45/100: Stigmata (live)

Ministry (1990)

thermos1Geschichte kann so grausam sein. Da packst du nur das wichtigste in eine Tasche, lässt dein Haus, deine Freunde und den Großteil deiner Familie hinter dir und siehst zu, dass du es in die BRD schaffst. Und zwei Wochen später fällt die Mauer. Kein Wunder, dass mein Kollege Hans, der tragische Last-Minute-Flüchtling aus Gera, ständig frustriert und schlecht gelaunt war. Sein Pech: Ich war es auch. Und ich brauchte ein Opfer. Dringend. Hans mit seiner permanenten Nörgelei und seinem nervigen Gejammer kam mir da gerade recht.

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

Ich hatte meinen Rhythmus gefunden: Ich musste 42 Mal “Fuck” im Takt von „Stigmata“ vor mich hin sagen, dann konnte ich das Gitter öffnen und zwei weitere Rasenmäher-Reifen aus der Maschine pellen. Anschließend zog ich das Gitter, das mich vor aufeinander zufahrenden Metall-Bolzen und heißen Plastiktropfen schützen sollte, wieder vor die Gussform und die Einspritzdüse und zählte erneut die Sekunden.

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

Zwei weitere Reifen waren fertig.

Schlimmer als frühes Aufstehen
Ich hasste den Job in der Plastikfabrik. Nicht nur, dass es total öde war, acht Stunden lang das Gitter vor und zurück zu schieben und Rasenmäher-Reifen in eine Gitterbox zu packen. Es stank zudem abartig nach dem Plastikgranulat, das in der Maschine zuerst geschmolzen und dann mit hohem Druck in die Gussformen gepresst wurde. Zu allem Überfluss musste ich auch noch jeden Morgen um 4.50 Uhr aufstehen, um rechtzeitig zum Schichtbeginn an der Maschine zu stehen.

Aber am schlimmsten war Hans.

Hans war eigentlich nur der Fahrer der Fabrik, der meine mit Gummireifen gefüllten Gitterboxen zu einer Rasenmäher-Fabrik brachte. Er hatte nichts zu sagen – tat es aber trotzdem. Die ganze Zeit. Kaum war mit seinem entleerten Bulli wieder zurück an der Laderampe, drehte er seine Runden zwischen den Maschinen und kackte uns Auf- und Zuschieber an: Wir sollten die Gitterbox gefälligst schnell voll machen, er wolle schließlich wieder los. Und weil ich auch wollte, dass er wieder fährt, machte ich eben schneller. Bis er endlich weg war, nervte er aber ununterbrochen weiter. Er schimpfte über alles Mögliche: über uns, das Wetter, den Verkehr… Es gab nichts, an dem er nichts auszusetzen gehabt hätte. Er war unerträglich. Außer wenn er mit der Produktionsleiterin und dem Vorarbeiter quatschte – da war er auf einmal nett. Der Schleimer machte mich rasend.

Auch als ich erfuhr, welche im Grunde genommen tragische Flucht-Geschichte Hans mit sich rumtrug wurde ich nicht nachsichtiger. In einer Frühstückspause erzählte mir Jürgen, der wie ich von 5.45 bis 14 Uhr das Gitter an einer Maschine auf und zu schob, dass Hans aus Gera geflohen sei. Wohl unter dramatischen Umständen. Er hätte es in der DDR nicht mehr ausgehalten und wollte unbedingt in den Westen. In einer Nacht- und Nebelaktion sei er nur mit dem Nötigsten aufgebrochen, hätte eine gute Stelle, ein schönes Zuhause und viele Freunde schweren Herzens hinter sich gelassen, um in Freiheit leben zu können. Und keine zwei Wochen später sei die Mauer gefallen. Das hätte Hans aber nicht mehr geholfen – Wohnung und Job in Gera waren schon futsch, er hätte im Westen wieder bei null anfangen müssen.

Warteschleife ohne Ende
Sein Pech, dachte ich. Denn auch ich fühlte mich auf dem Nullpunkt. Seit einem Dreivierteljahr war ich in einer Warteschleife gefangen, die kein erkennbares Ende hatte. Nach dem Bund wollte ich eigentlich studieren, mein Abi-Durchschnitt ließ das aber nicht ohne Weiteres zu. Die Wartesemester wollte ich zuhause mit ein wenig Jobben überbrücken, flog aber hochkant bei der gut zahlenden Fahrradfabrik raus. Dass es Ärger geben würde, wenn ich unentschuldigt fehle, war abzusehen. Aber gleich rauswerfen? Das kam überraschend und schmerzte. Nicht, dass mir die Arbeit am Fließband, wo ich im Akkord Vorderreifen in Fahrräder einsetzen musste, Spaß gemacht hatte. Aber mit 15 Mark die Stunde war sie weit besser bezahlt als der Scheiß mit den Rasenmäher-Reifen. Für den gab es nur zehn Mark. Aber auf die Schnelle hatte ich nichts Anderes gefunden.

Mein Frust setzte aber nicht erst um 5.45 Uhr ein. Schon der erste Blick auf den Wecker ließ mich gleich nach dem Aufwachen wütend werden. 4.50 Uhr. Eine 4 vorne auf der Digitalanzeige – wie beschissen ist das denn? Ich schlurfte durch mein leer stehendes Elternhaus, um die am Abend zuvor vorbereitete Kaffeemaschine und Radio ffn einzuschalten. Auch hier kein Trost: Während ich schlecht gelaunt mein Nutellabrot mit den Zähnen zermalmte, lief Michael Boltons „Love Is A Wonderful Thing“. Was wusste der denn schon? Der konnte froh sein, dass er mir nicht über den Weg lief. Oder es kamen Berichte über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, die mich mindestens genau so wütend machten wie der Dreck von Michael Bolton.

Um 5.38 Uhr stellte ich meinen Benz auf dem Fabrikparkplatz ab, um 5.39 Uhr stempelte ich meine Karte. Anschließend noch Jacke und Rucksack in den Frühstücksraum bringen und dann die Nachtschicht an der Maschine ablösen.

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

„Mach schneller, ich will los.“

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fu

„Die Düse ist verstopft.“

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

„Du kannst auch gar nichts, oder?“

Ministry als Blitzableiter
Das Fatale war: Ich konnte mich nicht mal auf den Feierabend freuen. Wenn ich um 14 Uhr endlich die nach geschmolzenem Plastik stinkende Halle verlassen konnte, war da nichts, das auf mich wartete. Meine Eltern lebten inzwischen woanders. Meine Freunde studierten Dinge, die ihnen Spaß machten. Viel Geld, um den Frust mit nutzlosen, aber schicken Dingen zu kompensieren, blieb mir auch nicht. Und wenn meine Freunde in der Woche noch was trinken gehen wollten, winkte ich dankend ab, weil ich wusste, dass der Wecker um 4.50 Uhr klingeln würde. Ein frisch gebrochenes Herz wirkte auf diese ganze beschissene Situation wie ein Katalysator, der meine Wut auf die Welt permanent anheizte.

Als Blitzableiter dienten mir Ministry. Ihr Live-Album „In Case You Didn’t Feel Like Showing Up“ lief zum Entsetzen meiner Beifahrer ständig in meinem Auto. Oder in meinem Kopf, wenn ich an der Maschine stand. „Burning Inside“ und „Thieves“ sorgten dafür, dass meine Wut immer auf einem guten Level blieb. Und „Stigmata“ mit seinem apokalyptischen Ende (ab Minute 6:34) klang genau so, wie ich mich fühlte.

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

„Los jetzt.“

Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

„Beeil Dich doch endlich.“ Hans war wieder ungeduldig. Er stürmte auf mich zu und riss mir die beiden noch warmen Rasenmäher-Reifen aus den Händen. Dabei rempelte er mich an – der Zündfunke für eine Kettenreaktion. Irgendwas in meinem Bauch fing an zu glühen. Es fühlte sich heißer an als der Bauch der Maschine, die neben mir das Plastikgranulat einschmolz. „Sag mal, tickst Du noch ganz sauber?“ Ich stand kurz davor, ihm etwas anzutun. Hans nahm das nicht wahr oder er ignorierte es. Er zog meine nicht mal halbvolle Gitterbox auf einem Hubwagen hinter sich her Richtung Laderampe. Ich hingegen stand wie angewurzelt vor meiner Maschine und kochte fast über. Jetzt einfach weiterzuarbeiten war mir nicht möglich.

Ich musste mich abreagieren. Jemandem etwas antun.

Unter irgendeinem Vorwand fragte ich Jürgen, ob er kurz auf meine Maschine aufpassen könnte und stürmte aus der Halle. Es gab nur einen Weg, den ich nehmen konnte – in den Frühstücksraum. Vielleicht was trinken. Oder in ein Brot beißen. Oder…

thermos2Auf dem Tisch stand Hans‘ Thermoskanne. Ich warf einen Blick über meine Schulter, es war niemand in der Nähe. Um die Zeit waren alle an ihren Maschinen. Ich schraubte die Thermoskanne auf und betrachtete für einen Moment, wie der Dampf des heißen Kaffees aus der Öffnung aufstieg.

Dann sammelte ich in meinem Mund Spucke.

So viel, wie es mir innerhalb weniger Sekunden möglich war.

Als sich mein Mund richtig voll anfühlte, ließ ich die Spucke in einem langen Faden langsam in Hans Thermoskanne tropfen. Vorsichtig, damit auch wirklich alles in die Öffnung ging und nicht am Rand herunterlief und womöglich Spuren hinterließ. Als mein Mund leer war, blickte ich wieder in die Öffnung. Mein Spucke trieb wie ein weicher Schaum auf dem Kaffee. Ich schraubte die Kanne wieder zu und schüttelte sie ein wenig, damit sich Kaffee und Körperflüssigkeit vermischten. Dann ging ich möglichst unauffällig zurück an meine Maschine.

Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes. Yes.

Anderthalb Stunden später kam Hans zurück. Wie immer ging er in den Frühstücksraum, um sich vor seiner nächsten Tour zu stärken. Dieses eine Mal wollte ich dabei sein, wenn er im Frühstücksraum schlechte Stimmung verbreitete. Ich bat Jürgen, während meiner Frühstückspause auch meine Maschine zu bedienen.

Schmeckt man Spucke raus?
Da saß er. Feist und speckig an seinem Stammplatz im Frühstücksraum. Zwischen Produktionsleiterin und Vorabeiter. Wieder über irgendwas lamentierend. Ich nahm meinen Rucksack vom Kleiderhaken an der Wand und setzte mich stumm ihm gegenüber. Seine Kanne war noch zu, er zerkaute noch eine Stulle. Angefeuchtete Krümel flogen durch den Raum, während er beim Essen schimpfte. Zwischen zwei Bissen schraubte er endlich die Kanne auf und goss sich Kaffee in seine Tasse. Er trank nicht gleich – dafür war ihm der Kaffee offenbar noch zu heiß. Stattdessen aß und quatschte er gleichzeitig. Den letzten Bissen noch im Mund griff er nach seiner Tasse, führte sie zum Mund und nahm den ersten Schluck. Würde er etwas schmecken?

Zunächst spülte er seinen Mund aus, ließ die Flüssigkeit von einer Wange in die andere wandern – um dann Brotkrümel und Kaffee in eins runterzuschlucken. Den Rest der Tasse leerte er anschließend auf ex.

Das war’s.

Ich war so zufrieden. So entspannt. So glücklich. Zum ersten Mal seit Monaten. Ich musste ein breites Grinsen unterdrücken, als ich ihm auch noch die zweite Tasse Kaffee in den Mund schaute. Kurz darauf packte ich meinen Kram zusammen und ging wieder zurück an die Maschine. Erleichtert. Aufgeräumt. Auch dann noch, als Hans erneut durch die Halle lief, um nach vollen Gitterboxen zu schreien. Ich stellte mir vor, wie meine Spucke in seinem dicken Bauch hin und her schwappte und ließ ihn einfach machen.

Als ich um 14.02 Uhr ins Auto stieg und Ministry gleich nach der Motorenzündung im Tape-Deck mit ihren Hass-Hymnen loslegten, fühlte ich mich richtig gut. Statt ins leere Haus fuhr ich zum City Grill in die Stadt. Bei Pommes und Cola ließ ich den Triumph nachwirken. Ein guter Tag. Endlich mal wieder.

Ich erhob mein Glas zu einem imaginären Gegenüber. Na dann: Prost, Hans. Auf Dich.

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  2. Diese Gefühle kennt ja wohl jeder, der nicht von Beruf Sohn oder Tochter ist. Ich habe in meinem Leben schon so viele Scheiß-Jobs gemacht, dass ich erstmal eine Weile überlegen musste, mit welcher Phase meines Lebens ich antworte. Ich habe mich für das Jahr 1998 entschieden, genauer gesagt für den Frühling jenen Jahres. 

    Ich hatte gerade meine Abschlussprüfung bei der IHK hinter mich gebracht und damit den letzten Tag als Bank-Azubi überstanden. Da auch ich in dieser Zeit an gebrochenem Herzen litt, fiel mir der Abschied aus den zugegeben stabilen Strukturen noch leichter als gedacht. Der Liebeskummer überwog. Ich lieh mir einen Wanderrucksack, löste alle Ersparnisse auf und buchte einen Flug nach New York – um dort fast alles auf den Kopf zu hauen. Das dauerte nur drei Wochen, dann war ich wieder in Berlin. 

    Blieben mir noch zwei Monate Überbrückungszeit zum Studium. Ich spielte mit dem Gedanken an einen Job, aber da ich noch bei meinen Eltern wohnte, pressierte es nicht so dringlich, wie wenn ich hätte Miete zahlen und den Kühlschrank auffüllen müssen.

    Doch je näher mein Studienbeginn rückte, desto brutaler leerte sich mein Kontostand. Es musste was passieren. Doch was?

    Ich stand vor einem Dilemma: Nach zwei Jahren im täglichen Umgang mit Dagobert-Duck-Krawattenträgern hatte mir vorgenommen, nur noch Jobs zu suchen, auf die ich Bock hatte. In einem Streetwear-Laden wurde ich als zu spießig empfunden, da ich mir für die Bewerbung ein Hemd und Timberland-Segelschuhe angezogen hatte (irgendwie hatte ich ja immer noch das Gefühl, dass wenn man etwas wollte – zum Beispiel Arbeit – man sich einigermaßen anständig präsentieren sollte). Das war also schon mal nichts.

    Gleich in der ersten Woche begegnete ich Nina, ihres Zeichens Zweitsemester und damit viiiiiiiiiiiiiiiiel weiter in der Studienrealität als ich. Obwohl sie eine arrogante Kuh war und ganz offensichtlich keinen Bock auf ein Gespräch mit einem Freshman hatte, erfuhr ich, dass sie bei Planet Hollywood gearbeitet hatte. Hatte – denn jetzt jobbe sie in irgendeinem Büro.

    Planet Hollywood. Das klang großartig. Ich war Fan dieser Franchise-Kette und hatte mir auf diversen Reisen ein paar Caps und Sammeltassen gekauft: Filiale Washington. Filiale Helsinki. Filiale Bangkok. Filiale New Orleans. Überall hatte ich natürlich auch das überteuerte Essen genossen – so auch in der Berliner Filiale. Speisen bei Arnold, Silvester und Bruce (Willis) – umgeben von überlauten Filmausschnitten, amerikanischen Kellnern und natürlich den tollsten Kino-Devotionalien. Während das Hard Rock Café mit Rock-Opas à la Bono, Mick und Bruce (Springsteen) warb, fühlte ich mich im Kinoland einfach verstandener – auch wenn Menükarte, Konzept und Erfinder identisch waren.

    Also bewarb ich mich – mit meiner von der IHK-attestierten Fähigkeit als Verkäufer – im Souvenirshop und wurde tatsächlich auch eingeladen. Alles hatte extrem locker gewirkt – die Verkäuferin, die meine Bewerbung entgegengenommen hatte, der berlinernde Assistent der Geschäftsleitung mit seiner Surfer-Matte unter der Mütze mit dem Firmenlogo und die lachenden afroamerikanischen Barkeeper ja sowieso.

    Das Bewerbungsgespräch war gleich mit einer Schulung verbunden, die ich zusammen mit zwei anderen Newcomern an einem Sonntagabend besuchte. Vortragende war die Sales-Chefin.

    Diese Frau war der Teufel. Oder zumindest mit ihm verwandt.

    Gleich beim Kennenlernen führte sie vor, wie sie – als Ostdeutsche nun seit acht Jahren bestens mit der freien Marktwirtschaft vertraut – die Vorgaben aus der Konzernzentrale interpretierte. Sie wollte es besser machen als die Erzkapitalisten in Orlando.

    Und so wurde uns das ganze „System Planet Hollywood Merchandise“- entschuldige, wenn ich diese Phrase bemühe – eingetrichtert.

    Das System ging so: Es reichte nicht, hinter dem Tresen zu stehen und den Kunden das gewünschte Kleidungsstück rüber zu reichen. Jedes Mal musste ein weiterer Artikel verkauft werden – vorzugsweise der komplett nutzlose Sammel-Pin. In der Berliner Variante ein vergoldetes Brandenburger Tor. Um das sicher zu stellen würden an jedem Abend beim Kassensturz zwei „Cross-Checks“ gemacht: Wie viele Artikel wurden pro Kunden verkauft (mindestens 2) und wie viel Umsatz wurde durchschnittlich gemacht (mindestens 60 Mark)? 

    Das kam mir komischerweise fair vor, denn mit merkwürdigen Verkaufs-Vorgaben war ich in der Bank bereits in meinem ersten Ausbildungsjahr vertraut gemacht worden. Dann folgte ihr Abschluss-Statement, bevor sie uns die Arbeitsverträge für Aushilfen rüberreichte:

    „Also, wer hier klaut, der fliegt nicht einfach nur raus. Diebe kann ich überhaupt nicht ab. Da kenne ich nichts. Wer meint, dass er hier was einstecken muss, den besuche ich Zuhause mit zusammen mit meinem türkischen Nachbarn, der eine Sportschule betreibt. Ich mache keinen Spaß – ich wohne in Neukölln!“

    Auch wenn mich ein komisches Gefühl beschlich, juckte mich diese Drohung nicht. Ich hatte ja nicht vor, irgendwas einzustecken und fühlte mich nicht angesprochen.

    Drei Tage später begann meine Einarbeitung – natürlich unbezahlt. Zunächst bat ich den Assistenten der Geschäftsleitung, mir statt einem flamingofarbenen Trottel-T-Shirt ein schwarzes Polo-Hemd als Leih-Uniform zu geben. Dafür bekam ich eine Stunde später den ersten Anschiss von der blonden bösen Bürstenschnitt-Chefin.

    Dann stand ich acht Stunden lang hinter dem Tresen, reichte T-Shirts rüber, beriet die Kunden, wie ihnen so eine Größe L in weiß wohl stehen würde und faltete die anderen zwei Ansichts T-Shirts wieder ordentlich zusammen, und zwar in der Art, dass die Kanten von sechs übereinander gestapelten Shirts das Logo ergaben. Dann empfahl ich den Kunden die nutzlosen Pins und packte sie meistens erfolglos zurück in die Vitrine. Die Lederjacke für 800,- Mark interessierte sowieso niemanden.

    Mittags freute ich mich auf das kostenlose Staff-Meal – einen Nudelauflauf, von dem Kellner und Köche ein wenig von den Rändern übrig gelassen hatten. Abends loggte ich mich aus, zählte dann die Kasse durch und machte den Cross-Check: 1,2 Artikel pro Kunde und durchschnittlich 37 Mark. Das Zählen passierte natürlich nicht während der Arbeitszeit: „Das geht schließlich irgendwann alles viel schneller, da können wir Eure Trödeleien nicht mitbezahlen.“

    Als ich mich auf den Weg zur U-Bahn machte, ahnte ich langsam, in welche Richtung die Reise gehen würde. Ich setzte mir meinen Kopfhörer auf und drückte auf meinem Sony-Minidisc-Man „Breathe“ von Prodigy. Augen zu, nicht daran denken, dass ich den ganzen Tag gestanden hatte und bald schlafen gehen. Nach drei unbezahlten Tagen war ich eingearbeitet.

    Ich arbeitete drei Mal pro Woche – davon zwei halbe Schichten und eine ganze. Daneben fing ich an, das Studienleben zu genießen. Doch schon in der dritten Woche wurde die Fahrt zu „Planet Hollywood“ immer unerträglicher, denn die blonde Hexe schien uns für ihre Sklaven zu halten. Am Samstagmorgen fiel eine Bahn aus und ich erschien erst fünf Minuten VOR Schichtbeginn. Sie empfing mich mit den Worten: „Spinnst Du, die anderen Geschäfte haben seit einer Stunde auf, wir öffnen erst um 11 Uhr und Du bist nicht pünktlich?“

    – „Aber ich werde doch sowieso erst in fünf Minuten bezahlt“, entgegnete ich verwirrt. Das war die falsche Antwort – über mich erging eine Flut von Beschimpfungen, ob ich das System nicht kapiert hätte und außerdem seien meine Zahlen ohnehin immer noch weit unter dem Durchschnitt.

    Meine Euphorie für das Konzept „Planet Hollywood“ war verflogen. Das Schlimme war: Ich schien die Rolle des Idioten einzunehmen, denn den Kolleginnen schienen die Verkäufe leichter zu fallen als mir. Jedenfalls schien kein anderer der etwa 25 Verkäufer ähnlichen Ärger zu haben. Wieder hörte ich mir auf der Heimfahrt „Breathe“ an und beschloss, dass ich es mir nicht leisten könnte, den Job zu verlieren. Ich tat, was Keith Flint vorschlug und atmete durch.

    Für den folgenden Sonntagabend war ein Staff-Meeting angesetzt. Ich nenne es in der Erinnerung auch gerne Brainwash-Meeting. Um 20 Uhr versammelten sich alle Verkäufer in einer Art Mini-Atrium, von dessen Existenz ich nichts gewusst hatte. Zuerst wurden die Zahlenvorgaben aus Orlando besprochen, dann der neue Sammel-Pin – mit vergoldeter Siegessäule als Motiv. Dann wurden die besten Sales-Ergebnisse des Monats laut vorgetragen und die Gewinnerinnen nach vorne gebeten. Eine erhielt die Berlin-Tasse, eine andere eines der hässlichen Flamingo-Shirts. Von letzteren hatte ich inzwischen gelernt, dass es sich um die Deluxe-Ladenhüter handelte, weshalb wir alles tun mussten, um deren Bestand täglich zu verringern.

    Dann wurden die schlechtesten des Monats vorgelesen – neben meinem glücklicherweise noch drei andere Namen. Aber es reichte, um sich Elend zu fühlen. 

    Obwohl mich das alles anekelte, nahm ich mir zugleich vor, mich nicht kampflos zu ergeben. Im nächsten Monat würde ich beim Cross-Check ganz oben stehen.

    Die Woche ging lau los, aber am Donnerstag hatte ich Glück: Nacheinander kamen drei russische Touristen rein und ließen sich zum Kauf der Lederjacken verleiten. Es war aber tatsächlich mehr Glück als verkäuferisches Talent, denn ansonsten kamen kaum Kunden in den Laden. Leider interessierte sich keiner der Lederjacken-Käufer für Tassen, Pins oder T-Shirts. Doch immerhin hatte ich meinen Verkaufswert für diese Woche derart gesteigert, dass ich ganz oben auf der Liste stehen würde. Stolz füllte ich abends nach Kassensturz meine Zettel aus und zeigte sie der blonden Bürste.

    Die Antwort war ein Schulterzucken: „Na ja, da hast du halt Glück gehabt.“ Stimmt.

    Dann entdeckte sie den anderen Zettel mit den durchschnittlichen Einkäufen: „Was? Nur 1,7 Artikel pro Kunde? Bei solchen Umsatzzahlen?! Das geht überhaupt nicht!“

    Verunsichert stotterte ich: „Aber die Woche ist doch noch gar nicht rum, ich bin doch auch am Sonntag noch mal da und da kommen doch immer viele Touris, die viel Kleinkram kaufen und dann hebt sich der Schnitt doch wieder automatisch…“. 

    Doch das interessierte sie nicht. Sie drehte sich um und ging raus. Als ich mich umgezogen hatte und den Barkeepern Tschüß sagen wollte, sah ich sie mit ihren beiden Assistenten an der Tür tuscheln und zu mir schauen. Keine Verabschiedung, sondern höhnisches Gelächter. 

    Du kennst sicher diese eine Szene aus High Fidelity? In der den drei Plattennerds um John Cusack der Kragen platzt und sie diesem ekelhaften Surfer-Schönling die Kasse auf den Kopf hauen? Ein ähnlicher Film lief in mir ab, doch ich nahm mich zusammen.

    Auf der Heimfahrt beschloss ich, sofort zu kündigen. Ohne großartige Rache. Ich absolvierte meine letzten drei Schichten und reichte am letzten Tag mein Abschiedsschreiben ein: Nach sechs Wochen. Gleichgültig nahm die Assistentin das Schreiben entgegen und sortierte dann wieder Regale ein.

    Als ich zwei Tage später nach Hause kam, wartete dort ein Brief auf mich: Nicht der Eingang meines Schreibens, sondern meine Kündigung – ausgesprochen von Planet Hollywood. Die Hexe hatte meinen Brief einfach ignoriert und das letzte Wort behalten wollen.

    Nur mit einem spontanen Italien-Urlaub konnte mich meine neue Freundin davon abhalten, dass ich mit laufendem Motor vor dem Laden rumlungerte, um die Bürste beim Rauskommen zu überfahren.

    Immerhin ging die Kette zwei Jahre später fast pleite und die meisten Filialen wurden geschlossen. Das tat mir dann aber nicht mal für Bruce leid.

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