52/100: Don’t Look Back in Anger

Oasis (1995)

„Please don’t put your life in the hands / Of a rock and roll band / Who’ll throw it all away“

Wenn ich ehrlich bin, habe ich diesen Song erst dank Puff Daddy verstanden. Wann genau ich den größten Hit von Oasis zum ersten Mal gehört habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Vermutlich in Zusammenhang mit dem Video, das ein Jahr später auf Dauer-Rotation lief. Doch bereit dafür war ich erst ein paar Jahre später.

Denn 1995 hatte ich überhaupt keine Ohren für BritPop. Ich war – als treuer Leser wirst Du es bereits ahnen – total auf dem Rapfilm hängen geblieben. Das änderte sich erst im Frühjahr 2000.

Ich hatte meiner Schwester zu Weihnachten zwei Karten für das Puff Daddy-Konzert geschenkt. Eine großangelegte Show – präsentiert von T-Mobile. Eigentlich überhaupt nicht meine Art von Rap-Konzert. Doch Puffy hatte immerhin seinen Kumpel Notorious B.I.G. groß rausgebracht und selber ein paar tanzbare Club-Hits veröffentlicht. Also kaufte ich die Karten und wir fuhren Ende März zur Arena in Treptow.

Die Location ist ein altes Straßenbahn-Depot mit viel Industrie-Charme. Sie liegt direkt am Wasser an der Grenze zu Kreuzberg. Irgendwie eine Art verlassenes Niemandsland – gleichzeitig super zentral. Ich hatte schon einen Haufen cooler Konzerte und Festivals dort durchfeiert. Aber so einen Abend hatte ich noch nicht erlebt.

Als wir ankamen, herrschte Parkplatz-Chaos. Überall standen tiefergelegte 3er BMWs mit übel aussehenden Typen darin: Tyson-Schnitte, Lederjacken, böse Blicke. Natürlich ahnte ich, dass Puff Daddys Musik super viele Prolos anziehen würde. Aber das hatte ich nicht erwartet. Und hatte Angst um uns. Das hier hatte nichts mehr mit der Art von Rap zu tun, wie ich sie mochte.

Wir wichen den lautesten Gruppen also so gut es ging aus. Das war nicht leicht: Aus allen Richtungen erklangen bedrohliche Sprüche, die klar machten, dass einige der Typen hier vor hatten, an diesem Abend kostenlos an Karten zu gelangen. Hinter der Einlass-Kontrolle sah es nicht besser aus: Überall Gruppen von der Sorte „Fan“, mit der ich nichts gemeinsam haben wollte.

Dazwischen etwas, was ich noch nie auf einem Konzert gesehen hatte: Polizisten in Riot Gear. Offenbar bereitete sich die Staatsmacht auf einen anstrengenden Abend vor. Vorne blinkte das Magenta der T-Mobile-Videowand, neben uns wurde gepöbelt und irgendwie wollte ich nur weg. Dabei war das Konzert selbst gar nicht mal schlecht – der amerikanische Rap-Superstar lieferte eine professionelle Show ab. Aber ich dachte die ganze Zeit nur darüber nach, meine Schwester hinterher wieder sicher nach Hause zu bringen. Heile im Auto angekommen, sagte ich auf dem Heimweg zu ihr: „Mir reicht’s mit dieser ganzen Rap-Scheiße. Ab morgen höre ich nur noch Techno.“

Nun, wie Du sicher weißt, ist es dann doch nicht Techno geworden. Und natürlich ging ich weiter auf HipHop-Veranstaltungen, aber der Bruch war spürbar.

Ein paar Wochen später hörte ich im Radio eine Show von Christian Ulmen. Der schaffte es, als MTV-Gesicht selbst langweiligste Moderationen unterhaltsam zu verpacken. Und seine wöchentliche Radioshow war auch sehr lustig. Er spielte viel deutsche Musik – natürlich auch zahlreiche Rap-Bands. So blieb ich hängen.

Irgendwann verkündete er, nun mal seinen Kumpel Stuckrad anzurufen. Das sei ein Schriftsteller und der sei um kurz vor Mitternacht bestimmt noch wach. Also telefonierten sie miteinander – und es war das erste Mal, dass ich erlebte, wie jemand Christian Ulmen eloquent parieren konnte, ohne wie ein beleidigter Arsch zu wirken. Das imponierte mir.

Ein paar Tage später stand ich in einer Kinoschlange und sah mir gelangweilt die Umherstehenden an: In der Reihe neben mir ein paar typische BWL-Langweiler: blaue Polo-Hemden, helle Hosen, Timberland-Segelschuhe. Die Typen waren mir zuwider – doch mein Blick fiel auf ein Paperback, das der eine in der Hand hielt: Auf dem knallblauen Cover prangte das Wort REMIX – geformt aus Scrabble-Buchstaben. Ich wurde neugierig.

Und ein paar Tage später hatte ich alle Bücher von Benjamin von Stuckrad-Barre verschlungen. Ich weiß ja selbst, dass wenn ich etwas mag, dann das gründlich in mir aufsauge. Das darf man gerne Fantum nennen, aber hier tat sich für mich wirklich eine neue Welt auf: Ein Autor, der scheinbar genauso viel Ahnung von Literatur wie von Pop und Alltagsproblemen hatte. Es las sich lustig und streckenweise genial: Er lästerte fies über alles und jeden, gestand sich aber immer wieder Schwächen ein. Seine Autorenfotos sahen aus, als sei er ein cooler Szenetyp und kein Schriftsteller. Sogar auf seinen T-Shirts meinte ich, lässige Botschaften zu erkennen.

Nur seinen Musikgeschmack verstand ich – bis auf die Pet Shop Boys – überhaupt nicht. Das musste geändert werden. Also ging ich los und hörte nach und nach die CDs von Blur, Radiohead, Madonna, Saint Etienne, Rio Reiser, New Order und Robbie Williams. Dazu alte Pet Shop Boys-Remixe – und natürlich Oasis. HipHop geriet bei mir immer mehr in Vergessenheit. Es fühlte sich an, als sei es nun genug damit in meinem Leben. Mit einer Ausnahme, aber dazu komme ich ein anderes Mal.

Jedenfalls spürte ich immer mehr, dass die meisten Rapper, die ich für ihre lyrischen Qualitäten verehrt hatte, nicht mehr viel zu erzählen hatten. Dabei rede ich gar nicht so sehr von den Sidos und Bushidos, die zu der Zeit erst langsam am Horizont auftauchten. Es war vielmehr so, dass mich die Selbstverliebtheit von Leuten wie Samy Deluxe, Das Bo, Freundeskreis und den Beginnern langweilte.

Stattdessen hörte ich mich querbeet durch alle Oasis-Alben durch – in diesem Bereich hatte ich so viel aufzuholen. Mein Kumpel Oliver arbeitete im Sony Style Store am Potsdamer Platz und besorgte mir seltene Oasis-Poster und anderen Wandschmuck von dem 2000er Album „Standing on the Shoulder of Giants“. Zu dieser Zeit machte es für mich keinen Unterschied, wie alt einzelne Songs waren: Oasis wurden für mich pure Energie. Ich erlebte das totale Beatles-Feeling: Texte und Melodien, die mir den Kopf verdrehten. Dazu anständige Gitarren-Akkorde.

Natürlich wusste ich, dass Kritiker ausschließlich für die Songs von den ersten beiden Alben lobende Worte fanden. Selbst Stuckrad-Barre erzählte das später in einem Interview, weil er offenbar genervt davon war, von allen Fans und Interviewpartnern auf diese Band reduziert zu werden. Auch wenn mich diese Distinktion zum Oasis-Spätwerk kaum interessierte: Mein Lieblingssong wurde zugleich der naheliegendste: „Don’t Look Back in Anger“. Ich weiß schon, dass das kaum cool ist – zumal der Erzähler im Roman „Soloalbum“ sogar dem Video ein paar überspitzte Sätze widmet:

„Am Ende des Videos sitzt Noel mit roter Lennon-Brille hinten in einem Auto, und da muss man dann schon mal gerührt die Hände zum Gebet verschränken, wenn das Auto wegfährt.“

Doch ich liebte diesen Song einfach zu sehr, als dass ich mich hätte krampfhaft davon distanzieren können – nur um cooler zu wirken.

Dieser ganze Pop-Literaten-Spirit traf mich voll. Es gab so viel Neues zu entdecken und alles wurde zu einer Einheit: Filme, Bücher und natürlich Musik. Dort interessierte ich mich plötzlich für vieles, das für einen Durchschnitts-HipHopper damals total undenkbar gewesen wäre: Rock und Pop. Nach und nach erlaubte ich mir, nicht nur Denkansätze nachzukauen, die ich bei irgendwelchen Feuilletonisten oder Musikjournalisten gelesen hatte (von denen viele ja selbst zu den Popliteraten gezählt wurden). Ich entwickelte langsam eine eigene Meinung – und einen eigenen Geschmack.

Oasis blieb ich dabei für die nächsten vier, fünf Jahre sehr treu. Ich besuchte ihre Konzerte und kaufte CDs. Ich holte den „Battle of the Bands“ nach – und verstand überhaupt nicht, warum man nicht Oasis UND Blur gut finden konnte. Wobei mir die Musik von Oasis einfach ein klein wenig mehr bedeutete.

Diese Zeit war für mich die Zeit eines großen Umdenkens: Innerhalb eines Jahres passierte plötzlich so viel Neues, dass es für mich selbst komisch erschien. Im Spätsommer 2000 trennte sich meine Freundin N. von mir, was irgendwie dazu passte. Denn ich war mit so vielen anderen Dingen beschäftigt – wenn auch nicht mit anderen Frauen. Das kam erst etwas später.

Stattdessen las ich alles, was ich von anderen jungen Schriftstellern finden konnte. Und überall fand ich Referenzen an große Schriftsteller-Ikonen – also las ich auch deren Bücher. Und viele gefielen mir so gut, dass ich beschloss, das mit dem Quereinstieg in Filmwissenschaften endlich aufzugeben und stattdessen Neue deutsche Literatur zu studieren, um noch mehr zu verstehen.

Ich las das Feuilleton der FAZ genauso gerne wie die Wochenend-Beilagen der anderen großen Zeitungen. Ich begann ein Praktikum bei der Berliner Morgenpost – und hatte sechs Wochen später einen Job als Lokal-Journalist. Nicht die große Bühne, aber immerhin ein bezahlter Einstieg. Ich ging auf Schriftsteller-Lesungen. Ich fing an, für mich selber kurze Geschichten zu verfassen und veröffentlichte die eine oder andere davon im Fanzine meines Kommilitonen-Freundes Thomas.

Statt Baggy Pants und Caps kaufte ich mir gut sitzende Hemden und jung geschnittene Anzüge und zu teure T-Shirts und Pullis von Helmut Lang. Meine Freunde schüttelten den Kopf und bei den Frauen kam das auch nicht unbedingt gut an. Doch dieses bewusste leichte Anecken hatte auch seinen Reiz.

Und auch wenn ich noch einige Jahre vor mir hatte, nahm ich mein Studium immer ernster: Mit jedem Tag verstand ich besser, wie meine drei Studienfächer für meine Zukunft Sinn ergeben könnten. Ich hatte tatsächlich mit 25 das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben. Und Oasis wurden mein persönlicher Soundtrack, mit dem ich mein Umfeld total nervte.

Wenn ich das heute – mit 13, 14 Jahren Abstand – Revue passieren lasse, dann denke ich gerne an diese Zeit zurück. Doch wenn ich genauer hinsehe, sind in dieser Phase meines Lebens auch genug Schatten. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. „Liam findet dieses doof“, „Liam findet jenes doof“ – als ich 1994 für ein Jahr nach London ging, sprangen mich diese Schlagzeilen täglich an. Da ich im Frühjahr des Jahres mehrfach mit Liam Howlett von The Prodigy Interviews geführt hatte, dachte ich fälschlicherweise, dass er die permanent zitierte Person sei. Dabei war Howlett mir bei unseren Gesprächen eigentlich gar nicht so als Lästermaul aufgefallen… Es hat ein wenig gedauert, bis sich das Missverständnis lösen ließ und ich begriff: Der New Musical Express, Vox und all die anderen Musikmagazine, an denen ich in London nicht vorbeikam, beriefen sich auf – Liam Gallagher von Oasis.

    Oasis waren bis zu meiner Ankunft auf der Insel eigentlich kein großes Thema für mich gewesen. Und das, obwohl ich dank der Volume-CD-Reihe  in Sachen Brit-Pop ganz gut auf dem Laufenden war. Suede, Manic Street Preachers, Pulp, Blur – da konnte ich was zu sagen. Mit den offensichtlich großspurig tönenden Oasis aber musste ich mich erst mal beschäftigen. Das war aber nicht weiter schwierig, schließlich waren sie eines der bestimmenden Musikthemen während meines London-Jahres. Wirklich jeder Output der Band – ob nun musikalisch oder verbal – wurde groß in den Medien gefahren; egal ob nun privatwirtschaftlich oder öffentlich-rechtlich organisiert. Nach und nach kam ich dazu, mir Songs wie „Whatever“ oder „Live Forever“ anzuhören und mir eine Meinung zu bilden.
    Ich begriff, dass Oasis auf dem selben Label ihre Platten veröffentlichten wie Ride, die ich ein paar Jahre zuvor sehr geschätzt hatte. Ich nahm zur Kenntnis, dass Oasis als Rivalen von Blur aufgebaut wurden (oder sich vielleicht sogar als solche verstanden). Und je öfter ich abends aus ging, um so öfter wurde mir die Qualität ihrer Songs bewusst. Wenn ein ganzer Indie-Club voller Inbrunst bei “I’m free to be whatever I Whatever I choose  And I’ll sing the blues if I want” einsteigt, dann hat das schon etwas Bewegendes.

    All das führte dazu, dass bis zum Sommer 1995 meine Brit-Pop-Gehirnwäsche abgeschlossen war. Ich konnte Songs von Reef mitsingen, kannte das Debüt von Menswear schon bevor es im Laden stand und lauschte aufgeregt dem Kofferradio, als Pulp als Überraschungsgäste beim Glastonbury-Festival „Common People“ spielten. Das waren relevante Ereignisse. Ebenso die Ankündigung, dass Oasis mit „Roll With It“ einen neuen Song veröffentlichen wollten. Selbstverständlich saß ich vor dem Radio, um dabei zu sein.

    Die Veröffentlichung von „Wonderwall“ hingegen habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland erlebt. Ich fand den Song gleich großartig. Es war der beste, den ich je von Oasis gehört hatte. Und er ließ die schönen Erfahrungen meines England-Aufenthalts noch einmal aufleben. 

    Nur ein Jahr später war ich mit Oasis durch.

    Das ZDF hatte „Don’t Look Back In Anger“ für seine Sendungen zur Fußball-Europameisterschaft 1996 ausgewählt. Und auf einmal lief der Song ständig im TV und im Radio. In dieser Ballung fiel mir auf, wie traditionell Oasis an ihr Songwriting herangingen. Bei aller Hochachtung für den Refrain – „Don’t Look Back In Anger“ ist so dermaßen konventionell aufgebaut (bis hin zum nervigen Gitarrensolo) – ich konnte es irgendwann nicht mehr ertragen. Während „Whatever“ und „Wonderwall“ weiterhin zu meinen Lieblingssongs gehörten, sah ich die weitere Entwicklung bei Oasis sehr skeptisch. Für mich kam auf den folgenden Platten nichts Relevantes mehr rum. Was ich angesichts des offensichtlichen Potenzials der Band sehr schade fand.

    Nichtsdestotrotz war es natürlich cool, dass Benjamin von Stuckrad-Barre Oasis in seinem „Soloalbum“ so prominent featurte. Wie auch die Pet Shop Boys, New Order oder Robbie Williams. Es war das erste Buch, von dem ich das Gefühl hatte, dass es etwas mit meinem Leben zu tun hatte. In der Schule und an der Uni habe ich Bücher entweder verstorbener Autorinnen und Autoren (Brecht, Lessing, Kafka…) oder aus  gänzlich anderen Universen (Neusseland, Kanda, Australien) lesen müssen. „Soloalbum“ empfand ich aber nicht nur wegen dieses Realitätsbezugs als Offenbarung. Auch diese Musik-Analogie in den Buchtiteln („Soloalbum“, „Remix“, „Livealbum“) hat mich sehr begeistert. Das mussten Bücher sein für Menschen wie mich. Im Portugal-Urlaub 2000 habe ich „Soloalbum“ also verschlungen. Und als Musikjournalist natürlich auch die ganzen Seitenhiebe auf das Business gemocht. Mit weiteren Texten von Stuckrad-Barre konnte ich trotz mehrfacher Versuche aber nicht mehr viel anfangen. Für mich blieb er ein „One Hit Wonder“. Und wenn ich ihn heute im Fernsehen sehe, schalte ich um. (Gefallen hat mir aber jüngst sein „Lexikon des Grauens“.) 

    „Soloalbum“ führte bei mir dennoch zu einer Phase, in der ich mich nach zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellern umsah. Bücher von Sybille Berg und Christian Kracht habe ich alle zu der Zeit gelesen. Das war nach den Erfahrungen aus Schule und Uni wohltuend nah dran an der Gegenwart. Aber nichts davon hat mich dann nachhaltig so verändert, wie es die Musik vermochte und vermag. Und letztendlich ist es dann doch so, dass ich Bücher in den allermeisten Fällen nur einmal lese. Auch wenn sie mir gut gefallen. Songs wie „Whatever“, „Champagne Supernova“ oder „Wonderwall“ hingegen krame ich immer wieder gern raus. Und werde sogar etwas aufgeregt, wenn es eine News-Ankündigung von Oasis gibt. Offensichtlich hat es immer noch Gewicht, wenn die Gallaghers etwas zu vermelden haben…

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