43/100: Giant

The The (1983)

giant_wandDa saß ich nun in meinem Schützenpanzer „Marder“. Von oben bretzelte die Frühlingssonne auf meinen Kopf, der aus der Fahrerluke vorne in der Motorhaube schaute. Rechts und links von mir erstreckte sich die trockene Einöde unseres Truppenübungsplatzes. Ich wollte nicht hier sein. Zuhause war ich aber auch nicht erwünscht. Und einen Plan für die Zeit nach der Bundeswehr hatte ich auch nicht. Matt Johnson und seine Band The The kamen mir da gerade recht.

„The sun is high and I’m surrounded by sand for as far as my eyes can see“ – So lauten die ersten Zeilen von „Giant“ von The The. Wieder und wieder lief der Song in meinem Kopf ab, während ich das tonnenschwere Gefährt in der Hitze durch den Sand steuerte. The The waren in der ersten Hälfte des Jahres 1990 eine Konsensband in unserer Peergroup. Ein Jahr zuvor war ihr Album „Mind Bomb“ erschienen. Zur daraus ausgekoppelten Single „Armageddon Days Are Here (Again)“ hatten wir im Sommer ´89 an jedem Wochenende im Fiz Oblon getanzt. Und für den anstehenden Juni hatten wir uns Karten für das Bizarre Festival auf der Loreley gekauft, bei dem The The Headliner waren.

In Vorbereitung des Auftritts auf der Freiluftbühne am Rhein arbeitete ich mich durch alle bis dahin erschienenen Alben von The The durch. Am wenigsten vertraut war ich bis dato mit „Soul Mining“. Es stammte aus dem Jahr 1983 und es hatte mehrere Jahre gedauert, bis ich davon eine brauchbare Aufnahme für meinen Walkman erhielt. Denn es war schwer, an Platten von The The zu kommen – jedenfalls bei uns auf dem Land.

giant_tape2Weder bei famila noch bei Hohe Pforte standen die Sachen im Regal. Im Radio liefen die Songs auch nicht. Bei mir kamen lediglich Berichte von diesem oder jenem tollen Lied an, das irgendwer in irgendeiner Disco gehört haben wollte. Und wenn dann doch auf verschlungenen Wegen ein Tape mit Songs von The The auftauchte, wurde es von unseren Autoradios geschreddert.

Entsprechend großen Nachholbedarf hatte ich also bei den älteren The-The-Platten. Und auf „Giant“ sprang ich sofort an. Es war das elektronischste Stück auf „Soul Mining“. Es war anfangs sehr reduziert, um dann zum Ende hin total größenwahnsinnig zu werden. Obwohl nicht viel passierte, war es unglaublich lang. Diese ständigen Wiederholungen übten einen großen Reiz auf mich aus. Erst recht in end- und trostlosen Stunden auf dem Truppenübungsplatz. Und dann war da schließlich auch noch der Text. Der nicht nur der ersten Zeile wegen auf mich passte.

“And now the past has returned to haunt me”
Im Frühjahr 1990, kurz vor Ende meines Wehrdiensts, hatte ich den Bogen bei mir zuhause überspannt. Ich habe ja schon mal von meiner Strategie berichtet, einerseits Vereinbarungen zu treffen. Andererseits aber dann doch ganz anders zu handeln. Das musste zwangsläufig zu Friktionen führen. Und nun waren sie da. Ich hatte vermittelt bekommen, dass ich meine dienstfreien Wochenenden erst mal nicht zuhause zu verbringen bräuchte. In der Kaserne im Schwanewede mochte ich aber natürlich auch nicht bleiben.

Dazu kam, dass mein Vater mir in dem für lange Zeit letzten zivilisiert geführten Gespräch erzählt hatte, dass er ein Jobangebot in einer anderen Stadt annehmen würde. Ich hingegen hatte trotz nahenden Endes meiner Bundeswehrzeit immer noch keinen Schimmer, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Unsere Familie brach auseinander, ohne dass ich wusste, wo ich landen könnte, wenn alle anderen sich ihr neues Leben einrichteten.

„Giant“ war mit seinen Selbstfindungsfragen der perfekte Soundtrack zu meiner Situation. „How can anyone know me when I don’t even know myself?“, grübelte ich vor mich hin während ich den Befehlen folgte, die mich über meinem Helm erreichten. Es dauerte Monate, bis sich das Verhältnis zu meinen Eltern wieder normalisierte. Und noch länger, bis ich endlich einen Plan für die Zukunft hatte.

giant_zimmerAuch dann spielten The The zunächst noch eine Rolle. Das erste Zimmer außerhalb meines Elternhauses ließ ich sogar im „Soul Mining“-Design streichen: Einer meiner besten Freunde malte mir die Album-Rückseite auf die weiße Raufaser-Tapete. Und im Frühjahr 1993 konnten wir uns alle noch einmal auf das Album „Dusk“ einigen.

Auf der Platte wurde allerdings offensichtlich, was ich vorher nie so richtig greifen konnte. Dass nämlich The The im Grunde genommen eine Bluesband waren. Die sich zuvor durch den Einsatz elektronischer Instrument nicht sofort als solche zu erkennen gaben. Je mehr sie sich allerdings traditioneller Instrumente bedienten, umso weniger reizvoll und erträglich waren sie für mich. Erst kürzlich habe ich auch die letzten Songs von ihnen aus meiner „Es reicht – Ruhe jetzt“-Playlist entfernt.

In unregelmäßigen Abständen fühlt sich mein Leben zwar immer wieder mal an wie damals in dem „Marder“. Aber mittlerweile habe ich einen Soundtrack gefunden, der diesen Eindruck nicht verstärkt – sondern innerhalb weniger Minuten wegpustet. Und die Option gefällt mir derzeit einfach besser.

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe etwa zehn Sekunden gebraucht, um vollkommen zu verstehen, was Dich musikalisch an diesem Track so gereizt hat, dass er auf unserer Liste gelandet ist. Und im Zusammenhang mit Deiner Geschichte macht es natürlich gleich doppelt so viel Sinn. 

    Das Traurige für mich an diesem Post: Ich wusste bis gerade eben, dass es eine Band namens The The gibt. Wie sie klingen, ist mir bislang mal wieder entgangen. Das Schöne an diesem Post: Ein weiterer Aha-Moment für Mikko!

    Wenn ich den Track nun so knapp zehn Minuten lang höre, fühle ich mich in meine Zeit in der neunten Klasse zurück versetzt. Es war das gleiche Jahr und Synthie Pop war in meiner Peer Group leider überhaupt nicht angesagt. Ich versorgte mich immer mal mit 80er Jahre-Ikonen aus dem Fundus meiner Cousins Kai und Oliver, aber in meinem direktem Umfeld waren solche Sounds einfach verboten. 

    Denn während ich die Pet Shop Boys genauso gerne wie Michael Jackson, Bob Marley, die Ärzte und Public Enemy hörte, lief ein tiefer Graben durch die Anhänger eben genannter Künstler. Es war eben eine Zeit, in der sich Schüler gerne durch ihre Zugehörigkeit einer bestimmten Jugendsubkultur voneinander abgrenzten – während heute vermutlich Maroon 5, Gaslight Anthem und Bushido völlig friedlich in iPod-Playlisten koexistieren dürfen.

    Jedenfalls war für das Ende des Schuljahres eine Projektwoche anberaumt: Was heute vermutlich in Grund-, Europa- oder Waldorfschulen Standard ist, war damals etwas total Besonderes: Eine Woche lang mal kein Unterricht, sondern „total andere“ Unterrichtseinheiten. Ein Vertretungslehrer, an dessen Namen ich mich partout nicht erinnern kann, bot ein Projekt namens „Plattenkritiken verfassen“ an. Das klang schon im Juni 1990 für mich absolut großartig und es war klar, dass ich mich da eintrug. Zusammen mit lediglich vier anderen von 700 Schülern unseres Gymnasiums. Soll heißen: Eine totale Nerd-Veranstaltung – lange bevor das Wort irgendeine auch nur annähernd coole Konnotation bekam.

    Also saßen wir in diesem Kritik-Kurs, fühlten uns wichtig und hörten Musik. Dann lasen wir irgendwelche Musikkritiken dazu und markierten wichtige Textpassagen, um Einleitung, passende Argumente und Fazit des jeweiligen Textes heraus zu analysieren. Das klingt vielleicht etwas lächerlich – aber ich fand es nett, mich mit einem anderen coolen Typen über Musik auszutauschen (gemeint war der Lehrer – die Meinung meiner Mitschüler interessierte mich nicht die Bohne). Und so hörte ich zu und lernte, wie man sich der Musik von Kiss oder Led Zeppelin nähern konnte, auch wenn beide Bands gerade wenig bis gar nicht angesagt waren.

    Am Nachmittag des dritten Tages sollten wir endlich auch eigene Kritiken schreiben. Dazu spielte er uns drei Songs aus seinem Archiv vor – und der einzige, an den ich mich erinnere, war ein Song von Marc Almond: „The Desperate Hours“. Ich erinnere mich auch nur deshalb daran, weil es der einzige Künstler war, den ich kannte. 

    Marc Almond hatte zwei Jahre zuvor dieses Duett mit Gene Pitney aufgenommen und war mir als freundlicher Musiker à la „Holly Johnson in seiner „Americanos“-Phase geläufig. Doch einige Monate zuvor hatte mich Cousin Kai mit dem Frühwerk von Soft Cell vertraut gemacht und mich dabei beschworen, nicht nur die Radio-Version von „Tainted Love“, sondern auch sechs Remix-Versionen, sowie die Singles „Memorabilia“, „Sex Dwarf“ und „A Man Can Get Lost“ und überhaupt noch ganz wichtige Referenz-Maxis von Joy Division, New Order und den early Depeche Mode auf meine kleine Kassette draufzupacken. 

    Ich fühlte mich gewappnet, als es darum ging, Marc Almonds wirklich schwache Single zu bewerten und stürzte mich auf meinen Text: Noch mal anhören, Textpassage mitschreiben, Einleitung ausdenken, noch mal zurückspulen, Refrain analysieren, Hintergrundwissen auspacken und klotzen. 

    Obwohl ich in meiner Kritik vielleicht die Gefühle des Lehrers verletzte, gelang es mir, ihn am Ende dieses Tages zum Lächeln zu bewegen: Er wohl nicht damit gerechnet, dass die Generation Guns’n’Roses irgendetwas mit diesem Songs anfangen würde. Ehrlich gesagt: Hätte ich auch nicht, aber es passte halt irgendwie.

    Und so ähnlich fühle ich mich, wenn ich nun diesen Song von The The höre: Ich kann ihn einordnen und mit anderen vergleichen, aber ich kapiere ihn nicht ganz. Aber eines habe ich damals in dem Kritikseminar auch gelernt: Manchmal dauert es eben ein wenig, bis eine bestimmte Musik zu einem spricht. Auf jeden Fall ein großes Dankeschön für Bekanntmachen, Michael!

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