33/100: Come Back Around

Feeder (2002)

Wenn Du auch mal in einer Musikredaktion gearbeitet hast, weißt Du ja, wie das ist: Für jede Platte, die Dich emotional berührt und bewegt, kommen zehn, die gar nichts mit Dir machen. Leider müssen von diesen zehn aber sieben trotzdem irgendwie gefeaturet werden: weil das Label eine Anzeige in Aussicht gestellt hat; weil die Konkurrenz die Platte groß (oder klein) fährt; weil der Produktmanager der Plattenfirma Deinen Chef am Vorabend auf dem Konzert zugequatscht hat… Und so hörst Du sie Dir vielleicht dann doch noch einmal an und fährst zum Interview. Eine der Bands, mit der ich aus den oben genannten Gründen zusammenkam, waren Feeder.

Das Trio aus Wales war bei einem Label, mit dem wir alle nicht so viel anfangen konnten. Schon mal ein Minuspunkt. Und so richtig umgehauen haben sie mich mit ihrem Brit-Rock auf „Echo Park“ auch nicht. Aber ich war neu im Geschäft und mochte nicht „Nein“ sagen, als alle anderen in der Redaktionskonferenz betroffen auf den Boden schauten. Also fuhr ich einen Abend im Winter 2000/2001 mit einer Praktikantin ins Kölner Hotel Cristall. Im Gepäck eine Videokamera, ein paar halbherzig zusammengeschriebene Fragen und ganz wenig Lust.

Es kam, wie es kommen musste: Das Gespräch verlief zäh. Die beiden Musiker hatte einen langen Tag mit vermutlich wenig inspirierenden Frage-und-Antwort-Spielchen hinter sich gebracht. Wir konnten die mit unseren Allerwelts-Fragen auch nicht mehr wirklich motivieren. Schlagzeuger Jon Lee nickte gelegentlich kurz ein, während Sänger und Gitarrist Grant Nicholas sein Bestes gab, konstruktiv zu antworten. Nach 30 Minuten war alles vorbei.

Es blieben als Eindrücke: ein schummriges Hotelzimmer, uninspirierte Fragen, ein sehr zuvorkommender Frontmann, ein müder Schlagzeuger. Und eine wirklich enttäuschende Antwort am Schluss. Denn Feeder hatten einen ihrer Songs „Buck Rogers“ benannt. Es gibt einen gleichnamigen Science-Fiction-Film, den ich als Kind sehr geliebt habe. Ich hatte geglaubt, mit Grant Nicholas jemanden gefunden zu haben, der diese Begeisterung teilt. Stattdessen sagte er auf meine letzte Frage, ob er den Film auch so möge wie ich, nur: „Nein, der Song hat mit dem Film nichts zu tun. Der Song heißt einfach nur so.“ Da wusste ich, was mich an Feeder am meisten gestört hatte: die Unverbindlichkeit. Auch wenn musikalisch nicht wirklich abstoßend war, war da nichts was bei mir emotional andockte.

Ein paar Tage später schrieb ich meinen Text zur Band, der sich im Wesentlichen drauf beschränkte, ein paar wirre Thesen am Beispiel Feeders zu belegen. So angenehm mir Grant Nicholas in Erinnerung geblieben war, für mich war das Thema damit abgehakt. Ob das Label daraufhin eine Anzeige geschaltet hat, weiß ich gar nicht mehr. Ich war vermutlich schon wieder mit der nächsten mittelmäßigen Platte beschäftigt.

Ziemlich genau ein Jahr später wurde Feeder-Schlagzeuger Jon Lee tot aufgefunden. Er hatte sich in seiner Garage erhängt. Jon Lee hinterließ Frau und Kinder. Die Meldung berührte mich sehr, auch wenn ich mit der Band ja nicht viel hatte anfangen können. Immerhin hatte ich ihm mal die Hand geschüttelt, hatte Zeit mit ihm verbracht und mir hinterher noch Gedanken zu Feeder und ihrem Schaffen gemacht. Bei uns in der Online-Redaktion griffen wir das Thema mehrmals auf, berichteten über Reaktionen der Band und des Managements. Klar: Irgendwann wurden die Abstände zwischen den Meldungen länger, aber so ganz vergessen konnte ich diese Geschichte nicht.

Entsprechend überrascht war ich, als für den Herbst 2002 ein neues Feeder-Album angekündigt wurde. Offensichtlich wollten die verbleibenden Bandmitglieder ohne Lee weitermachen und hatten kaum Zeit verstreichen lassen, um mit einem neuen Werk auf den Markt zu kommen. Es sollte „Comfort In Sound“ heißen – ein Titel, dessen Bedeutung sich mir im Vergleich zum Vorgänger gleich erschloss. Als die Promo-CD bei uns in der Redaktion ankam, war ich weniger zurückhaltend als noch im Jahr zuvor und hörte sie mir umgehend an.

Love in, love out, find the feeling
Scream in, scream out, time for healing
You feel the moments gone too soon,
You’re watching clouds come over you.

Diese ersten Zeilen der Platte, verbunden mit Nicholas melancholischer Stimme und den Moll-Akkorden seiner Gitarre, berührten mich sofort. Und so verbrachte ich die folgende Stunde damit, Grant Nicholas bei der Verarbeitung der Feeder-Tragödie zuzuhören. Ich wusste, worauf er sich bezog. Die Art und Weise, wie er sang war sehr bewegend. Das sorgte bei mir für eine viel stärkere Verbundenheit zur Musik, Bur Band, zu Nicholas.

Als auch zu dieser Platte wieder die Anfrage kam, ob wir ein Interview mit Grant Nicholas führen wollten, habe ich nicht gezögert. Mit einer Kollegin, die Feeder schon lange mochte, fuhr ich erneut zum Hotel Cristall. Im Gepäck: total viele Fragen, ein Aufnahmegerät und eine CD-Rom mit dem Video von dem Interview, das ich 18 Monate zuvor mit ihm und Jon Lee geführt hatte.

Es war Spätsommer, die Sonne schien und Nicholas wollte das Interview gern draußen führen. Er war einmal mehr sehr freundlich und diesmal sehr aufgeweckt. Und er schien sich tatsächlich über die CD-Rom zu freuen, die wir mitgebracht hatten. Wir scherzten über das erste Treffen und wie kaputt Lee und er an dem Tag gewesen waren. Wir sprachen über „In My Place“ von Coldplay, das damals gerade rausgekommen war („Cleverer Song“). Über den ersten Remix, den er für einen anderen Künstler produziert hatte („Ich dachte, ich muss nur ein paar Regler schieben, aber das war ja richtig Arbeit“). Und natürlich auch über „Comfort In Sound“. Ein sehr nettes, persönliches Gespräch, bei dem ich viele meiner Interpretationsansätze bestätigt fand. Ein sehr verbindendes Gespräch. Ohne Enttäuschung am Schluss.

„Für die erste Single haben wir ein Video gedreht, das Jon bestimmt gefallen hätte“, erzählte uns Nicholas unter anderem. Mehr wollte er dazu nicht verraten. Beseelt vom Gespräch und von der Atmosphäre fuhren wir zurück in die Redaktion – mehr als gespannt auf das Video.

Es kam wenige Wochen später raus. Wir versammelten uns um einen Rechner und ließen „Come Back Around“ auf uns wirken. Als nach einer Minute das erste Schlagzeug im Bild auftauchte, war uns klar, was Nicholas mit seinem Hinweis meinte. Wir waren uns sicher, dass Jon Lee das Video gefallen hätte.

Ein toller Popsong mit einer zu Herzen gehenden Widmung. Was im Übrigen für die ganze LP gilt: Im Grunde genommen hätte ich für 100Songs.de jedes Stück von „Comfort In Sound“ nehmen können. „Moonshine“. „Godzilla“. „Child in You“. Nur sind deren Videos nicht so schön wie das zu „Come Back Around“ – wenn es überhaupt welche gibt. Ich habe die Platte über Monate exzessiv gehört und viele wertvolle Erinnerungen aus dieser Phase, etwa die Taufe meiner (inzwischen) großen Tochter und die daran anschließende Feier mit unseren besten Freunden. Es war die erste Taufe in unserem Freundeskreis. Es fühlte sich toll an, dass sie alle gekommen waren, um unserer Tochter einen guten Start ins Leben zu wünschen.

Ich halte viele der Songs des Albums für ganz großen Pop – laut, leise, zart, brachial, melancholisch, wütend, traurig, ermutigend. Eine Platte, auf die ich sicher auch angesprungen wäre, wenn ich Feeder vorher nie getroffen hätte. Wenn wir nicht diese kleine Geschichte geteilt hätten. Die ich aus dem Stapel der nichtssagenden Platten rausgefischt hätte. Eine von den Platten eben, wegen denen man in einer Musikredaktion arbeiten will.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, das ist ja mal wieder ein ganzer Batzen voller Ideen und Brücken, die Du mir da lieferst. Wo soll ich da anfangen..? Zuallererst damit: Du hast den Clip ja ziemlich weit unten platziert und zu diesem Zeitpunkt des Lesens war mir klar, dass mir der Song gefallen würde. Das tut er wirklich. Erinnert mich vielleicht etwas an eine Kopie von Dave Grohl und ich hätte bei diesem Sound vermutlich überhaupt nicht auf die Lyrics geachtet. Aber mit dieser Einführung gibst Du natürlich eine klare Lesart vor.

    Das Thema „Tod und Rockstars“ haben wir hier bislang ja höchstens gestreift. Dabei begleitet mich das eigentlich, seitdem ich mich etwas ernsthafter für Popmusik interessiert habe. Musikalische Helden, deren Ableben ich gemeinsam mit der Welt bedauert habe:

    1991 Freddie Mercury. Siebrig kam an jenem Montagmorgen zu spät zum Unterricht und überbrachte die erschütternde Nachricht.

    1994 Kurt Cobain. Kurz vor meinem Abi verabschiedet er sich in den „Club 27“. Diese selbsterdachten Bilder von genialer Gehirnmasse an der Schlafzimmerwand wird man ja bis heute kaum los.

    1997 Notorious BIG. Hat mich damals mehr mitgenommen, als der Tod von 2Pac und Eazy E. 

    2009 Michael Jackson. Das erfuhr ich am Freitagmorgen in Bremen, wo ich als Trauzeuge auf dem Weg zu Dani und Ralf war. Ich musste meiner Liebsten versprechen, nichts davon zu sagen, um nicht die Stimmung zu verderben – aber die beiden hatten natürlich selber Radio gehört. 

    2011 Amy Winehouse. Noch mal „Club 27“. Hat mich deutlich stärker erschüttert als der Verlust von Loriot und Steve Jobs zusammen.

    2012 Adam Yauch. Der für mich mit Abstand schlimmste Verlust eines Popmusikers. Ich habe tagelang Playlisten mit den Hits der Beastie Boys erstellt und mir ein Memorial-T-Shirt bestellt, weil ich mein altes irgendwann mal in die Altkleidersammlung gegeben hatte, ich Dummi.

    Aber: Ich habe zwar all diese Künstler aufgezählt, weil ich ihr Werk besonders schätze. Doch sie alle verstarben in Momenten, in denen andere Musik für mich wichtiger war. Weinen ging auch nie – vielleicht, weil man in diesem Beruf so viel Schlimmes sieht und erfährt, dass man schnell mal zum Zyniker werden kann. Nicht, dass ich über den Verlust dieser Musiker Gags reißen würde – doch tiefgehende Empathie ist bei mir halt nicht mehr drin.

    Doch ich habe auch keinen von ihnen je persönlich getroffen. Im Gegensatz zu den meisten Protagonisten der verhältnismäßig jungen Deutschrap-Szene. Auch dort gibt es – das sagt einem ja schon die Statistik – inzwischen einige Tote zu beklagen. Zwei davon habe ich zumindest in Interviews als freundliche und kluge Menschen erlebt – mit einem von ihnen war ich ein paar Mal was trinken und habe ihn als „embedded Journalist“ einen Tag lang bei einem Gig in Chemnitz begleitet. Name-Dropping wäre jetzt unangemessen – einerseits, weil beide nicht ultrabekannt waren, andererseits weil ich von ihrem Ableben aus den Medien erfahren habe. So eng war die Freundschaft dann natürlich auch nicht.

    Aber es war traurig und auch etwas unheimlich, da beide noch in ihren Dreißigern waren – doch mehr als ihre Songs zu spielen, habe ich auch nicht gemacht, nicht machen können. 

    Insofern kann ich nicht behaupten, dass ich nachfühlen kann, was Du erlebt hast. 

    Aber manchmal frage ich mich schon, wie das wohl mal wird, wenn der eine oder andere Held plötzlich abtritt. Es gibt ja diese Phasen, in denen plötzlich ein Promi nach dem anderen stirbt. Teilweise unerwartet, dann wieder altersmäßig logisch. Wie wird die Welt wohl sein, ohne David Bowie, Neil Tennant, Liam Gallagher, Kanye West, Paul McCartney oder Madonna? Ich weiß es nicht und will es mir eigentlich auch gar nicht so richtig vorstellen.

  2. Pingback: Interlude: What Is Love For? | 100 Songs

  3. Pingback: Interlude: Grant Nicholas | 100 Songs

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