40/100: Join Me (In Death)

HIM (1999)

Ich bin ja immer wieder überrascht darüber, wie wenig viele Menschen über Finnland wissen. Und wie interessiert sie daran sind, wenn sie erfahren, dass ich finnische Wurzeln habe. Dabei ist mein Verhältnis zu Finnland gar nicht so eng, wie man es denken könnte – aber auch nicht weiter kompliziert. Ich bin in Berlin aufgewachsen, spreche die Sprache aber ganz passabel. Bis ich 11 Jahre alt war, bin ich mit meiner Familie mindestens einmal im Jahr dort hingefahren. Das war meist im Hochsommer oder tiefsten Winter, wenn das Land seinen ganz besonderen Reiz versprüht, weil die Jahreszeiten da oben im Norden noch echte Jahreszeiten sind. Mit finnischer Musik hatte ich lange nichts am Hut.

Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es in meiner Kindheit nicht so coole finnische Musik gab. Zumindest nicht in der Art cool, wie es ein wohlstandsverwahrloster urbaner Pubertist erwartet. Finnische Musik, das waren für mich lange Zeit nur Kinderlieder oder merkwürdige Tango-Melodien. Und wenn wir wieder mal einen Sommer lang im Norden verbrachten, besuchten wir die meiste Zeit Verwandte. Meine Cousins und die anderen Teenies, die ich dann traf, standen meist auf Hardrock oder Metal. Das war phasenweise auch okay für mich, aber da ich selber kein Instrument spiele, ging mir die Genialität von Gitarrenhelden wie Accept, Skid Row oder Gary Moore irgendwie ab. Es war laut und passte gut zu Dosenbier am See – das war es aber auch schon für mich.

Irgendwann fühlte ich mich zu alt, um mit meiner Familie zusammen zu verreisen – außerdem hatte ich genug vom Norden. Ich wollte nach Frankreich, nach England, nach Italien, in die USA und in die Sonne nach Thailand. So kam es, dass ich fast zehn Jahre lang keine finnische Saunawurst, keinen Birnen-Cider und keine karelische Pirogge mehr genoss – und damit auch den Kontakt zu meiner zweiten Heimat verlor.

1999 war ein merkwürdiges Jahr – zumindest musikalisch. VIVA plärrte tagein, tagaus vor sich hin und plötzlich hörte ich immer wieder von finnischen Bands, die es in die deutschen Charts schafften. Das konnte nicht alleine an der Moderatorin Aleksandra Bechtel liegen, die – genau wie ich und die meisten Deutsch-Finnen – mit einer nordischen Mutter aufgewachsen war. Abgesehen von der komischen Schreibweise ihres Vornamens und ihren blonden Haaren merkte man sonst überhaupt nichts Finnisches an ihr. Doch plötzlich gab es einigermaßen eingängige elektronische Tanzmusik aus Helsinki, es gab Rap (der sich aber schnell als ein Scherzprojekt von Hape Kerkeling entpuppte) und es gab finnischen Rock. Für den deutsch-amerikanischen Blockbuster „The 13th Floor“ (den ich übrigens nie gesehen habe) hatte das Team um Roland Emmerich diese markante Rock-Ballade ausgewählt:


HIM – Join Me In Death (Video) von deathxball

Und so saßen plötzlich ein halbes Dutzend dunkelgeschminkte Gestalten in diversen knallbunten Studios und beantworteten mit diesem markanten langsamen Akzent alle Fragen, die ihnen von irgendwelchen Girlie-Moderatorinnen gestellt wurden.

Mich berührte das nicht besonders. Ich freute mich zwar für Finnland, aber ich habe viele dieser Interview-Antworten als wahnsinnig arrogant in Erinnerung. So beobachtete ich den Erfolg der Truppe um Ville Valo (auf deutsch hieße er übrigens Wilhelm Licht!) nur am Rande und vergaß die Band dann wieder, als es ruhiger um sie wurde.

Einige Jahre später sollte ich die Gelegenheit bekommen, Finnland aus einer völlig anderen Perspektive zu erleben. Im Sommer 2003 begann ich mein erstes TV-Praktikum bei einem Europa-Magazin, das sich den Themen-Schwerpunkt Lifestyle gesetzt hatte. Es lief alles ganz gut und ich durfte bleiben. Da man mir aufgrund meiner Herkunft die meisten Finnland-Themen anvertraute, wurde ich in den nächsten fünf Jahren zeitweise Frequent Traveller auf der Finnair-Maschine Berlin Tegel-Helsinki Vanta.

Ich durfte das Heimatland meiner Mutter für mich noch einmal neu entdecken: Statt Verwandte traf ich Künstler, Designer, Rennfahr-Legenden, Musiker, Spitzenköche, Architekten und so ziemlich jeden andersweitig prominenten Finnen. Ich erlebte die Mittsommernacht an der Schärenküste vor Nantali als einziger nüchtern (und mit 39 Grad Fieber), ich sauste mit Motorschlitten über vereiste Seen in Kittilä, dann mit einem Schlauchboot durch die Ostsee vor Hanko, bevor ich mich auf Elch-Safari begab. Ich testete Rentier-Geschnetzeltes, besuchte den Weihnachtsmann in Rovaniemi und fror mir bei der kältesten Auto-Rallye der Welt den Arsch ab, um ein paar Worte mit Keke Rosberg und Mika Häkkinen zu wechseln. Es war perfekt – und ich war jedes Mal wieder dankbar, dass ich für mich eine neue Facette von Finnland erobern durfte.

So arbeitete ich jede erdenkliche Story ab: Wie reagieren die Finnen im Winter auf die Zeit ohne Licht? Warum gibt es so viele Design-Klassiker aus dem Norden? Wer hat eigentlich diese ganzen coolen Nokia-Telefone erfunden (als sie noch cool waren)? Wieso ist die nordische Küche plötzlich populärer als spanische Molekular-Experimente? Warum kommen so viele Star-Dirigenten aus Finnland? Und wie begeht man eigentlich den Sommer im Norden perfekt? (Antwort: Einfach die zehn Wochen Schulferien komplett mitnehmen).

Meine wichtigste Erfahrung machte ich aber im August 2004. Ich hatte den Auftrag erhalten, mich um das Erfolgsgeheimnis der finnischen Rockmusik zu kümmern. Die Bands der Stunde hießen The Rasmus, Nightwish, Apocalyptica – und natürlich HIM. Also telefonierte ich ein wenig herum und erhielt auch eine kurzfristige Interview-Zusage mit dem eigentlich menschenscheuen Ville Valo.

Anmerkung: Es gibt ja diese Theorie namens Kleine-Welt-Phänomen. Über maximal sechs Ecken ist jeder Mensch mit jedem anderen auf der Erde bekanntschaftlich verbunden. Ich kann nur sagen: In Finnland brauche ich maximal zwei Ecken. Bei rund 5,5 Millionen Einwohnern aber auch kein Wunder.

Ich war also mit dem launischen Sänger von HIM verabredet – dazu noch zu einem Thema, in dem es um einer ernsthafte Analyse eines Erfolgsmodells ging. Einerseits freute ich mich, andererseits ging ich bisherige Interviews mit ihm durch und war gewarnt: Dieser Mann war kaum zu knacken. Der Sohn eines Sexshop-Betreibers im Mini-Rotlichtviertel von Helsinki galt als schnippisch und hatte offenbar keine Lust auf Reporter-Fragen.

Das nächste Problem: Ich kannte mich in seinem Genre kaum aus. Der Rock, den ich mochte, kam aus Großbritannien oder den USA. Doch in Finnland trugen Bands keine Designeranzüge und ihre Fans keine Retro-Sneaker von adidas. In Finnland war die Zeit Rock-mäßig stehen geblieben: und zwar im Jahr 1987. Bei meinen Streifzügen durch Helsinki sah ich unzählige junge Menschen mit langen Haaren und Jeanswesten mit Iron Maiden-Stickern. In den Supermärkten standen hübsche Studentinnen, die sich ihre blonden Haare schwarz gefärbt und ihre Gesichter weiß geschminkt hatten. Rock und Gothic und Metal waren und sind in Finnland bis heute ernsthafte Mainstream-Kulturen. Auch wenn nicht alle Outfits ganz ernst gemeint sind, so können sich alle auf einen True Rock-Spirit einigen. Techno, Rap und Electro sind höchstens Radio-Randerscheinungen.

All das im Hinterkopf machte ich mich in Helsinki zunächst auf zur „Pop und Jazz Akademie“. Dort traf ich Janne Murto, einen ehemaligen Metalmusiker, der jetzt in gut sitzendem Anzug und Krawatte jungen Schülern und Studenten die Finessen des Popmusik-Geschäfts näher brachte. Wir sprachen über die Bedeutung der in Finnland weit verbreiteten musikalischen Früherziehung und die geschickte Transformation der erlernten Fähigkeiten in einen zeitgenössischen U-Musik-Kontext. An seiner Schule hatten unter anderem zwei Mitglieder von The Rasmus und auch Ville Valo studiert. Letzterer galt zwar als besonders talentierter Schüler, der aber keinen Abschluss gemacht habe – was wohl auch mit seiner Attitüde zusammen hing, wie mich der Direktor informierte.

Schluck. Das konnte nicht gut werden. Mein Kameramann Mika fuhr uns zum Tavastia Club. Dieser Laden ist das, was in New York das Apollo-Theater ist: Wer hier besteht, hat es geschafft. Wer hier aber ausgebuht wird, sollte sich einen zweiten Bildungsweg überlegen. Es wurde spannend. Im Tavastia warteten bereits eine angespannte PR-Dame und der Klubbetreiber. Gemeinsam bauten wir das Interview-Setting auf, denn Ville hatte nur eine halbe Stunde lang Zeit. Es würde eng werden, danach mit ihm noch ein paar Antextbilder zu drehen.

Um kurz nach 15 Uhr stand er plötzlich neben uns: Wie ein nordischer Troll aus dem Nichts auftauchend. Zu seiner typischen Wuschel-Frisur trug er eine elegante schwarze Samtjacke mit subtilem Paisley-Muster und einen passenden schwarzen Schal – drei Jahre bevor der zum internationalen Hipster-Erkennungsmerkmal wurde. Fröhlich bat er um ein Bier (ich hatte von einem Alkohol-Problem gelesen) und setzte sich mit einer Anmut auf den aufgeschlitzten Rockclub-Sessel , als ob er mindestens der Queen gegenüber sitzen würde.

Und was soll ich sagen: Das Interview wurde gut. Richtig gut: Ville war extrem unprätentiös und freute sich, über andere Bands und seinen Werdegang zu sprechen. Er freute sich, dass ich extra aus Berlin nach Helsinki gekommen war und den gleichen Vornamen trage wie sein Gitarrist und sein Bassist. Er erinnerte sich an seine Zeit auf der Schule, in der er in sieben Bands gleichzeitig spielte und bedauerte, mit dem Erfolg von HIM keine Zeit mehr für den Abschluss gehabt zu haben. Danach führte er mich durch den Backstage-Bereich des Tavastia-Clubs – sein zweites Wohnzimmer, wie er meinte. Es lief alles gut und an diesem Nachmittag beschloss ich, die Liste der zehn freundlichsten Menschen, die ich je getroffen habe, zu eröffnen.

Und jedes Mal, wenn ich diesen Song höre, erinnere ich mich an diesen wunderbaren Nachmittag in Helsinki – mit diesem wunderbaren Menschen, der Johnny Cash und The Hellacopters genauso zitieren kann wie Sponge Bob und Charles Baudelaire und mir verriet, dass er in der Mittsommernacht am liebsten alleine mit einem Ruderboot auf die Mitte eines kleinen Sees rudert und sich dort betrinkt. Und genau deshalb ist es mir total egal, wenn diese Band als besonders cheesy oder als peinliche Posterboys für Goth Girls bezeichnet wird: Auch wenn ich vielleicht nicht so aussehe und ihre Musik nicht ständig höre, gilt für mich tief im Herzen: Join HIM.

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, Musik aus Finnland. Interessant, dass Du das Thema gerade jetzt aufrufst. Denn eigentlich kommt Finnland in meinem Popkosmos so gut wie gar nicht vor. Auch ich weiß wenig über das Land. Und kaum etwas über Musik von dort. Ich habe nicht mal den Waltari-Hype mitgemacht, den „mein“ Musikmagazin mal ausgerufen hatte. Und dann taucht Finnland in diesen Tagen mehrfach in meinem Sichtfeld auf.

    Da ist zum Beispiel Samu Haber, der in der aktuellen Staffel von „The Voice Of Germany“ als Nachfolger von Rea Garvey besetzt wurde. Habers Musik mag ich nicht. Was gar nichts mit seiner Herkunft zu tun hat, sondern mit seinen Songs. Die sind mir zu glatt, zu vorhersehbar. Und entsprechend skeptisch war ich, als er in einer von mir regelmäßig verfolgten Sendung eine zentrale Rolle erhalten sollte. Aber ich muss neidlos eingestehen: Er kommt sympathisch rüber, er hat die ihm zugedachte Rolle geschickt ausgebaut und macht auch bei seiner Songauswahl einiges richtig. (Da reiht er sich nahtlos ein in die Reihe Menschen mit finnischer Familie, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe 🙂 )

    Und dann höre ich Samstag auch noch HIM im Radio. “Join Me“. Echt, jetzt. Ohne zu wissen, dass Du Dir den Song für den darauf folgenden Tag ausgesucht hast, denke ich angestrengt  darüber nach, was ich davon halten soll. Versuche ich, mir nach 15 Jahren endlich mal eine abschließende Meinung zu bilden. „Join Me“ ist clever gemacht, keine Frage. Wie das wuchtige Arrangement mit der zarten Klavierlinie kontrastiert wird, das ist schon gut. Die Melodie ist prima. Und Ville Vallo macht seine Sache auch wirklich gut. Aber ich kann den Song nicht an mich ranlassen. Sie erscheint er mir zu kalkuliert. Wie aus dem Baukasten. Das gilt übrigens für viele der Songs, die ich von HIM kenne. Die sind alle sehr professionell, da ist eigentlich nichts  falsch dran. Außer, dass sie so perfekt sind. Und mit einer gewissen Lebensmüdigkeit kokettieren.

    Und genau das ist es auch, was ich an „Join Me“ und seinem Text so schwierig  finde – diese gekünstelte Morbidität. Den Text verstehe ich als Einladung zum gemeinsamen Selbstmord. Aus vielerlei Gründen halte ich es für problematisch, solch ein Thema glamourös zu verpacken. Unter anderem, weil ich dem Thema eher bei Camus bin: Sich umbringen heißt, dem Absurden erliegen.  Aber ich will nicht zu streng sein. Vielleicht  gehören solche Gedanken und Koketterien bei  heranwachsenden Männern dazu? Erst recht, wenn man  in einer Gegend groß wird, in der es lange Phasen ohne Sonnenlicht gibt. Finnland eben. Oder Groß Mimmelage.  Und zu meinem Erstaunen musste ich lernen, dass junge Frauen, die ich für weitgehend emanzipiert halte, genau auf dieses Morbide angesprungen sind.  

    Es hat mich übrigens gar nicht überrascht, dass  Vallo sich bei Eurem Treffen als ein netter Interviewpartner entpuppt hat. So hätte ich ihn aus der Ferne eingeschätzt. Und dass Euer Treffen Dich in der Wahrnehmung der Musik von HIM beeinflusst hat, kenne ich gut. Junkie XL –  grenzwertige Musik, netter Typ. Utah Saints – total nett und wandelnde Lexika. Barry Adamson – schwer hörbare Musik, aber ein absolut toller Gesprächspartner. Die Folge dieser Treffen:  Ich stand deren Werken (zumindest temporär) wohlwollender gegenüber und habe sie auch im lästernden Redaktionsumfeld verteidigt. Und wer weiß: Wenn man mich statt nach London nach Helsinki geschickt hätte, vielleicht hätte ich HIM dann auch auf meiner Liste gehabt. Sowohl bei den freundlichen Menschen, als auch bei meinen Songs…

  2. Pingback: Interlude: Gracias | 100 Songs

  3. Pingback: 60/100: With Every Heartbeat | 100 Songs

  4. Hallo Tatiana, vielen Dank für Dein Interesse. Leider habe ich das Interview nie verschriftlicht, sondern es ist in zwei TV-Beiträge eingeflossen, die aber aufgrund von Fremdrechten (Musikvideos) nicht online gestellt werden durften. Großes Sorry – aber noch einmal danke für Deine Nachfrage und viele Grüße, Mikko

  5. *Guten tag! Mir sagen die ungefähre datum der sitzung mit der Ville (monat, tag)? Vielen Dank im voraus! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.