47/100: Quadrophonia

Quadrophonia (1991)

Im September 1991 hatte sich das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir halbwegs normalisiert. Ich hatte einen Studienplatz und auch schon eine Unterkunft sicher. Mein Elternhaus war mittlerweile zwar nicht mehr durchgängig bewohnt, aber meine Eltern kamen regelmäßig dorthin, damit wir uns austauschen konnten. Und weil alles weitgehend entspannt lief, kam es dazu, dass ich doch noch mal einen Türkei-Urlaub mit meinen Eltern verbracht habe. Den nutzte ich, um fünf Jahre nach meinem letzten Besuch wieder mal ins Dokus Bocuk zu fahren. Auch dieser Disco-Abend sollte nicht folgenlos bleiben.

Als meine Verwandten in der Türkei mich zu Gesicht bekamen, waren sie doch etwas schockiert. Zurecht: In meiner Clique trug man inzwischen die Haare lang – ich also auch. Dazu T-Shirts von Frontline Assembly und Revolting Cocks, meine Karl-May-Lektüre hatte ich gegen Stefan Austs „Die Rote Armee Fraktion“ ausgetauscht.

Auch musikalisch war bei mir durch Bekanntschaften beim Bund und das Fiz Oblon nichts mehr wie es noch bei meinem letzten Urlaub 1986 gewesen war. Und so war es eher Nostalgie als aufrichtiges Interesse, als ich an einem Abend entschied, mal wieder ins Dokus Bucuk zu fahren. Meine Erwartungen wurden bestätigt: Mit meinem Auftreten und meiner Kleidung fiel ich doch ganz gut aus der Rolle. Um mich herum waren alle adrett angezogen, akkurat frisiert und die Herren ordentlich rasiert. Der DJ machte seine Sache technisch einwandfrei, konnte mich mit den Sommerhits von 1991 natürlich nicht begeistern. Zu gediegen, zu brav, zu geleckt – von Nine Inch Nails und Ministry oder zumindest Lenny Kravitz war das Programm des Abends Lichtjahre entfernt.

Und so tat ich auch noch möglichst gelangweilt, als sich der Hit des Abends ankündigte. Signalisiert wurde er durch Nebel und auffälliges Licht, akustisch begleitet von drolligen Piepsern und einem hochgepitchten Hiphop-Beat mit House-Bassdrum. Und dann, ja dann, kam das Break – dieses schräge Orchester-Sample.

Darauf war ich nicht vorbereitet, geschweige denn, dass ich vorher jemals etwas Vergleichbares gehört hatte. Um mich herum gingen die Leute total ab. Und auch ich fand Gefallen an der Energie und der für diesen Rahmen doch überraschenden Aggressivität des Tracks. Mit Acid House, meiner letzten Berührung mit Discomusik, hatte das nicht mehr viel zu tun. Das hier klang anders, härter, elektronischer, düsterer. Es war etwas Neues.

Neugierig bin ich die Tage drauf immer wieder mal ins Dokus Bucuk gefahren, um das Stück zu hören. Ich habe nie dazu getanzt – zwischen den ganzen gepflegten Menschen wäre ich mir komisch vorgekommen. Aber ich habe den Song förmlich in mich aufgesogen. Leider bekam ich nicht raus, wie er hieß und von wem er war und fuhr ohne diese Wissenslücke schließen zu können wieder heim.

Es dauerte nicht lange, bis ich vergleichbare Musik auch in Osnabrück zu hören bekam. Und sie hatte auch schon einen Namen bekommen: Techno. Oder Tekno. Oder für die ganz Harten: Tekkkkno. T99 oder Altern8 drehten die Orchestersample-Idee weiter, die Pet Shop Boys griffen dies auf, U96 lief im Radio. Sogar in Osnabrück wurden Raves organisiert, für die Westbam in einer Mehrzweckhalle gebucht wurde. Snap wurden mit „Rhythm Is A Dancer“ für uns salonfähig, so begeistert waren einige meiner Freunde und ich. Parallel entdeckte ich LFO, die mich mit ihrem gleichnamigen Stück aus den Socken hauten. Für mich war klar: Hier hatte eine neue Ära begonnen. Auch in der Musikproduktion. Nichts von dem, was ich hörte, hätte ich mit dem mir bis dahin bekannten Instrumentarien reproduzieren können. Hier waren ganz neue Dinge am Start.

Und so entwickelten ich parallel zu meiner Fiz-Oblon-Indie-Identität eine zweite: die des Techno-Fans, der zu ihm völlig unbekannten Stücken stundenlang tanzte – inmitten von Menschen in Daniel-Poole-Klamotten oder Bauarbeiter-Dress. Erstaunlicherweise kriegte ich das alles ganz gut unter einen Hut: Freitags und Samstag verrenkte ich mir mit Headbangen im Fiz den Nacken, um dann sonntags im Osnabrücker Hyde Park zwischen BWLern und Juristen zu Opus III und The Shamen weitgehend zivilisiert zu tanzen.

quadrophoniaKurze Zeit später konnte ich das Rätsel um den bemerkenswerten Song aus dem Sommer 1991 lösen. Eine Bekannte aus dem Fiz hatte mir eine Kassette mitgegeben, die ich mit irgendwas überspielen sollte. Als das Tape bei mir im Auto rumlag, wollte ich wissen was drauf war und legte es neugierig ein. Irgendwann setzte dieser Beat ein, dann das Orchester-Sample… es war tatsächlich der Song aus der Türkei. Mit einem Blick auf die Kassettenhülle fand ich heraus: Es ist „Quadrophonia“ von Quadrophonia.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Zu Quadrophonia kann ich wirklich wenig sagen, außer dass ich beim anklicken gleich an U96 denken musste, aber sonst: totale Unkenntnis. Wozu ich aber was sagen kann, sind Urlaubsdisco-Erlebnisse. Und zu den Techno-Anfängen. Außerdem erzähle ich gleich mal was über zwei Herzen in einer Brust. Aber der Reihe nach.

    Wenn ich mich an das Jahr 1991 zurückerinnere, dann ist da bei mir musikalisch nicht ultraviel hängen geblieben: Im Radio liefen R.E.M. und Bryan Adams rauf und runter, bei MTV gaben sich die Scorpions und Nirvana die Klinke in die Hand und nach 22 Uhr lief dort Madonna. Auf den Parties, die ich damals besuchte, liefen diese Charthits harmonisch nebeneinander, in den Pop-Discos, die ich als 16-Jähriger besuchte, donnerten C+C Music Factory und Color Me Badd. Rückblickend bin ich nicht so stolz auf diese Phase – andererseits war ich gerade auch mit anderen Dingen beschäftigt: Mit meiner ersten längeren Beziehung, die gerade ins erste Jahr ging.

    Musikalisch war also Kuschel-Mainstream angesagt und vielleicht hätte man sagen können, dass ich meine Musik-Ideale wegen einer Frau verraten hätte – so ich denn solche Ideale gehabt hätte. Nach meiner Reggae-Phase hatte ich ein halbes Jahr zuvor über den Schulchor Christopher kennengelernt, der mich mich Hardrock und Heavy Metal vertraut gemacht hatte. Doch außer der Kassette mit den „Metal Ballads“ eignete sich wenig davon als Soundtrack der jungen Liebe. Und weil ich meine Zeit zunehmend lieber mit K. als mit den Dudes verbrachte, verlor sich der Drang nach einer Form der musikalischen Selbstfindung zunächst. 

    Und so kam es, dass wir von 1991 an zwar alle zwei Wochen mit irgendwelchen Pärchen oder verständnisvollen Solo-Kumpels tanzen gingen, aber meist das weite suchten, als gegen Mitternacht oder um Punkt 1 Uhr der Techno-Teil des Abends eingeläutet wurde. Am Tanzrand des „Society“ sah man dann kurz vorher schon die Bauwesten-Träger mit ihren Schweißerbrillen und Trillerpfeifen mit den Füßen scharren. Und mit dem ersten Techno-Beat drängten sie sich in den Pulk und machten sich breit, wie man das vielleicht von Pogo-Tänzern in einem Punkschuppen kennt. Doch für uns mit unseren weißen Levi’s Jeans, den sauberen Chuck’s und den Chevignon-Shirts war das definitiv nichts. Zwei, drei Songs lang ließ ich mir das dann noch gefallen – aber dann war Schluss.

    Von den Sommerdisco-Erlebnissen in Kreta und Frankreich habe ich ja bereits mal erzählt, aber ich habe tatsächlich auch die türkische Variante erlebt. Direkt nach dem Abitur flogen K. und ich 1994 an die türkische Riviera – irgendwo zwischen Side und Alanya in ein 5-Sterne-Hotel. Türkische 5-Sterne, wohlgemerkt. Denn diese zwei Pauschal-Urlaubs-Wochen hatten nichts mit einem gemütlichen Frühstück im Hyatt oder Hilton zu tun: Das war ganz krasser Proll-Tourismus. Ich hatte überhaupt keinen Bock und wäre lieber in die USA gereist, aber K. und ich hörten gerne auf ihre Mum und die hatte gerade von einer Kollegin gehört, wie toll es dort sein sollte und preiswert das im Vergleich zu Griechenland und Frankreich wäre – also ging es mit Öger-Tours an diesen Teil des Mittelmeeres. Ich mach es kurz: Ein neugebautes Strandhotel zur Hauptreisezeit voll mit deutschen Familien und kaum Menschen in der relevanten Altersgruppe von 18 bis 22. Jeden Abend Pool-Programm: Folklore-Tänze, Zaubershow oder ähnliches und ab 21 Uhr Disco. Wobei das diese Art von Disco war, in die Eltern ihre ganz jungen Kids bis etwa 23 Uhr abschoben, um Ruhe zu haben. Danach füllte es sich mit alleinreisenden blonden Damen, die Lust auf ein Gigolo-Abenteuer hatten. Und genau dort lief jene Mischung aus Eurodance und Soft-Techno, zu der sich amüsiert wurde. Sorry Türkei, aber so bist Du mir in Erinnerung geblieben.

    Das Schlimme daran war: Techno war ja eigentlich ziemlich cool. Selbst wir Yuppie-Teenies in Zehlendorf hatten das mitbekommen und so machte ich mich zwischen 1993 und 1996 ein Dutzend Mal auf, um quasi das Epizentrum der Kultur zu erleben: Das Magische Dreieck zwischen „Tresor“, „E-Werk“ und „Bunker“. Ein paar Male sogar in Begleitung von K., die dem ganzen Schmutz und der Kelleratmosphäre aber nie viel abgewinnen konnte. Und so blieben wir selten länger als bis drei Uhr morgens – und meistens waren sie oder wir beide total nüchtern, weil wir ja mit dem Auto eine halbe Stunde zurück in den Südwesten eiern mussten.

    Diese Techno-Erlebnisse fand ich immer faszinierend, aber ich hätte das nicht dauernd haben müssen, zumal die Musik für mich immer Null Wiedererkennungswert hatte. Doch mir gefielen die Kultur und der Style: Es sah wirklich so aus, wie im „Prinz“ abgebildet: KEINE Bauarbeiter-Westen-Trottel aus dem Brandenburger Umland, sondern ein paar Szene-Typen mit coolen Stüssy-Klamotten und Tarnhosen, ein paar hübsche, meist leicht bekleidete Frauen, ein paar Ultra-Gay-Paradiesvögel, ein paar volltätowierte und gepiercte Glatzköpfe und mitten drin wir. Sofern man an der Tür vorbei gekommen war (was auch nicht jedes Mal passierte, was wiederum ja dann für ein paar Wochen einen großen Hass auf den entsprechenden Laden schürte, bevor man seinen Stolz ablegte und sich ein paar Monate später halt doch wieder dort anstellte). 

    Jedenfalls unterschieden sich der Ton und die Atmosphäre dort sehr von meiner Hauptmusikliebe – dem HipHop. Meinem Kumpel Mik musste ich gar nicht erzählen, dass ich im Tresor gewesen war – das konnte er überhaupt nicht nachvollziehen. Zumindest, wenn nicht oben im Club Rare Grooves oder HipHop aufgelegt wurden. Und auch wenn ich es nicht verschwieg, so versteckte ich es meist – und natürlich zog ich mir etwas andere Klamotten an. Denn sooo tolerant waren die Raver dann ja auch nicht, dass sie mich mit meiner American-Sonstwas-Sportleague-Kopf-bis-Fuß-Verkleidung von Starter reingelassen hätten.

    So war ich in erster Linie Rap-Fan, wollte aber auch an der blühenden Berliner Party-Kultur teilhaben. Ich besuchte ein paar Mal die Love Parade, ich tanzte in ihren Clubs – aber wenn ich ehrlich war, war ich eher ein Tourist. Denn die andere Seite – dieses 36-Stunden-Durchtanzen auf E interessierte mich überhaupt nicht. Wenn ich schon mal saufen ging, dann tat ich das in einem privateren Umfeld. Doch in öffentlichem Raum die Kontrolle zu verlieren, hatte wenig Reiz für mich. Das ist nur ein paar Mal passiert.

    Diese Sache mit den zwei Herzen wiederholte sich später übrigens immer wieder mal – mit wechselnden Genres und Szenen. Ich habe erst vor ein paar Jahren meinen Frieden damit gemacht und gelernt, dass man nicht schizophren sein muss, weil man mehr als einen Musikstil liebt. Und das ist auch gut so.

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