32/100: World Famous in Germany

Stephan Remmler (2006)

Anmerkung: Es war mir unmöglich, auf legalen Wegen mehr als ein Snippet dieses Songs zu finden, der meiner Ansicht nach die Qualitäten von Stephan Remmler perfekt beschreibt. Bei ausgiebigem Hörbedarf empfehle ich die Investition von 99 Cent bzw. gleich den Kauf des gesamten Albums „1, 2, 3, 4“.

Ende der 90er Jahre wurde es populär, Listen zu allen möglichen Themen zu veröffentlichen. Kaum jemand in meinem Umfeld war frei davon: Es war eine Mischung aus wunderbarer Party-Konversation, Status Quo-Abgleichungen und oft genug ging es auch darum, „Cojones“ zu zeigen – frei nach Hemingway.

Feuilletonistische Wochenend-Beilagen waren voll von Listen, Musikzeitschriften und Modemagazine ohnehin. Autoren wie Nick Hornby, Bret Easton Ellis und Benjamin von Stuckrad-Barre, die allesamt um das Jahr 2000 herum ultrapopulär waren, stilisierten das Listenwesen in ihren Romanen zu einer wunderbar affektierten Kunstform. Und was ist letztendlich 100 Songs anderes, als ein Destillat der schönsten Geschichten, die wir beide uns und den Lesern schenken wollen?

Listendiskussionen, die ich während meiner Studienjahre miterleben durfte:

– die zehn liebsten Songs zum Joggen, Putzen oder Poppen
– die sieben Lieblingsgewürze für indische Currys
– die vier liebsten Reiseziele
– die fünf besten Bars in Reykjavik
– die 15 langweiligsten Grundkurse im Studium
– die acht besten Literaturverfilmungen
– die sechs absturzsichersten Cocktails oder
– die drei besten Grimassen von Jack Nicholson (da ist es ja wie mit Ben Stiller in „Zoolander“: Es gibt eigentlich nur eine…).

Eine der schönsten Listenfloskeln verdanke ich Dirk. Dirk war eine dieser typischen Uni-Bekanntschaften, denen man in irgendeinem Semester in mehreren Kursen begegnet, dann in der Mensa feststellt, dass die Gespräche deutlich unterhaltsamer sind als mit den verknöcherten Literatur-Studentinnen – so dass man sogar mal die Freizeit miteinander verbrachte. Aber irgendwann war er halt nicht mehr da und das war auch nicht so schlimm. Aber in Erinnerung geblieben ist mir seine Floskel der zehn nettesten Menschen, die er jemals kennengelernt hatte. Die gefällt mir bis heute – und natürlich habe ich auch eine. Damit komme ich auch schon zu Stephan Remmler.

Stephan Remmlers Lieder waren irgendwie schon immer da. Sie waren da, als meine Familie 1982 zusammen mit den Webers nach Griechenland flog und Hendriks Vater immer wieder zum Frühstück süffisant Textpassagen aus „Turaluraluralu – Ich mach BuBu was machst Du“ zitierte. Später sang Stephan Remmler „Keine Angst“ und der Umzug mit meiner Familie wurde dadurch ein wenig lustiger. Und so zögerte ich keine Sekunde, als ich 2006 die Chance bekam, ihn persönlich zu treffen.

Es war kurz nach der ultimativen WM-Hysterie in unserem Land und ich war froh, für ein paar Tage in die Schweiz entkommen zu können. Dort lebt der Musiker mit seiner Familie im unscheinbaren Basel, wenn er nicht gerade in seiner Finca auf Lanzarote chillt. Stephan Remmler hatte eine neue Platte vollgesungen und für viele wäre das keiner weiteren Erwähnung wert gewesen. In den Augen vieler Trio-Fans hatte er Ende der Achtziger mit seinen Liedern von den sternenlosen Nächten in Griechenland und den beiden Wurstzipfeln die Grenze zum Schunkel-Schlager überschritten und war damit „indiskutabel“ geworden. Doch sein neues Album „1, 2, 3, 4“ war so ganz anders – es war einfach cool!

Wie man der Presseinfo entnehmen konnte, lag das auch an dem Mitwirken seines Sohnes Cecil: Gerade volljährig geworden, hatte er eine völlig neue Sichtweise auf die Produktionen seines Vaters. Das Minimalistische und die markante Stimme von Stephan Remmler sowie seine bissigen Texte und die typisch augenzwinkernde Vortragsweise des ehemaligen Hauptschullehrers blieben erhalten – gleichzeitig erinnerten die Beatstrukturen eher an Timbaland als an die NDW. Dazu kamen Features von damals relevanten Musikern: Seeed. Deichkind. Thomas D. Heinz Strunk. Sie alle verbeugten sich vor dem Genie des Mannes, der maßgeblich an dem nachhaltigen Erfolg von „Da Da Da“ beteiligt war. Auch für mich wurde Stephan Remmler mit dieser Platte wieder so cool, dass ich auch sein Solo-Frühwerk mit seligem Grinsen mehrmals durchhörte.

Eines Sonntagmorgens fand ich mich also in meinem Baseler Hotelzimmer wieder und musste feststellen, dass unser geplanter Stadt-Spaziergang durch den Dauerregen unmöglich wurde. Ich telefonierte hektisch herum und sprach irgendwann mit einer freundlichen Concierge eines Luxus-Hotelturms, die uns für ein Interview kostenfrei (!) eine Suite zur Verfügung stellte:
– „Es wäre nur nett, wenn Sie die Croissants und den Kaffee bezahlen würden.“

Falls sie das irgendwann einmal auf verworrenen Umwegen erreicht: Ich bin Ihnen bis heute unendlich dankbar dafür!

Und dann kam Stephan. Schlank, braungebrannt und modisch gekleidet betrat er die Lobby – nur der lachsfarbene Bogner-Damen-Blouson irritierte mich zunächst: „Der ist von meiner Frau – ich brauchte schnell was gegen den Regen“, erklärte er mir später. Seine Präsenz war für jeden von uns spürbar – auch mein Kamerateam, dem ich vorher „Da Da Da“ vorsingen musste, um den Protagonisten zu erklären, war sofort von seiner charmanten Art verzaubert.

Wir fuhren hoch in die Suite und ich durfte den Mann eine Stunde lang über alles ausfragen: Über seine Familie, sein Verhältnis zu Frauen, seine Anfangsjahre in Husum, den Trio-Film, das weiße Rauschen im Kopfhörer seines Sohns („das gleicht die Fluggeräusche aus…“), das Leben in der Schweiz („Die sagen immer so nett Mer-ci mit Betonung auf der ersten Silbe“), die Zusammenarbeit mit Seeed und seinen jüngsten Werbe-Deal mit Pepsi:

– „Und, haben die wenigstens anständig gezahlt?“
– „Och ja, das passt schon. Und das Beste ist: Der Spot lief auch überall in Brasilien und jetzt weiß die Familie meiner Frau endlich, was ich eigentlich so mache.“

Als das Interview im Kasten war, hatte es aufgehört zu regnen. Wir liefen zusammen in die Basler Innenstadt, um ein paar Schnittbilder zu drehen. Es war 12:30 Uhr und jeder anständige Schweizer saß mit seiner Familie beim Essen. Nur eine alte Oma in Sonntagsstaat kam auf uns zu und ich wurde Zeuge dieses Dialogs:
– „Ich kenne Sie doch.“
– „Ja, wirklich?“
– „Sie sind doch dieser deutsche Sänger… ich komme nur nicht auf ihren Namen…“
– „Roberto Blanco.“
– „Ach natürlich! Willkommen in der Schweiz, Herr Blanco.“
– „Ihnen auch noch einen schönen Sonntag.“

Verschwörerisch grinsend liefen wir zurück zum Hotel-Eingang. Dort ließ er sich ein Taxi rufen und unterschrieb der Concierge ein paar CD-Rohlinge, auf die sie in der Zwischenzeit einige alte Trio-Songs gebrannt hatte. Kurz bevor er ins Taxi einstieg tat ich etwas, was ich mir geschworen hatte, als ernstzunehmender Journalist niemals zu tun: Ich sagte ihm, was für eine unglaubliche Freude es mir gewesen war, ihn persönlich zu treffen und wie glücklich ich war, dass er mit seiner Musik wieder da war.

„Hat mich auch gefreut. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder“, sagte er und fuhr davon.

Ich glaube, ich muss mich korrigieren: Stephan Remmler ist definitiv einer fünf freundlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Wer steht auf Deiner Liste?

Schlussbild

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  1. Meine Liste der fünf freundlichsten Personen, die ich je getroffen habe? Dazu komme ich gleich. Denn erst muss ich  loswerden, dass ich Stephan Remmler wahrlich für eine Bereicherung unserer gemeinsamen 100-Songs-Liste halte. Auch, wenn ich sein Schaffen zugegebenermaßen die letzten 20 Jahre nicht mehr verfolgt habe. Natürlich fand ich Trio super. Ich habe sogar immer noch das Casio-Keyboard, das den Beat für „Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha“ geliefert hat. Das Display ist zwar kaputt, so dass man die Taschenrechner-Funktion nicht mehr nutzen kann. Aber es pluckert immer noch fröhlich vor sich hin, wenn man „Rock1“ startet. Stücke wie „Sabine, Sabine, Sabine“ fand ich zwar irritierend, aber gut. Diese ganzen Geschichten über die WG mit Kralle Krawinkel und Peter Behrens in Großenkneten habe ich damals sehr interessiert gelesen. Auch seine ersten Solo-Singles habe ich gern gehört. „Alles hat eine Ende nur die Wurst hat zwei“ habe ich vor gar nicht allzu langer Zeit erst noch als MP3 gekauft.  

    Diesen angenehmen Witz, den ich schon zu Trio-Zeiten und danach geschätzt habe, höre ich auch bei „1, 2, 3, 4“ raus, das ich mir auf Deine Empfehlung gerade angehört habe. Und die Liste der Gäste auf der Platte ist ja wirklich bemerkenswert. Stephan Remmler scheint bei vielen Leuten auf der Liste der fünf freundlichsten Menschen zu stehen, die sie je getroffen haben.

    Einer der Künstler, die ich auf solch eine Liste setzen würde ist Robert Smith. Dabei war das Treffen mit ihm aus vielen Gründen irgendwie ein wenig surreal.  

    Kurz nach dem 11. September 2001 erreichte uns in der Redaktion die Nachricht, dass The Cure ein „Best Of“ veröffentlichen. Das Label fragte an, ob wir da nicht etwas zu machen wollten. Wir fanden das Thema jetzt nicht sooo spannend, nicht zuletzt da es von der Band ja schon ein paar Single-Compilations gab. Dass denen jetzt noch eine weitere Hit-Zusammenstellung folgen sollte, klang für uns schon sehr nach Ausverkauf. Das Label musste das geahnt haben, denn man bot uns klugerweise an, jemanden aus der Redaktion nach London fliegen zu lassen, um dort Robert Smith zu treffen. Das hörte sich schon interessanter an und nach einigem Hin und Her entschieden wir, dass ich das Angebot wahrnehmen sollte.

    Ein paar Tage vor dem Abflug bat ich unsere Community, mir noch Fragen mitzugeben. Natürlich stellte dort jemand, die Frage, die uns in der Redaktion auch beschäftigt hatte: „warum er schon wieder eine best of auf den markt wirft? vertragserfüllung? hat er das nötig?“

    Kurz darauf erhielt ich  die genauen Koordinaten für meine Reise und musste feststellen: Ich würde Robert Smith in einem Hotel am Flughafen Heathrow treffen. Sprich: Ich würde eingeflogen, zwei Stunden auf meinen Termin warten und anschließend drei weitere Stunden auf meinen Rückflug. Der City-Trip, den ich mir natürlich versprochen hatte, wurde ein Flughafen-Trip.  

    Erschwerend kam hinzu, dass ich gleich nach dem Start gen London feststellen musste, dass die Ereignisse des 11. September bei mir Flugangst auslösten. Haben wir eine Bombe an Bord? Wird die Maschine vielleicht entführt? Wieso fliegen Flugzeuge überhaupt? „Ich will nicht sterben“, war alles, was ich an Gedanken zustande brachte. Meine vermutlich medial bedingte Paranoia ließ den eigentlich nur einstündigen Flug ewig lang erscheinen. Nur nach und nach konnte ich nach der Landung meine Fassung wiedererlangen. Gerade noch rechtzeitig, um einer Promoterin aus der Lobby des Hotels durch einen langen Flur in ein Hotelzimmer zu folgen.

    Und da saß er. Robert Smith. Wie man ihn sich vorstellt. Geschminkt. Hoch toupierte Haare. Schwarz gekleidet. Was ich nicht erwartet hatte, war sein doch beachtlicher Bauch, der sich unter dem schwarzen Hemd wölbte. Und seine total freundliche, nette, zuvorkommende Art. „Ich setze mich in die Sonne“, sagt er und rutscht auf dem Sofa herum, „dann siehst du, dass ich mich nicht wie ein Vampir in Luft auflöse.“ Und in der Stimmung ging es dann rund eine Stunde weiter. Auch die Frage nach den Motiven für das „Best Of“-Album brachte ihn nicht aus der Fassung. Wir scherzten darüber, wie die Leute ihn ansehen, wenn er in seinem typischen Aufzug zum Einkaufen oder Fußball gehen würde. Wir lachten über Dave Gahan. Und sprachen über die dunkle Seite von The Cure.

    Wie es bei solchen Terminen so ist: Irgendwann öffnet sich die Tür des Hotelzimmers und eine Promoterin signalisiert, dass man nur noch zwei Minuten habe. Ich fand es schade, nicht nur, weil auf mich drei Stunden Wartezeit auf dem Flughafen warteten. Nein, es war eine sehr anregende, nette Unterhaltung gewesen, die längst nicht mehr den Charakter eines Interviews hatte. Und genau deswegen ging es mir bei Robert Smith wie Dir bei Stephan Remmler: Ich musste ihm einfach sagen, wie viel mir seine Musik bedeutet hat. „Durch ‚Wish‚ wurde eine für mich schwierige Zeit erträglich“, brachte ich beim Rausgehen schnell noch hervor, während sich die Tür hinter mir langsam schloss. Robert Smith hielt die Tür an um mir mitzugeben: „Das kenne ich. Bei mir waren es damals die Platten von Nick Drake, die Schlimmeres verhindert haben.“

    Dann war es vorbei. Die drei folgenden Stunden in der Wartehalle verbrachte ich damit, das Treffen zu verarbeiten und dabei die Promo-CD des erst in einigen Monaten erscheinenden Notwist-Albums „Neon Golden“ zu hören. Meine gute Laune half leider nicht darüber hinweg, dass ich auf dem Rückflug wieder die schlimmsten Ängste ausstand. Zum Glück treten die Flug- und Wartestunden bei der Erinnerung an einen wirklich freundlichen Menschen in den Hintergrund.

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