50/100: Don’t You (Forget About Me)

Nein, er wird doch nicht..? Oh doch, er wird. Jetzt gibt es:

Simple Minds (1985)

Mit diesem Posting haben wir die erste Hälfte unseres Blogs erreicht. Doch die 50 ist ja eigentlich nur irgendeine Nummer. Schließlich hast Du letzte Woche mit der 49 alles Wichtige aufgeschrieben, was man so als Halbzeit-Fazit ziehen kann. Deshalb soll dieser Post ein ganz gewöhnlicher werden: Keine besondere Jubiläumsstory, sondern eine von bislang 50 gleichwertigen Geschichten, die wir uns erzählt haben. Und genau genommen ist es ja sogar die 99. Geschichte, denn schließlich schreiben wir ja jede Woche zwei total unterschiedliche Texte zu einem Thema oder einem Song. Doch genug der formalen Ansprache. Was ich eigentlich sagen will: Number 50 and still running!

Gibt es den perfekten Song für den perfekten Moment? Na klar. Hier ist der Beweis:


Simple Minds Don't You Forget About Me von Celtiemama

Regisseur John Hughes hat ihn 1985 gefunden. Beziehungsweise komponieren lassen. Denn „Don’t You“ war eine Auftragsproduktion. Ursprünglich waren Billy Idol und Bryan Ferry angefragt worden – schließlich haben aber nur die Simple Minds zugesagt. Zum Glück, muss man sagen. Denn 2001 konnte man hören, was passiert wäre, wenn Billy Idol zugeschlagen hätte: Anderthalb Jahrzehnte nach dem Welterfolg hat er seinen Hochmut offenbar bereut und eine von unzähligen Coverversionen eingesungen. Dazu muss ich wohl nicht viel mehr sagen, oder?

„Don’t You“ ist übrigens der einzige Song auf meiner Liste, den ich ausschließlich auf VHS besitze. Ich weiß gar nicht warum, aber irgendwie hat es sich nie angeboten, den Track auf Platte oder CD zu kaufen. Er lief manchmal im Radio – und außerdem habe ich den „Breakfast Club“ oft genug gesehen. Als ich das letzte Mal nachgezählt habe, bin ich auf 43 Mal gekommen. Das war im Dezember 2000, als ich gerade meine kulturwissenschaftliche Zwischenprüfung zum Thema „History of Teenage Movies“ vorbereitete. Da der Song in diesem Film zwei Mal an zentraler Stelle auftaucht, hab ich ihn also in meinen Teenie- und Twen-Jahren mindestens 86 Mal gehört.

85 Mal muss man eigentlich sagen. Denn beim ersten Mal habe ich den Anfang des Films versäumt. Das war im Sommer 1990 auf einer Fährfahrt von Finnland nach Schweden. Die Schifffahrtgesellschaft „Viking Line“ benötigt für diese Strecke etwas mehr als zehn Stunden. Die können an Bord eines Fährschiffes ganz schön lang werden, wenn man keine Kabine gebucht hat. Die bucht man in der Regel aber nur, wenn man die Überquerung bei Nacht in Angriff nimmt: Auf der Tagesfähre muss man sich die Zeit in diversen Restaurants, der Spielhalle, dem schaukligen Bord-Spa oder auf dem Sonnendeck vertreiben. Oder man findet einen Stuhl mit dem Blick auf den Fernseher und freut sich, dass das skandinavische Fernsehen englischsprachige Produktionen ausschließlich untertitelt und man deshalb alles verstehen kann.

So schlenderte ich also als 15-Jähriger an einem Fernseher vorbei und entdeckte fünf Jahre nach dem Kinostart die wunderbare Geschichte von fünf Teenagern, die einen Samstag in ihrer Schule nachsitzen müssen. Natürlich war ich total geflasht – so wie fast jeder Adoleszent, der diesen Film zum ersten Mal sieht. Leider fehlten mir ungefähr die ersten 20 Minuten. Doch ich spürte sofort, dass der „Breakfast Club“ etwas ganz besonderes sein würde.

Ein halbes Jahr später lief der Film auf RTL – was ich leider einen Tag zu spät erfuhr. Doch ein weiteres halbes Jahr später fand ich den Film als Kaufkassette bei FNAC – zunächst auf Deutsch, später noch mal auf Englisch.

So ich fing an, die Geschichte genau zu studieren. Ich sah ihn mir drei, vier Mal an und versuchte, hinter seine Magie zu kommen. Warum war ich eigentlich so fasziniert davon? Schließlich war meine Lebenswelt eine völlig andere als die im Film: „peer pressure“ hat in US High Schools natürlich ganz andere Dimensionen als in deutschen Gymnasien. Und trotzdem löste der Film in mir eine Sehnsucht aus, zum Brat Pack dazu zu gehören. Ein Nachmittag in völliger Anarchie, eine Art Gruppentherapie für Teenager. Ich war verliebt in Molly Ringwald und wollte so cool sein wie John Bender. Und ich fürchtete mich davor, dass ich womöglich zu viel vom Streber Brian Johnson in mir hatte.

Meine realen Freunde und Freundinnen kamen natürlich nicht drum herum, sich den Film mit mir zusammen anzusehen. Und den meisten gefiel die Geschichte ganz gut – allerdings nicht mehr als beispielsweise „Terminator 2“ oder „Die Hard“.

Für mich aber wurden Claire, Andrew, Brian, Allison und natürlich John zu guten Freunden. Lange beschäftigte mich die Frage, was wohl am darauf folgenden Montag in der Shermer High School passieren würde. Würden die Coolen der Gruppe wieder ihre Scherze über die Schwachen machen, wie es Claire prophezeit? Oder hatte dieser Nachmittag ihr Leben komplett verändert?

Ich hängte mir das Filmplakat in mein Zimmer und lernte englische Dialogzeilen auswendig. Je besser mein Schulenglisch wurde, desto mehr Feinheiten verstand ich. Und je öfter ich den Film sah, desto besser verstand ich die Hintergründe der Geschichte und die ausgearbeitete Psychologie der Charaktere. John Hughes hat es geschafft, nicht nur den Zeitgeist der 80er festzuhalten, sondern zugleich auch die Gefühle von jungen Menschen adäquat zu analysieren. Dabei tappt er an keiner Stelle in die Falle, sie mit seinem Erwachsenen-Horizont in irgendeiner Weise bloß zu stellen. Er nimmt sie ernst.

Der Einsatz von Musik ist für den Appeal des Film ganz zentral: Überall finden sich Pop-Referenzen. Gleich zu Beginn heißt es:

„And these children that you spit on /
As they try to change their worlds /
Are immune to your consultations /
They’re quite aware of what they’re going through…“

Obwohl David Bowie als Urheber des Zitats genannt wird, habe ich erst 20 Jahre später verstanden, dass es sich dabei um kein Interview-Statement, sondern um ein paar Zeilen aus „Changes“ handelt.

Und so geht es den ganz Film über:

An einem Schließfach steht „I Don’t Like Mondays“. Eine Referenz, die deutlich über die Boomtown Rats hinaus geht, denn Bob Geldof erinnert in seinem Song an ein Schulmassaker.

Der rebellische John Bender summt aus Langeweile „Nööö-nö-nö-nö-nöh Nöh-nö-nö-nö-nö-nöh“. Ich habe bestimmt 15 Jahre gebraucht, bis ich zufällig über das Original gestolpert bin.

Doch der wichtigste Song des Films bleibt für mich „Don’t You“. Bis heute drehe ich das Radio lauter, wenn er irgendwo läuft. Und als mein schottischer Dozent den Song im Essay Writing-Grundkurs als eine „besonders schlechte“ Nummer der Simple Minds bezeichnete, gab ich keine Ruhe, bevor das nicht ausdiskutiert war.

Ich war und bin wirklich kein großer Simple Minds-Fan oder -Kenner. Sicherlich haben Jim Kerr und seine Jungs deutlich ernstere Hits in ihrer Karriere geschrieben. Doch während ich bei anderen Liedern an Bier-Werbung denken muss, sind mir die Assoziationen mit „Don’t You“ viel lieber.

Schließlich gilt ja bei Musik immer noch: Everybody is entitled to an opinion. Oder?

PS:

Übrigens habe ich den Film seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen. Vielleicht wäre es ja bald mal wieder Zeit dafür. Dazu muss ich nur den Videorecorder aus dem Keller holen.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Der Song macht mir immer gute Laune – allerdings kann ich gar nicht mehr sagen, an was er mich eigentlich erinnert!

  2. Ich habe gerade geguckt: Die Maxi von „Don’t You“ steht bei mir im Plattenregal. Seit 1985, wenn ich dem Aufkleber, den ich damals als Inventarnummer hintendrauf geklebt habe, glauben kann. Ich musste die Platte damals kaufen: „Don’t You“ lief im Radio, im Freibad, auf Geburtstagsfeiern, auf der Party meiner Tanzschule. Und irgendwer rief immer: „Hey, Hey, Hey, Hey“. Keine Frage: Wenn ich das mit dem Auflegen ernst nehmen wollte, musste die Maxi in mein Repertoire. Eine Vernunftentscheidung, denn übermäßig gut fand ich den Song nicht. Aber eben alle anderen um mich herum.

    Als ich meinen Kauf ausführlich studierte, nahm ich zum ersten Mal diese fünf Teenager auf der Cover-Rückseite wahr. Den einen kannte ich aus „L.I.S.A. –  Der helle Wahnsinn“, der bei uns in Quakenbrück im Kino gelaufen war. Die anderen hatte ich vorher noch nie gesehen. „The Breakfast Club“ ging völlig an mir vorbei – bis etwa 1991. Da habe ich den Film zum ersten – und bisher einzigen – Mal gesehen. Mir als harmoniesüchtigem Typen gefiel natürlich die Dramaturgie – dass da fünf unterschiedliche Charaktere sich nach 90 Minuten dann doch irgendwie mögen. Für alles andere hatte ich damals keinen Kopf – geschweige denn den Hintergrund. Bowie-, Boomtown-Rats- und Cream-Referenzen sind damals ganz offensichtlich komplett an mir vorbeigegangen. Und da ich auch schon zwei Jahre aus der Schule raus war, hatten die Themen Nachsitzen, Cliquenwirtschaft und Lehrer als Feindbild kaum noch eine Relevanz für mich. Mir bot sich damals gar keine Gelegenheit mehr, Situationen aus dem Film auf meinen Alltag zu übertragen – denn der spielte sich damals in einer Rasenmäherreifen-Fabrik ab.

    Ich könnte darum also auch nicht mal mehr sagen, an welchen Stellen „Don’t You“ lief. Und ob er in Begleitung der Filmszenen an Tiefe hinzugewonnen hat. So, wie etwa die ganzen Zwei-Minüter, die Jan Hammer für „Miami Vice“ produziert hat. Oder „The Heat Is On“ von Glenn Frey für „Beverly Hill’s Cop“. Denn im Gegensatz zu Ines und Dir drehe ich den Song im Radio nicht lauter. Statt dessen frage ich mich jedes Mal, warum gerade dieser Song so durch die Decke ging. Er war in meiner Musikrezeption mit das erste Beispiel dafür, wie man aus ganz wenig Substanz ganz viel heiße Luft erzeugen kann. Der Song hat keine großartige Melodie – und Jim Kerr gibt sich auch nicht groß  Mühe, da etwas herauszuarbeiten. Pathos und Mittelmäßigkeit regieren das wenig überraschende Arrangement. Für mich wurde „Don’t You“ der Prototyp des Stadionrocks: Inhaltsarmes Getöse, das nach allen Mitteln der Kunst aufgepumpt wird. Die Sorte Geräusch, die man mit einigen Sekunden Verzögerung in einer Arena hört, während man aus großer Entfernung kleine Punkte auf einer Bühne sieht. Getöse, das den kleinsten gemeinsamen Nenner anspricht: „Hey, Hey, Hey, Hey“. Oder „Just Can’t Get Enough“. Oder „It’s My Life“.

    Die Simple Minds haben aus meiner Sicht in ihrer weiteren Karriere keinen Versuch mehr unternommen, einen anderen Weg einzuschlagen. „Alive & Kicking“, „Belfast Child“ – viel Lärm um nichts. Der aber viele Menschen berührt. Dabei hatte die Band weit vor „Don’t You“ sogar ein paar gute Momente. Mit „Love Song“, „I Travel“  oder „New Gold Dream“ versuchten sie Elektronik- und Rockmusik zusammenzubringen. Auch wenn sich da schon ein paar Schwächen offenbarten, die mir später so richtig auf die Nerven gehen sollten – allen voran Jim Kerrs Gesang: Diese früheren Sachen waren irgendwie – innovativ? Jedenfalls ein wenig.

    Aber wir wissen beide, dass Innovation nicht immer zählt. Und so ist es auch schon fast ein wenig tragisch, dass ausgerechnet diese im Grunde genommen durchschnittliche Auftragsarbeit den lang ersehnten Durchbruch für die Simple Minds brachte. Ein Song, den sie offensichtlich auf keinem ihrer regulären Alben haben wollten.
    Den aber immer noch viele Leute hören wollen. Natürlich habe ich „Don’t You“ auf meiner Playlist, wenn auf Parties die Achtziger-Jahre-Phase eingeläutet wird. Und irgendwer ruft immer: „Hey, Hey, Hey, Hey“, darauf kann ich mich verlassen. Und genau in diesen Momenten bringe ich „Don’t You“ dann doch irgendwie Respekt entgegen. Wie schon 1985, als ich mich dazu durchgerungen habe, die Maxi zu kaufen. Also habe ich gerade die DVD vom „Breakfast Club“ in der Stadtbücherei bestellt. Denn irgendwas ist an dem Song ja dran. Und vielleicht finde ich mit dem Film zusammen raus, was das genau ist.

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