44/100: Gegen den Strom

Such a Surge (1995)

Ich wollte wirklich nicht in der Haut des Tontechnikers stecken, denn diese Typen sahen nicht aus, als ob sie lange fackeln würden. Ihre tätowierten Tränen, so wussten wir aus diversen Musikmagazinen, galten in ihrer kalifornischen Heimat in Compton als eindeutiges Symbol: Gang-Zeichen für einen erledigten Mord. Und trotzdem standen die sechs schwergewichtigen Samoaner an diesem Abend unbehelligt auf der kleinen Konzertbühne in der Braunschweiger Provinz und performten ihren zweiten Song. Leider stimmte der Sound noch immer nicht – und so sah sich Boo-Yaa T.R.I.B.E.-Frontmann Gangxta Ridd genötigt, mit seinem Mikrofon-Ständer auf die linke Box einzudreschen.

Es gibt Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint – der Moment, in dem der Bierbecher aus dem Publikum auf den Gangster-Rapper zuflog und ihn mitten auf seiner volltätowierten Brust traf, gehört definitiv dazu. Zugleich hatte der Abend in diesem Moment eine völlig neue Qualität erreicht. Wutschnaubend wie ein Kampfhund drehte sich der 120-Kilogramm-schwere Gangxta Ridd in die Abwurfrichtung und sprang von der Bühne. In biblischer Zeitlupe teilte sich der Raum. Der niedersächsische Rap-Fan, der eben noch übermütig seine Enttäuschung über den vorzeitigen Konzertabbruch mit einem halbvollen Bierbecher demonstriert hatte, sah ein, dass eben diese Entscheidung eine sehr dumme gewesen war.

Zum Glück machte es nur „Bamm“ und nicht „Boo-Yaa“. Wenn Gangxta Ridd diese spontane Kritik seiner Darbietungskunst nicht mit einem Faustschlag sondern einer Salve aus einer AK-47 quittiert hätte, wäre wohl noch länger über diese Einlage gesprochen worden. Doch für diesen September-Abend reichte es alle mal als Gesprächsstoff. Denn nachdem die Band wieder ins Hotel gefahren worden war, blieben die Konzertbesucher ausnahmslos in einer Mischung aus Schock und Faszination zurück. Faszination, denn so richtig mochte keiner den Idioten mit dem Bierbecher bedauern: Schließlich war er selbst Schuld an seinem nachfolgenden Krankenhaus-Besuch. Außerdem erstattete uns das FBZ zumindest die Hälfte des Eintrittspreises von 23,- Mark zurück.

Der Abend war also jung und keiner wollte so schnell nach Hause gehen. Ich stand im Vorraum der Konzertlocation und unterhielt mich abwechselnd mit den Kollegen aus meinem zweiwöchigen Zivildienst-Seminar und lokalen Sprühern. Mittendrin standen außerdem haufenweise Rapper, die ich dem Namen nach kannte: MC René, Spax sowie die Hälfte der Band Such a Surge. Frontmann Oliver Schneider hatte sich trotz einer miesen Grippe zu dem Konzert geschleppt und kauerte nun kränklich in einer Ecke auf dem Boden, wo ich ihn einfach ansprach. Wir kannten uns flüchtig, denn ein halbes Jahr zuvor hatten wir uns in Berlin kurz unterhalten.

Damals kannte ich Such a Surge von dem Sampler „That’s Real Underground“, den ich im noch spärlichen deutschsprachigen HipHop-Fach bei City Music am Ku’Damm entdeckt hatte. Wobei deutschsprachig nur auf einen Teil der Künstler dieses Samplers zutraf: Such a Surge rappten auf englisch.

Ihr Ansatz gefiel mir auf Anhieb: Zwei Frontmänner, die sich über Gitarrenriffs hinweg gegenseitig Parolen über Suizid, Bullenstaat, Rassismus und Widerstand zuriefen. Vielleicht waren Such a Surge mehr Crossover- als Rap-Band, doch die Attitüde stimmte. Die sechs Braunschweiger versprühten eine gewaltige Energie und ich freute mich, dass ich sie live sehen würde. Dazu noch im Vorprogramm der Ost-Londoner Britcore-Formation Gunshot. Deren Songs kannte ich zwar überhaupt nicht, doch über ihre Mischung aus UK-HipHop und Hardcore hatte ich einiges Gutes gelesen.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass jener Abend im Februar 1994 ein besonders prägender für mich werden sollte: Es war der Moment, in dem ich vom normalen Querbeet-Musikhörer zum aktiven Unterstützer einer Gegenkultur wurde.

In meinem Abi-Jahrgang hatte ich noch zwei andere Rap-Fans ausmachen können. Auch wenn sie andere Ansätze als ich verfolgten. Peter war seit Jahren in der Akkordeon AG aktiv und las gerne Kafka. Er interessierte sich vor allem für die lyrische Seite der neuen deutschen Musikergeneration. Sven war ein erklärter Graffiti-Fan und fuhr mit seinem Fotoapparat regelmäßig die S-Bahn-Strecken ab, um die neuesten Pieces abzulichten. Obwohl wir sonst wenig Gemeinsamkeiten hatten, reichte dies für einen gemeinsamen Besuch im Berliner Club „Marquee“.

Doch nach einem Jahr ging ich immer öfter ohne sie auf Gigs. Denn dieser Abend ist für mich auch deshalb so wichtig, weil es der Beginn meiner aktiven Konzertbesuch-Phase wurde. Hatte ich in den sechs Jahren zuvor vielleicht ein halbes Dutzend Konzerte unter anderem von Michael Jackson, Simply Red und Pink Floyd besucht, so begann an diesem Abend ein Jahrzehnt mit durchschnittlich vier bis sechs Konzerten im Monat. Was mich neben ihrer Musik an den jungen deutschen Bands faszinierte, war die überwiegende Zugänglichkeit und ihre Freude Fans, die Interesse an ihren Songs bekundeten. Mitte der 90er Jahre waren bereits zahlreiche Rap-Acts bei Mini-Labels gesignt und ich konnte viele der Künstler persönlich ansprechen und noch mal nachfragen, wie denn diese oder jene Zeile wohl gemeint war. Oder mich für die gute Unterhaltung auf der Bühne persönlich bedanken.

Und das war wirklich faszinierend: War Kim Wilde im Backstage-Bereich hinter dem Reichstag selbstverständlich unerreichbar gewesen – so saßen Such a Surge abwechselnd neben dem Eingang und verkauften ihr Merchandise. Und sie unterhielten sich mit mir einfach so über textliche Feinheiten des Titelsongs der Maxi „Against the Stream / Gegen den Strom“. Außerdem freuten sie sich auf den Sommer: Denn sobald der zweite Frontmann Hel im Juli sein Abi in der Tasche hatte, sollte die Band in den USA ihr Debütalbum aufnehmen. Finanziert von Sony Music. So wie sie das erzählten, klangen sie wie irgendwelche netten Dudes, die es selber kaum glauben konnten, dass sie „es“ geschafft haben sollten.

Als ich Olli und Hel ein halbes Jahr später nach dem Boo-Yaa T.R.I.B.E.-Fiasko widertraf, freute ich mich sehr. Während sie bei Sony Music unterschrieben hatten, war ich in der Zwischenzeit ebenfalls im Sinne der Underground-Kultur tätig gewesen. Neben meinem Zivildienst hatte ich angefangen, unentgeltlich ein paar Konzert- und Musikrezensionen für ein kleines Fanzine zu schreiben. Dessen Macher war froh, dass sich überhaupt jemand um die deutschen Rapkünstler kümmern wollte. Die meisten anderen Autoren waren eher scharf darauf, die neuesten Maxis einer Formation namens Wu-Tang Clan zu besprechen. Ich hingegen war völlig begeistert von deutschsprachigen Künstlern, die sich Die Coolen Säue, Fresh Familee, Advanced Chemistry oder Rödelheim Hartreim Projekt nannten. Doch eine bedeutende Hürde zum „echten“ Musikjournalisten lag noch vor mir: Mein erstes Interview.

Als mir der kränkelnde Olli im Braunschweiger FBZ also von den erfolgreichen Aufnahmen zum Such a Surge-Debütalbum „Under Pressure“ erzählte, beschloss ich, mein Glück zu versuchen: Ich fragte ihn nach einem Interview und wir vereinbarten einen Anruf in den nächsten Tagen. Wenn ich heute, im Zeitalter von Sozialen Medien und Skype, daran zurückdenke, muss ich wirklich schmunzeln, wie unschuldig das alles ablief.

Olli hatte mir die Nummer eines Jugendzentrums gegeben, in dem er als Sozialarbeiter tätig war. Ohne zu wissen, ob sich mein Fanzine überhaupt für dieses Interview interessieren würde, rief ich dort an. Von einer Telefonzelle des Zivi-Wohnheims aus. Ich fragte vorsichtig nach dem Musiker Crash, der dort vermutlich als Olli bekannt war. Sein Kollege schmunzelte durch den Hörer und sagte, dass dieser krank sei. Er habe aber eine Nachricht für einen Berliner hinterlassen und wenn ich das sei, solle ich in der Folgewoche am Dienstagnachmittag einfach vorbei kommen. Ja, der Berliner war ich schon mal – jetzt musste ich nur noch ein funktionsfähiges Diktiergerät auftreiben.

Zum Glück besaß mein Vater einen kleinen Kassettenrekorder mit Mikrofon, den ich auf meiner Heimfahrt nach Berlin am Wochenende einsteckte. Zusammen mit einem 70er Jahre-Stadtplan von Braunschweig. Doch dummerweise hatte ich keine richtige Adresse des Jugendzentrums. Ich wusste nur, dass es im Braunschweiger Westen lag. Und noch einmal dort anzurufen und genau nachzufragen hielt ich für unprofessionell.

Stattdessen lieh ich mir im Zivi-Heim ein Fahrrad und radelte einfach los nach Braunschweig-West. In der Gegend, in der ich glaubte, fündig zu werden, befragte ich Passanten nach einem Jugendzentrum. Irgendwann landete ich vor einem unscheinbaren Klinker-Bau in einer Wohnsiedlung stand. Ich klingelte und wurde von einer Horde türkischer Migranten-Kids in Empfang genommen. Zuerst beäugten sie mich argwöhnisch, um dann jubelnd auf den Hof zu rennen und zu rufen: „Olli, Olli, da ist jemand von einer Zeitung für Dich!“ Und dann stand er vor mir, schüttelte mir die Hand und führte mich zu einer Stuhlgruppe neben den Tischtennisplatten.

Nervös packte ich mein Aufnahmegerät aus. Ich war zwar vorbereitet, aber nicht so sicher, ob das ausreichte: Als Quellenstudium dienten mir lediglich zwei Schnippsel aus Fanzines, die Liner Notes des Samplers sowie zwei Plattenhüllen. Das musste jetzt eben für ein Gespräch reichen. Außerdem war ich einfach neugierig. Ich stellte mir vor, dass ich ihn jetzt einfach mal alles fragen könnte, was mir halt so in meinen Kopf gekommen war, als ich seine Musik gehört hatte.

Einen Vorteil hatte diese „offizielle“ Interview-Situation nämlich. Ich kam mir nicht mehr so wie ein rumlungernder Über-Fan vor, der sich dem Künstler aufdrängelte, sondern wie ein Mann mit einer Mission. Deshalb fühlte es sich gut an, ihn ohne Scham auszufragen: Darüber, wie es nun mit der Band weiterging, nachdem er in den USA gewesen war. Und wie ihm andere deutsche Musiker gefielen. Wo er diese schicke Baseball-Mütze her hatte. Ob ihm als Indie-Act wegen der Unterzeichnung bei einem Major Label nun der Vorwurf des Sellouts drohte. Es wurde ein langes Gespräch und am Ende reichte meine Leerkassette nicht ganz aus. Seine letzten Antworten musste ich mir auf einem Block notieren. Dann machte ich ein paar Fotos mit meiner Pocket-Kamera und radelte zurück ins Zivi-Heim.

Zurück in Berlin tippte ich zwei Nachmittage lang das Gespräch mit einer alten Schreibmaschine ab und faxte den Text an das Fanzine. Dort erschien er ein halbes Jahr später – kurz vor dem Release des Albums.

Als „Under Pressure“ dann auf Platz 42 der deutschen Charts einstieg, war das eine große Sache: Die Provinzband aus Braunschweig tourte nun durch Europa und bespielte die großen Festivalbühnen. Und ich saß – auch ein wenig stolz auf mich – vor dem Fernseher und sah mir bei VIVA Interviews und im WDR Konzertausschnitte mit Such a Surge an. Und wünschte diesen hervorragenden Dudes allen Erfolg und alles Glück der Welt.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich vermute, Such A Surge könnten problemlos einen Blog füllen, in dem sie nahezu unglaubliche Konzerterlebnisse zusammentragen. Deine Geschichte mit dem Boo-Yaa T.R.I.B.E wäre sicher darin zu finden. Und die Intro-Party am 1. Mai 1994 in Osnabrück vielleicht auch. Dort bin ich der Band begegnet.

    Es war das erste Mal, dass das Intro so eine Art Festival veranstaltete, und die meisten von uns waren völlig unerfahren in diese Veranstaltung reingegangen. Wir hatten uns zwar immer wieder mal zu Vorbesprechungen getroffen, aber so richtig Ahnung hatte kaum jemand von uns. Und bei der Frage, wer denn hinterher zum Aufräumen bleiben könnte, schauten alle immer bloß betreten zur Seite…

    Als ich nachmittags im Works eintrudelte, um bei den Vorbereitungen mitzuhelfen, hatten Such A Surge gerade ihren Soundcheck im größeren der beiden Floors. Wir waren alle ein wenig ehrfürchtig, da sie gerade bei Sony diesen Wahnsinns-Deal unterschrieben haben sollten. Klar – der eine oder andere von uns Klugscheißern sprach auch von Ausverkauf, als die Band sich für den Auftritt vorbereitete. Aber im Grunde genommen hatten Such A Surge das erreicht, wovon wir mit unseren Garagenband-Projekten träumten: einen Major-Deal.

    An Such A Surge aber lag es nicht, dass der Tag turbulenter verlief als geplant. Bis zum frühen Abend blieb alles eigentlich weitgehend reibungslos: Es traten Bands auf, die heute kaum jemand mehr kennt; es kamen doch beachtlich viele Leute; ich ließ mir ein Helix-Piercing ins Ohr stechen. Alles gut – bis (sorry, no offence) die Finnen kamen. Auch Waltari sollten auftreten, und von denen hieß es schon im Vorfeld, die seien etwas kompliziert. Der Drummer, so erzählte man sich im Works, sei beim Soundcheck gar nicht von allein auf das leicht erhöhte Schlagzeug-Podest gekommen. Er sei ganz schön angefressen gewesen, dass ihm zwei Leute hätten dabei helfen müssen, auf seinen Schemel zu kommen.

    Als die Band dann später auftrat, machte unter uns Orga-Hiwis schnell die Nachricht die Runde, dass Waltari mit dem Sound auf der Bühne total unzufrieden seien. Kaum waren sie mit ihrem Set durch, liefen schon die ersten Leute aufgeregt durchs Works und erzählten, dass Waltari stinksauer seien: Man habe ihnen vom Intro bestimmte Standards für den Bühnensound zugesichert, diese seien nicht erbracht worden und man erwäge eine Konventionalstrafe in fünfstelliger Höhe. Kaum auszudenken, was das für das noch junge Heft bedeutet hätte… Die eine Hälfte von uns fiel schlagartig in eine tiefe Depression. Die andere redete auf das Management der Finnen ein, sich das doch bitte noch einmal zu überlegen. Mittendrin Such A Surge, die einen  professionellen Auftritt ablieferten und sich vielleicht auch fragten, warum das Orga-Team so aufgescheucht war.

    Ich muss gestehen: So richtig gern habe ich Such A Surge nicht gehört. Was sicher auch daran lag, dass mir ihre Vorgeschichte – bis jetzt – nicht bekannt war. Für mich waren sie eines dieser Signings, die von Major-Labels unter Vertrag genommen werden, um einen Hype auszunutzen. Zwei, drei Jahre zuvor waren wir alle von Crossover à la Red Hot Chili Peppers und Rage Against The Machine begeistert gewesen. Im Zuge dessen erschienen dann eben H-Blockx und Such A Surge auf der Bildfläche. So war jedenfalls meine Wahrnehmung, die sicher auch von der Neuen Deutschen Welle und der Aufregung um Grunge nur wenige Jahre zuvor geprägt war. Dass die Band aus Braunschweig sich zuvor einen Namen gemacht hatte, war mir unbekannt. Umso leichter konnte ich natürlich mit meinen Vorurteilen leben. Und stattdessen im Grunde genommen ähnlich gelagerte Bands gut finden, die aber aus England kamen – Senser zum Beispiel, deren Debüt „Stacked Up“ ich immer noch gern höre.

    Deine Geschichte über das Interview und dessen Entstehung hat mich übrigens stark erinnert an meine ersten Gespräche mit Bands. An mein Telefonat mit Heaven von den Angefahrenen Schulkindern. Oder mein Treffen mit zwei Mitgliedern einer Band namens Chinchilla Green. Die habe ich im Bahnhofs-Café in Osnabrück interviewt. Patty Galore und Michael O’Ryan hatten dort Station gemacht, um sich mit mir zu treffen. Vor Aufregung hatte ich noch einen Freund als seelischen Beistand mitgenommen. Und in meinem Bundeswehrrucksack transportierte ich das Küchenradio meiner Oma, mit dem ich das Gespräch aufzeichnen wollte. Die Parallelen zu Dir: Auch wir quatschten Stunden lang über alles mögliche – aber nicht viel über den Anlass des Treffens (eine Platte namens „Gravity“). Auch ich habe das Interview nicht vollständig aufzeichnen können – die Batterien des Recorders waren irgendwann leer. Ich habe gerade mal versucht, den daraus entstandenen Artikel via Google zu finden – aber er ist nicht aufzufinden. Ist aber wahrscheinlich auch besser so.

    Schade ist hingegen, dass es den Konzert-Blog von Such A Surge wohl nie geben wird. Umso schöner, dass Du den Abend in Braunschweig – und die Band – damit noch einmal gewürdigt hast. Und freue mich auf weitere Geschichten von Dir.

  2. Pingback: 47/100: Scheinwerfer | 100 Songs

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