Gastfeature: Big Country

Heute gibt es einen ganz besonderen Text: Meine geliebte Frau Teresa schreibt über einen ihrer Lieblingssongs und ich war sehr gespannt darauf, was sie wie erzählen würde. Es ist mir eine doppelte Freude: Zum Einen, weil ich die Geschichten so noch nicht gehört hatte und zum Anderen, weil sowohl Michaels als auch meine Familie diejenigen sind, die unseren Blog-Wahn hier Sonntag für Sonntag ausbaden müssen. Ich kann natürlich nur für mich hier sprechen, aber Teresa hat mich immer wieder bei der Umsetzung von 100songs.de auf vielen Ebenen unterstützt. Sie ist technisch viel gewitzter als ich und weiß, wie HTML-Codes funktionieren. Sie hat alle meine langen Ausschweifungen ertragen und mich korrigiert, wo es nur ging. Und nicht zuletzt hat sie mir an vielen Sonntagen den Rücken frei gehalten (abwaschen, kochen, mit Wauwi rausgehen), damit ich wieder über einem neuen Song brüten konnte. Tausend Dank noch mal – jetzt aber Bühne frei für:

„In a Big Country“ (1983) von Big Country von Teresa

Vielen Dank an Michael und Mikko, dass ihr mich hier als Gastfeature aufgenommen habt.

Beim Lesen vieler eurer Nummern habe ich selber gedacht: Stimmt, so ging es mir auch als… Aber kein Song ist wie der andere und keine Geschichte bleibt die gleiche, wenn eine andere Stimme sie erzählt. Die Geschichte meines Songs ist tatsächlich schon lange vorbei, und hätte ich sie damals erzählt, wäre sie wahrscheinlich Stoff für eine neue BBC-Serie gewesen.

Es war 1986. Draußen tobte der Pop und in mir die Hormone. Als einzige Tochter eines Berufssoldaten war ich in meinem Leben schon öfter umgezogen als viele in ihrem ganzen Leben. Meine Eltern – beide aus der Generation „Flüchtlingskinder“ – hatten damit keine Probleme gehabt. Und Problem wäre jetzt auch nicht das richtige Wort, um zu beschreiben, was die Rastlosigkeit und der Mangel an Verbundenheit mit einem Ort in meiner Seele für Behelfskonstrukte erschaffen hatten.

Zu dieser Zeit hatte es uns in die niedersächsische Provinz verschlagen. Das Land war flach, der Horizont weit, doch die meisten Menschen dort hatten sich geistig nicht großartig über die Stadtmauern hinaus bewegt. Man kann sagen, dass ich mich doch irgendwie „anders“ fühlte, auch wenn ich damals noch nicht hätte sagen können, wie oder warum.

Es war das Jahr, in dem auch „Die Reise ins Labyrinth“ in die Kinos kam. Einer der Filme, die ich so oft in unserem Kino gesehen hatte, dass ich zum Schluss den Eintritt mit meinen allerletzten Groschen und wahrscheinlich sogar mit Fünf-Pfennig-Stücken bezahlt hatte. Man könnte sagen: Da war eine tiefe Sehnsucht in mir. Und die Hormone waren es nicht alleine, auch wenn ich etwas später ein großer Bewunderer von David „King Jared“ Bowie wurde, was ich bis heute auch geblieben bin.

Und dann kam zwischen all den Samantha Foxes und Modern Talking eine Band in mein Blickfeld: Big Country mit ihrer Single „Look Away“, und einem hachjairgendwieromantischen Video, wie ich damals fand. Die Story des Musikvideos, die Stimme der grandiosen Kate Bush im Hintergrund und Stuart natürlich, der Sänger und Leadgitarrist, das alles fachte ein erstes kleines Flämmchen an. Ich hörte das ganze Album durch und fand es fantastisch. In den deutschen Pubertistenmedien waren Big Country leider nicht ganz so gut vertreten, so dass ich einige Anstrengungen unternahm, um mir die „Smash Hits“ in die Provinz zu holen. Das war ein nicht unkritisches Musikmagazin aus England, bei dem tatsächlich lange Zeit ein gewisser Neil Tennant als Redaktionsassistent arbeitete, bis dessen Musikkarriere derart ausartete, dass für die Zeitschrift keine Zeit mehr blieb.

Jedenfalls war ich gründlich in meiner Begeisterung, recherchierte, was ich konnte, und bestellte die beiden Vorgängeralben von Big Country beim lokalen Musikladen. Und jawoll, ich war stolz darauf, meine Musik nicht aus den weißen Plattenkästen einfach rausziehen zu können. So wie das meine Schulfreundinnen mit ihren Chris de Burghs und Depeche Mode machten.

Da war die Musik, Gitarre und Bass und Schlagzeug. Und Stuarts Stimme, die immer klang, als müsse er die ganze Welt wachrütteln. Die Band kam aus Schottland. Ich suchte den örtlichen Buchladen auf und fand tatsächlich einen Bildband über die Highlands. Da stand ich blätternd und – Wuusch! – war aus dem Flämmchen ein munteres Lagerfeuer geworden, an dem ich so manches Mal zusammen mit Connor MacLeod die Schönheit dieses Landes bewunderte. Musikalisch kickte mich allerdings eher das Frühwerk der Band, das noch lecker nach Stuarts Punk-Anfängen mit den Skids schmeckte.

Ich lernte noch mehr, denn ich hatte angefangen, mit den Musik-Freaks unserer Schule rumzuhängen. Stuarts Gitarre klang tatsächlich wie Dudelsäcke, und er spielte seine Melodien auf drei statt auf den bei Pop-Bands üblichen zwei Saiten. Außerdem versicherte mir unser Chef-Musikfaschist Sven bewundernd, dass Drummer Mark Brzezicki sich beim Konzert in der Hamburger „Großen Freiheit“ nur zweimal verspielt habe. Mark war ein wunderbar netter Mensch: Einige Jahre später traf ich ihn nach einem Big Country Konzert in einer Bremer Hotelbar. Zu dieser Zeit gaben sich die besten Drummer der Welt beim globalen „Superdrumming“-Projekt ein Stelldichein – und er war mit dabei.

Das waren allerdings alles nur Peanuts, verglichen mit dem, was Stuarts Texte in mir auslösten. Besonders „In a Big Country“ von ihrem ersten Album „The Crossing“. Das Album produziert Steve Lilywithe übrigens zwischen dem Debütalbum von U2s „Boys“und „Sparkle in the Rain“ von den Simple Minds. Gerade der richtige Klang für Stuarts Texte.

Mit den Bildern von Schottland vor Augen wurde mir klar, was es heißen musste, eine Heimat zu haben. Einen Ort, wo dich die Menschen kennen. Einen Ort, den du hast leben sehen. Wo du weißt, was hinter jeder Hecke steckt, weil du schon da warst, als sie gepflanzt wurde. Ich habe es mir wirklich gewünscht, eine Heimat zu haben. Echte Freunde zu haben, die bleiben. Ich habe bis heute Probleme damit, mich emotional wirklich zu binden.

Es ließe sich noch einiges sagen zu diesem Song. Zum Beispiel, dass ich mit meinem damals noch mäßigen Schulenglisch bei MTV in London in der Sendung des großartigen Ray Cokes anrief, um mir dieses Lied zu wünschen. Dass ich Stuart, Bruce, Tony und Mark einen Kuchen gebacken habe. Dass irgendwo auf dem Dachboden meiner Eltern noch ein Brief von Stuart liegt, in dem er sich für sein Geburtstagsgeschenk bedankt. (Ich hatte ihm einen Schal gestrickt, weil er an seinem Geburtstag bei uns im kalten Norden spielen musste.) Ich habe den Brief leider nie wiedergefunden. Oder dass meine erste große Liebe Stuart verdammt ähnlich sah…

In seiner Heimat war Stuart ein Held. Schon das erste Album von Big Country gab den Soundtrack für den entzückenden schottischen Independentfilm „Restless Natives“.

I’m not expecting to grow flowers in the desert,
But I can live and breathe and see the sun in wintertime.

Stuart Adamson war sicherlich einer dieser getriebenen Künstler, wie ich sie immer nenne. Einer, der nicht anders kann, weil seine Seele eigentlich nicht komplett ist.

And in a big country, dreams stay with you, like a lover’s voice, fires the mountainside…
Stay alive…

2001 fand man ihn in seinem Hotelzimmer in Hawaii – er hatte sich erhängt. Rest in peace. Ich fürchte, er hat nie gefunden, wonach er gesucht hat. Da habe ich es besser.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die bewegende Geschichte, die mich an vielen Stellen berührt hat. Ganz vorneweg natürlich das Happy End, das Du für Dich gefunden hast.

    Dann ist da „Look Away“, das auch mein erster Berührungspunkt mit Big Country war. Ich habe mit 16 sogar die Maxi von „One Great Thing“ gekauft, um „Look Away“ im Plattenregal stehen zu haben – wenn auch in einer nicht ganz so tollen Version. Ich habe bis heute keine Ahnung, wovon „Look Away“ eigentlich handelt. Aber das ist letztendlich auch egal. Denn der Song hat ja auch so etwas, auf das ich – wie Du – angesprungen bin. Melodie, Stimme, Stimmung… Das passte.

    Zumindest kurzfristig: Denn im Gegensatz zu Dir hat „Look Away“ bei mir keine „Folgen“ gehabt. Vielleicht, weil ich mit 15 bereits an einem Ort wohnte, wo mich die Menschen kannten. Weil der Ort so klein war, dass man einfach jeden kennen musste. Von der Bushaltestelle, vom Schützenfest, vom Fischteich. Wo ich mich aber dank echter Freunde – die mir bis heute geblieben sind – trotzdem irgendwie wohlgefühlt habe. „Home Is Where The Heart Is“ – das ist das, was ich aus dem Leben in der Provinz gelernt habe. Und den Umzügen in den Jahren danach: Ich könnte wahrscheinlich überall leben. Womöglich sogar in Berlin 😉 Vorausgesetzt die Menschen sind bei mir, die mir wichtig sind.

    So wie jetzt… Und dafür bin ich dankbar.

  2. *Liebe Teresa, danke für den tollen Text! Und danke, dass ich endlich jemanden kenne, der auch auf Big Country steht! Ich bin mir nicht mehr hundertprozentig sicher, aber ich glaube, wir haben BC damals noch vor The Seer entdeckt. Und dann haben wir das Konzert im Audimax (an der Uni) in Hamburg gesehen – das war ziemlich cool! Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern. The Seer haben wir uns dann reingezogen, bis uns die Ohren qualmten. Und genauso unaussprechlich wie der Name von Mark Bzrzzezezrzrz… war, empfand ich als mittelmäßig begabter Drummer sein Schlagzeugspiel. Neben Simon Phillips hat mich das am meisten inspiriert. Tolle Zeit war das damals – und ich kann die Unkenrufe, die 80er wären musikmäßig total lahm gewesen, absolut nicht nachvollziehen. Für mich gab es viele Perlen, die ich nicht missen möchte.

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