Interlude: Scooter

Ich finde es relativ unerträglich, wie sich momentan alle etablierten Medien auf das 20-jährige Jubiläum von H.P. Baxxter und Konsorten stürzen. Unerträglich, weil sie es mit ihrer typisch überheblichen Art tun und die aktuelle Tournee entsprechend wie ein Zoologe das Affengehe betrachten.

Natürlich machen Scooter seit zwei Jahrzehnten Kirmes-Techno für die Welt – sie haben selbst auch nie etwas anderes behauptet. Natürlich kann H.P. Baxxter nicht singen und natürlich spielen sie nicht in den etablierten kredibilen House-Clubs des Berliner Nachtlebens. Doch irgendwer muss die 30 Millionen vertickten Tonträger ja gekauft haben. Natürlich hinkt eine Argumentation FÜR einen Künstler immer dann, wenn man sie mit monetärem Erfolg belegen muss. Das will ich deshalb überhaupt nicht tun.

Ich finde aber Scooters herangehensweise an das Motto „Dauerparty“ beispiellos und hochinteressant. Und sehr effektiv. Denn wer in den letzten fünf Jahren irgendein Interview mit H.P. Baxxter gelesen oder gesehen hat, wird einen reflektierten, gebildeten Ostfriesen erlebt haben, der genau weiß, was er tut. Der viel Ahnung von aktuellen Club-Sounds hat, sich weltgewandt artikuliert (immerhin ein angegangenes Jura-Studium) – und trotzdem sympathisch bescheiden rüberkommt. Diesem Mann gönne ich seinen Erfolg sehr gerne.

Scooters Musik wird meist dann gespielt, wenn der Pegel einer Party so weit fortgeschritten ist, dass keiner mehr Angst hat, sich zu blamieren, wenn es aus den Boxen dröhnt: Döp-Döp-Döp Döppö-Döp-Döp-Döp. Oder wenn die Leute anfangen, hysterisch kichernd zusammenhanglos „Hyper Hyper“, „How much is the Fish“ oder „Respect to man in the ice-cream van“ zu rufen. Und ich rede nicht vom Provinz-Proletariat, sondern von der Berliner Medien-Bohème mit Hochschulabschluss. Ich nehme mich tatsächlich nicht aus und bekenne gerne, Zuhause im Regal die „Hyper Hyper“-Maxi mit einem WOM-Preisschild von 1994 dran zu besitzen. Ich hätte sie schon oft wegschmeißen können, aber dafür fand ich es immer zu lustig. Scooter machen ihre Sache eben sehr gut – und oft genug frage ich mich, woher ich jetzt eigentlich diese oder jene Melodie noch mal kenne.

Wer jetzt immer noch nicht überzeugt ist, dass Scooter besser sind als ihr Ruf, kann ja mal zumindest in dieses Video reinschauen: Selbstironisch agieren sie mit den Protagonisten der niederländischen Proll-Comedy „New Kids“ – einer Art „Flodders“ des neuen Milleniums. Und wenn Du es schon nicht ganz ansehen willst, dann halte bitte wenigstens bis Minute 1:16 durch. So ein selbstironisches Gag-Level habe ich bei den coolen Artists selten erlebt.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe glaube ich noch nie einen Scooter-Song bis zu Ende gehört. Das tut meist wirklich weh, weil es in seiner Energie und seiner Haltung so volle Pulle rüberkommt. Ich habe aber relativ schnell gelernt zu trennen –   zwischen den Songs und den Typen. Scooter waren vor vielen, vielen Jahren (vermutlich 1998) mal bei Stefan Raabs Vivasion und haben mich mit ihrer Art total begeistert. Jedenfalls  viel mehr als mit „Hyper Hyper“ oder so. Sie waren lustig, zugänglich und scheinen musikalisch dieselbe Sozialisation durchlebt zu haben wie ich.

    Seitdem mag ich die Band – aber nicht immer die Musik. Das muss ich auch nicht. Sie sind halt, wie sie sind.

    Und erst letztens noch hat mich H P Baxxter beeindruckt, als er beim Quatsch Comedy Club in eine Stand-Up-Karaoke-Nummer reingerutscht ist. Er musste mittelmäßige Witze vortragen und machte mittendrin deutlich: „Na gut, das ist jetzt nicht von mir…“ Hat mir gefallen, macht die Musik jetzt aber auch nicht erträglicher. Aber 20 Jahre Hardcore zeigen, dass es auf mich nicht wirklich ankommt.

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