c’mon
    So you can take that cookie
    And stick it up your yeah!“
    Meist bin ich mit diesem Spaß ganz allein. Und denke gerade: Vielleicht sollten wir mal gemeinsam eine Autofahrt zu Limp Bizkit unternehmen? Das könnte lustig werden.

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