51/100: Diktatur der Angepassten / Wohin mit dem Hass?

Blumfeld (2001) / Jochen Distelmeyer (2009)

blumfeld_diktaturJochen Distelmeyer hat so viele schöne Songs geschrieben. Sowohl in seiner Zeit mit Blumfeld als auch auf seiner Solo-Platte. Songs, die mich umarmen, mich erfreuen, mich wohlfühlen lassen. Aber es sind seine düsteren, wütenden Songs, die in mir nachhallen. Nur wenige Lieder machen mich so dermaßen wütend wie „Diktatur der Angepassten“. Und die Frage „Wohin mit dem Hass?“ beschäftigt mich, seitdem ich den Song 2009 zum ersten Mal (ausgerechnet) in einer Mittagspause gehört habe. Ich kann die beiden Songs nicht trennen, nicht einen zugunsten des anderen zurück ins Regal packen. Darum ist dies ist eine Doppel-A-Seite. Soll ja schon mal vorkommen…

Ich habe keine andere Band so oft live gesehen wie Blumfeld. Als ich gerade mein Studium in Osnabrück angefangen hatte, kam „Ich-Maschine“ raus und wurde überall gefeiert. Auch im Intro, das ich aufmerksam studierte, schließlich wollte ich mich dort als Schreiber bewerben. „Zeittotschläger“, „Penismonolog“, „Lass uns nicht von Sex reden“ – ich könnte hier so gut wie jedes der Lieder auf dem Album als wichtig aufführen. „Ich hab‘ nichts gegen Menschen als solche, meine besten Freunde sind welche“ – auch 22 Jahre später noch eine meiner Lieblingszeilen. Schau mal in mein Whatsapp-Profil…

Und so stand ich am 8. Mai 1992 mit einem meiner besten Freunde in der Alten Webschule in Bramsche bei meinem ersten von vielen Blumfeld-Konzerten. Der Auftritt war geprägt von langen Stimm-Pausen, in denen Distelmeyer die Saiten seiner Gitarren spannte und lockerte; von den Radio-Beiträgen, die während dieser Unterbrechungen abgespielt wurden; von Tobias Levin, der mit einer Gitarre um die andren Musiker kreist und für einen unfassbar druckvollen Sound sorgt.

Ich kann nicht mehr sagen, wie oft wir damals über Blumfeld diskutiert haben: über die Referenzen in den Texten, die wir nach und nach entdeckten. Über die ungewöhnlichen Gitarren-Stimmungen, die sich uns erst nach und nach erschlossen. Es hätte unsere Band ohne Blumfeld und Nirvana niemals gegeben. Wir hatten sogar einen Song, der „Jochen“ hieß und eine imaginäre Unterhaltung mit dem Sänger war.

Als dann „L’Etat Et Moi“ erschien, wurden Distelmeyer und seine Mitstreiter André Rattay und Eike Bohlken erst recht zu Helden. „Draußen auf Kaution“ war in weiten Teilen eine erschreckend kenntnisreiche Beschreibung meiner Alltage. „Verstärker“ mit seinem Kontrast aus Pop und Lärm bei jedem Hören erneut eine emotionale Berg- und Talfahrt. Zu „You Make Me“ habe ich Rotz und Wasser geheult, während ich an meinen ersten London-Tagen meine Freundin vermisste.

Dass Blumfeld mir damals sozusagen nach London folgten, war eine witzige Fügung. In dem Jahr, das ich mit einem Freund an der Themse zwischen Assistant-Teacher-Job, Probenraum und Nachtbussen verbracht habe, gaben Blumfeld dort mehrere Konzerte. Natürlich bin ich zu jedem hingefahren – um dort zwischen allen deutschen Austauschstudenten und Au-Pair-Mädchen aus dem Umkreis von 100 Kilometern Distelmeyer seine Texte von den Lippen abzulesen.

Blumfeld gaben so viele Denkanstöße – das reichte sogar, um die lange Zeit bis „Old Nobody“ zu überbrücken. Wann immer sich die Gelegenheit, eines der Blumfeld-Konzerte dieser Zeit durch eine wie auch immer lange Autofahrt zu erreichen, machten wir uns auf den Weg.

Dürfen die das?
Nach dem Weihnachtsessen mit den „CD Master“-Kollegen traf ich in einer Disco ein paar Leute aus der Intro-Crew. Und erfuhr zu den Beats der E-Z Rollers das Unfassbare: Es würde eine neue Blumfeld-LP geben. Und ja: Jochen sei glücklich. Und er wolle eine Familie gründen. Jede dieser Nachrichten versetzte mich ins Staunen. Heterosexuell? Wir hätten angesichts von Zeilen wie „Wir sind politisch und sexuell anders denkend“ unsere wenigen Instrumente verwettet, dass… Naja, gut, dass wir es nie hatten auf eine Wette ankommen lassen. Ein glücklicher Distelmeyer? Würde uns der emotional genau so erreichen, wie der vermeintlich unglückliche von „Penismonolog“?

Die Antwort lautete „Old Nobody“. Eine Platte, über die wir Indie-Typen uns wahrscheinlich bis heute uneins sind. Darf man mit Distelmeyers Vorgeschichte einen Song wie „Tausend Tränen Tief“ singen? War das nicht schon Schlager? Darf man als vermeintlicher Bohemien glücklich verliebt sein – und das auch noch zugeben? Ich fand: Ja. Ich wohnte seit einigen Wochen mit meiner Freundin zusammen und schaute mir mit ihr zusammen „Tausend Tränen Tief“ auf Viva an, fuhr mit ihr zu Konzerten, bei denen Distelmeyer fragte „Kommst Du mit in den Alltag?“.

Der Nachfolger kam schneller als erwartet, „Testament der Angst“ war aber nicht weniger umstritten. „Graue Wolken“ sei zu banal und habe ein – Todsünde – Saxophon-Solo, „Wellen der Liebe“ sei kitschig… Genügend Reibungsfläche für (angehende) Akademiker. Die Platte hatte aber auch eine andere Seite. „Eintragung ins Nichts“ war bei aller Heiterkeit fatalistisch durch und durch. Und „Diktatur der Angepassten“… Schlecht gelaunt kannte ich Blumfeld ja schon von den ersten beiden Platten. Aber so dermaßen aufwühlend, wütend, appellativ hatte ich die Band zuvor nie wahrgenommen. Zum ersten Mal fand ich in den Songs nicht nur Platz für meine Melancholie, meine Trauer, meine Unsicherheit, mein Glück. Auf einmal war da auch Platz – für meine Wut.

Sommer 2001, Popkomm. Mit dem Intro hatten wir es geschafft, Blumfeld zu einem Chat an unseren Stand zu bekommen. Einen Tag nach ihrem Auftritt auf dem Introducing wollten Distelmeyer, Rattay und Peter Thiessen (der inzwischen Eike Bohlken ersetzt hatte) unserer Community eine Stunde lang Rede und Antwort stehen. Distelmeyer nahm die Sache sehr ernst. Er wollte alle Fragen ausführlich beantworten, war aber mit dem Tippen nicht so schnell. Darum bat die Band mich, die Antworten einzugeben. Es war wahnsinnig anstrengend, weil Distelmeyer wirklich jedes Wort, jede Zeichensetzung auf die Goldwaage legte und überprüfte. Ständig musste ich – wie ich damals fand – Kleinigkeiten ändern, korrigieren, richtig stellen bevor ich die Antwort per Enter abschicken konnte. Ich war nach der Stunde erledigt. Durfte aber auch Sätze wie „westernhagen und konsorten besudeln die kunst“ zum Besten geben. Schön auch: „rock am ring: es macht spaß dahin zu gehen, wo es weh tut … und wo wir eindeutig die ‚härtere‘ band als z. b. limp bizkit“ sind.

Es ist vorbei
Mich danach aber wieder ins Popkomm-Getümmel zu stürzen ging nicht, ohne das ganze Musik-Business Scheiße zu finden. In den Kölner Messehallen war kein Platz für Selbstzweifel, auf den Kölner Ringen degradierten Plattenfirmen das Publikum zu Jubel-Statisten für Live-Schalten ins öffentlich-rechtliche Fernsehen. Während wir nach der Popkomm unsere Intro-Deko mit Baumwoll-Handschuhen vorsichtig abnahmen und für weitere Einsatzzwecke fürsorglich einmotteten, zertrümmerten die Mitarbeiter von Major-Labels ihre um ein Vielfaches teurere Messe-Stände vor unseren ungläubigen Augen. „Gebt endlich auf, es ist vorbei“ war sicherlich nie als Beschreibung der Musikindustrie gedacht – nur wenige Wochen aber später schubste der 11. September das von der Tauschbörsen-Thematik geschwächte Business den Abgrund runter. Und wir als Intro fielen mit

„Diktatur der Angepassten“ ist aber natürlich kein Abgesang auf die Musikindustrie. Er ist für mich vielmehr eine Aufforderung, Dinge zu verändern, die ich für falsch halte. Und von denen zählt der Song ja genügend auf. Nur muss ich zugeben: Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Reichen ein paar gut gemeinte Beteiligungen an lokalen Aktionen? Reicht es, Greenpeace zu unterstützen? Reicht es, der Generation vor mir klar zu machen, dass „aber es steht doch in der Zeitung“ nicht gleichzusetzen ist mit „genau so ist es passiert“? Der Generation nach mir einzubläuen, dass Nicht-Wählen auch keine Lösung ist? Oder bin ich doch nur Teil des Systems, dass die Menschen beim Dummsein tatkräftig unterstützt? Einer der Angepassten? Der Song lässt mich jedes Mal ratlos, erschüttert und wütend zurück.

Wohin mit dem Hass?
Wohin aber mit der Wut, dem Hass auf die Dinge, die ich in der Welt für absolut untragbar halte? Fast schon tragisch, dass ich 39 Jahre alt werden musste, bis jemand diese mich so beschäftigende Frage so klar formuliert hat. „Alles was ich weiß – ich bin nicht wie ihr. Aber wohin mit dem Hass?“ Und wieder war es Jochen Distelmeyer, der meine Gedanken in Worte fasste…



Es vergeht kaum ein Tag an dem ich mir diese Frage nicht stelle. In der Supermarktschlange. Im Bus. Bei der Arbeit. Ich bin angesichts vieler Ungerechtigkeiten oft wütend. „Aber wohin mit dem Hass?“ Leider habe ich immer noch keine Antwort auf die Frage gefunden. Und Distelmeyer bleibt mir mit seinem Text leider auch die Antwort schuldig.

Überhaupt ist es um Jochen Distelmeyer seit langem still. Mir hat mal jemand erzählt, sein Solo-Album „Heavy“ habe sich nicht gerade umwerfend verkauft und Distelmeyer sei darum entmutigt. Ich will das nicht ganz glauben und hoffe, dass vielleicht doch bald wieder neue Songs von ihm kommen. Dabei gebe ich mich nicht mal der Illusion hin, dass ich darin Antworten finden werde. Aber sicherlich wieder viele wichtige Fragen. Und zwischendurch auch wieder Songs die mich umarmen, mich erfreuen, mich wohlfühlen lassen.

Disclaimer: Ich will nicht verhehlen, dass ich mit Blumfeld eine Zeit lang gar nichts anfangen konnte. Aber das Köln-Konzert der Abschieds-Tour 2007 hat mich mit der Band Frieden schließen lassen…

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin sehr froh, dass Du Blumfeld übernommen hast. Denn die gehören definitiv hierher – aber ich hätte wenig Qualifiziertes zu denen sagen können.

    Wie die meisten Studenten bin natürlich auch ich in den 90ern mit Blumfeld konfrontiert worden. Wobei unser First Contact tatsächlich „Tausend Tränen tief“ im MTV-Nachmittagsprogramm war. Nicht gerade ruhmreich, ich weiß. Aber so war es halt.

    Ich saß mit meiner Freundin N. vor der Glotze und dachte die ganze Zeit: „Ist der alte Mann jetzt wirklich sein Lover oder ist das eher eine visuelle Abstraktionsebene?“ Insofern hat mich das mit Distelmeyers Familienplänen auch eher gewundert. Aber ich mochte den Song und summte die Melodie gerne mit. Nur den Bandnamen konnte ich mir nicht so richtig merken.

    Im Sommer ’99 fuhr ich dann mit N. und zwei Freunden nach Potsdam ins Waschhaus. Das ist eine sehr lauschig am Wasser gelegene Location mit einem generell guten Konzertprogramm. Konzerte in Potsdam machen aber ohnehin viel Spaß – und ich rede jetzt nicht von Schlösser-und-Gärten-Nächten mit Bach-Vorträgen. 

    Während in Berlin alle Konzertbesucher so wahnsinnig abgefuckt-abgeklärt sind, scheinen sich die Potsdamer über jede Band, die bei ihnen halt macht, zu freuen. Dabei könnten die Potsdamer einfach in die S-Bahn oder den Regionalexpress steigen und schnell nach Berlin fahren. Das machen sicherlich auch einige – aber wenn der Berg zum Propheten kommt, hat das halt noch einen richtigen Wert. Denn auf den Konzerten treibt sich immer eine besonders bunte Mischung von Fans herum: Indie-Leute, Raver, Rapper und Goths stehen meist harmonisch nebeneinander im Publikum, während die Szene der Hauptstadt wert darauf legt, voneinander getrennte Locations zu nutzen. Die meisten Konzerte sind dort wie kleine Festivals – jedenfalls vom Publikum her.

    Diesmal saßen wir auf dem Rasen eines „offiziellen“ Festivals vor der Open Air-Bühne und warteten darauf, dass Eins Zwo endlich spielen würden. Oben lärmte eine Hamburger Gitarrenband auf der Bühne und als ich irgendwann erkannte, dass es sich um Blumfeld handelte, war ich doch sehr überrascht: Mir war bis dato wie gesagt nur „Tausend Tränen tief“ geläufig. Viel tiefer stieg ich an diesem Abend aber nicht mehr in die Materie ein, denn Dendemanns Live-Qualitäten stellten für mich alles andere in den Schatten.

    Ein Jahr später lernte ich Thomas kennen. Der verteilte an der Uni immer so ein schlecht-schwarz-weiß-kopiertes Fanzine an jeden, der sich dafür interessierte. Dazu zählte ich mich bald: Drei Semester lang versuchte ich über ein paar Grundkurs-Scheine den Quereinstieg in den Studiengang Filmwissenschaft (leider erfolglos) und immer saß Thomas in meiner Nähe. Bald freundeten wir uns an.

    Thomas war zwölf Jahre älter als ich und bezeichnete sich als Donaldist. Er mochte Filme und Comics – ich interessierte mich für beides ebenso gerne. Und so hörte ich immer etwas genauer hin, wenn er in einem Kurs seine Interpretation eines Film vortrug. Außerdem las ich sein Fanzine. Da ging es um Comics, um Bücher, um Filme, um gescheiterte Liebesbeziehungen, um Alltagspoesie und natürlich auch um Musik. Thomas hatte allerdings eine total andere Weltsicht auf Pop: Seine Bands hießen New Order, Cake, eels, Suede – irgendwie wirkte das deutlich Erwachsener auf mich als meine Vorlieben: Freundeskreis, Beginner, Massive Töne und so weiter. 

    Thomas war es denn auch, der mir „Old Nobody“ und „Testament der Angst“ auslieh. Beide Alben kopierte ich mir, hörte sie durch und – jetzt sei bitte nicht enttäuscht – stellte sie dann ins Regal. Ja, Blumfelds Musik klang klug: Sie klang kantig und erwachsen. Aber ich hatte zu dieser Zeit einfach einen viel zu großen Input an neuer Musik: Dazu erzähle ich in meinem nächsten Posting am Sonntag noch etwas mehr. So gingen sie irgendwie etwas unter.

    Aber: mein Bewusstsein für diese Band war geweckt. Wenn Herr Distelmeyer irgendwo zu seiner Meinung befragt wurde, las ich das mit Interesse. Wenn jemand seine lyrischen Qualitäten hervor hob, nickte ich wissend. Zumindest halbwissend. Doch konkrete Titel von Blumfeld kann ich bis heute kaum nennen und bis auf den DJ Koze-Remix von „Tausend Tränen tief“ habe ich auch nie einen Song von ihnen auf einem Mixtape verwurschtet – das lag aber auch eher an dem Ex-Fischmob-Mitglied als an Blumfeld. 

    Und genau deshalb danke ich Dir, weil ich nämlich gerade den Staub von den beiden CDs geklopft habe und die in den kommenden Tagen noch mal hören werden. Übrigens: Wann bekomme ich denn mal den Song „Jochen“ zu hören?

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