39/100: God Is A DJ

Faithless (1998)

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Ich kann ein richtiges Arschloch sein. Arrogant. Herablassend. Verletzend. Und es braucht nicht viel, um mich von Jekyll zu Hyde zu verwandeln: Man muss mich nur in einem Plattenladen hinter den Verkaufstresen stellen.

Kunde: „Habt Ihr schon ‚Die längste Single der Welt‘?“
Ich: „Du meinst The Orb?“
Kunde: „Was?“
Ich: „The O-horb. ‚Blue Room‘. Steht da hinten rechts, komm’, ich geh’ eben mit Dir hin.“
Kunde: „Was? Kenn’ ich nicht. Nein, ich meine die von Wolfgang Petry.”
Ich: „Ach so. Neee, keine Ahnung. Musst Du mal selbst gucken.“

Nur ein Beispiel für meine Gesprächsführung, als ich für ein Jahr in einem Plattenladen gearbeitet habe. Dabei fand ich als Kunde die Verkäufer von Plattenläden immer schwierig. Die vom DJ Record Shop, zum Beispiel, mit ihren nicht immer korrekten Belehrungen. Oder auch Heiner, der seit Anfang der 90er-Jahre einen CD-Verleih und Second-Hand-Musik-Laden in Osnabrück betrieb.

Keine Freude über Neukunden
Den „CD-Master“ hatte ich zu Beginn meines Studium in Osnabrück zufällig entdeckt. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Ein Laden, aus dem man CDs für wenig Geld mitnehmen und dann sogar wieder zurück bringen kann. Bei meinem ersten Besuch suchte ich mir nach langem Studiums der Regale und des Angebots erstmal zwei Klassiker aus: Mit „That Total Age“ von Nitzer Ebb und „The Orb’s Adventures Beyond The Ultraworld“ ging ich an die Theke. Und traf Heiner dort zum ersten Mal. Er war schon eine interessante Erscheinung: groß, fast schon dürr. Extrem gelocktes Haar, vorne kurz, hinten lang. George-Michael-Drei-Tage-Bart. Eine Jeansjacke, die kurz über dem Bund der Jeans endete. Und das obwohl er die Jeans schon recht weit hochgezogen hatte. Dazu ein paar schwarze Popperschuhe. Heiner machte jetzt nicht den Eindruck, als würde er sich riesig über seinen Neukunden freuen. Er erklärte mir die Formalitäten ungefähr so, wie Zollbeamte am Flughafen Köln/Bonn türkischstämmigen Großfamilien die Einreiseformalitäten nach Deutschland.

24 Stunden später war ich wieder im Laden, um die CDs zurückzubringen. Heiner trug immer noch dieselben Sachen. Oder wieder? Wie dem auch sei: Wortlos nahm er die CDs zurück, druckte die Bestätigung aus und beachtete mich dann auch nicht weiter. Ich hatte erneut das Gefühl, dass ich für das Geschäft eher als störend denn als zuträglich eingeschätzt wurde. Freundschaften fangen anders an. Aber davon später mehr.

Freitägliche Versuchung
nobbies_laden (8)600Angesichts des Angebots, das ich im „CD-Master“ gesehen hatte, fuhr ich trotz der schroffen Behandlung ab jetzt natürlich regelmäßig dort vorbei. Ich konnte der Versuchung, günstig Musik mitzunehmen, einfach nicht widerstehen. Schnell lernte ich, dass freitags die Neuveröffentlichung der Woche dazukamen und passte meine Besuche entsprechend ab. Auf dem Weg nach Hause stoppte ich beim Plus-Supermarkt, um TDK-Cassetten zu kaufen und freute mich anschließend über mein stetig wachsendes Musikarchiv.

Auch als der „CD-Master“ sein System umstellte und eine Vereinsmitgliedschaft samt Jahresbeitrag als Bedingung für die Ausleihe einrichtete, blieb ich dabei. Insbesondere vor Partys und Urlauben deckte ich mich mit viel Musik ein, nahm sie auf und brachte sie dann wieder zurück.

Das Angebot wuchs über die Jahre weiter an, meine musikalischen Präferenzen änderten sich, mein Lebenswandel auch. Heiner hingegen veränderte sich nicht. Er blieb, wie er war: groß, fast schon dürr. Extrem gelocktes Haar, vorne kurz, hinten lang. George-Michael-Drei-Tage-Bart. Eine Jeansjacke, die kurz über dem Bund der Jeans endete. Und das obwohl er die Jeans schon recht weit hochgezogen hatte. Dazu ein paar schwarze Popperschuhe.

„Kann ich hier arbeiten?“
Im Herbst 1998 schloss ich mein Studium ab und bekam das Angebot meiner Professorin, bei ihr zu promovieren. Einziger Haken: Eine Stelle könne sie mir nicht anbieten. „Gut“, dachte ich. „Wenn ich erstmal im Referendariat und später im Lehrerberuf stehe, werde ich die Zeit zum Promovieren wohl nicht mehr haben. Also probier’ das doch mal aus.“ Blieb nur die Frage nach dem Geld.

Ein paar Tage später war ich bei Heiner im Laden und lieh mir mal wieder ein paar CDs aus. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich fragte ihn: „Kann ich hier arbeiten?“ Heiner sah mich länger an, so als überlegte er, ob er mich schon mal gesehen hat. Und sagte dann: „Frag‘ in zwei Wochen nochmal.“ Eine Absage klingt anders. Ich tat wie befohlen und fing tatsächlich im „CD-Master“ an. Montags und freitags jeweils von 16 bis 20 Uhr, mittwochs von 10 bis 14 Uhr. Den Rest der Woche wollte ich dann promovieren.

An meinen ersten Tagen im „CD-Master“ war ich recht vorsichtig unterwegs. Heiner war leicht cholerisch und rechthaberisch, ich wollte ja nicht gleich wieder rausfliegen. Aber mit der Zeit kamen wir immer besser zurecht. Mein neuer Chef entpuppte sich als ausgesprochen arbeitnehmerfreundlich. Er kochte morgens den Kaffee und als ich mal umziehen musste, bot er mir den Firmen-Bulli an. Dass ich die Spritkosten bezahle, kam für ihn nicht infrage.

Und je mehr sich Heiner mir gegenüber öffnete, umso mehr mutierte ich hinter der Theke zu der Sorte Arschloch, die ich als Schallplattenladen-Kunde eigentlich verabscheute.

Kunde: „Habt ihr schon die neue Bravo Hits?“
Ich: „Die kriegen wir Freitag.“
Kunde: „Aber die ist doch schon seit Montag raus.“
Ich: „Kann sein. Wir kriegen sie Freitag.“
Kunde: „Ich weiß nicht, ob ich Freitag vorbeikommen kann.“
Ich: „Dann fahr doch zu Media Markt und kauf‘ sie da.“

nobbies_laden (7)_600Auch das ein beispielhaftes Gespräch für meine Zeit im „CD-Master“. Und ich ging in meiner Bösartigkeit noch weiter: Gelegentlich kamen Leute vorbei, um uns ihre CDs oder Schallplatten zum Verkauf anzubieten. Ich ging dann betont gelangweilt durch die Sammlungen, merkte mir die guten Teile, rechnete deren Verkaufswert hoch, freute mich über die möglichen Einnahmen und sagte dann: „Du, da können wir fast nichts mit anfangen. Aber lass mich mal überlegen.“ Dann nannte ich einen lächerlichen Ankaufswert und legte nach den zu erwartenden Diskussionen großzügig noch einen Zehner drauf. War der Kunde weg, schleppte ich das Zeug in den Lagerraum, suchte meine Favoriten raus und verkaufte sie mir selbst zu einem guten Preis. Der Rest kam dann nach und nach in den Laden.

Heiner und ich kamen indes immer besser miteinander aus. Es gab nur ein Thema, bei dem wir absolut keinen gemeinsamen Nenner fanden. Und das war ausgerechnet die Musik. War Heiner im Laden legte er immer so Sachen wie Axel Rudi Pell oder Doro ein. Und Doro war Ende der Neunzigerjahre noch lange nicht so cool wie heute. Es war zum Heulen. Schon während diese schrecklichen Sachen liefen, suchte ich mir eine CD raus, die ich mit dem letzten Ton von Pell einlegte.

Heiner merkte das natürlich und machte sich oft einen Spaß damit, besonders grässliche Sachen im Laden zu spielen. Aber einmal hat er mich wirklich positiv überrascht. Beim Einsortieren zwischen zwei Regalen hörte ich, wie er eine neue CD in den Player legte und stellte mich auf das nächste Martyrium ein. Statt unerträglicher Rockgitarrenexzesse setzte aber ein irgendwie triphoppiger Song ein. Gefolgt von einem Techno-Stück mit Orchester. Genau mein Geschmack. Als ich Heiner fragte, was das denn sei, antwortete er: „Die neue Faithless. Ist gut, oder?“

Oh ja, das war sie. Jedes Stück auf „Sunday 8 p.m.“war anders, aber klasse. „God Is A DJ“ ist natürlich der Oberhammer. „Bring My Family Back“, „Why Go?” mit Boy George und „Take The Long Way Home“ gefielen mir aber mindestens genauso gut. Das fanden nicht nur Heiner und ich. Um mich herum wurden Faithless mit „Sunday 8 p.m.“ zur Konsensband. Sogar die Kommilitonen, die mich wegen meiner Shamen-Sammelleidenschaft verspotteten, tanzten auf Partys zu Faithless. Ein Jahr drauf spielte die Band auf dem „Hurricane“-Festival neben Marilyn Manson, Muse und Blumfeld. Musik für Massen. Aber gute.

Die Begeisterung für diese Platte und insbesondere für „God Is A DJ“ hält bei mir auch heute noch an. Etwa dann, wenn ich den Song gegen 2 Uhr auf einer Party auflege und sich schon bei dem eher sphärischen Intro der Albumversion die Tanzfläche mit erfreuten 30- bis 50-Jährigen füllt, die auch die gesamten acht Minuten dabeibleiben. Keine Frage: auch heute noch ein Klassiker.


Faithless – God Is A DJ von sweetstufff

Die Qual mit der Promotion
Meine Zeit mit Heiner aber ging ein Jahr drauf zu Ende. Denn: Mein Plan mit der Promotion ging in die Hose. Ich musste feststellen, dass mich die Literatur indigener Völker in Australien, Kanada und Neuseeland ohne Prüfungsdruck kaum zu wissenschaftlicher Arbeit motivierten. Ich quälte mich ein Jahr lang mit meiner Doktorarbeit und bekam dann ein Jobangebot in der Verwaltung der Uni. Da der Job wesentlich lukrativer war als der im „CD-Master“, kündigte ich im Herbst 1999. Trotz der vielversprechenden Perspektive beim neuen Job war ich doch irgendwie traurig, dass ich gehen würde. Und Heiner auch. So gut hatte ich ihn inzwischen kennengelernt, dass ich wusste, warum er mir gleich nach meiner Kündigung den Rücken zudrehte und im Büro verschwand.

Ich blieb auch danach noch Kunde, bis ich Osnabrück ein Jahr später gen Rheinland verließ. Heiner habe ich seitdem nie mehr gesehen. Den Laden gibt es nicht mehr, aber nach dem, was ich über drei Ecken höre, geht es ihm trotzdem gut. Das Kapitel kann ich also getrost abschließen.

Ein Sache aber vermisse ich schon: Manchmal wünschte ich, ich hätte eine tragbare Plattenladen-Verkaufstheke, um sie bei Bedarf im Alltag vor mich hinzustellen und mal wieder das Arschloch in mir zu aktivieren.

Hinweis:
nobbies_laden (1)600Einige Fotos dieses Beitrags habe ich kürzlich in „Nobbi’s Plattenladen“ in Bonn-Beuel machen dürfen. Eine wahre Institution mit einem wahrhaft netten Inhaber. Danke für viele glücklich machende Käufe und die Erlaubnis, die Fotos zu knipsen.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. So, es ist offiziell, dieses hier wird mein letzter Text bei „100Songs“. Danach packe ich die Reste meines Selbstwertgefühls zusammen und verkrieche mich mit meiner Wii bis ungefähr April im Wohnzimmer. 

    Aber mal im Ernst, Michael: Wie geil ist das denn bitteschön?! Du hast in einem Plattenladen gearbeitet? Und Du wartest bis Song 39, um mir das um die Ohren zu knallen?! Deine Geduld möchte ich haben – phantastisch. Und dann auch noch die Story mit Heiner – mehr Nick Hornby geht ja nun wirklich nicht, oder? Fehlt nur noch, dass Du als nächstes schreibst, dass Du Deine Frau dort kennen gelernt hast – dann bin ich wirklich gleich draußen…

    Nun ja, ich habe bislang nur auf der anderen Seite des Tresens gestanden. Ich könnte ein paar Schreckgeschichten davon erzählen, wie ich als 14-Jähriger versucht habe, mir bei WOM eine verschweißte Peter Tosh-Platte anzuhören und mir der Verkäufer an der Abspielstation nur entgegnete: „Nee Du, lass mal. Die Reggae-Typen mögen das nicht, wenn ihre Platten schon geöffnet sind.“ Alles klar, das müssen die selben Typen sein, die sich kurz nach Ladenschluss immer noch im Apple Store rumdrücken und iPad-Minis hinter Glasscheiben anbeten.

    Aber solche Kriegsgeschichten kann vermutlich jeder anständige Musiknerd erzählen. Gleichzeitig habe ich auch haufenweise nette Shop-Betreiber kennengelernt, die sich darüber freuten, dass endlich mal jemand diese alte „Best Of Housemartins“ mitnahm oder einfach mal nach 150 Schutzhüllen für Vinyl-LPs fragte. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich die meisten Arschlöcher bei WOM getroffen – da war selten mal jemand hilfsbereit. Die selbe Sorte Verkäufer arbeitet heute – nach dem Zusammenbruch des Musikeinzelhandels – in den coolen Sneaker-Geschäften, die überall in Großstädten versteckt sind.

    Nun aber zu Deiner Song-Auswahl. Ich fürchte, ich werde gleich zum ersten Mal einen Deiner Favoriten dissen und entschuldige mich zuvor gleich mal bei allen, die sich mit Faithless solidarisch fühlen.

    Vor drei Wochen habe ich erleben können, dass Du mit Faithless durchaus den Geschmack einer kleinen Masse von – sagen wir – zwei Dutzend Tänzern bei einer 60-Leute-Party getroffen hast (der Rest stand neben den 18 Beck’s-Kisten auf dem Balkon und rauchte). Ich habe sehr lange unfassbar bedröppelt daneben gestanden und beobachtet, wie Du diese U30-Menschen (diese Bezeichnung liegt in diesen Tagen irgendwie in der Luft) rund 8 Minuten lang zum selben Song tanzen ließt: Acht Minuten lang „I can’t get no sleep“. Döp-döp-döp-döp-döppi-döppi-döppi-döp. 

    Soll ich Dir was sagen? Ich finde Faithless richtig scheiße. Ich habe ihre Musik nie verstanden und bin ihnen gegenüber ebenso voreingenommen wie beispielsweise Massive Attack. Ich finde beides – überflüssig. Okay, das ist jetzt polemisch – aber es trifft den Kern. Bis zu der Party habe ich ungefähr 18 Jahre lang nicht über Faithless nachgedacht. 

    Denn „Insomnia“ war der einzige Faithless-Hit, dessen Werdegang ich 1995 einigermaßen verfolgt habe. In meinem urbanen Umfeld tanzte dazu eigentlich nur die Klientel, deren Autokennzeichen mit drei Buchstaben vor dem Bindestrich begannen und die sich ansonsten zu einer Sorte Ballermann-Kirmes-Techno amüsierte, die Du nicht für Geld auf Deiner Festplatte haben möchtest. Eigentlich. 

    Denn uneigentlich drehte die ganze Welt dazu am Rad: Überall dieses Lied, dessen Sound ich so billig fand und dessen Lyrics für mich überhaupt keinen Sinn machten. Ich weiß schon, das mit der doppelten Verneinung habe ich inzwischen auch nachgelesen, aber trotzdem. 

    Aber weil das Bandprojekt aus London und eben nicht aus Kaldenkirchen kam, galten Faithless auf einmal als cool. Überall: Von MTV-Shows über den Red Bull Flugtag bis hin zu irgendwelchen Award-Zeremonien wurden sie gefeiert. Leute, die ich für ihre Indie-Coolness bewunderte, konnten sich eigentlich immer auf die plastikartigen Dödel-Sounds mit dieser tranigen Schlafzimmer-Stimme einigen. Mit ist die Genialität einfach entgangen: I still don’t get it.

    Aber weißt Du was, dieser Blog hat ja schließlich etwas Harmonisierendes: Weil mir Deine Geschichte von Heiner und seinem Bulli so gut gefallen hat, verspreche ich, dass ich bis Ende des Jahres alle verfügbaren Faithless-Alben bei Spotify durchhören werde. Das sind ja nur 18, au weia…

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