34/100: Nichtsnutz / Das und Dies Remix

Massive Töne (1996)

Menschen, die keine Ahnung von Rap haben, fragen mich immer wieder nach meinen Lieblings-Deutschrap-Alben. Zugegeben: In Zeiten, in denen fast wöchentlich ein anderer Rapper die Spitze der Charts stürmt, ist ein Bekenntnis zu HipHop nicht mehr so exotisch, wie vielleicht noch vor fünf oder zehn Jahren. Doch ab und an passiert es immer noch – dieses Stirnrunzeln. Wenn ich „bekenne“, dass ich mit 38 Jahren und einem Universitätsabschluss Rap mag, ernte ich häufig völliges Unverständnis. Rap gilt – zumindest für viele Gleichaltrige – als absolut pubertär, gewaltverherrlichend, schwulenfeindlich, selbstreferentiell, konsumverherrlichend und asi. Stimmt alles – doch nicht nur. Denn die Deutschrap-Landschaft war schon immer äußerst divers.

Aus meiner Sicht gibt es hierzulande grob gesprochen zwei Fraktionen von Rappern: Es gibt die sonst Ungehörten, die mit einer gewissen Aggression die Codes der Straße in die Charts transportieren – und zwar so überzeugend, dass selbst abgebrühte Politiker empört aufschreien und von Spiegel TV bis zu den Tagesthemen alle darüber berichten.

Und dann gibt es die Bürgerlichen, die einfach Spaß an Lyrik, Flow und Beats haben. Sie tragen auch gerne Turnschuhe und mögen Gangsta-Rap, doch allein aufgrund ihrer Herkunft können sie sich gar nicht als hart verkaufen, ohne sich lächerlich zu machen.

Auch wenn ich beides feiern kann, war mir letztere Fraktion einfach immer etwas näher – aus vielen Gründen. Als ich 1993 angefangen habe, mich durch die Anfänge eines jungen Genres durchzuarbeiten, gab es zunächst gar keinen ernsthaften Gangsta-Rap aus Deutschland. Natürlich waren da vereinzelt ein paar harte Jungs, die auf Jams mit Eiern warfen – doch das war schon alles. Deutschrap war anfangs eine Domäne des bürgerlich-pazifistischen Lagers: Die Protagonisten kamen aus Stuttgart, Hamburg, Braunschweig und Köln. Wer sich als Straßenjunge verkaufen wollte, rappte auf Englisch – mit Nürnberger oder Frankfurter Dialekt. Im deutschsprachigen Bereich wurde das Rödelheim Hartreim Projekt in den Medien kurzzeitig als harte Antithese zu den Fanta Vier verkauft. Doch wer Moses P. in der X-Factor-Jury gesehen oder sein Bandprojekt Glashaus gehört hat, ist heute natürlich viel schlauer, was Imagebildung betrifft.

Ich stehe dazu, dass ich bis heute die bürgerlichen Softies bevorzuge. Das liegt natürlich vor allem daran, dass ich in deren Texten meine Lebenswelt und ähnliche Denkweisen wiederfinden konnte und kann. Wenn ich also gefragt werde, welche ich zu meinen Top 5-Lieblings-Deutschrap-Alben zähle, dann kommt immer noch zu allererst wie aus der Pistole geschossen „Kopfnicker“.

Da das ja zur Hälfte mein Blog ist, nehme ich mir einfach die Freiheit und breche die Regel: „Nichtsnutz“ und „Das und Dies“ sind zwei voneinander getrennte Songs, die für mich aber die beiden Pole definieren, die für mich die Magie der Massiven Töne ausgemacht haben. Es war der Spaß an etwas Neuem, verbunden mit einem Blick in den Spiegel, der mein Leben entscheidend verändern sollte.

Doch dazu muss ich ein klein wenig ausholen.

Nach dem anhaltenden Mega-Erfolg der Fantastischen Vier etablierte sich Anfang der 90er in Stuttgart eine Gruppe etwas jüngerer Rap-Fans, die natürlich nicht mit den Chart-Rappern in einen Sack geschmissen werden wollten. Warum auch: Die Einen zappelten bei „Wetten Dass..?!“ in knallbunter Ringel-Streetwear, die anderen packten nachts ihre Rucksäcke mit Sprühdosen voll und verzierten S-Bahnen. Oder sie feierten mit Gleichgesinnten Rap-Jams in Jugendhäusern. Ende 1993 wurde dann VIVA angeknipst und plötzlich erhielt auch die Subkultur Deutschrap eine wöchentliche Plattform: Nach und nach reisten Rapper aus der Republik nach Köln, um sich in der Sendung „Freestyle“ zu präsentieren. Für mich wurde diese Sendung – als ein Jahr später endlich auch das Berliner Kabelnetz aufgeschaltet wurde – zu einem entscheidenden Sonntagabend-Ritual. Ich nahm jede Folge auf VHS auf und studierte dann die Protagonisten: Ihre Texte, ihre Sounds, ihre Outfits, ihren Humor und ihre Artikulationsfähigkeiten im Studio-Interview.

Nach und nach wurden auch Stuttgarter Musiker vorgestellt – doch natürlich nicht die bösen Sellout-Fantas! Stattdessen lernte ich Künstler wie Maximilian und sein Freundeskreis (später aka Freundeskreis noch später aka Solokünstler Max Herre), Die Krähen, Afrob und die Massiven Töne kennen. Mit ihnen wurde Stuttgarter Rap wieder richtig cool. Hauptverantwortlich waren dafür die drei Rapper Schowi, Ju und Wasi mit ihrem DJ Fünfter Ton. Vier schwäbische Mittelstands-Twens mit französischen, portugiesischen, griechischen und finnischen Wurzeln, die vor allem Rap aus New York und Marseille feierten, weswegen ihre Beats hörbar fetter klangen als das meiste, was zu dieser Zeit zwischen Kiel und Konstanz produziert wurde. Dieser nahezu perfekte Beat-Teppich machte den Albumtitel zum geflügelten Wort: Bis heute beschreiben Musikrezensenten gute Rap-Platten gerne mit dem Prädikat „Kopfnicker“.

Der Sound war das Eine – die Attitüde das Andere. Die Massiven Töne waren Rap-Hipster, lange bevor dieser Begriff in Deutschland überhaupt populär wurde. Sie trugen Skater-Klamotten und dunkelblaue Sweatshirts mit dem Logo der New Yorker U-Bahn (als clevere Referenz an die Graffiti-Anfänge). Ihre Texte transportierten eine subjektive und selbstkritische Weltsicht – eine anschauliche Auseinandersetzung mit der eigenen Adoleszenz bei gleichzeitig unverbautem Erfahrungshorizont.

„in die gesellschaft integriert voll sozialisiert / in meiner durchschnittfamilie sind wir sogar zu viert / mit führerschein und wahlrecht / ich drängel nicht ich stell mich an / bei tengelmann und den gebrüdern albrecht“

Alltagspoesie ohne Versalien im Songbook, die mich einfach mitnahm. Und der Song geht immer so weiter: eine Bestandsaufnahme der eigenen Kindheit, sowie der Konsumgeilheit der Jugend im Kontrast zur Armut in der Dritten Welt. Natürlich gibt es keine Antwort auf die existentiellen Fragen – dafür aber ein Schlagwort, das den damaligen State of Mind perfekt beschreibt:

„ich bin ein zufriedener verschwender / jünger der g7 länder“.

Doch die Massiven Töne haben nicht einfach nur den Zeitgeist getroffen. Ihr Debütalbum wird für immer mit meiner Zeit als Azubi verbunden bleiben. Als ich die CD im Herbst 1996 zum ersten Mal einlegte, hatte ich gerade ein Dreiviertel Jahr meiner Banklehre hinter mir. Eine Ausbildung, in die ich aus mir heute kaum nachvollziehbaren Gründen selbstständig reingerutscht bin, obwohl mich das Geschäft nicht die Bohne interessierte. Und gleich bei Track 2 hörte ich einem jungen Rapper zu, der offenbar etwas ganz ähnliches in seiner Lehre als Einzelhandelskaufmann erlebt hatte:

„die debatten mit dem vater die ich führte / über die zukunft man zwang mich zur vernunft / doch was ich fühlte oder spürte / blieb tief in mir verborgen / ich machte mir selbst sorgen darüber wie mein leben verlief“

Zwar verlief mein Werdegang im Ausbildungszentrum einer deutschen Großbank ganz anders als der im Text geschilderte. Und ich war auch nicht mal ganz schlecht in der Berufsschule, weshalb mir mein Vater keine großartigen Vorhaltungen machte. Doch während ich das Gefühl hatte, dass alle Kollegen und Mitazubis um mich herum mehr oder weniger in ihren Aufgaben zwischen Baufinanz und Wertpapier-Beratung aufgingen, spürte ich, dass ich eigentlich etwas ganz anderes in meinem Leben wollte: Schreiben. Trotzdem bin ich natürlich auch dankbar für die Zeit – nicht nur, weil ich für alle Fälle zumindest mal einen kaufmännischen Abschluss vorweisen kann. In den Monaten, in denen ich „Kopfnicker“ immer öfter durchhörte, reifte in mir der Entschluss, dass ich aus meinem Hobby – dem unentgeltlichen Verfassen von Rezensionen und Interviews – einen Beruf machen wollte.

Ich habe die Massiven Töne damals interviewt und musste dabei feststellen, dass Intention und Rezeption nicht immer deckungsgleich sind. Für den Rapper Wasi war der „Nichtsnutz“-Text eine Abrechnung mit seiner jüngeren Vergangenheit – für mich war die Abnabelung dagegen in vollem Gange. Seine Geschichte ist natürlich nicht meine – ich bin ja schließlich kein „Stan“.

Eine ähnliche Erkenntnis gilt auch für den anderen Song, „Das und Dies Remix“. Auch diese Weltsicht war nur eine Momentaufnahme: Der Werdegang der Massiven Töne wurde immer öffentlicher, die Hits immer massentauglicher. Aus drei Rappern wurden irgendwann nur noch zwei und 2002 kulminierte der Erfolg der Gruppe in der etwas prolligen Hit-Hymne „Cruisen“. Ich traf die Jungs aber auch danach immer wieder und begleitete sie im Winter 2006 mit einem Kamerateam in die französischen Alpen bei einem Gig in Val Thorens. Wir unterhielten uns sehr gut, und ich mag ihre Songs noch immer. Trotzdem stellte ich immer wieder fest, dass ich mich in ihren Lyrics nicht mehr wiederfinden konnte. Die unschuldige Ehrlichkeit und Intimität des ersten Albums sind so nicht wiederherstellbar. Das erwarte ich heute aber auch nicht mehr von guter Musik.

Doch eines bleibt mit Sicherheit: Die Platte ist natürlich nicht Schuld daran, dass ich im Januar 1998 nach der Abschlussprüfung meine Bank-Karriere an den Nagel hing. Doch diese Songs erinnern mich immer wieder daran, dass es ganz schön mutig war, die sichere Laufbahn aufzugeben, um meinen Träumen ein klein wenig näher zu kommen.

Wann ist bei Dir die Entscheidung gegen einen bürgerlichen Job gefallen?

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Moment – das sind ja tatsächlich zwei Songs, die Du hier ausgesucht hast. Na, was aus Dir wohl für ein Banker geworden wäre, wenn Du schon hier Zahlen so drehst, wie es Dir passt. 🙂 Aber ich will mal nicht so sein, dafür gefallen mir beide Tracks zu gut. Hätte ich Massive Töne gar nicht zugetraut. Ich kenne natürlich in erster Linie „Chartbreaker“ und „Cruisen“, beide fand ich bemüht, aber nicht schlimm. „Nichtsnutz“ und „Das und Dies Remix“ sind da um Längen besser. Entspannt, witzig. Schön. Da scheint im deutschen Rap tatsächlich noch so einiges zu sein, das sich zu entdecken lohnt. Insofern sehe ich Deinen weiteren 33 Posts für unsere Liste mit großen Erwartungen entgegen.

    Ich kann auch sehr gut verstehen, wie Du Dich in beiden Songs wiedergefunden hast. Zu meinem Weg hätten sie nicht so gut gepasst. Doch dazu muss ich ein klein wenig ausholen 😉

    Ich wollte eigentlich immer Lehrer werden. Schon im Alter von 15 Jahren habe ich meine Eltern mit diesem Berufswunsch schockiert. „Junge, weißt Du wie viele arbeitslose Lehrer auf der Straße stehen?“, war deren Reaktion. Und natürlich hatten sie auch Gegenvorschläge. Die konnte ich aber abwenden: Dadurch, dass ich Bewerbungsfristen strategisch habe verstreichen lassen oder Dokumente einfach nicht losgeschickt habe, blieb am Ende gar keine andere Option, als das Lehramtsstudium. Ziel erreicht.

    Meine Eltern haben das natürlich nicht ganz so toll gefunden, dass ich einerseits immer „Klar, Eure Idee hört sich gut an“ gesagt habe, um dann aber für mich selber einen ganz anderen Plan zu verfolgen. Für die Zeit der heftigsten Konflikte gibt es sogar einen Soundtrack: das Album „Technique“ von New Order. Zugegeben, das ist jetzt nicht so die rebellischste Sorte Musik, die man sich für eine Trotzphase auswählen kann. Erst recht, wenn man sich anschaut, was ich die Jahre drauf so alles gehört habe. Aber insbesondere „Round & Round“ hatte doch ein paar Zeilen, die ich auf meine Situation projizieren konnte. 

    Aber ich werde wohl niemals Lehrer werden. Denn meine Professorin hatte mir und einigen anderen Kommilitonen  angeboten, direkt nach dem Studium bei ihr zu promovieren. „Gut“, dachte ich. „Wenn ich erst mal im Referendariat und später im Lehrerberuf stehe, werde ich die Zeit dazu wohl nicht mehr haben. Also probier’ das doch mal aus.“ Ich habe mich ein Jahr gequält. Und musste feststellen: Ohne Prüfungsdruck und regelmäßige  Seminare –  dafür aber mit einem themenfremden Teilzeitjob in einem Plattenladen – kann mich die Literatur indigener Völker Australiens, Neuseelands und Kanadas  nur bedingt zu wissenschaftlicher Arbeit motivieren.

    Oktober 1999 habe ich die Promotion dann hingeschmissen. Im Anschluss fühlte ich mich so gut, wie schon lange nicht mehr. Die Wartezeit bis zum nächsten Referendariats-Starttermin habe ich genutzt, um mein Schreiben zu professionalisieren. Und als ich dann im Sommer 2000 in Oldenburg hätte als Referendar anfangen können, war ich schon längst (wieder) Autor bei unserem Stadtblatt, bei Intro und De:Bug. So boten sich mir im Sommer 2000 drei Möglichkeiten: das Referendariat, das Volontariat und eine Stelle als Onlineredakteur bei einem Wirtschaftsverlag. 

    Ich habe keinen Moment gezögert und aus den drei sich mir bietenden Optionen die ausgewählt, die meine Familie am wenigsten verstanden hat. Die wahrscheinlich am wenigsten bürgerliche. Und bin nach Köln, um das Volontariat bei einer Musikzeitung zu beginnen. Mehr dazu dann wieder mit Musik bei einem meiner nächsten Postings.

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