38/100: The Whole World

OutKast (2001)

An welchen Song denkst Du, wenn ich OutKast sage? Lass mich raten: An „Hey Ya!“ aus dem Jahr 2003. Vielleicht noch an „Ms. Jackson“ aus dem Jahr 2001 oder an „Rosa Parks“ von 1998. Doch sicher nicht an diesen hier, oder? Das ist nicht nur sehr wahrscheinlich, sondern auch total verständlich – einfach weil das die großen Party-Hits von OutKast sind. Und ich mag sie alle drei, denn sie zeigen zugleich die Bandbreite dieses Duos aus Atlanta und ihre Entwicklung vom Geheimtipp zu dreifachen Grammy-Gewinnern. Doch für mich ist der wichtigste Song von ihnen „The Whole World“.


Outkast Whole World von avajra

OutKast zählen für mich zu den großen Rap-Acts – und sind zugleich nie meine Top-Favoriten gewesen. Meine Freundin N. hat mich 2000 mit auf ein Konzert von ihnen geschleppt: Ich mochte sie, weil sie HipHop waren und ich lieber auf Konzerte als auf Parties ging – selbst wenn der Eintritt meist doppelt oder dreifach so teuer war, als der in einen Club.

Wenn man heute Jay-Z und Eminem und Cro tagsüber überall dudeln hört, vergisst man leicht, dass das vor zehn Jahren längst nicht der Fall war. Im Gegenteil: Die deutsche Rap-Fanbasis war vergleichsweise klein. Viele HipHop-Fans definierten sich durch den Sound, den sie hörten. Nach außen hin war es eine sehr klischeebehaftete Jugend-Subkultur, mit klaren Dresscodes – über die gerne gelästert wurde: Wie tief hängen denn deren Hosen? Die T-Shirts sind doch viel zu lang? Was sind denn das für abartig dicke Turnschuhe? Was sollen denn bitte diese bunten Mützen / Jacken / Kapuzenpullover? Ja, es war nicht immer leicht, von anderen ernst genommen zu werden, wenn ich sagte, ich höre vor allem Rap. Gleichzeitig gefiel sich die Szene natürlich auch darin, ihre Feinde zu definieren: Musikfans anderer Szenen oder – viel schlimmer noch! – die Otto Normal-Radio-Hörer.

Wenn ich mit meinen damaligen Kumpels loszog, dann meist auf Black Music-Parties, bei denen ich dann froh war, wenn neben Dru Hill und Ginuwine auch mal ein Gang Starr-Track lief. Es gab zwar in mehreren Clubs auch Rap-Abende, aber da war die Luft gerne sehr Testosteron-geschwängert, weil Frauen in diesen Bunker-Kellern meist unterrepräsentiert waren. Oder die Parties fanden in Locations statt, in die man – aus mir völlig unverständlichen Gründen – mit weiten Hosen und Caps keinen Einlass fand, damit die ach-so-coole-Boss-Hemd-und-Budapester-Fraktion nicht beim Chillen gestört wurde. So trieb ich mich also auf jedem greifbaren Rap-Konzert der Stadt herum, denn dort lief meist die bessere, weil für mich kalkulierbare Musik.

So hörte ich mir im Jahr 2000 einen ganzen Abend lang die Hits des Duos aus Down-South an und feierte selbst die Vorband Goodie Mob ab, obwohl mich deren Musik Null interessierte. Und wenn ich ehrlich bin: Nur wenige Songs von OutKast hatten für mich einen Wiedererkennungswert. Doch die Stimmung war gut – auf der Bühne tobte ein bunter Zirkus, im Publikum roch es damals noch an jeder Ecke nach Weed und die Leute waren entsprechend gut drauf. Es war ein schöner Abend mit Gleichgesinnten – aber wahrlich keines meiner Top Ten-Ever-Konzerte.

Aber OutKast hatten zumindest ein greifbares Gesicht für mich bekommen und ich drehte lauter, wenn VIVA oder MTV ihre Songs spielten. Dann verlor ich für eine Weile das Interesse an Rap-Musik und konzentrierte mich darauf, die verpassten Hits anderer Genres nachzuholen. Ich entdeckte Brit Pop und diverse elektronische Spielereien, ein paar US-Indie-Bands und kaufte mir CDs alter Helden, weil gerade unfassbar viele Alben für 10,- DM rausgehauen wurden. Aus Sicht der Einzelhändler vermutlich lauter Ladenhüter, aber für mich frische Perlen, deren endgültiger Besitz meinen musikalischen Horizont erweitern und stabilisieren sollte. Außerdem wollte ich mir auch partout nicht vorschreiben lassen, welche Sounds wann zu hören seien.

Rap verfolgte ich nur noch am Rande: In Deutschland setzte eine neue Härte ein. Statt den Massiven Tönen oder den Beginnern dominierten plötzlich Rapper die Rotationslisten der Musiksender, die Gefallen an ihren Bad Boy-Images fanden und lyrisch vor allem anderer Leute Mütter wegficken wollten. Für mich waren das definitiv zu viele negative Vibes. Zwar hatte ich auch Battle-Rap in den 90ern gemocht, aber dieses neue Aggressions-Level war nichts für mich. Es gab sogar diesen einen Moment, an dem ich mich von Rap verabschiedete.

An einem Abend im Jahr 2000 besuchte ich mit meiner Schwester ein Konzert von P. Diddy. Dessen Musik galt zwar in Rapperkreisen als cheesy, aber ich hatte Julia die Karten zu Weihnachten geschenkt. Also fuhren wir in die Arena nach Treptow – und ich musste feststellen, dass das alles immer weniger mit mir zu tun hatte: Überall tiefergelegte 3er BMWs mit der entsprechenden Klientel darin. Überall Typen, die lieber dicke Lederjacken als bunte Hoodies trugen. Viele fragten uns auf unserem Weg zur Halle nach unseren Karten. Und hätten wir angehalten, wären sie offensichtlich nicht bereit gewesen, dafür zu bezahlen. Im Innenraum flackerte magentafarben eine riesige Leinwand – sponsored by t-mobile. Im Publikum: alarmbereite Polizisten in Riot Gear. Das passte einfach nicht mehr zu mir.

Ich fuhr nach Hause und überlegte mir neue Prioritäten. Ich wollte mich stärker auf mein Studium konzentrieren und neue Kommilitonen kennen lernen, die mich zuvor vielleicht nur für den Rap-Trottel gehalten hatten. Nicht nur musikalisch, sondern auch optisch veränderte ich mich: Die Jeans wurden enger, ich kaufte mir Cord-Anzüge und meine erste Barbour-Jacke – und fühlte mich pudelwohl. Ich heuerte bei der Berliner Morgenpost an und schrieb meine ersten Texte, die endlich auch mal redigiert wurden. Ich las zahlreiche Klassiker und neue Tageszeitungen und merkte, wie mir das immer mehr Spaß machte.

Dann kam der 11. September 2001. Ich habe ja relativ zu Beginn unseres Blogs beschrieben, wie mich die Ereignisse unmittelbar nach diesem Datum erstaunlich unbeteiligt ließen. Doch diese merkwürdige Lethargie ließ irgendwann nach. Ganz wichtig dabei: mein Studium. Sowohl in meinen Publizistik- als auch in meinen Nordamerikastudien-Kursen versuchten wir plötzlich, ausschließlich Ereignisse der Gegenwart zu analysieren – so gut das eben möglich war. Wie reagierte die Presse, wie reagierten die Amerikaner, wie reagierte die Welt auf dieses Ereignis? In diesen teilweise sehr emotionalen Diskussionen erlebte ich viele Dozenten und Professoren, die nicht mehr von oben herab sondern eher gleichberechtigt mit ihren Studenten versuchten, die Ereignisse aufzuarbeiten. Dabei wurde jedoch selten die akademische Professionalität fallen gelassen: Einerseits bekamen wir genug Raum, um unsere Gedanken und Gefühle zum Auseinanderdriften der Welt, zu neuen Erkenntnissen über Al-Kaida oder dem Einmarsch in Afghanistan oder der Rechtsstaatlichkeit von Guantanamo zu formulieren. Andererseits erinnere ich mich an mehrere Professoren, die unsere Energien vorsichtig zu kanalisieren begannen. Aus Sinnfragen wurden Erkenntnis-Diskurse und damit für mich eine Anleitung zum rationalen Umgang mit den irrationalen Geschehnissen.

Irgendwann ging das Sommersemester 2002 los. In einem kulturwissenschaftlichen Seminar sollten wir unter anderem die Folgen von 9/11 auf die Populärkultur untersuchen. Die veränderte Darstellung von Superhelden auf der Leinwand, von Cartoon-Figuren, von Literatur und nicht zuletzt von Popmusik. Zuerst schien es mir, als ob dies noch alles etwas verfrüht zu sein schien, den schließlich waren die Ereignisse erst ein paar Monate her und so schnell wurden natürlich keine neuen Romane oder Drehbücher geschrieben. Doch es ging natürlich auch um die Vermarktung bestimmter Kulturprodukte und ein gesteigertes Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit an traditionellen Werten. Ich möchte jetzt aber keine womöglich langweilige Abhandlung dieses einen Seminars geben, sondern zurück zur Musik finden.

Natürlich fand ich mich in der Arbeitsgruppe wieder, die sich der Analyse von Musikvideos widmete. Und obwohl viele Mainstream-Künstler auf verschiedenen Wegen ihre Solidarität mit ihrem Heimatland demonstrierten, waren sie gleichermaßen auch so clever, es sich nicht zu sehr mit dem Rest der Welt respektive den Absatzmärkten zu verscherzen. Mal abgesehen Eminem, der es natürlich nicht lassen konnte, Osama bin Laden zu parodieren. Und sich in Folge dessen nach Hunderten Todesdrohungen erstmal wochenlang in seiner Villa verbarrikadierte.

OutKast fanden einen deutlichen subtileren Weg. Während Eminem wie üblich herumpöbelte, inszenierten sie in ihrem Video von „The Whole World“ zahlreiche uramerikanische Bilder. Ihr Text ist voller Zweideutigkeiten, die ganz klar als Referenzen an 9/11 interpretiert werden können – aber auch so als Gesellschaftskritik gelesen werden könnten.

Auf jeden Fall nehmen sie den Zuhörer mit durch eine turbulente Zirkusshow mit weiß-geschminkten Minstrel-Sängern, einer Multi-Kulti-Show-Truppe, kleinwüchsigen Artisten, grauen Herren (Bankern?) im Publikum, American Classic-Cars und ununterbrochenen Fahnenschwenkereien. Das ganze Video wirkt auf mich wie eine Durchhalteparole – und ein Beweis der inneren Stärke. Wenn André 3000 und Big Boi zum freischwingenden Mikrofon greifen, wirkt das wie die Ansage eines Ringrichters bei einem Boxkampf: Die nächste Runde ist eröffnet, wir nehmen die Herausforderung an. Die ganze Welt sieht uns zu und wir werden Stärke beweisen. Die maskierten Hofnarren halten dem Publikum einen Spiegel vor – und dies gleichzeitig subtil und mit aller gebotenen Vorsicht. Wie gesagt, das ist auch nur meine Deutung dieses Clips und ich werde den Teufel tun, mich jetzt noch weiter aus dem Fenster zu lehnen – das ist hier ja das Internet und es vergisst ja schließlich nix…

Doch der Song ist nicht nur eine emotionale Verarbeitung der veränderten Weltlage: Er ist einfach ein super Party-Hit, bei dem sich die Stärken der beiden grundverschiedenen Rapper perfekt ergänzen: der soulige Refrain von André 3000 und die pointierten Raps von Big Boi versprühen aus meiner Sicht fünf Minuten lang Euphorie und gute Laune. Und das finde ich, kann man in diesen Tagen nie genug bekommen. Was meinst Du?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Du hast recht: Wenn Du Outkast sagst, denke ich an „Hey Ya!“ und „Ms. Jackson“. Wobei „Hey Ya!“ mit den lebhafteren Erinnerungen verbunden ist. Als es vor zehn Jahren raus kam, verbrachte ich gerade meinen ersten Sommer im neuen Job. In dem Großraumbüro, in dem ich an meinem ersten wichtigen Projekt arbeitete, hatten die Kollegen 1Live im Radio laufen. Und dort lief „Hey Ya!“ auf Heavy Rotation. Ständig war es on air – im Wechsel mit „In The Shadow“ von The Rasmus.

    Beide Songs verbinde ich mit einer Phase der Unsicherheit, des Sicheinfindens, des Bewährungsdrucks. Ich musste mich mit neuen Kollegen arrangieren, mit neuen Unternehmenstraditionen, mit neuen Tools. Ich wollte meine Arbeit rechtzeitig fertig kriegen, ohne den anderen gegenüber zu fordernd zu sein. Ich wollte mir helfen lassen, ohne meine eigene Handschrift überschreiben zu lassen. Ich wollte diese erste Hürde meiner Probezeit würdevoll überspringen. Das hat zwar nicht ganz so geklappt, aber das dürfte nur wenigen aufgefallen sein. „Hey Ya!“ war in diesem Sommer der Soundtrack. Und Mann, war das ein Sommer…

    Wenn der Song lief, habe ich mich immer wieder gefragt, ob das noch HipHop ist. Denn mit seinem untypischen Tempo und dem ungewöhnlichen Beat brach er zumindest meine Erwartungen auf. Für mich klang das mehr nach Prince als nach Public Enemy, die ich gern als HipHop-Richtschnur  anlege. Ich fand es sehr sympathisch, dass Outkast das Genre auf eigene und sympathische Weise interpretierten. Aber damit war meine Beschäftigung mit André 3000 und Big Boi aber auch abgeschlossen. Sicherlich auch, weil ich emotional wenig fand, um anzudocken.

    Dass ich damals offensichtlich nicht richtig hingehört habe, fiel mir erst vor gar nicht allzu langer Zeit auf. An einem ruhigen Samstagnachmittag schaltete ich einmal unsere TV-Programme durch und blieb an „Scrubs“ hängen. Es ist ja gar nicht so lange her, dass die Arztsendung ständig auf Pro7 lief. Jetzt kommt da immer „Two And A Half Men“ oder „How I Met Your Mother“, wenn ich vorbeizappe. „Scrubs“ finde ich großartig, jedenfalls die Staffeln mit Zach Braff, nicht die neuen. Und die Folge, die an diesem Samstagnachmittag kam, war klasse. Die ganze Krankenhaus-Belegschaft war verreist, um die Hochzeit des Hausmeisters zu feiern. Und wie das bei Hochzeiten in Serien so ist: Es muss erst ganz viel schief gehen, bis es zum Happy End kommt. Und als alles geklärt ist, setzen die Autoren noch einen weiteren emotionalen Höhepunkt: Hauptfigur J.D. macht seiner Freundin Elliot eine wunderschöne Liebeserklärung: „I love you more than Turk.“ Dazu spielt Ted einen Herz zerreißenden Song auf der Akustikgitarre:  „My baby don’t mess around / Because she loves me so“…

    Der Text kam mir bekannt vor, allerdings habe ich nicht gleich geschaltet. Ich musste erst ein wenig googlen um festzustellen: Das Stück war eine Coverversion von „Hey Ya!“. Ich war sprachlos, was in dem Song steckt. Und stieß bei meiner daraufhin ausgelösten Recherche auf Obediah Parker. Ursprünglich ein Trio, musiziert unter diesem Namen seit einigen Jahren ein einzelner Herr namens Mat Weddle. Der Mann aus Arizona hatte „Hey Ya!“ offenbar schon 2006 gecovert und soll bereits damals auf sich aufmerksam gemacht haben. Ich brauchte wie gesagt noch ein paar Jahre und einen freien Samstagnachmittag, um ihn zu finden. Seine Version ist großartig. Und ich muss bei der Gelegenheit dann auch anerkennen, dass der Ausgangssong von Outkast offensichtlich ein Potenzial hat, dass mir in meinem Sommer 2003 entgangen ist.

    Ein ähnliches Erlebnis kann ich mit „Whole Wide World“ noch nicht verbinden. Aber der Song macht Spaß. Und hat wie „Hey Ya!“ nicht nur das Zeug zum Party-Hit – schau mal was ich gerade gefunden habe…

  2. Pingback: Interlude: Big Boi, Sade & Phantogram | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.