Interlude: (W)Rap Up

Es ist mal wieder einiges los in der deutschen Rap-Landschaft. Das soll nicht unkommentiert bleiben – zumal es bislang in dieser Woche ja noch kein Interlude von uns gab.

Dass Bushido seinen ehemaligen Schützling und heute abtrünnigen Rap-Kumpan Kay One nieder gemacht hat, war ja selbst in der BILD zu lesen. Trotz des ganzen Drumherums fühle ich mich gut unterhalten: Diese (bislang folgenlose) STERN-Enthüllungsgeschichte über Bushidos Verwicklungen in der Organisierten Kriminalität, dann wiederum zahlreiche Drohungen gegen Kay One und nicht zuletzt dieses wenig kodierte Abrechnungsvideo verleihen dieser Geschichte eine ordentliche Portion Authentizität, die einem schon gruseln lässt. Wenn man das als Normalbürger hört und liest, denkt man sich ja bloß: Brr, was für eine gruselige Welt, lasst mich bitte damit zufrieden. Trotzdem: Es ist gutes Entertainment – vielleicht genau die Sorte, die die Welt heutzutage verdient. Interessant fand ich die durchweg positiven szeneinternen Reaktionen auf diesen Song: So breite Zustimmung hat Bushido in den letzten fünf Jahren meines Wissens selten aus der Szene erhalten. Vielleicht waren auch alle nur froh, dass sie selbst nicht gemeint waren.

Der andere große deutsche Rap-Rüpel ist ja inzwischen sehr viel zahmer geworden. Sido hat dem deutschen Rap das zehnte Nr. 1-Album in diesem Jahr beschert – und er macht das ganz ordentlich. Ich habe das Album jetzt fünf Mal durchgehört und finde wenig dran zu kritteln: Ich glaube zwar nicht, dass „30-11-80“ sein bisher bester Tonträger ist, aber der Junge hat definitiv das Zeug zum deutschen Eminem: Er ist vielseitig und gerade die Widersprüche in seinen Lyrics (ausrasten kontra vergeben) machen ihn zu einem Ausnahmekünstler.

In meinem beruflichen Umfeld wurde gerade moniert, dass seine Single „Einer dieser Steine“ zu soft sei. Jein, sage ich dazu. Es ist nicht die beste Nummer und ich finde auch, dass Sido auf „30-11-80“ ein wenig zu viel vom geläuterten Bad Boy erzählt (Mein Tipp ist ja, dass sein nächster Langspieler wieder eine detaillierte Aggro-Rap-Scheibe wird, auf der er ordentlich austeilt). Doch der Song wird mit jedem Mal hören besser und nicht schlechter – und das schafft ja auch nicht jeder Radio-Hit. Ich möchte Dir aber lieber Sidos Feature-Track Helge Schneider zeigen, den er in dieser Woche bei Pro7 performt hat. Spaß macht natürlich auch seine Zusammenarbeit mit Marsimoto und Genetikk.

Der naheliegende Kandidat für das Masken-Thema – Cro – ist übrigens nur deshalb nicht mit dabei, weil sein Label verboten hat, dass er im Video erscheint. Die fertige Strophe liegt wohl auf Sidos Rechner. Schade eigentlich.

Sehr frisch finde ich auch Thomas D.s Single-Auskopplung „Sirenen“. In zwei Wochen erscheint ja Thomas Dürrs neue Solo-Produktion „Aufstieg und Fall des Tommy Blank“ mit zahlreichen Gästen. Dieses Konzeptalbum (es geht wohl darum, die Texte eines verschollenen Rap-Genies zu vertonen) dürfte wirklich sehr gut werden. Eine besondere Form des Snippets hat Thomas D. bereits vor zwei Wochen veröffentlicht. Vor zwei Tagen gab es dann diese Single mit der unverkennbaren „Funny Games“-Anlehnung: Ein schönes Stück energiegeladener Pop-Rap.

Auch Marterias neues Album dürfte sehr interessant werden. Ende Januar ist es so weit, dann steht „Zum Glück in die Zukunft 2“ endlich in den Läden. Offenbar wird es neue Mode, die Fans mit täglichen Infos zur Tracklist anzuheizen. Neben den obligatorischen Features von Yasha und Miss Platnum sorgt nun auch ein Duett mit Campino (!) für viel Spannung: Ich bin recht skeptisch, ob diese offenbar durch Freundschaft entstandene Zusammenarbeit wirklich auch musikalisch von hoher Qualität sein wird.

Doch was ich schon gehört habe, gefällt mir sehr gut: Während Marteria gerade durch den Himalaya bummelt laufen sich hier bereits zwei Videos warm. In seinem Krawall-Aufruf an die Weltjugend mit dem Titel „Bengalische Tiger“ gibt es ordentlich Bambule.

Dagegen ist die Chiller-Hymne „Kids (2 Finger an den Kopf)“ deutlich harmonischer. Da sich der WDR offenbar einige Exklusivrechte gesichert hat, kann ich das aber nur HIER verlinken.

Zuletzt möchte ich Dir hier noch einen deutlich unbekannteren Künstler vorstellen. Seine Attitüde und sein Soundbild sind deutlich unharmonischer als die Songs der eben besprochenen Künstler. Und es kann sein, dass die Videos und Texte von Grim104 im ersten Moment sehr verstören. Dennoch kann ich beiden Songs eine gewisse Poesie und Tiefe abgewinnen, die ich hier mit Dir teilen möchte. Doch urteile selbst!

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  1. Vielen Dank dafür, dass ich mich jetzt auf den letzten Stand gebracht fühle. Und besonders für die Vorstellung von Grim104. Ich hätte sonst sicher niemals erfahren, dass es ihn gibt. „Crystal Meth Brandenburg“ läuft inzwischen auf Heavy Rotation während ich mich parallel dazu in Grim104s Geschichte einlese.

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