Gastfeature: God If I Saw Her Now

„Was die beiden Jungs hier machen mit ihren 100songs und so ist ja ganz nett – an sich. Nur: Wenn ich mir reinziehe, was die hier so alles haben… Ich denke, da muss man mal ein paar klare Vorgaben machen.“ Mit diesen Worten hat Christian Gailus in einem großartigen Video über diesen Blog geurteilt. Und jetzt nimmt er tatsächlich mal das Ruder in die Hand und hat für uns einen Gastbeitrag geschrieben. Ich lese seine Texte gern: Seine beide „Dierk Gewesen“-Romane habe ich verschlungen, seine Kommentare auf diesem Blog – er war unser erster Kommentator – sind jedes Mal eine Bereicherung. Und dann macht er auch noch Radio und Kindergeschichten und noch vieles andere mehr… Umso schöner, dass er bei all dem noch Zeit für diesen Text gefunden hat. Hier also ist

„God If I Saw Her Now“ von Anthony Phillips (1977) von Christian Gailus

Kaum jemand kennt Anthony Phillips. Dabei war sein Einfluss auf die musikalische Entwicklung von Genesis enorm. Während der frühen Jahre, in denen sich die Band formierte und ihre ersten beiden Alben einspielte, war Phillips so etwas wie der heimliche Bandleader. Und als er 1970 wegen seines Lampenfiebers ausschied, dachten die übrigen Mitglieder eine Zeitlang ans Aufhören – so sehr prägten Phillips´ musikalische Ideen den Sound der Band.

Gut, dass Genesis weitermachten.

Und gut, dass Phillips weitermachte. Wenn sein erstes Album auch erst 1977 erscheinen sollte. Seitdem verging allerdings kaum ein Jahr, in dem er nicht mindestens ein Album veröffentlichte, meist als Soloprojekte, manchmal in Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Bis heute hat Anthony Phillips 34 Alben herausgebracht.

Begonnen hatte mein Interesse an seiner Musik Anfang der achtziger Jahre, als Phil Collins seine Solokarriere startete. Durch meine älteren Geschwister hatte ich schon früh Genesis kennengelernt, und vor allem ihr Live-Album „Seconds Out“ hatte es mir angetan. Zu „Supper’s Ready“ trommelte ich die Bongos, später machte ich einen Film zum Song.

Durch Collins Solopfade wurde ich auch auf die Projekte der übrigen Genesis-Mitglieder aufmerksam: Steve Hackett mit „Voyage of the Acolyte“, Tony Banks mit „The Fugitive“, Mike Rutherford mit „Smallcreep’s Day“. Auf letzterem Album begegnete mir der Name Anthony Phillips wieder, den ich schon vom Genesisalbum „Trespass“ her kannte. Neugierig geworden machte ich mich auf die Suche und hielt schließlich in einem Plattenladen in der Hamburger Innenstadt das erste Soloalbum von AP in der Hand: „The Geese and the Ghost“. Mit dabei: Mike Rutherford, Phil Collins und John Hackett (Bruder von Phillips-Nachfolger Steve Hackett). Dass die Genesis-Mitglieder sich musikalisch wie in einer großen Familie gegenseitig unterstützten, fand ich ungeheuer sympathisch – stamme ich doch selbst aus einer großen Familie.

Die Musik des Albums sprengte so ziemlich alles, was ich bis dahin gehört hatte und eröffnete mir einen neuen Soundhorizont. Was da zu hören war, ließ sich musikalisch kaum einordnen. Rock war es schon mal nicht. Anklänge von Klassik waren herauszuhören, ein bisschen Mike Oldfield und ein bisschen etwas, dass sich wie B-Seiten unveröffentlichter Genesis-Singles anhörte. Nur eins war klar: Kommerziell ausgerichtet war die Musik nicht. Später las ich, dass auch die Plattenfirma ihre Schwierigkeiten mit dem Album hatte, das mit seinen unkonventionellen Sounds in der gerade anbrechenden Punkwelle wirkte, wie ein alter Viermaster zwischen schnittigen Rennbooten.

Die beiden farbenprächtigen Lang-Stücke „Henry: Portraits from Tudor Times“ und „The Geese and the Ghost“ wurden von schlichten Vokal- oder Pianostücken eingerahmt. Und vor allem das zurückhaltende „God If I Saw Her Now“ mit seinem melancholischen Unterton wurde einige Zeit mein treuer Begleiter.

Der spröde Dialog zweier Liebender, von denen der eine seiner verflossenen Liebe nachtrauert, korrespondiert mit einem zarten Gitarrenspiel, das in einer lauter werdenden Phrase aufwallt, um schließlich in sich zusammenzufallen und am Ende gleichmütig dort weiterzumachen, wo es begonnen hat.
Schlicht – und wunderschön.

Es gibt Tonfolgen, die mir die Tränen in die Augen treiben: Manche Stücke von Ralph Vaughan-Williams oder der dritte Satz der Vierten Sinfonie von Sibelius zum Beispiel. „God if I saw her now“ gehört auch dazu. Warum? Vielleicht, weil in der undramatischen Komposition ein Stück Lebenserinnerung verborgen liegt: Ein Teil meines Lebens, dessen emotionale Komponente sich mit den Noten des Stückes verbunden hat und sich beim Spielen der Melodie in meinem Kopf neu entfaltet. Musik als Konservator gelebter Emotionen. Gibt es ein schöneres Kompliment für einen Künstler?

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich muss zugeben: Bis gestern hatte ich den Namen Anthony Phillips noch nie gehört. Und ich muss auch zugeben: Wenn Du mir bei einem Treffen den Kontext erzählt hättest, ich wäre skeptisch geblieben. Vermutlich wären vor meinem geistigen Ohr die Sünden seiner früheren Mitstreiter abgelaufen („One More Night“, „Invisible Touch“, „All I Need Is A Miracle“) und die Angelegenheit wäre für mich erledigt gewesen. Ein Hoch auf musikalische Vorurteile!

    Jetzt muss ich sagen: Das wäre schade gewesen. Denn „God If I Saw Her Now“ ist ein toller Song. Ich kann sehr gut verstehen, dass Dir die Tonfolgen die Tränen in die Augen treiben.

    Was mich besonders beeindruckt: Der Song klingt gar nicht so, als hätte er schon 37 Jahre auf dem Buckel. Wenn ich ihn so höre mit Songs, die mir die Tränen in die Augen treiben – „Because Of Toledo“, „Let’s Go Out Tonight“, „Kissing You“, „If You Could Read My Mind“, „Sea Song“ – fügt er sich dort beinahe nahtlos ein.

    Viele Gründe also, sich künftig mal näher mit Anthony Phillips zu befassen. Wenn Du noch weitere Anspieltipps hast – dann ruhig her damit.

  2. Vielen Dank, lieber Christian – das ist wirklich eine wunderbare musikalische Perle, die Du uns hier präsentiert hast. Und ich kann Michael komplett recht geben: Beim Wort Genesis blinken bei mir immer alle Alarmglocken und ich sehe verliebte Spießer-Pärchen in ihren 3er Golfs irgendwo auf der Autobahn zwischen Hildesheim und Kassel düsen…

    Doch das war alles, bevor ich Deinen Text gelesen habe. Jetzt bin ich gewillt, mich demnächst mal dem Frühwerk der Herren zu nähern. 

    Mit dem Satz „Musik als Konservator gelebter Emotionen“ hast Du im Übrigen komplett den Geist von „100 Songs“ zusammengefasst – genauso läuft das hier ja inzwischen Woche für Woche. Auch wenn wir beide es vielleicht noch nicht vermocht haben, diesen Spirit in fünf Worten zusammen zu fassen 🙂

    Und nun möchte ich noch kurz erzählen, was „God If I Saw Her Now“ in den ersten 35 Sekunden bei mir ausgelöst hat. Ich renne nämlich seit drei Tagen mit einem Ohrwurm herum. Genauer gesagt mit einem Ohrwurm-Fragment: Vier Töne, deren Abfolge ich nur hinbekomme, wenn ich mich ausdrücklich NICHT konzentriere. Und sobald ich versuche, in den Schubladen meines Pop-Hirnlappens nach einer Textzeile zu suchen, kommt überhaupt nichts mehr. Wer sowas schon mal erlebt hat, weiß, wie weh das tut.

    Jedenfalls erinnerte mich etwas im Anfangsgesang an einen ziemlich alten Hit – gesungen vielleicht von einer Kinder- oder Frauenstimme. Vor ein paar Stunden hatte ich dann die Worte „Loving“ und „Me“ im Ohr – wobei ich immer wieder bei Aloe Blacc’s „Loving You is Killing Me“ landete. Was aber total falsch war und mich auf eine komplett andere Melodie führte.

    Dann tippte ich „You“ statt „Me“ ein und – wunderbare Google-Welt – fand mich plötzlich bei Minnie Riperton wieder. Einer der meistgesampelten Soulsängerinnen der 70er Jahre, wie ich erfuhr. Und ja, sie war es – plötzlich klang dieser Song in meine Ohren und erlöste mich von einem beinahe drei Tage anhaltenden Ohrwurm-Sample-Digger-Martyrium. 

    Könnt Ihr verstehen, wie ich von Anthony Phillips zu Minnie Riperton kam? Auch wenn die beiden zwei Jahre, ein Atlantischer Ozean und völlig unterschiedliche Genres trennen?

    Übrigens stehe ich jetzt „nur“ noch vor der Frage, wo ich dieses Sample kürzlich gehört habe. Alle einschlägigen Datenbanken verweisen auf ältere Produktionen, die es nicht sein können. Wenn ihr irgendwas aus den letzten drei bis vier Jahren kennt oder sonstige sachdienliche Hinweise habt, dann wendet Euch bitte an diesen Blog Eures Vertrauens oder die nächste Pop-Polizeidienststelle.

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