42/100: Push It To The Limit

Paul Engemann / Giorgio Moroder (1983)

„Nun wird es aber wirklich mal Zeit, Herr Stübner.“ Der Dekan blickte mich ernst an. Ich wusste, dass er recht hatte, doch ich sah keinen anderen Ausweg, als ihn anzulügen. Also nickte ich. Er sah mir tief in die Augen und seufzte: „Ich unterschreibe das hier nur, wenn Sie es mir diesmal versprechen.“ Ich sah nervös auf den Boden, weil ich keine Ahnung hatte, wo ich anfangen sollte: „Vielen Dank, ich weiß das sehr zu schätzen.“ Als ich draußen vor der Fakultät stand, wusste ich: Noch einmal würde ich damit nicht durchkommen.

Nur Spaß

Ich hatte diese Situation nun zum dritten Mal erlebt: Vorsprechen beim Dekan mit dem Versprechen, mein Studium endlich anzuschließen. Ansonsten: Exmatrikulation. Dabei fehlte gar nicht mehr so viel. Meine beiden Nebenfächer hatte ich seit zwei Jahren in der Tasche und auch in meinem Hauptfach war ich inzwischen komplett scheinfrei. Doch ich hatte keine Ahnung, wie ich mein Studium innerhalb eines Jahres fertig machen sollte: Abschlussklausur, mündliche Prüfung – und vor allem die Magisterarbeit.

Mein Handy klingelte, die Redaktion war dran. „Kannst Du in zwei Wochen nach England fliegen? Wir brauchen ein Stadtporträt von Birmingham.“ Sicher konnte ich das. Ich hatte seit vier Jahren nichts anderes gemacht: Mein Reporter-Job war inzwischen zur Routine geworden. Aber diese Routine führte immer wieder dazu, dass ich Seminare sausen ließ, weil ich irgendwo zwischen Rom und Reykjavik Reportagen drehen sollte. Und wer hätte so eine Gelegenheit nicht ergriffen? Ein Interview mit Philippe Starck in London? Gleitschirmfliegen in den Kärntener Alpen? Eine Schneeballschlacht mit Apocalyptica in Helsinki? You name it. Das sah auf den ersten Blick alles viel interessanter aus als endlose Debatten in Seminaren über Strukturalismus oder amerikanische Genderfragen mit Kommilitonen, die mich genauso wenig leiden konnten wie ich sie. Ich sagte den Dreh zu – und wusste immer noch nicht, wie ich mein Studium fertig machen sollte.

Dazu kam meine Unzufriedenheit: Nicht mit den Umständen, sondern mit mir selbst. Ich tanzte auf zwei Hochzeiten in sehr unterschiedlichen Welten – und hatte nicht den Mut, eine davon zu beenden. Vorzeitige Exmatrikulation kam nicht in Frage: Ich studierte seit 18 Semestern – 15 davon in Teilzeit, weil ich sehr viel gearbeitet hatte. Ich musste etwas ändern. Und traute mich nicht.

Jemand anders nahm mir die Entscheidung ab. In Birmingham wurde ich krank – und setzte einige Wochen aus. Meine Mutter hatte meinen Doppelspagat seit einiger Zeit beobachtet und traf eine Entscheidung: „Du kannst nicht beides machen. Nimm Dir eine Auszeit und mach Deine Prüfungen fertig – ich leihe Dir das Geld für die Zeit. Danach kannst Du wieder so viel reisen und drehen, wie Du möchtest.“ Sie hatte recht: Beides ging einfach nicht. Die letzten Seminararbeiten hatte ich auf meinem alten Laptop-Brikett auf diversen Flughäfen zwischen Köln/ Bonn, Madrid und Cagliari geschrieben. Das klingt übertrieben und cool, aber das war es nicht. Es war purer Stress, denn zu den universitären Deadlines kamen natürlich auch die Abnahmetermine meiner Reportagen.

Doch worüber sollte ich schreiben? Ich hatte 18 Semester nordamerikanische Literatur und Kultur studiert. Ich hatte Spiel- und Dokumentarfilme analysiert, ich hatte all die Klassiker von Mark Twain bis Jonathan Franzen gelesen und ihre Bedeutung erörtert. Nun wurde es Zeit, dass Puzzle der einzelnen Seminare zusammen zu setzen und zu zeigen, was davon hängen geblieben war. Und ich die Magisterarbeit musste gut werden.

Und plötzlich wusste ich, was zu tun ist. Ich wusste, ich konnte nur bestehen, wenn ich in dieser Magisterarbeit alle meine Leidenschaften miteinander verband: Film, Musik, Literatur. Es musste ein klassisches amerikanisches Themenfeld sein – und eine Frage, die zuvor noch nicht so konkret gestellt worden war. In zahlreichen Gesprächen hatte ich bemerkt, dass Menschen immer wieder fasziniert von meiner detailreichen Kenntnis der Rap-Geschichte waren. Zwischenzeitlich war mir Rap mal egal gewesen, aber es war immer noch Pfund, mit dem ich wuchern konnte. Eine afroamerikanische Populärkultur. Außerdem hatte ich in meinen Kulturseminaren wie ein Junkie Hunderte von Filmklassikern konsumiert – und analysiert. Nun hieß es: Alles zusammenfassen.

Also machte ich einen Plan: Mit dem Geld meiner Mutter konnte ich fünf Monate auskommen. Sechs Monate waren eigentlich Standard für eine Magisterarbeit, aber ich musste es in drei schaffen – schließlich warteten noch die Abschlussklausur und die mündliche Prüfung auf mich. Das war wenig Zeit, aber ich fühlte, dass ich es schaffen konnte.

Mein Thema hieß: „Der Gangster im Wandel vom 20. ins 21. Jahrhundert. Eine Kulturgeschichte des modernen Outlaws in der amerikanischen Populärkultur: von Al Capone über Scarface zu 50 Cent.“ Drei Filme mit drei Gangstern – und einer Menge interessanter Details. Ich lauerte meinen Professor auf – und er nickte das Thema ab. Wohl auch, weil ich ihm anbot, damit eine Karteileiche der alten Magister-Studienordnung zu vernichten: mich! Ich fing an zu schreiben und bettelte zahlreiche Dozenten an, sich als Zweitgutachter zur Verfügung zu stellen. Schließlich fand ich eine junge Doktorin, die ich nie zuvor gesehen hatte – und war erleichtert, als sie zusagte.

Und so kam es, dass ich im Jahr 2007 aus Studienzwecken das erste Mal überhaupt das 1983er Remake „Scarface“ mit Al Pacino in der Titelrolle sah. Ein Film, der in Rapper-Kreisen extrem populär war, weil Al Pacino den Prototyp einer erfolgreichen Gangsterkarriere verkörperte. Dazu spielte der Tiroler Musikproduzent Giorgio Moroder einen typisch-unterkühlten 80er Jahre Synthie-Soundtrack ein. Gemeinsam lieferten sie mir Seite um Seite Analyse-Material. Diese Songs im Ohr lebte ich ein Gangster-Leben – in meiner Phantasie.

„Welcome to the limit / Standing on the razor’s edge / Don’t look down just keep your head / and you’ll be finished“ singt Paul Engemann. „Push It To The Limit“ ist natürlich nicht Georgio Moroders bester Song. Das ist auch schwer, da es ja eine Auftragsarbeit für ein Filmstudio mit festen Vorgaben war.

Als der Song einsetzt, befindet sich die Hauptfigur Tony Montana auf einem Peak – gleichzeitig aber auch einem Wendepunkt in seinem Leben. Er verdient säckeweise Geld – und weiß nicht wirklich, was er damit anfangen soll. Er kauft sich ein modernes Villenschloss und einen Tiger – und trotzdem wird er von der weißen amerikanischen Gesellschaft weiterhin nur als der kubanische Emporkömmling verachtet. Dass er sein Geld mit Kokainhandel verdient ist sogar nur nebenrangig.

„Push It To The Limit“ wurde im wörtlichen Sinn der Soundtrack zu meinem Studienabschluss. Ich entwickelte eine eigenartige Arbeitsroutine: Lange schlafen, dann in die Bibliothek, um Bücher zu kopieren oder neue Gangsterfilme auszuleihen, dann lesen, schreiben, lesen, Korrekturen vornehmen – und morgens um 4 Uhr schlafen gehen. Ich lebte in einer Parallelgesellschaft zu meinen Nachbarn, meiner Familie und meinen Freunden: Ich schlief, wenn sie zur Arbeit gingen – und kam erst nach Einbruch der Dunkelheit in den Schreibfluss. Doch im Gegensatz zu Tony wusste ich, wo ich ihn wollte. Mein Ziel lag klar vor mir – ich fühlte mich glücklich und alles war perfekt.

Denn auch wenn die Zeit stressig und materiell ein wenig entbehrungsreich war: Ich kann jedem nur wärmstens empfehlen, so etwas mal mitgemacht zu haben. Denn es ist faszinierend, wie erfrischend so eine intensive geistige Arbeitsphase sein kann: Keine Zeit für eine Schreibblockade, keine großartige Ablenkung von außen – einfach konzentriertes Arbeiten. „Push It To The Limit“ – so wuchs langsam Kapitel um Kapitel, wie in einem filmischen Zeitraffer. So wurde ich kurz vor Weihnachten fertig, ließ meine 120 Seiten binden und reichte sie eine Woche früher als geplant ein. Geschafft!

Push It

Und als ob es eine Art Studienkarma geben würde, erfuhr ich zwei Tage später von einer Kollegin, dass eine Serie, an der ich mitgewirkt hatte, in New York ausgezeichnet werden würde: Im Januar winkte eine viertägige Reise an den Big Apple, einfach so. Ich war happy – und sechs Wochen später erfuhr ich, dass meine Prüfer meine Gedanken auch gut fanden. Dieser Gang hatte sich gelohnt.

Wie war das bei Dir so?

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  1. Das ist mal ein cooles Thema für eine Abschlussarbeit. Rückblickend bin ich fast versucht zu sagen: So etwas hätte ich auch gern für meine Examensarbeit gehabt. Aber ich will nicht klagen: Damals, im Sommer 1997, war ich mit „Re-Writing The Map: Witi Ihimaera’s The Matriarch“ total zufrieden. Zu oft war ich zu Beginn meines Anglistikstudiums mit eher traditionellen, konventionellen Romanen von meist seit langer Zeit verstorbener Autoren konfrontiert worden. Im dritten Semester aber schleppte mich ein Freund in ein Seminar zu neuseeländischer Literatur. Er war schon mal dort gewesen. Und da ich ihm ohnehin immer folgte, war ich mit dabei.
    Das war dann mein Einstieg in die Literatur indigener Autoren aus Neuseeland. Witi Ihimaera etwa war immerhin ein Autor der noch lebte. Und der verhältnismäßig zeitgemäße Geschichten schrieb. Dazu kam, dass wir die Professorin klasse fanden – und sie uns offenbar auch. Es war schnell klar, dass ich bei ihr schreiben würde – über Witi Ihimaeras Buch „The Matriarch“.

    Das Schreiben selbst war recht unspektakulär. Darin war ich nach Jahre langer freier Mitarbeiter für bei Musikmagazinen weitgehend erfahren. Dank des Gruppenzwangs durch meine Kommilitonen blieben wir auch alle gut am Ball. Morgens um 8.30 Uhr saß ich am Schreibtisch. Um 12.30 Uhr fuhr ich in die Mensa, um mich mit den anderen auszutauschen: Leid klagen, mit der am Vormittag geschriebenen Seitenanzahl des protzen, Tipps für den erfolgreichen Ausdruck austauschen… Nachmittags saß ich wieder am Schreibtisch, bis meine Freundin nach Hause kam. Abends und wochenends hatte ich frei. Abgegeben habe ich drei Wochen vor dem eigentlichen Termin.

    Ganz so glatt, wie sich das jetzt hier anhört, verlief die Zeit natürlich nicht. Es gab Highlights. Es gab Wahnsinn. Das Formatieren der Fußnoten etwa brachte mich jedes Mal zur Weißglut. Ständig wechselten diese die Seiten – erst recht, als ich die Datei ausdrucken wollte. Und in meiner Paranoia speicherte ich meine Arbeit am Ende eines Tages immer auf mehreren Disketten ab, die ich an unterschiedlichen Orten deponierte: unter der Matratze (falls Einbrecher kommen sollten); bei meiner Freundin (falls meine Wohnung einem Brand zum Opfer fallen sollte); bei einem Kommilitonen (für alle Fälle).

    Andererseits gab es aber auch ein Ereignis, das mich wahnsinnig erfreut hat. Ich hatte es irgendwie geschafft, zu der Hochschule E-Mail-Kontakt-Kontakt aufzunehmen, an der Wihi Ihimaera einen Lehrauftrag hatte. Und mein Ansprechpartner dort mailte mir tatsächlich die E-Mail-Adresse meines Forschungsobjekts zu. Auf gut Glück schickte ich eines Abends eine Anfrage auf die andere Seite des Globus – und am Morgen drauf hatte Ihimaera bereits geantwortet, dass ich ruhig ein paar Fragen stellen könne. Den ganzen Tag über zermarterte ich mir den Kopf über geeignete Fragen und schickte abends die Mail Richtung Neuseeland ab. Am nächsten Morgen waren die Antworten da. Bis dato gab es nicht viele Examenskandidaten an unserer Uni, die in ihrer Arbeit so etwas vorweisen konnten. Aber gut, es war ja auch 1997.

    Der Soundtrack dieses Sommers hatte mit meiner Arbeit nichts zu tun es gab keine musikalische Komponente. Da war statt dessen Depeche Modes „Ultra“, aus dem die Band munter Singles auskoppelte. Auch „OK Computer“ von Radiohead bestimmte meine musikalische Agenda. Vor allem aber war es meine eigene Band, die mich von der Examensarbeit ablenkte. Wir hatten für den November, kurz nach unserem Abgabetermin, einen Support-Slot angeboten bekommen und probten fleißig jede Woche Dienstag in unserem Probenraum. Dazwischen fand ich immer wieder Zeit, Rhythmus- und Keyboard-Spuren zu programmieren, die wir dienstags dann verwarfen/verwendeten/verbesserten. Es tat gut, mal nicht über Seitenzahlen, Quellenangaben und Fernleihen zu diskutieren.

    Durch den weitgehend reibungslosen Verlauf der Examensarbeit hatte ich den Eindruck gewonnen, dass eine Doktorarbeit auch machbar sein sollte. Aber das erwies sich als Trugschluss. So konzentriert wie bei meiner Examensarbeit war ich dann doch nicht mehr.

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