46/100: Paninaro

Pet Shop Boys (1986)

Ich bin nie ein Fußball-Fan gewesen. Sportübertragungen interessieren mich generell nicht und auch meine drei, vier Stadionbesuche haben mich nicht bekehren können. Doch ich respektiere die Supporter-Kulturen sehr, denn sie erinnern mich an mein eigenes Pop-Fantum. Wenn man als junger Mensch sein Herz an einen Artist verloren hat und ihm über Jahre hinweg folgt, ist man geneigt, alles super zu finden. Und immer irgendwo etwas Gutes in seiner Musik, seinem Artwork oder der Attitüde zu entdecken. Und man geht mit dem Künstler durch dick und dünn. Und dünn kann man manchmal sehr unschön sein.

Seit Tagen frage ich mich, wie ich mich diesem Song am Besten nähere. Dabei hatte ich die B-Seite der „Suburbia“-Maxi seit Beginn unseres Blogs fest eingeplant. Denn für meinen Geschmack wurde „Paninaro“ viel zu selten gewürdigt: Für mich ist es der Schlüssel zum Kunst-Verständnis der Pet Shop Boys. Ich meine, die beiden haben seit bald 30 Jahren (!) ihre Finger immer am Puls der Zeit und sind gleichzeitig ihrer Peer Group einen oder mehrere Gedanken-Schritte voraus. Während die meisten ihrer Wegbegleiter aus den Anfangstagen völlig weg vom Fenster sind (siehe Spandau Ballett, Curiosity Killed the Cat, Eigth Wonder, Duran Duran oder The Cure), haben sich Chris und Neil behaupten können. Ihr Sound ist unverkennbar und die zahlreichen Hits sprechen für sich. Neil Tennant baut in seine Texte immer wieder hochintellektuelle Textverweise ein, genauso wie popkulturelle Referenzen. Beide überhört man schnell, weil ihre Melodien so einprägsam sind und vieles überdecken. Auch ihren Humor – und der ist very British sophisticated. Die Pet Shop Boys sind ein Puzzle, an dessen kontinuierlicher Zusammensetzung ich seit den 80er Jahren viel Spaß habe. Schnitt.


Pet Shop Boys – Paninaro von zocomoro

Im vergangenen Sommer hatten wir ein Gastfeature von Dirk Duske, der sich auch zu den Pet Shop Boys bekannt hat. Und natürlich weiß ich, dass auch Du sie gerne hörst. Deshalb wirst Du verstehen, wie schlimm es war, als ich im September 2013 Neil und Chris beim „Berlin Festival“ total verkacken sah. Das Publikum des Festivals ist sehr heterogen und die Headliner so divers, wie Popkultur eben sein kann. Stell Dir also vor, Du stehst mit ein paar Tausend Indie-, Electro-, Techno-, Britpop-, Artpop- und Rapfans vor einer riesigen Open Air Bühne und freust Dich auf den Auftritt einer Deiner Lieblingsbands. Du bist geflasht, weil sie das Bühnenbild eines Festivals geschickt für ihre bildstarke Inszenierung nutzen: Es gibt Tänzer, tolle Animationen und zwei gut gelaunte Stars. Sie starten mit ihrer aktuellsten Single „Axis“, dann folgt „One More Chance“ aus dem Jahr 1987 und darauf gleich „Opportunities“, eines meiner absoluten Lieblingslieder. Die Stimmung ist gut, ich mache ein paar Fotos aus verschiedenen Perspektiven.

Wo ich auch lang gehe, höre ich gleichgesinnte Fans mitsingen. Dann knackt es aus den Lautsprechern. Kein Problem, die Show geht weiter. Eine Minute später rauscht es noch einmal, gleich darauf ein drittes und viertes Mal. Die Pet Shop Boys verlassen die Bühne und die Tänzer übernehmen den Rest des Songs. Auf der von T-Mobile gesponserten Twitter-Wand erscheinen die ersten höhnischen Kommentare. Was ist da los? Dann kommen die Pet Shop Boys zurück und spielen „I wouldn’t normally do this kind of thing“. Botschaft verstanden: Na klar, ihr seid nicht schuld. Die Trottel vom Berlin Festival haben die Anlage nicht unter Kontrolle.

Sie spielen „Suburbia“ und im zweiten Refrain geht das Knacken wieder los – gefühlt im 30-Sekunden-Takt. Doch Chris und Neil ziehen ihre Show weiter durch. Die Twitter-Wand erlebt einen kleinen Shitstorm und ich ahne, dass die Zuhörer recht haben: Die Playback-Tonträger müssen fehlerhaft sein, der Soundcheck war offenbar mehr als schlampig. Doch ich bleibe eisern: Ich will es ihnen einfach nicht negativ ankreiden. Es sind immerhin die Pet Shop Boys! Aber wenn ich ehrlich bin, ist es in diesen Momenten sehr hart, ein Fan zu bleiben. Doch zum Glück geht es auch anders. Schnitt.

Ein Sauna-Ruheraum in der norddeutschen Kleinstadt Verden an der Aller im Jahr 2002. Solche Spa-Bereiche sind mir eigentlich zuwider. Ich weiß nie, wie ich mich an einem öffentlich Ort unter Zeitdruck entspannen soll. Lustlos blättere ich durch eine ältere Ausgabe des „Spiegel“. Im Kulturteil spricht Neil Tennant über sein aktuelles Album „Release“. Du weißt schon, das Album mit dem irrsinnigen U-Bahn-Ratten-Video von Wolfgang Tilmanns. Ein gutes Interview: Eines führt zum anderen und schon entwickelt sich ein wunderbares Pop-Gespräch über Neils Idole, Referenzen und den Spaß am Dichten. Er erläutert sein Pop-Verständnis anhand der Zeile „Che Guevara and Debussy to a Disco Beat“ im Song „Left to my Own Devices“. Den Song kenne ich in- und auswendig, aber diese Zeile war mir in ihrer Großartigkeit irgendwie entgangen. Ich bin angefixt und will neue Songs diggen. Schnitt.

Ein Jahr später ergatterte ich einen begehrten Reporter-Job, der mich vier, fünf Mal im Jahr nach London führt. Jedes Mal verbringe ich den Feierabend in einer der vielen HMV-Filialen und durchstöbere die Discount-Regale. „5 CDs for £20“ – solchen Angeboten kann ich nicht widerstehen.

Und so landen nach und nach zahlreiche PSB-Alben bei mir im Regal. Darunter die B-Seiten Compilation „Alternative“ von 1995. Normalerweise interessieren mich B-Seiten weniger: Es hat meist einen Grund, warum die Verantwortlichen meinen, dem entsprechenden Titel keine eigene Single zu widmen. Aber bei den Pet Shop Boys ist das anders. Ich fühle mich wie ein Pop-Messi: Ich will alles haben und hören und nach Wortspielen durchforsten. Es gibt so viel zu entdecken: ganz egal in welcher Reihenfolge ich mich durch ihren Back-Katalog oder ihre aktuellen Alben höre. Im Booklet von „Alternative“ ist ein Gespräch abgedruckt, in dem die beiden Briten Geschichten zu jedem einzelnen Song erzählen.

Die Paninari sind eine ultra-stylische Jugend-Subkultur, von der die Pet Shop Boys 1986 bei einem Mailand-Besuch fasziniert wurden. Erkennungsmerkmale: bunte Ski-Jacken von Moncler und Bootsschuhe von Timberland. Eitle Gecken, deren Götter Armani und Cinque heißen und die sich in Sandwich-Restaurants – den sogenannten Panini-Bars treffen – denen sie ihren den Namen verdanken. Schnitt.

2004 lande ich beruflich in Cagliari. Im Süden von Sardinien wird dem Heiligen Ephesius gedacht: ein Riesenfest mit einer langen Prozession durch die Stadt. Überhaupt nicht mein Thema, zumal ich kein italienisch spreche. Doch der Job muss gemacht werden.

Am nächsten Morgen warte ich eine halbe Stunde auf mein Kamerateam. Italien. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Dann kommen sie angebraust und sind sichtlich schlecht gelaunt: Arbeiten am 1. Mai und dann noch zu so einer Uhrzeit. Wir fahren zur Kirche auf den Berg, packen unser Equipment aus. Was mir dabei auffällt: Trotz der sommerlichen Temperaturen haben die beiden Italiener ihre Hosenbeine in hohe Militärstiefel gesteckt. Komischer Style. Ich selber trage hellblaue Wildleder-Sneaker von adidas und beige Chinos.

Wir drehen, wie die Ephesius-Statue geschmückt wird. Dann kämpfen wir uns langsam durch die Massen und interviewen die Besucher des Festes: Überall stehen Mädchen mit Körben voller Rosenblätter. Es ist laut und heiß. Zurück an der Kirche stehen mehrere Ochsenkarren, die die Reliquien durch die Altstadt von Cagliari bis runter zum Hafen ziehen sollen.

Es geht los, die Menschen jubeln und werfen Rosenblätter. Doch die Ochsen sind nervös. Sie bekommen Durchfall. Sehr viel Durchfall. Es scheint, als wäre die gesamte Altstadt mit einem Film aus Ochsen-Dünnpfiff planiert. Darüber streuen die Mädchen ihre Rosenblätter, doch das hilft nur wenig. Es wird sogar eher sehr rutschig durch die Rosenblätter. Jetzt weiß ich, warum meine italienischen Kollegen sich so robust angezogen haben. Ich folge ihnen hinterher in Richtung Hafen und stapfe durch den Ochsen-Durchfall. Nach zwei Stunden sehen meine Klamotten so aus, dass ich sie nie wieder anziehen möchte. Doch immerhin ist der Film im Kasten.

Zurück am Auto, entscheiden die beiden, dass es Zeit für ein zweites Frühstück ist. Doch vorher ziehen sie sich auf dem Parkplatz um: Der Kameramann schlüpft in eine elegante Leinenhose und Bootsschuhe, der Tonmann zieht sich schneeweiße Armani-Sneaker an. Mit meinen Dreckbotten will er mich aber nicht in seinen Kombi lassen, das kann ich sogar verstehen. Also kaufe ich mir an einem Kiosk ein paar Flip Flops und krempele meine Hosenbeine hoch, bis man fast nix mehr sieht.

Wir fahren zu einem Café am Rathaus, bestellen Espressi und diese wunderbaren Hörnchen mit Vanillecreme, die man warm essen muss. Plötzlich ist die Stimmung total gelöst, die beiden sind wie ausgewechselt. Sie plaudern und diskutieren wie in einem Pasta-Werbespot und als ich so am Tresen lehne und endlich auch etwas durchatmen kann, läuft im Radio – genau! – dieses Lied. Und mein Kameramann sagt: „Do you know this song? It was a big hit in Italy in the 80ies…“

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Nach den Smiths und „Halleluja“ kommst Du mir mit den Pet Shop Boys also auch zuvor. Ich finde das aber gar nicht schlimm. Denn obwohl mir von Anfang an klar war, dass ich die Pet Shop Boys featuren wollte, habe ich mich auch 13 Monate nach unserem Blog-Start noch nicht auf einen Song festlegen können. Zwischendurch hatte ich sogar an Deinen Massive-Töne-Kunstgriff gedacht und erwogen, gleich mehrere Songs in ein Posting zu packen. Aber ich war mir nicht sicher, ob Du bei vier bis fünf Songs noch kulant gewesen wärst… Jetzt kann ich meine Unentschlossenheit in diesem Kommentar ausleben – besser hätte es nicht kommen können.

    Denn ich fand die Pet Shop Boys gut, seitdem ich zum ersten Mal „West End Girls“ im Radio gehört habe. Im Nachhinein kann ich gar nicht mehr genau sagen, welche Version das war – ob die Originalversion mit Bobby Orlando oder die Neuaufnahme von 1986. Spielt auch keine Rolle mehr:  Mein Interesse war da. Zunächst nur für die Musik. Erst nach und nach eröffnete sich mir auch der popkulturelle Horizont, auf den Neil Tennant und Chris Lowe immer wieder verweisen.

    Es gab so viele tolle Momente seitdem. Zugegeben: In fast 30 Jahren gab es natürlich auch ein paar Enttäuschungen – etwa „Yes“ oder „Together“. Aber gerade das vergangene Jahr hat viel dazu beigetragen, dass ich die Pet Shop Boys so großartig finde, wie schon lange nicht mehr.

    Ich könnte mich also nur schwer auf einen Song, einen Moment, eine Geschichte beschränken. Das muss ich hier jetzt ja auch nicht mehr, sondern kann jetzt hier aus dem Vollen schöpfen.


    1986
    Einer meiner besten Freunde will in den Osterferien seinen 16. Geburtstag feiern. Im Partykeller eines Klassenkameraden. Mitten in der Woche. Ich weiß nicht, was meine Eltern dazu bewogen hat, aber unter der Voraussetzung, dass ich nachts nicht allein mit dem Rad nach Hause fahre, erlauben sie mir bis 1.30 Uhr morgens zu wegzubleiben. Es war nicht schwer, noch jemanden zu finden, der mich auf dem Nachhauseweg begleiten wollte.
    Der Abend war auf mehrfache Weise bemerkenswert: Ich durfte so lange weg bleiben, wie nie. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben O-Saft mit Blue Curacao getrunken. Ich wurde Fan der Pet Shop Boys. Denn einer der Gäste brachte die Single von „Love Comes Quickly“ als Gastgeschenk mit. Zunächst aus Höflichkeit legten wir die Platte auf, auch die B-Seite. „That’s My Impression“ wurde der Hit des Abends. In regelmäßigen Abständen spielten wir den Song ab, jedes Mal war die Tanzfläche voll. Am nächsten Tag kaufte ich mir die Maxi von „Love Comes Quickly“ – die erste von unzähligen PSB-12-Singles, die sich mittlerweile in meinem Plattenregal versammeln.


    1995

    Mein London-Jahr als Assistant-Teacher geht zu Ende. Die Ankündigung, dass ein Konzert der Pet Shop Boys im Radio ausgestrahlt werden soll, lässt mich zuhause bleiben. Ich kannte Tennant/Lowe bis dahin nur von Studio-Aufnahmen und hatte keine Ahnung, wie sie ein Konzert gestalten würden. Ich war sehr gespannt, wie sie klingen und ihre Songs arrangieren würden. Schon mit den ersten Sekunden von „Live in Rio“ war ich begeistert: „Lights! Models! Guest list! Just do your best, darling!“ eröffnete ein Einspieler aus „Absolutely Faboulous“ den Abend, der nur aus Höhepunkten zu bestehen schien. Das Latin-inspirierte „Domino Dancing“ weit vorne in der Setlist lässt das brasilianische Publikum schon zu Beginn des Konzerts ausrasten. „Suburbia“ wird nur mit Akustik-Gitarre begleitet. „Paninaro“ kommt in einer ganz neuen Version (die ein Jahr später als Single zu „Alternative“ erscheint). Von „It’s A Sin“, „Left To My Own Devices“ und „Go West“ ganz zu schweigen. Und dann covern die Pet Shop Boys auch noch „Girls & Boys“ von Blur, das sie zuvor schon remixt haben. Ich lag auf dem Boden meines kleinen Zimmers vor dem Transistorradio, das mir mein Vermieter ausgeliehen hatte, und war hin und weg.

    2000
    Ich gehe auf mein erstes Pet Shop Boys-Konzert. Ich hatte viel erwartet. Meine Erwartungen wurden aber noch übertroffen. Denn nicht nur, dass Neil Tennant und Chris Lowe viele meiner Lieblingssongs in tollen Versionen spielten. Nicht nur, dass mir die Show gut gefiel. Irgend etwas in mir macht Klick, so dass ich auf einmal Brechts Theatertheorie in dem Auftritt wiederfand. „Betrachtung statt Identifikation, weg von der Illusion des herkömmlichen Rockkonzerts hin zu kritischer Distanz. Eine Hitrevue ganz im Brechtschen Sinne also“, behauptete ich später und meinte zahlreiche Verbindungen zu dem Lehrstoff zu finden, die mich im Studium begleitet hatten. Universitäre Inhalte in meiner Realität wiederzufinden – im Gegensatz zu Dir hatte ich so etwas nicht allzu oft.

    2002
    Was haben wir nicht alle über „Release“ gerätselt. Ein Pet Shop Boys-Album mit Gitarre? Ein Video mit Mäusen? Konzerte mit einer Begleit-Band? Wie konnte das gut gehen? Aber „Home & Dry“ beruhigte uns alle. Ein großartiger Pop-Song, der zwar ungewohnt daher kam, aber wie gewohnt wirkte. Ich weiß noch genau, wie ich ihn in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 2002 gehört habe. Ich stand in einem Krankenhaus in Köln und füllte den Anmeldebogen aus. Bei meiner Frau hatten die Wehen eingesetzt, Schwestern und Pfleger bereiteten alles für die Geburt vor. Ich war natürlich aufgeregt. „Home & Dry“ in diesem Moment zu hören, wirkte beruhigend auf mich. Ich nahm mir vor, diesen Moment nicht mehr zu vergessen.


    2010

    Ich entdecke „Catalogue“ im Angebot bei Thalia und verbringe Stunden damit, mir die Erläuterungen zu den Designs aller Veröffentlichung von 1985 bis 2005 durchzulesen.


    2013

    Da muss ich einfach nur aus dem Interlude über die Sommerhits 2013 zitieren:
    Es gibt aber einen Song, bei dem ich bei 40 Grad im Schatten Gänsehaut bekomme. Der sich ganz wunderbar zum lauten Hören bei offenem Autofenster eignet. Der so wunderbar authentisch positiv daherkommt. Den ich mit Bergpanoramen, Sonnenblumen und vielen glücklichen Momenten zwischen Bonn und Montalfoglio verbinde. Und das ist „Vocal“ von den Pet Shop Boys. Aus diesen Gründen ernenne ich den Song zu meinem Sommerhit des Jahres 2013.

    Vielleicht kannst Du verstehen, wie schwer ich mich damit tue, mir einen Song für den Blog auszusuchen. Wie gesagt, ich bin froh, diese Dilemma auf diese Weise lösen zu können. Und wenn es so weiter geht mit Neil Tennant und Chris Lowe, kann ich diese Aufzählung in den kommenden Jahren problemlos fortführen.

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