37/100: Music

John Miles (1976)

cassetten volkenroda

Irgendwie erscheint es mir nahe liegend, für einen Blog wie unseren „Music“ von John Miles auszusuchen. Aber wie ich es auch drehe und wende – irgendwie passt der Song zu mir. Und das nicht nur, weil es über Jahre der einzige Lichtblick auf langen Autofahrten mit meinen Eltern war.

Die ersten Schritte meiner musikalischen Sozialisation habe ich mit Hilfe meines Vaters gemacht. Beatles, Diana Ross, Elvis Presley, Beach Boys – das waren wie gesagt die ersten Tapes, die ich mir von ihm habe aufnehmen lassen. Aber je mehr ich auf andere Männer und deren Empfehlungen hörte, umso weiter entfernte ich mich von den musikalischen Präferenzen meines alten Herrn. Sicher gab – und gibt – es immer wieder mal Überschneidungen. „Skandal im Sperrbezirk“ zum Beispiel. Ich hatte es zum ersten Mal an einem Mittwochabend bei Mal Sondock gehört und war sofort begeistert. Ich hatte in den darauf folgenden Tagen für mich noch nicht ganz geklärt, wie ich meinen Eltern das mit den Nutten vor der großen Stadt vermitteln sollte, als mein Vater von einer einwöchigen Fortbildung wiederkam und fragte, ob wir dieses Lied der Spider Murphy Gang schon kennen würden. Das hätten sie die ganze Woche über gehört und das sei doch prima.

Sogar der Anstoß für 100songs.de kam von meinem Vater: Er spielte mir „The List“ von Rosanne Cash vor. Für die LP hat Johnny Cashs Tochter 12 Songs einer Liste aufgenommen, die ihr Vater mal aufgeschrieben hat.

Aber schon lange vor jenem Depeche-Mode-Konzert im Frühling 1986 in Berlin befanden er und ich uns musikalisch auf sich voneinander weg bewegenden Planeten. Im Alltag war das nicht weiter tragisch. Da hockte ich in meinem Zimmer und hörte ungestört meine Platten, Cassetten und Radiosendungen. Bei längeren Autofahrten hingegen wurden die unterschiedlichen Musikgeschmäcker für mich zu einem Problem. Denn: Wer fährt, bestimmt die Musik. Und so hörten wir häufig Stan Getz, Blood, Sweat & Tears und andere Dinge, die ich – damals – nicht hören wollte. Ich wollte Blondie, AC/DC oder Trio. Einziger Lichtblick auf den Cassetten meines Vaters war tatsächlich „Music“ von John Miles.

Dramatisch, opulent, verkopft, emotional und eingängig zugleich. Auch heute noch muss ich sagen: große Kunst. Ich habe dann immer auf der Rückbank gesessen und versucht mir alle Töne, Streichermotive, Tempowechsel und Textzeilen einzuprägen. Und mit zehn Jahren dachte ich wirklich, dass Musik meine erste Liebe ist.

Seit ich meine Frau kenne, weiß ich, dass Musik nicht meine einzige, größte und letzte Liebe ist. Aber in den Jahrzehnten seit diesen Autofahrten habe ich doch festgestellt: Musik ist eine Konstante in meinem Leben. Die sich ständig verändert hat. Musik hören, darüber lesen, sie suchen und kaufen – das waren meine ersten zehn Jahre mit Musik. Später kam dann das Auflegen dazu. Und das Programmieren von Musik auf dem C64. Als beides weniger wurde, entstand eine Band in die ich gern viel Zeit, Kreativität und Energie investiert habe. Parallel habe ich angefangen, für Magazine über Musik zu schreiben. Auf meinem 486er habe ich ab 1993 wieder mit computergestützer Musik angefangen, ergänzt mit Keyboard und später meinem Sampler. Sogar mit dem Aufkommen von MP3s und später iTunes blieb Musik für mich interessant, auch als physische Tonträger immer weniger relevant wurden und das Haptische verlorenging. CDs und Schallplatten digitalisieren, Cover raussuchen, „misheard lyrics“ aufarbeiten… Irgendwie gab es immer etwas mit Musik zu tun. Und jetzt: wieder mehr auflegen und natürlich 100songs.de…

Du merkst hoffentlich, worauf ich hinaus will? Auf diese Behauptung: Was immer ich im Leben noch erreichen werde. Was immer mir auch widerfahren mag – Musik wird mich dabei begleiten. In irgendeiner Form. Oder, um es mit John Miles zu sagen:

To live without my music
Would be impossible to do,
In this world of troubles
My music pulls me through.

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3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Na, da hast Du ja ein ganz besonders kleines Fass aufgemacht, Michael 😉 Mir wäre dieser Song nie in den Sinn für unsere Liste gekommen – was nicht heißt, dass ich ihn nicht mag. Überhaupt nicht – das ist ja so ein Evergreen, den man eigentlich gar nicht so richtig scheiße finden kann, wenn man ein kleines Herz für Hamonie(n) hat. Je öfter ich den Song höre, desto stärker nehme ich ihn übrigens als einen Musical-Track und nicht so sehr als Popsong wahr – doch das ist nebensächlich. 

    Aber bitte wo soll ich da denn anfangen und wo aufhören? Doch ich versuch es mal. Und weil unsere Leser diese kleinen Anekdoten sicherlich schon vermisst haben, lege ich eine Schippe Kitsch drauf.

    Eine meine frühesten Konversationen über die Bedeutung von Musik führte ich mit Bud Spencer. Also nicht wirklich direkt, sondern mehr so über den Umweg des TV-Bildschirms. In „Der Große mit dem außerirdischen Kleinen“ erläutert er einem Alien in Gestalt eines kleinen Jungen, weshalb Musik für ihn als Menschen wichtig ist. Der Film ist von 1978 und ich hab ihn vermutlich so drei, vier Jahre später im Fernsehen oder auf Video gesehen. Damals war ich sechs oder sieben und wirklich jeder meiner Freunde wollte dieser Junge sein und von dem großen dicken Mann mit dem Vollbart und dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn beschützt werden. Und deshalb erinnere ich mich auch noch so gut daran, wie er dem Alien namens H7-25 das Wesen von Musik zu beschreiben versuchte: 

    Ja, genau hier bitte klicken und zwei Minuten zuhören

    In meinen Augen macht Bud Spencer das ähnlich reduziert wie John Miles. Dessen epische Hymne kommt ja auch mit nur acht verschiedenen Textzeilen aus und sagt eigentlich alles (na ja, ich weiß schon, dass in diesem Song die Instrumente vermutlich eine größere Bedeutung für die Message haben, als seine Worte, aber trotzdem…).

    John Miles bringt mit seiner Ode an die „Music“ natürlich eines der Grundthemen der Menschheit auf den Punkt. Joa, so weit würde ich Dir folgen. Ich meine, wir beide würden uns ja schließlich nicht Woche für Woche hinsetzen und uns in aller Öffentlichkeit über Mucke austauschen, wenn sie für uns nur eine Begleiterscheinung eines Disco-Besuchs oder einer Autofahrt wäre. Natürlich nicht!

    Für mich haben Texte schon immer die größte Bedeutung bei der Rezeption von Musik gehabt. Das hat sicher auch etwas damit zu tun, dass ich nie ernsthaft gelernt habe, ein Instrument zu spielen. Irgendwie passte das nicht. Aber gesungen habe ich schon immer gerne – mit mal mehr mal weniger misheard lyrics (das hält sich bis heute erstaunlicherweise immer noch so die Waage). 

    Und wenn ich so an verschiedene Stationen meines Lebens zurückdenke, dann habe ich fast immer einen passenden Song aus der Zeit auf den Lippen. Und da sind durchaus mehr als die 50 Songs gespeichert, die ich Dir und den geneigten Lesern in unserem Blog präsentieren werde. Wenn ich jetzt solche Stationen nennen sollte, dann sind das zumeist ähnliche Erinnerungen, wie sie wohl die meisten haben: Ich denke an alte und aktuelle Beziehungen, schöne Reisen, gute Freunde, bestandene Prüfungen, Interviews, Artikel-Recherchen, tolle Konzerte, gute Parties… kurz viele schöne Momente. 

    Aber es gibt gleichzeitig auch genug Phasen, in denen mich Musik nervt. Ich spreche gar nicht so sehr von den Ohrwurm-Momenten, wenn ein Kollege vom mir wieder „Bakerman“ oder so einen Blödsinn singt. Gerade rede ich von so richtigen Abturn-Momenten wie das Ende meiner ersten großen Liebe, zu dem mich fünf Tage lang der schreckliche Cappuccino-Song „Du fehlst mir“ (platter geht’s ja wohl nicht) durch den Kopf wummerte. Oder so jobliche Dysstress-Phasen, bei denen immer wieder die selben drei Textzeilen in einer elliptischen Schleife hundertfach durch meinen Kopf jagen und mich zur Weißglut treiben (Zum Glück habe ich kein aktuelles Beispiel, aber sobald mir dazu wieder ein Song einfällt, reiche ich den nach.). 

    Ganz aktuell kann ich aber mit dem Thema misslungene Konzerte/ Parties aufwarten. Gerade erst habe ich so einen Abend erlebt, den ich am Liebsten aus meinem Gedächtnis streichen würde. Einen Abend, an dem die von mir ausgewählte Musik und das Publikum so gar nicht zusammenpassten. An dem ich plötzlich Titel spielen sollte, die mir peinlich sind und die ich nur aus joblichen Gründen überhaupt auf meiner Festplatte habe. Musik, die aber offenbar viele andere Menschen mit Feiern und Spaß haben assoziieren, während sie bei mir innerlich Brechreiz auslöst. Und wenn dann so Musikwünsche fallen wie „Black Music“, „etwas, das groovt“ oder womöglich „Spiel mal Kool & the Gang“, dann versuche ich als DJ-Dienstleister natürlich, entsprechend zu reagieren. Doch einen ganzen Abend lang mag ich mir das nicht antun, dafür ist mir ehrlich gesagt auch meine Lebenszeit zu schade. 

    Es stimmt schon, dass ich manchmal den Musiknazi raushängen lasse und dass das vielleicht nicht die richtige Einstellung ist, wenn man eine große Gruppe zum Tanzen motivieren soll. Aber ich kann diesen Jukebox-Gedanken von Party-Gästen im Gegensatz zu Dir einfach nicht ab. Daher werde ich in Zukunft einfach noch viel genauer überlegen, zu welchen Gelegenheiten ich mir die Nacht um die Ohren schlage. Schließlich soll das doch auch mir immer noch Spaß machen, oder?

    So habe ich jedenfalls noch ganz frisch in Erinnerung, wie ich an einem Wochentag um 2 Uhr morgens vor der Location auf mein Taxi wartete, überhaupt nichts mehr hören wollte und den Fahrer bat, den Formatradiosender auszuschalten. 

    Auch am nächsten Morgen – kein Bock auf Mucke. 

    Dann in der S-Bahn: Lieber ohne Kopfhörer Zeitung lesen, als irgendwas hören. 

    Im Büro ärgerte ich mich über diese ganzen zwangsläufig angelegten Playlisten, die zu viel Musik enthielten, die ich mir nicht anhören mag. Ich ärgerte mich auch über ein Publikum, das „meine“ Schätze, auf die ich echt Bock hatte, verschmäht hatte. 

    Und abends war ich nicht mal in der Lage, einer prima Konzerteinladung nachzukommen, weil ich zu erschöpft dafür war. 

    Es hat dann noch einen weiteren Tag gedauert, bis ich wieder Lust hatte, auf Spotify nach neuen Alben von Eminem und Fettes Brot zu suchen, mir das Adel Tawil-Video anzusehen und nacheinander in der Badewanne die JUICE und die SPEX durchzublättern. Langsam verzieh ich ihr – obwohl die Musik ja eigentlich nichts für all das konnte.

    Man sagt doch, das man etwas nur hassen kann, wenn man es wirklich innig liebt, oder? Dann ist das mit der Musik bei mir sicher so. Und ich kann vermelden: Momentan läuft die Beziehung wieder besser.

  2. *Ob der Text nun kitschig ist oder nicht – selten dreht es sich doch in Musiktexten mal um die Musik selbst – mir fällt jedenfalls gerade kein anderer Song dazu ein. Musikalisch ist dieses für mich ein Meisterwerk von ähnlichem Kaliber wie „Stairway to heaven“ oder „Bohemian Rhapsody“.

  3. Pingback: 99/100: When I’m 64 | 100 Songs

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