36/100: Let It Be

Ferry Aid (1987)

Für diesen Text gibt es mehrere mögliche Einstiege.

1. Wenn Andy Warhol recht hatte, habe ich meine 15 Minuten Ruhm schon relativ früh verbraucht: als 12-Jähriger in einem Zirkuszelt am Anhalter Bahnhof.

2. Wenn ich über die Beatles nachdenke, fallen mir Dutzende von wichtigen Songs ein – keine Frage. Doch es gibt einen Song, der wird für immer unweigerlich in meiner popmusikalischen DNA verankert bleiben.

3. Kann sich eigentlich noch jemand daran erinnern, dass in den 80ern Charity-Songs wie „We are the World“ oder „Do They Know it’s Christmas“ monatelang die Charts dominierten?

Aber der Reihe nach.

Ich weiß, es gibt coolere Songs von den Beatles. Und ich weiß auch, dass es geradezu blasphemisch klingen muss, dass wir hier bei Nr. 36 immer noch kein Original von Lennon/McCartney besprochen haben, sondern dass ich das Thema mit einer Coverversion beginne. Doch ich bin nun einmal 1987 zwölf Jahre alt gewesen und nicht 1970. Und bevor die Beatles in meiner Pop-Wahrnehmung ein Thema wurden, war dieser Song wichtig. Und irgendwie beschreibt diese paradoxe Situation die Stimmung der 80er sehr gut.

Denn wie ja jeder weiß, war dieses Jahrzehnt geprägt von Nihilismus und Selbstverliebtheit. Es zählte die Oberfläche, das Materielle und das Recht des Stärkeren. Die Popwelt war aalglatt: Die Musikproduktion wurde nicht mehr von rebellischen bärtigen Langhaar-Trägern bestimmt, sondern von auf Hochglanz aufpolierten Poster-Boys und -Girls. Duran Duran. A-Ha. Kim Wilde. Depeche Mode. Samantha Fox. Michael Jackson. Ich brauch sie gar nicht weiter aufzuzählen. Wenn ich an das alles denke, stelle ich mir die 80er im Rückblick wie einen langen Kokstrip im schwarzen „Miami Vice“-Ferrari auf der „Road to Nowhere“ vor.

Doch die Menschheit hätte die 80er sicherlich nicht überlebt, wenn es nicht noch eine andere Seite der Medaille gegeben hätte. Es gab zahlreiche Bedrohungen, die Menschlichkeit und Solidarität erforderten. So wie die Hungersnöte in Äthiopien. Die Tschernobyl-Katastrophe. Die zunehmende Bedrohung des Kalten Krieges durch War Games-Wettrüsten. Und Pop reagierte – so wie Pop eben konnte. Es gab Benefiz-Konzerte und Benefiz-Alben und eine Solidarisierung der Happy Few-Popstars mit den Ärmsten der Armen.

Wie hypersensibel Pop war, konnte man im März 1987 erleben.

Am Abend des 6.3.1987 nahm die britische Autofähre „Herald of Free Enterprise“ im belgischen Nordsee-Hafen Zeebrügge Kurs auf die britische Insel. Doch weit kam sie nicht: Das Schiff kenterte wenige Minuten später und fast 200 Menschen starben im eiskalten Wasser. Angesichts der Vielzahl von Katastrophen ist es für mich heute unvorstellbar, dass dieses Unglück solche – sorry – Wellen schlug. Denn: Nur acht Tage später versammelte sich fast die gesamte britische Top 40-Belegschaft in den Londoner PWL-Studios und nahm unter der Leitung von Paul McCartney den 17-Jahre-alten Beatles-Hit „Let It Be“ erneut auf. Michael Jackson, der zu dieser Zeit die Rechte an dem Song hielt, stellte ihn kostenfrei zur Verfügung.

Pop trommelte und alle kamen. Rick Astley. Boy George. Bananarama. Frankie Goes to Hollywood. Mark King. Mel & Kim. Gary Moore. Maxi Priest. Mandy Smith. Kate Bush. Kim Wilde. Bonnie Tyler. Insgesamt 83 Künstler und Acts trafen sich drei Tage lang im Studio, um gemeinsam für die Opfer dieses Unglücks Musik zu machen.

Eine tolle Sache, wie ich fand. Also investierte ich voller Überzeugung 7,- Mark und tat Gutes.

Und der Song war auch noch toll. Von Paul McCartney hatte ich zumindest schon mal gehört und außerdem gab mir diese Künstler-Zusammenführung die einzigartige Chance, so viele coole BRAVO-Gesichter bei mir Zuhause singen zu lassen. Immer und immer wieder. Ich mochte den Song, ohne das Original zu kennen.

Dann kamen die Sommerferien 1987. Die sechste Klasse lag hinter mir und das Gymnasium stand bevor. Eine merkwürdige Zeit: spannend einerseits, aber auch etwas beängstigend. Mein bester Freund Sascha war mit seiner Familie in Italien, meine meisten anderen Kumpels auch über Europa verstreut. Meine Eltern hatten unsere Skandinavien-Reise für die zweite Ferienhälfte eingeplant. In der dritten Ferienwoche wurde es Öde.

Also war ich froh, als mich meine Tante Liesi einlud, mit ihr und meinem Cousin Marco eine „Fernseh-Show“ zu besuchen. In einem Festzelt kurz vor der Berliner Mauer moderierte der beliebte Moderator Michael Schanze eine Roadshow der Post durch die Republik. Das klang spannend.

Als wir ankamen wurden die jungen Besucher von Hostessen abgefangen und sollten einen Zettel ausfüllen. Darauf wurde gefragt, was wir denn vorführen wollten. Darauf war ich nicht vorbereitet – ich spielte doch nicht mal ein Instrument. Andere hatten Blockflöten und Geigen mitgebracht – und offenbar das Kleingedruckte des Events vorher etwas genauer studiert. Aber wer meine Tante kennt, weiß: Sie lässt nicht locker. Also mussten Marco und ich irgendwas aufschreiben. Marco entschied sich für Popcorn-Wettessen und sparte dafür Dreiviertel seiner Zeppelin-Popcorn-Tüte auf. Ich hatte immer noch keine Idee. Meine Tante meinte, ich möge doch so gerne Musik – also schrieb ich, dass ich einen Pop-Song singen könnte. Ich kannte die Texte von genau drei Songs – zumindest phonetisch so in etwa.

1. „Reality“ von Richard Sanderson.
2. „Standy By Me“ von Ben E. King.
3. „Let It Be“ von Ferry Aid.

Meine Wahl fiel auf letzteren, da dort ja unfassbar viele verschiedene Stimmen zu hören waren. So würde mein beginnender Stimmbruch nicht so sehr auffallen. Und überhaupt – da stimmten so viele kleine Mozarts im Publikum ihre Instrumente, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass die Wahl auf mich fallen würde.

Außerdem war mir überhaupt nicht klar, was genau uns erwartete – schließlich war die Gesellschaft damals medial noch längst nicht so abgebrüht wie heute. Es war die Zeit weit vor vor Marijke Amado und noch viel weiter vor Dieter Bohlen als regelmäßige Talentsucher in der Glotze. Michael Schanze war ein netter Typ, der immer wie ein engagierter Grundschul-Lehrer rüber kam – was sollte schon groß passieren?

Tja, er wählte fünf Kids auf die Bühne und als mein Name fiel, startete ein ganz merkwürdiger Film in mir. Der ist bis heute präsent. Kennst Du dieses Gefühl höchster Anspannung und gleichzeitig völliger Weggetretenheit? Und dieses innerliche Schütteln, wenn Du an Momente höchster Fremdscham denkst, die Du aber selbst verursacht hast? Genau das erlebe ich immer, wenn ich an diesen Nachmittag zurückdenke.

Dabei lief es gar nicht mal so schlecht. Die „Fernseh-Show“ gar keine echte TV-Show. Da standen zwar zwei Kameras herum, aber heute weiß ich, dass die wahrscheinlich nur die Belegexemplare für die Sponsoren aufgezeichnet haben. Für eine echte ARD-Übertragung wäre das viel zu wenig Rummel gewesen.

Vor mir spielte eine Siebenjährige irgendwas auf der Flöte. Weil sie einen lustigen kleinen Koffer dabei hatte und eine Art türkises Barret auf dem Kopf trug, wurde sie von Michael Schanze scherzhaft mit Queen Mum angesprochen, deren Staatsbesuch gerad ein paar Tage zurück lag. Dann kam ein älterer Mann, der sein Geburtsdatum um locker 45 Jahre gefälscht hatte. Da er so schnell auf die Bühne lief, konnte er von dem netten TV-Moderator nicht mehr ohne Gesichtsverlust abgewiesen werden – also spielte er etwas auf seiner Gitarre.

Und dann kam ich. Im Gepäck: „Let It Be“ acapella – denn ich spiele ja kein Instrument. Doch Michael Schanze hatte mich nicht ganz zufällig ausgewählt, denn er mochte diesen Song der Beatles besonders gerne, wie er sagte. Also setzte er sich zur Begleitung an den Bühnen-Flügel, während ich vor das Mikrofon tappelte und versuchte, die mir in Erinnerung gebliebenen Textzeilen nacheinander sinnvoll wiederzugeben. Es gelang mir bis zum ersten Refrain ganz gut. Erstaunlich dabei: Da ja bei der Ferry Aid-Interpretation jeder Künstler nur zwei Zeilen singen durfte, intonierte ich den Song in verschiedenen Stimmlagen. Nach dem Refrain bekam ich noch die Zeilen

„And when the broken-hearted people / Living in the world agree / There will be an answer / Let it be“

hin. Dann verließ es mich. Doch Michael Schanze wäre nicht Michael Schanze, wenn er mit nicht unter die Arme gegriffen hätte. Sofort setzte er ein und ich versuchte wiederum, mit ihm mit zu murmeln. Dann kam der zweite Refrain und ich sang wieder etwas selbstbewusster mit. Und weil es so gut lief, spielte er den Refrain einfach noch mal und im Publikum setzten die ersten Elternstimmen mit ein. Wir sangen den Refrain noch ein drittes Mal, bis Michael Schanze den Song ganz sanft aber bestimmend ausklingen ließ. Dann sprang er vom Flügel auf und nahm mich in den Arm. Ich entschuldigte mich für meinen Stimmbruch und erhielt noch ein wenig mitleidigen Eltern-Applaus und dann war auch schon die nächste dran.

Zum Glück war es keine richtige Talentshow, denn so erhielt jeder am Ende ein kleines Geschenk (bei mir war es ein Brettspiel von der Post) und wir durften uns wieder setzen. Dann kam noch ein lustiger Zauberer auf die Bühne und es wurde wieder Zeit zu gehen. Tja, und das waren dann wohl meine 15 Minuten Fame… Hast Du Deine schon erlebt?

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  1. Sehr schöne Geschichte. Mit Michael Schanze ein Duett zu singen – da haben viele Kinder sicher von geträumt. Gibt es auch Video? Ich habe von meinen 15 Minuten  eine VHS-Cassette im Regal. Daran merkst Du: Ich musste darauf länger warten als Du. Interessanterweise ist meine Viertelstunde auch mit einer Charity-Aktion verknüpft: Sie entwickelte sich aus der dem Projekt „Intro  Aid“ heraus. Sogar ein Lied ist damit verknüpft: „In My Place“ von Coldplay.  Und so kam es dazu:

    Im August 2002 stand der Osten Deutschlands unter Wasser. Überall wurde darüber diskutiert, wie man den Betroffenen helfen könne. Irgendwer in unserer Redaktion hatte angeregt, dass wir doch auch einen Beitrag leisten könnten. „Intro Aid“ wurde geboren. Die Idee: Wer 25 Euro an Intro überweist, bekam dafür ein Jahr lang das Intro zugeschickt. Intro sammelte das Geld, das für diese Abos eingeht, und leitet es ohne Abzüge an die „Aktion Deutschland hilft“ weiter.  Die Idee kam gut an, Leser, Künstler und Bands fragten nach, was es damit auf sich habe und machten mit. Ich bewarb die Aktion auch in dem Newsletter, den ich jeden Mittwochabend verschickte. Am Donnerstagmorgen drauf rief Viva Plus  an. Die Redaktion der Nachmittagssendung hatte unsere Aktion im Newsletter gesehen und wollte dazu jemanden live im Studio befragen. Da ausgerechnet an diesem Tag so gut wie alle Führungskräfte unterwegs waren, fiel mir die Rolle zu. Mein Kollege Matthias gab mir am Vormittag noch ein paar Tipps, wie man sich vor der Kamera am besten verhält und half mir, die wichtigsten Aussagen vorzuformulieren und zu verinnerlichen. Und dann bin ich mit dem Rad los zum Media Park.

    Moderator Yousef, den ich noch von seiner früheren Funktion bei einem Plattenlabel kannte, nahm mich in Empfang und erklärte mir, was er in der Sendung vorhatte. Etwas beunruhigt nahm ich zur Kenntnis, dass das Oberthema des Talks „Klimaerwärmung“ sein sollte. Darauf war ich nicht wirklich vorbereitet. Auf dem Weg in die Maske versuchte ich zu erklären, dass ich kein Klimaexperte sei und mich ungern dazu äußern würde. Yousef versuchte mich zu beruhigen indem er mir auf dem Talk-Sofa erklärte, wie man am besten in die Kameras guckt und dass das schon alles gut werden würde. Auf einem der Monitore sah ich, dass „In My Place“ von Coldplay lief, irgendjemand sagte „Nach dem Lied seid ihr dran“ und dann ging das rote Licht an.

    Wie bei meinem Coaching am Vormittag gelernt, beantworte ich alle Fragen mit den von mir verinnerlichten Sätzen. Egal, ob es passte oder nicht. Wenn Fragen zum Klimawandel generell kamen, habe ich dankend die Beantwortung abgelehnt. Alles ganz gut. Dabei fühlte ich mich vor der Kamera nicht mal unwohl, auch wenn ich wahrscheinlich ein wenig spaßfrei rüberkam. Aber das war reiner Selbstschutz. Ich wollte mich eben nicht blamieren. Und bin meines Wissens auch nie bei „TV Total“ oder „Uupps, die Pannenshow“ recyclet worden. Mehr wollte und konnte ich nicht erreichen. Eine Kollegin war sogar so nett zu behaupten, ich hätte vollständige, zusammenhängende, sinnvolle und sogar eloquente Sätze von mir gegeben. Das hat mich sehr gefreut. Insofern habe ich meine 15 Minuten in guter Erinnerung.

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