49/100: Bück‘ Dich hoch

Deichkind (2012)

Ich kann es selbst nicht ganz glauben, aber dieses Posting markiert für mich die Halbzeit bei 100songs.de. Ich habe tatsächlich schon die Hälfte meiner Songs rausgekramt, von denen ich finde, dass Du sie kennen solltest. Da wollte ich natürlich auch mal zurückschauen. Unter anderem wollte ich wissen, aus welchen Jahren meine bisherigen 24 Songs kamen – und das ist das Ergebnis:

mm_halbzeit_statistik

Dreiviertel stammen aus der Zeit vor dem Jahr 2000…? Ich bekam daraufhin den Wunsch, dieses etwas unausgewogene Bild ein wenig auszugleichen. Und es gibt viele Gründe, die mich ausgerechnet „Bück Dich Hoch“ haben auswählen lassen: Ich kann ein paar Hamburg-Schwänke erzählen. Ich kann ein bisschen über Deichkind schwadronieren. Außerdem ist er auch noch sehr witzig. Na dann…

April 2012. Nach durchwachter Nacht sitze ich vor einem Café in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs und lasse die Frühlingssonne auf mich wirken. Es ist mein dritter Hamburg-Aufenthalt innerhalb von vier Wochen. Und die Stadt gefällt mir immer besser. Ich hatte in Köln mal einen Kollegen, der aus Hamburg stammte und ständig darüber schimpfte, wie hässlich die Domstadt doch sei. Ich komme ja wie gesagt aus Osnabrück – für mich war Köln das Nonplusultra. Bis ich im Oktober 2006 zum ersten Mal für längere Zeit in Hamburg war. Da konnte ich ihn dann verstehen: Hamburg ist sicherlich schicker als Köln. Aber irgendwie auch geerdet und trocken. Dass ich innerhalb von vier Wochen einmal freiberuflich, einmal familiär und dann auch nochmal beruflich nach Hamburg durfte, grenzte schon fast an Luxus.

hamburg (11)Jetzt saß ich also an der Straße, übermüdet, aber dank Kaffee und Sonne doch zufrieden und bekomme eine Mail. Ich lese sie und lächle.

Hamburg, meine Perle
Bis ich 2006 zum ersten Mal ein paar ruhige Tage auf hansestädtischem Terrain verbracht hatte, hatte ich natürlich schon viel Musik aus Hamburg gehört und geliebt. Allen voran Blumfeld und Kante, aber auch Fettes Brot, Fünf Sterne Deluxe, die Beginner natürlich – und Deichkind. Mit „Bon Voyage“ schafften sie es sogar meine Freunde zu begeistern, die sonst nicht so unbedingt auf Hiphop standen. Und mit „Komm‘ schon“ zeigte sich auch schon das humoristische Potenzial, das Deichkind später exzessiv ausleben sollten. Dann noch das wunderbare „Weit Weg“

Dass sie 2002 mit „Limit“ ihre musikalische Ausrichtung änderten, fand ich völlig in Ordnung. Ich hatte beim Intro sogar die Gelegenheit, meine Faible für Deichkind ein wenig auszuleben und freute mich sehr, als dann diese LP in der Post war:

MM_deichkind_fuenf minuten

Ein paar Jahre später schossen sie mit „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“ natürlich den Vogel ab. Ich weiß gar nicht, wie oft ich das Video vom legendären Melt-Auftritt im Freundes- und Familienkreis vorgeführt habe – so begeistert war ich von der Aktion. Entsprechend geschockt war ich, als die Nachricht von Sebastian „Sebi“ Hackerts Tod auftauchte. Ich hätte es verstanden, hätten Deichkind sich für eine Trennung entschieden. Bin aber natürlich froh, dass sie weitermachen und mit „Befehl von ganz unten“ erneut eine tolle Platte aufgenommen haben. Ich mag die Anarchie, die Energie, den Wahnsinn, den Witz, die Intelligenz in ihrer Musik. All das kommt in „Bück Dich hoch“ super zusammen.



Gute Nachrichten am Morgen
Und so ist auch „Befehl von ganz unten“ auf meinem iPod, als ich im April 2012 in Hamburg in der Morgensonne meinen Kaffee trinke. Ich lese die Mail, die gerade reingekommen ist, noch ein paar Mal durch. Das sind wirklich gute Nachrichten, die mich hier erreichen. Sie lauten:

„Ich finde die Idee sensationell und ich hab‘ richtig Lust mitzumachen. Gerne nehme ich es auf mich, eine komplett subjektiv gestaltete Liste mit viel zu hohem Rap- und Deutschrock-Anteil zu gestalten…“

Na dann: Auf in die zweite Halbzeit, mein Lieber! Und danke fürs Mitmachen!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, Michael. Zu diesem Posting fällt mir so viel gleichzeitig ein, dass ich es nicht schaffe, mit der Antwort – wie sonst immer – noch ein paar Tage zu warten. Das will und muss JETZT alles raus. Schön, dass es in unserem Blog keine Regeln gibt!

    Zuerst mal wieder Hut ab: Der Statistiker in Dir war mal wieder fleißig. Unfassbar – aber bitte erwarte nicht, dass ich jetzt auch so ein Tortendiagramm bastele. Brauchen wir auch gar nicht. Wenn ich mich recht erinnere, haben uns die netten Leute vom Tonspion sowieso schon treffend analysiert. Da heißt es dann: „Dass die beiden in den 80er Jahren musikalisch sozialisiert worden sind, ist offensichtlich.“ Yep, I totally agree with that.

    Zur Bedeutung von Hamburg für mich könnte ich auch drei eigene Posts formulieren. Letzte Woche ist ja bei meinem Text recht deutlich geworden, dass ich mich auch durch eine gewisse Rapformation mit dieser Stadt verbunden fühle. Und das stimmt total: Rap hatte eine Zeit lang wirklich einen wesentlichen Anteil an meiner Sehnsucht nach dem Norden. Seit ich 1994 mobil bin, reise ich mindestens 1 Mal im Jahr nach Hamburg. Jedes Mal chille ich am Hafen, jedes Mal schlendere ich an der Alster entlang zum Gänsemarkt und jedes Mal laufe ich über die Reeperbahn. Das ist mein Ritual, sobald ich die Kennedybrücke und die Deichtorhallen passiert habe. 

    Doch tatsächlich geht mein Fernweh nach der Hansestadt viel weiter zurück: Als ich sehr klein war, arbeitete mein Vater als Funkoffizier auf Frachtschiffen, die von Hamburg aus ablegten. So stand ich erstmals als 2-Jähriger am Hafen und verabschiedete mich von meinem Dad, der wieder für mehrere Monate auf dem Meer verschwand… mehr Hamburg-Nostalgie geht ja nun wirklich nicht, oder? 

    Außerdem gab es zwei, drei Momente, in denen ich wirklich dorthin gezogen wäre – doch das hat nie geklappt. Leider. In Hamburg leben ist so ein kleiner Lebenstraum, den ich mir nie erfüllen konnte.

    Dieses Bedauern resultiert vor allem aus meiner nachhaltigen Bewunderung für Hamburger Musik: Alle Musiker, die Du aufgezählt hast, höre ich auch sehr gerne. Irgendwie gefällt mir die kreative Szene zwischen Hafenstraße und Schanzenviertel einfach besonders gut. Ihr nachhaltiger Erfolg hat wohl auch was mit gezielter Kulturförderung zu tun – genauso wie mit dem übersteigerten Selbstverständnis einiger Protagonisten. Doch wie ich letzte Woche ja schrieb: Damit habe ich meinen Frieden gemacht.

    1998 erlebte Hamburgs Rap-Szene einen großen Boom: Neben den Beginnern produzierten Künstler wie Eins Zwo, Dynamite Deluxe, Doppelkopf, Fettes Brot, Fünf Sterne Deluxe, Ferris MC, Mr. Schnabel und eben Deichkind zahlreiche geniale Tonträger. Dazu kamen die VÖs des Labels Eimsbush Entertainment, bei denen viele dieser Rapper unter Alias-Namen Vinyl-Maxis und Tapes vollrappten. Es war aufregend, es war hanseatisch-cool, es war derbe. Schade, dass Eimsbush 2003 geschlossen werden musste, weil sich niemand mit „dem funky Thema Buchhaltung“ befassen mochte.

    Und ich weiß noch genau, wie ich in meinem Redaktionsfach eine Handvoll Vinyl-Scheiben vom Label Showdown Records fand: Darunter die hörenswerte Deichkind-Maxi „Wer bremst das ?!“. Zwei Jahre später folgte „Kabeljau Inferno“. Bei diesem Song fühle ich mich heute immer an die Bremer Kombo De Fofftich Penns erinnert – das liegt vielleicht an den gelben Regenjacken. Die EP war auch mit lustigen Skits gefüllt, die schon in die Richtung dessen gingen, was später ihr Unique Selling Point werden würde: Humor. 

    Um 2000 produzierten Malte, Buddy und Philipp ihren Sound aber noch nach den damals typischen Rap-Regeln: Die gab es offiziell in einem von Eklektizismus geprägten Genre zwar nicht. Doch natürlich gab es damals sehr wohl einen Konsens darüber, welche Beat-Geschwindigkeiten und Sounds als cool galten. Denn das war noch deutlich VOR der ersten Hochphase von Gangsta-Rap made in Deutschland, der Deutschrap nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch stark verändert hat. Wer aber damals als Musiker und Kritiker etwas auf sich hielt, verfolgte überwiegend die Szene zwischen Brooklyn, Manhattan und Staten Island und ignorierte größtenteils die Sounds aus Kalifornien, New Orleans oder Marseille.

    Live sah ich Deichkind zum ersten Mal 2000 beim Flash Festival im Millerntor Stadion. Die Armen hatten einen undankbaren Nachmittags-Slot. Und irgendwie war zu spüren, dass sich Deichkind nicht mehr so richtig die Erwartungen der angereisten 20.000 Straight-Rap-Fans erfüllen mochten. Zwar tobbte die Menge zu „Bon Voyage“, doch irgendwie waren die Drei damals näher an Fips Asmussen dran als an Jay-Z.

    Diesen Eindruck bestätigten sie mir zwei Jahre später selbst. Es war ein heißer Sommerabend im Jahr 2002 und ich hatte mich in mein Popliteraten-Outfit geworfen: kitfarbener Sommer-Anzug, schwarzes Hemd und dezente Nike Cortez aus Wildleder. Mit meiner Freundin fuhr ich nach Prenzlauer Berg, wo Deichkind die Record Release Party von „Noch 5 Minuten, Mutti!“ feierten. Für einen HipHop-Event war ich völlig falsch angezogen, aber das war mir egal. Ich hörte eh kaum noch Rap, denn ich fand, dass sich Rapper als Boten irgendeiner Message für mich erledigt hatten. Doch Deichkind waren irgendwie lustig – die mokierten sich über FAZ- und taz-Leser, spielten mit Country-Elementen und hatten offenbar kein Problem damit, sich an 2Unlimited zu orientieren. Dazu hatten sie ihr Album, das mir als Promo schon vorlag, mit wirklich intelligent-lustigen Skits vollgepackt. Dabei kam Maltes Talent, ein Art Helge Schneider-Stimme mit norddeutschem Schnack zu intonieren, besonders gut zum Tragen. Deichkind waren cool.

    Und so freuten wir uns, dass die inzwischen vier Deichkinder direkt im Anschluss an ihr Konzert mit uns im Mini-Van verschwanden, anstatt sich um die zahlreichen aus Hamburg angereisten Kumpels zu kümmern. Wobei ich Buddy bis heute nicht nachsehe, dass er meiner Freundin beim Einsteigen flappsig auf dem Po herumtrommelte… Star-Allüren eben.

    Doch das Gespräch wurde sehr gut. Deichkind erzählten, wie sehr sie das engstirnige HipHop-Klientel annerve und freuten sich sichtlich über meine Fragen nach der Ernsthaftigkeit ihrer Country-Anleihen. So sehr, dass Malte mit mir zusammen irgendwann „Sylvia’s Mother“ von Dr. Hook anstimmte und mich Philipp später mit den Worten verabschiedete: „Für einen Typen von so einem HipHop-Magazin bist Du aber echt cool.“ Mehr brauchte ich nicht, damit hatten sie final einen festen Platz in meinem Herzen.

    Alles, was danach kam, wurde ausnahmslos gefeiert. Mit Ver- und Bewunderung beobachtete ich nach dem Weggang von Malte die Entwicklung von Nordisch by Nature-Rappern zu einem bundesweit anerkannten Electro-Act. Ferris MC war mir als Neuzugang der Crew auch supersympathisch: Das wäre in Deiner Welt vielleicht so, wenn Chris Lowe nach dem Weggang von Alan Wilder bei Depeche Mode eingestiegen wäre. 

    Plötzlich berichteten mir Indie-Fans von diesen coolen Typen in Müllsäcken mit Pyramiden-Hüten, die beim Melt! alles weggerockt hätten. Ein Hit folgte auf den anderen – „Remmidemmi“ wurde zur Hymne einer Abiturienten-Generation, die kaum noch einer Wehrpflicht unterstand. Genauso wie später auch „Arbeit nervt“ und „Leider geil“. 

    Doch der meiner Ansicht nach beste Song der neuen Deichkind-Formation bleibt „Bück Dich hoch“ – nicht zuletzt wegen der perfekt beobachteten Lyrics und diesem anarchisch-harmonischen Wechselspiel von Philipp und Ferris: Der eine klingt so anklagend wie die Fehlfarben, der andere hat einfach eine phantastische unverwechselbare Brumm-Stimme. Und dann das Video: Büro-Stuhl-Konvoi, abgerissener Burberry-Trench und kaputte Sonnenbrillen – alles passt perfekt.

    Und so kann ich am Ende noch ein kleines Jubiläum verkünden: Mit Deinem 25. Text hast Du erstmals einen meiner Song-Tipps vorweg genommen. Ich finde, das passt einfach wie Arsch auf Eimer, Danke!

  2. Pingback: 50/100: Don’t You (Forget About Me) | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.