Interlude: Robbie Williams

Ach Robbie. Du hast mich schon einige Lebenszeit gekostet. Und immer war ich hin- und hergerissen: Finde ich Dich dufte oder total schlimm? Deine Eskapaden waren unterhaltsam, Deine Konzerte sowieso und viele Hits höre ich noch immer gerne. Aber dann gab es da auch diese schlimme Seite von Dir: die Selbstüberschätzung. So wie bei dem Song „Rudebox“. Da hast du Dich gewundert, warum niemand Deinen Billig-Rap hören wollte. Oder jüngst bei „Goin‘ Crazy“, Deinem Duett mit Dizzee Rascal. Da habe ich mich so fremdgeschämt, dass ich wochenlang nicht mal mehr „Feel“ oder „Supreme“ hören mochte.

Zu Deinen schlimmsten Sünden zählt aber Deine Swing-Platte. Ich meine, technisch machst Du das mit dem Swingen ganz anständig – keine Frage. Du hast den richtigen Groove und die schmalgeschnittenen Krawatten und Anzüge stehen Dir ausgezeichnet. Immerhin hast Du sie getragen, lange bevor diese ganzen „Mad Men“-Idioten-Fans den Elegant-Sixties-Style plötzlich für sich entdeckt haben. Mit Deiner Musik konnten wir wegträumen: in eine exklusive Pan Am-Lounge irgendwo in Kalkutta oder Jakarta, in eine Zeit wo Rauchen und Frühschoppen noch zum guten Ton gehörten.

Aber Deine Swing-Platte hatte diesen bösen Nebeneffekt. Mit ihr wurdest Du nun wirklich totaler Konsens. Deine Scherze, Dein Lächeln, Deine Bad-Boy-Attitüde hatten nichts Dramatisches und überhaupt nichts Authentisches mehr. Auf einmal mochte Dich wirklich jeder. Du hast selbst die Leute zum Kauf Deiner CDs animiert, die von der Musikindustrie „Schläfer“ genannt werden: Gehen vier Jahre in keinen Plattenladen, aber wenn die neue Grönemeyer rauskommt, rennen sie zum Media Markt und greifen zu. Bah. Und mit diesem Swing-Ding hast du all die Schläfer und Langweiler aufgeweckt. Ob im Supermarkt, in der Bar unseres Vertrauens oder bei meinen Eltern: Zu Weihnachten läuft Deine Interpretation von „Mr. Bojangles“ wieder überall. Und immer und immer wieder.

Und weil Du Dich seit Deiner letzten guten Platte offenbar Zuhause gelangweilt hast und Du diesen neumodischen Popmarkt auch nicht mehr so richtig verstehst, bist Du wieder zu einem Deiner größten Erfolgsmodelle zurückgekehrt: zu Deiner Cash Cow. Wenn Morgen Dein neues Album „Swings Both Ways“ erscheint, bist Du eine Woche später auf Platz 1. Ganz sicher. Und dann hören wir Dich wieder überall – und ich muss als Konsequenz wieder „Millenium“ und „Let Me Entertain You“ von meinen Playlisten löschen, weil ich bei diesem Overkill selbst Deine besten Lieder nicht mehr hören kann. Aber nur bis Januar – denn dann ist diese allgemeine Swing-Euphorie erfahrungsgemäß wieder vorbei. Weil ja aber doch niemand meine Warnung hier ernst nimmt, kann ich ihn auch gleich selbst posten – den musikalischen Vorgeschmack auf die nächsten Wochen.


Robbie Williams — Go Gentle – MyVideo

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich stimme Dir bei allen Bedenken zu. Und die Download-Charts geben Dir hinsichtlich des zu erwartenden Erfolgs schon jetzt recht. Aber es gibt dennoch einen Punkt, der mich trotz vieler Enttäuschungen (von „Sin Sin Sin“ bis „Going Crazy“) an „Swings Both Sides“ sehr reizt: Williams arbeitete hierfür nach langer, langer Zeit mit Guy Chambers zusammen.

    Gemeinsam haben sie die ersten fünf Williams-Platten geschrieben, sich nach „Escapology“ aber getrennt. Meines Erachtens hat Williams sich davon – zumindest was die Qualität seines Outputs angeht – nie wirklich erholt. „Escapology“ war bereits eher Mittelmaß, „Feel“ habe ich bei seiner Premiere 2002 schon als Enttäuschung empfunden. Dabei war nur ein Jahr zuvor „Eternity“ der Soundtrack meines Sommers gewesen.

    Es folgten mit „Intensive Care“ und „Rudebox“ weitere unangenehme LPs. Selbst so vielversprechend erscheinende Kooperationen wie mit Trevor Horn (sogar bei einem Chambers-Song) blieben songtechnisch größtenteils weit hinter dem zurück, was Williams mit Chambers zusammen erschaffen hat. „Road To Mandalay“, „Better Man“, „Grace“ – ich könnte die Liste noch weiterführen – sind allesamt besser als alle Robbie-Williams-Singles seit 2003.

    „Candy“ war immerhin schon so etwas wie eine Rückkehr zu alter Form. „Swings Both Ways“ hat – zumindest auf dem Papier – das Zeug für weitere gute Songs. Verdient hätte Williams sie, schließlich ist er ein toller Entertainer und immer noch eine sympathische Identifikationsfigur.

    Sicher: „Puttin‘ On The Ritz“ oder auch „Minnie The Moocher“ muss ich nicht noch einmal neu haben, auch nicht von Williams. Aber „Go Gentle“, der mit Rufus Wainwright gesungene Titelsong und auch „Where There’s Muck There’s Brass“  machen endlich mal wieder Lust auf mehr Songs von Robbie Williams. Wenn er denn die Zusammenarbeit  mit Chambers fortsetzt. Ertragen wir also die Omnipräsenz der kommenden Wochen – und freuen uns ein wenig auf das, was da vielleicht kommen wird.

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