Interlude: Adel Tawil

Wenn Du jetzt mit House kommst, schiebe ich mal den neuesten Banger aus dem Sprechgesangs-Lager vor.

Adel Tawil gehört ehrlich gesagt überhaupt nicht zu meinen Lieblingskünstlern. Und das ist noch vorsichtig formuliert. Es hat aber mehrere Gründe.

Angefangen hat der Berliner ja als Boygroup-Klon bei – haha – The Boyz. Zu VIVA- und MTV-Zeiten war das Quintett wirklich omnipräsent in den Medien vertreten. Links dazu erspar ich uns hier – die haben einige wirklich schlimme Ohrwürmer verbrochen. Da sie aus Berlin stammten, standen sie natürlich unter besonderer Beobachtung – zumal sich Adel und einige seiner Kollegen früher gerne in den angesagten Black Music-Clubs der neuen Hauptstadt herumdrückten. Zudem schmückten sie sich optisch mit einem Style, der damals auch bei uns HipHoppern gefragt war: Dicke Turnschuhe, FUBU-Caps und Daunenjacken. Da konnte ich nicht wegsehen, aber gefreut hat es mich nicht. Dazu hatten The Boyz Videodrehs in New York – da hätte ich damals gerne lieber einige kredibilere Zeitgenossen inszeniert gesehen.

In den Nuller Jahren folgte sein Projekt mit der von mir eigentlich sehr geschätzten Annette Humpe: Aber auch Ich + Ich konnten mich wenig überzeugen. Es liegt überhaupt nicht an Adels Stimme oder seiner Persönlichkeit (was weiß denn ich schon, wie der so drauf ist, wenn er in seinem 911er wieder über die Kantstraße brettert). Ich finde nur diese Formatradio-Dudel-Melodien belanglos bis unerträglich. Aber bitteschön, gechartet ist er ja regelmäßig – ich scheine da offenbar eine Minderheiten-Meinung zu vertreten.

Dann folgte eine Phase, die ich als Ankumpelei an vermeintlich kredibilere Künstler empfand: den Frankfurter Rapper Azad, die Stuttgarter Riesen-Sängerin Cassandra Steen und später den Rüpel-Rapper Sido aus dem Märkischen Viertel. Ankumpelei, weil ich diese Zusammenarbeiten als sehr gekünstelt und ebenfalls auf Mainstream gebürstet empfand. Wenn es bei Musik offensichtlich nur um Kommerz und weniger um die Durchsetzung eines gewagten künstlerischen Anspruchs geht, dann bin ich einfach raus.

So, und 2013 präsentiert uns Adel Tawil ein neues Album, an dessen Vermarktung er seit einigen Monaten unter anderem mit Hilfe des von mir sehr geschätzten Prinz Pi gearbeitet hat. Dazu gehörte auch eine gemeinsame Single. Um die Überraschung perfekt zu machen, stand auch noch Sido mit im Studio: Überraschend, weil sich die beiden Rapper noch aus ihren Anfangstagen kennen, aber nicht unbedingt als gute Freunde gelten, um es mal vorsichtig zu sagen. Doch mit dem Alter kommt die Reife – machen wir es kurz: Der Song ist richtig gut. Rap, Pop und Soul harmonieren schlüssig miteinander. Es gibt einen Groove und eine Dynamik.

Obendrein gibt es noch ein richtig aufwändiges Video. Es erzählt eine fesselnde kleine Geschichte, die atmosphärisch so an die frühen Filme von Fatih Akin und Lars Becker erinnert. Ich mag es eigentlich kaum schreiben, aber ich freue mich auf das Adel Tawil-Album!

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Adel Tawil? Da musste ich in einer ersten Reaktion nach Luft schnappen. Ich kenne ihn nur als Teil von Ich + Ich. Und die finde ich mit das Unangenehmste, womit WDR2 mir kommen kann. Trotz des Annette-Humpe-Bonus, der seit Ideal-Zeiten bei mir nachwirkt. Ich + Ich hingegen halte ich schlicht für Plagiatoren. „Stark“ ist nichts anderes als die deutsche Übersetzung von Robbie Williams „Strong“. „Ich bau ne Stadt für Dich“ bedient sich schamlos bei „They don’t care about us“. Eigenständige Ideen habe ich bei denen nie gehört.

    Dass Tawil ein musikalisches Leben vor Ich + Ich hatte, wusste ich gar nicht. Was Du darüber schreibst, klingt jetzt aber auch nicht so, als würde mich das versöhnlicher stimmen. Und jetzt also solo und mit namhafter Unterstützung ein „Aschenflug“. Ganz ehrlich: Das haut mich nicht vom Hocker. Dafür habe ich das Grundmuster – Rap/Pop-Refrain – zu oft schon besser gehört. Für mich klingt das alles weiterhin sehr bemüht. Sehr kalkuliert.

    Bemerkenswerter als den Song selbst finde ich dann doch eher die Zusammensetzung der beteiligten Künstler. Und auch, dass sich dazu ein weiterer alter Bekannter gesellt: Regie bei dem Video führte offenbar Kim Frank, früher bei Echt. Vielleicht bringt das Album ja also doch noch ein paar Überraschungen, die mir gefallen. Das Potenzial scheint vorhanden.

  2. Hallo, echt gutes Konzept hinter eurem Blog. Zu „Aschenflug“ habe ich auch schon etwas be mir geschrieben. Klar, kann man von Adel Tawil und seiner Musik halten, was man will – sicher auch nicht mein Fall -, aber das Video in Kombination mit den Lyrics funktioniert schon echt gut. Auch dank der Feature-Gäste.

    Grüße,

    der Siegfried

  3. Hi Siegfried, danke für Deinen Kommentar. Und Du hast mit Deiner Rezension auf zeitgeist247.de vollkommen recht: Die jungen Darsteller verkörpern die verlorene Jugend wirklich superauthentisch und packend – im Klimax bis zur Grenze des Erträglichen…
     Well done, everybody!

  4. Pingback: 88/100: Steh wieder auf | 100 Songs

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