35/100: Superfly Guy (Fluffy Bagel Mix)

S*Express (1988)

smileyAcid House hat mein Leben verändert. Das mag vielleicht übertrieben klingen. Aber: Meine musikalische Sozialisation lässt sich sehr gut einteilen in eine Zeit vor 1988 und eine Zeit danach. Es gab viele Gründe für mich, Acid House begeistert zu empfangen, als es in mein Leben trat. Hier die drei wichtigsten.


1. Bis 1988 war ich Fan von Bands. ABC. Depeche Mode. New Order. Pet Shop Boys. In Freundebüchern hatte ich bis dato immer diese Antwort eingetragen. Mit Acid House wurde ich zum erstes Mal Fan eines ganzen Genres. Natürlich hatte ich keine Ahnung, welche Rolle Chicago, Detroit oder das Hacienda bei all dem gespielt haben. Ich nahm nur wahr, dass es auf einmal keine “Extended Mixes”, sondern “Acid Mixes” von Radio-Hits gab, etwa von Roachford, Samantha Fox oder Bros. Und dass Wegbegleiter von früher auch in Acid machten, etwa Paul Rutherford von Frankie Goes To Hollywood. Angeblich machte sogar Jean Paul Gaultier in Acid House. Und dann noch diese Legenden von total abgedrehten Partys in England… Das fühlte sich an, wie eine weltumfassende Jugendbewegung. Sogar bei uns auf dem Land. Und weil andere Menschen in meiner Umgebung noch weniger Ahnung davon hatten als ich, durfte ich mich als Pionier fühlen.

2. Tanzmusik war bei uns auf dem Land bis dahin immer handgemachtes Funk-Zeug. Crusaders, Kool & The Gang – so etwas wünschten sich die Leute auf unseren Abi-Partys. Was ich an Acid House toll fand: Die Leute, die von uns immer wieder „Street Life“ hören wollten, hassten es. Die ganzen Toto-, Zappa- und Mezzoforte-Fans rebellierten, wenn wir auf Abi-Partys “We Call It Acieeed” auflegten. Das bot uns eine großartige Retourkutsche für all die schrecklichen Sachen, die wir über Jahre spielen mussten, um die Partys in Gang zu bringen.

3. Ich liebte die für Acid House charakteristischen Basslinien. Sie bestanden ja meist nur aus einem eintaktigen Motiv, dessen Frequenzen im Laufe eines Stückes wild gefiltert wurde. Ich habe lange gebraucht um herauszufinden, dass dieser von mir so innig geliebte Sound mit einem kleinen, unscheinbaren Keyboard erzeugt wurde – dem Roland TB 303. Mit dem 1982 in den Verkauf gekommenen Synthesizer programmiert man seine Basslinie und dreht anschließend an den Reglern für Filter und Resonanz – und schon klingt’s großartig. Diese Herangehensweise hat mich in meiner Musikproduktionsphase enorm beeinflusst. Sogar in meiner eher gitarrenorientierten Band habe ich wo immer es sich anbot (oder auch nicht), diese sich verändernden Basslinien eingebaut. Und noch heute kann man mich damit gleich für sich gewinnen.

Es ist insbesondere Punkt 3, der mich dazu bewogen hat, aus meiner Acid-House-Playlist den Fluffy Bagel Mix von “Superfly Guy” auszuwählen. Das Original kenne ich gar nicht. Und von S*Express ist mir sonst auch nur “Theme from S*Express” in Erinnerung. Aber es genügten ein paar wenige Sekunden aus diesem Song, um mich zu begeistern.

bomb the bass_beat disDiese paar Sekunden waren versteckt auf “Into The Dragon”, dem Debütalbum von Bomb The Bass. Dahinter verbarg sich Tim Simenon, dessen erste Single, “Beat Dis” aus dem Jahr 1987, ich auch schon gekauft hatte. “Into The Dragon” erschien anderthalb Jahre später und war eine Art Bestandsaufnahme der Londoner Clubmusik-Szene. Simenon versammelte darauf Hiphop, Acid, Soul und auch Sachen, die man heute als Vorboten von Bigbeat interpretieren kann. Die einzelnen Stücke wurden jeweils von Genregrößen wie Tim Westwood und Jazzy B angekündigt. Einer der Moderatoren auf der Platte hatte sich als “Bett” für seine Ankündigung den kurzen Ausschnitt eines wahnwitzig klingenden Acid-House-Stückes ausgesucht. Leider nannte er nicht den Titel, sondern sagte nur: “That was the Fluffy Bagel Mix” bevor er den nächsten Track der LP ankündigte.

Das war nicht viel, um sich im Jahr 1988 auf die Suche zu begeben. Den entscheidenden Hinweis auf den Song erhielt ich zum Glück einige Monate später: Ein Freund meiner Schwester hatte uns einen Acid-House-DJ-Mix auf Cassette aufgenommen. Es war eine etwas krude Zusammenstellung, die “We Call It Acieeed” genauso berücksichtigte wie “The Party” von Kraze und “Join In Chant” von Nitzer Ebb. Aber mittendrin setzte dann diese Basslinie ein, deren Ursprung ich seit Monaten gesucht hatte. Der Ausschnitt auf dem Tape war lang genug, um “Superfly Guy” zu vernehmen. Das war es also!

sexpress_fluffy bagelKurze Zeit später durchsuchte ich bim DJ Record Shop in Osnabrück das S-Fach und zog wenige Minuten später die gesuchte Maxi raus. Gefunden. Und ganz groß vorne drauf: die Zauberworte “Limited Edition Remix”. Ein ganz großartiger Moment.

Bei den drauf folgenden Abi-Partys mischte ich das Stück dann immer zu “We Call It Acieeed” und freute mich über die “Buh”-rufenden Toto-Fans genauso wie über die 15 bis 20 wackeren Tänzer, die meine Begeisterung teilten und sich von der nörgelnden Masse nicht aus dem Takt bringen ließen.

Geblieben ist außer diesen Erinnerungen weiterhin die Begeisterung für technologisch produzierte Tanzmusik im Allgemeinen und die Basslinien aus dem TB 303. Ich hatte lange Zeit versucht, ein gebrauchtes Gerät zu erstehen, aber die Preise waren leider in unbezahlbare Höhen gestiegen. Ende der Neunzigerjahre gab es eine Art Nachbau für den PC, heute kann man diese charakteristischen Sounds auf dem iPad reproduzieren. Probier’s mal aus – das macht Spaß. Aber vorsicht: Es könnte Dein Leben verändern.

8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Okay, ich bin eben also ans Vinyl-Regal gegangen und war verwundert, dass meine ACID House-Platten alle beieinander sortiert standen – frag mich nicht, wann ich das gemacht habe. Teutonische Gründlichkeit zahlt sich aber aus, denn so kann ich blitzschnell folgenden Fund vermelden:

    1. Die Maxi „Big Fun“ von Inner City.

    2. Dana Dawson „3 is Family – The House Mixes“

    3. Den 3-Vinyl-Sampler „The History of The Sound of Chicago“

    Okay, das ist jetzt ein wenig überschaubar. Und irgendwo steht noch die peinliche „Enzian“-Maxi von Heino – wobei ich nicht sicher bin, ob ich die vielleicht in einem Schamanfall mal entsorgt habe. But that’s all in Sachen House in Mikkos Musikbestand. 

    Die Erklärung dafür ist sehr simpel: Als ACID 1989 ein Thema wurde, war ich erst 14 Jahre alt und verfügte über ein sehr überschaubares Taschengeld-Budget. Meine Eltern waren nicht geizig, aber nach Abzug der Ausgaben für Kinotickets, Eisdielen-Besuche und Jugendliteratur (dazu kommen wir gleich noch) blieb halt gerade mal genug übrig, dass ich mir vielleicht zwei Tonträger in drei Monaten kaufen konnte.

    Das kann man ja heute keinem mehr so richtig erklären, dass es vor 1998 einfach gang und gebe war, Musik käuflich zu erwerben und nicht einfach irgendwo zu saugen (SCHLORK!). Wenn ich sowas schreibe, komme ich mir übrigens vor, als hätte ich Emil Berliner noch persönlich gekannt, aber so ist es nun mal.

    Doch kommen wir zurück zur Faszination ACID. 

    HOUSE. 

    ACID HOUSE. 

    DEEP HOUSE.

    Ich weiß schon, dass man im Grunde genommen die Begriffe nicht synonym verwenden darf, aber das spielte damals für mich noch weniger eine Rolle als heute. 

    Die wöchentlichen Updates bekam ich immer mittwochs vom Bauer-Verlag – womit wir bei dem Budget-Posten „Jugendliteratur“ wären. Die BRAVO berichtete regelmäßig über dieses „Disco-Phänomen“. Von wilden Parties war zu lesen und von coolen Feiernden. Den Begriff Raver las ich zum ersten Mal 1990 in einem Bericht über EMF – das war sowas ähnliches wie ACID. Oder vielleicht doch nicht? Egal.

    Das was in der Pubertisten-Postille abgebildet wurde, ähnelte natürlich auf Keinsten dem, was ich mir heute unter Londoner Clubnächten vorstelle. Nebel, Freaks, Schmutz, Drogen und willige … Mädchen. Eben alles, was man so in „24 Hour Party People“ gezeigt bekommt. Die BRAVO-Fotostrecke war dagegen so sauber wie ein Münchener Fotostudio eben sein kann: Die Kids trugen bunt bedruckte Smiley-Shirts, Smiley-Hosenträger, Smiley-Caps, Smiley-Everything – natürlich in Neonfarben. 

    Das Problem dabei: An meinem Gymnasium gab es eigentlich niemanden, der diesen Look sportete. Im Gegenteil: Bei den selbsternannten Opinion Leadern galten Neonfarben ebenso wie marmor-washed-Jeans als Proll-Insignien. Dementsprechend begegnete ich diesen Klamotten auch nur bei meinen Stadtbummeln am Ku’Damm, wo eben alle Sorten Menschen zusammenkamen, um sich den zweiten Ghostbusters-Film anzusehen.

    Und trotzdem spürte ich, das da was im Gange war. Mein Freund Hendrik ist ein Jahr älter als ich. Ich hab ihm das nie gesagt, aber er war für mich immer ein Coolness-Vorbild. Er hat mir das mit dem Auflegen erklärt, dann das mit den Stüssy-Mützen und noch viel später das mit den Parties im Tresor. Und 1989 zeigte er mir Fotos von einer Jahrgangs-Party, auf der er ein Smiley-Shirt und rote Bandanas trug: Nicht als Rambo-Stirnband, sondern als Piraten-Kopftuch im Errol Flynn-Style. 

    Das sah verdammt cool aus, aber leider gab es bei meinen Schulparties überhaupt keine Möglichkeit, mit so einem Look zu ACID-Songs zu feiern. Bei uns stritten sich die Springsteen-Fans mit den Hardrockern und der The Cure-Anhängerin um die jeweilige Kompakt-Anlage in den Partykellern. Wie überhaupt je mehrere Menschen gleichzeitig auf die Tanzfläche gekommen sind, ist mir bis heute ein Rätsel.

    Nun ja, ich schaute also neidisch in Hendriks Plattenregal und wollte so etwas irgendwie auch erleben. Und so fand ich mich irgendwann an einem Sonntagmorgen auf dem größten Flohmarkt der Stadt wieder: dort, wo heute das Sony Center und die Blue Man Group um die Gunst südamerikanischer Touristen buhlen, war Westberlin zu Ende. Über das riesige Areal verteilten sich hunderte Stände, wo sich zahlreiche türkische Händler, Studenten und die eben durch die Reiseerleichterungen begünstigten polnischen VISA-Besitzer tummelten und ein wunderbares Durcheinander lieferten. Was lag also näher, als genau dort im Morgengrauen hinzufahren und meine alten Matchbox-Autos und Playmobil-Figuren zu verkaufen? Eben.

    Wer das mal mitgemacht hat, weiß: Auf dem Flohmarkt verkaufen ist ein richtig harter Job. Wenn das Wetter stimmt, kann es sehr lustig sein, aber vor allem muss man früh anfangen, weil die besten Geschäfte gemacht werden, wenn noch aufgebaut wird und sich die anderen Händler durch deine Waschzuber und Umzugskartons wühlen. Gegen 11 Uhr hatte ich vielleicht 65 Mark zusammen und drehte meine erste Runde über den Markt. Vor allem interessierten mich die Auslagen der Plattenhändler. Aber zu der Zeit dominierten dort fast nur Oldies oder cheesy 80er Scheiben von CC Catch oder Genesis. Der frische Scheiß aka ACID war nicht zu finden.

    Als ich beinahe wieder an meinem Stand zurück war, breitete gerade ein Student seine Decke aus und öffnete seine Kartons. Und dort sah ich sie: Vinyl-Scheiben mit dem Smiley-Logo. Er hatte wohl gerade auf CD umgestellt oder einfach seinen Musikgeschmack verändert – doch das war mir egal. Die Scheiben waren noch okay und auf dem Sampler fand ich neben Bomb the Bass auch S-Express und Coldcut – alles Namen, die mir aus der BRAVO vertraut waren.

    Zuhause angekommen, veranstaltete ich meine erste und einzige ACID-Party. Dabei war ich DJ, Tänzer und einziger Gast in Personalunion – denn aus meiner Schule wollte immer noch keiner mit dieser BRAVO-Musik was zu tun haben. Doch das machte nichts – neben dem Ronny’s Popshow-Sampler und dem La Boum-Soundtrack sahen diese Platten echt erwachsen aus. Ich fühlte mich gut. Ich hatte – wie Du vielleicht auch – das Feeling, ein unverstandener Pionier zu sein. Dieses Momentum sollte ich noch oft erleben. Natürlich habe ich auch ab und zu genau im Trend gelegen – etwa in meiner Reggae- und meiner AC/DC-Phase. Doch trotzdem weiß ich genau, wie es sich anfühlt, wenn Du der der Einzige in Deinem Umfeld bist, der die Ärzte oder Oasis oder Nike-Turnschuhe oder Popliteraten oder Romantic Comedies oder die Pet Shop Boys mag. Es ist ein bisschen schade, aber dann überprüft man halt im Zweifel den Freundeskreis bzw. selektiert halt, mit wem man über welche Themen spricht.

    Bei Hendrik kamen meine Käufe übrigens ganz gut an – auch wenn er die Songs alle natürlich selbst auf irgendwelchen Maxis und CD-Samplern besaß. Doch er kapierte, dass mich seine Geschichten interessierten. Und bei meinem nächsten Besuch verriet er mir dann, wie das so mit dem Anbaggern auf Parties eigentlich richtig funktioniert. Das habe ich allerdings auch nur zum Teil verstanden…

  2. Pingback: 61/100: Go | 100 Songs

  3. *Wunderbarer Text zu einem interessanten Remix.

    Viele der Vocal-Samples in dem Remix (der so komplett anders klang als die kommerzielle Radio-Version) stammen aus dem Film „Texas Chainsaw Massacre Part 2“ der damals in Großbritannien „verboten“ war und es in Germany bis heute ist. In Deutschland erschien der Fluffy Bagel-Mix als „B-Seite“ auf der Single-CD von „Superfly Guy“ und sorgte zumindest bei mir erstmal für Kopfschütteln, denn das klang ziemlich schräg. Erst als die (kurze) Acid-Welle durch Deutschland ratterte, wurde klar, was für eine Musik das eigentlich ist. Ab da war es cool. 😉

  4. Hallo Heiko, ich wusste gar nicht, wo die Samples im Intro herkamen. Vor meinem geistigen Auge haben die Stimmen eher eine Szene aus einer Gangster-Film-Parodie entstehen lassen. Auf Kettensägen wäre ich nicht gekommen. Danke fürs Schließen dieser Wissenslücke.

  5. *Hier ist die Szene: https://www.youtube.com/watch?v=j8mdzVRyDSc

    Auch der Sample „Ain´t notin´going on“ ist aus dem Film.

    Bei der nächsten S-Express-Single „Hey Music Lovers“ fand man wieder Samples aus genau dieser Szene („Music is my life“ und „E-X-I-T – Exit!“)

    S´Express Mastermind Mark Moore liebte diesen Film offenbar. 😉

  6. Pingback: 53/100: Wake Me Up | 100 Songs

  7. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenige Blogs es doch gibt, deren Beiträge ich immer wieder mit einem unausgesprochenen „Hey, cool, genau so war es!“ und einem „Hey, woher kennt der mich?!?“ auf den Lippen ich abnicken kann… zuletzt: hier in diesem Beitrag.

    Als ich eben die mehreren Meter langen Regale meiner Tonträger-Sammlung (>10000 Maxi-CDs, >2000 Longplay-CDs und „nur“ >2000 Vinyls) gerade nochmals abgeschritten bin, fiel mir doch glatt so ein einsames Exemplar der „Superfly Guy“ Maxi-CD – eben exakt mit dem zuvor redaktionell besprochenen „Fluffy Bagel Mix“ – auf. Habe ich da jetzt schon wieder so einen Schatz in meiner Sammlung, für den Eingeweihte einiges hinzulegen bereit sind?

    Vielleicht, aber ich bin da Dr. Jeckyll in eigener Sache: ich behalt das Teil, denn für mich ist es mit unbezahlbaren Erinnerungen an eine bessere Zeit als heute verbunden…

    Grüße, Toquee (wird ausgesprochen: „Toki“) – geboren 1972

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