31/100: Because Of Toledo

The Blue Nile (2004)

Foto 15.09.13 12 35 26Das ist er also. Der Song, den ich laut iTunes seit meinem Einstieg in die Musikwelt von Apple 2004 am meisten gehört habe. Solche Statistiken fand ich schon als Teenager interessant. Mit 15, 16 hatte ich an dem Schrank über meiner Stereoanlage einen DIN-A-3-Zettel hängen, auf dem ich genau protokolliert habe, welchen Song ich an jedem Tag des Jahres am häufigsten gehört habe. Der Jahressieger von 1986 hieß „A Love Bizarre“. Gefolgt von „That’s My Impression“ von den Pet Shop Boys, der Rückseite von „Love Comes Quickly“.

Falls Du gerade stutzen solltest: Ja, Du hast recht. Im Jahr der Veröffentlichung von „Black Celebration“ lief kein Depeche Mode-Song so oft bei mir im Kinderzimmer wie der von Sheila E. Ich vermute aber, dass Depeche Mode 1986 dennoch am häufigsten aus meinem Kinderzimmer zu hören war.

„Because Of Toledo“ liegt aber nicht nur vor allen Depeche-Mode- und Metallica-Songs, die ich auf der Festplatte habe. Sondern auch vor „Hallelujah“ und „No, Surrender“ und „Unser Stammbaum“. Und das lässt sich auch erklären.

Einen großen Anteil daran, dass ich den Song so gern höre, hat sicherlich die Stimme von Bill Buchanan. Über den habe ich ja schon einmal geschrieben. Er ist damit der erste Künstler, der mit zwei Songs in unserer Liste vertreten ist. Die Zitat-Inflationäre bei Spiegel Online haben seinen Gesang mal mit „aufs Äußerste wohlklingenden Laienbruder-Stimme“ charakterisiert. In diesem Fall würde ich mit den Kollegen mal keinen Streit vom Zaun brechen.

Wobei die Stimme jetzt kein Freifahrtschein für mein Wohlwollen ist. Es gibt durchaus Songs, in denen sich Buchanan orientierungslos um die Arrangements seiner Band knödelt, ohne wirklich zum melodischen Punkt zu kommen. Das ist bei „Because Of Toledo“ ganz anders. Da stört es mich auch nicht weiter, dass ich auch nach fünf Jahren intensiven Hörens immer noch nicht weiß, worum es in dem Song eigentlich geht.

Worum geht’s?
Ich war noch nie in Toledo und werde vermutlich auch niemals dort hinkommen. Interessanterweise schimpft einer meiner Lieblings-Musikblogger über die Stadt. Seine Familie wohnt dort, er betont mmer wieder, wie froh er ist, den Absprung geschafft zu haben (in Kürze zieht er nach Tokio).

Anhand der Schilderungen aus dem Blog und den paar für mich halbwegs verständlichen Textpassagen aus dem Song entstehen vor meinem geistigen Auge die Bilder von Menschen, die ziel-, freud- und trostlos in einem Diner an einer Landstraße abhängen. Kellnerinnen, regelmäßige Gäste und Durchreisende reflektieren ihre jeweilige Situation. Konkret genug, um mich einzufangen. Unkonkret genug, um Interpretationen zuzulassen.

When the party’s over
Mit dieser perfekten Mischung aus Melodie, Stimme, Text und Stimmung hat es „Because of Toledo“ auf meine iTunes-Playlist „Es reicht – Ruhe jetzt“ geschafft. Die entstand 2007, als mich eine Bekannte fragte, ob ich zu ihrem 30. Geburtstag ein bisschen Musik mitbringen könnte. Da Auflegen an dem Abend nicht in Frage kam (ich weiß gar nicht mehr warum), hatte ich ihr ein paar CDs zusammengestellt, die in festgelegter Reihenfolge den Abend steuern sollten. Die ersten beiden hatten mehr aufwärmenden Charakter, ab CD 3 ging es dann schon in Richtung Kopfnicken. Auf CD 4 kam dann „Don’t Stop ‚Til You Get Enough“ und ab da dann nur noch Hits. Das Konzept ging auf: Als ich um 2 Uhr müde nach Hause ging, stürmten mir auf dem Weg nach draußen die jungen Leute entgegen, um im Wohnzimmer zu Hard-Fi zu tanzen.

Um der Gastgeberin und ihrem Freund das lästige Aufräumen zu zweit in den frühen Morgenstunden etwas angenehmer zu gestalten, legte ich als Bonus noch eine CD dazu, die – Du ahnst es schon – „Es reicht – Ruhe jetzt“ hieß. Der erste Song war „Perfect Day“ von Lou Reed, „Hallelujah“ (damals mein Lieblingslied) war dabei und sicher auch „Let’s Go Out Tonight“.

Die Playlist habe ich behalten und im Laufe der Jahre mit Neuzugängen ergänzt. Kante, Johnny Cash, The Cure, Gladys Knight & The Pips, Chris Rea, The Blue Nile, Jeff Buckley und This Mess Is Mine (und viele andere) kommen immer dann zum Einsatz, wenn ich nicht schlafen kann. Was grundsätzlich der Fall ist, wenn ich nicht in meinem Bett zuhause liege.

One February Saturday
DSC00490Ich spiele die Playlist aber auch, wenn ich die Gelegenheit habe, aufs Meer zu gucken. Konkret und gern erinnere ich mich an einen Samstagnachmittag im Februar 2008. Ich hatte gerade meine Elternzeit begonnen und mir den Luxus eines Wochenendes in Nizza gegönnt. Mit Germanwings kommt man da aus Köln/Bonn gut hin (wenn man mit leichtem Gepäck reist). Die Jugendherberge ist völlig okay (wenn man nichts gegen Achtbett-Zimmer hat und fünf Euro extra für ein richtiges Frühstück in einem in einem der benachbarten Cafés in Kauf nimmt), sie liegt mitten in der Stadt und nur ein paar Schritte vom Strand entfernt.

Ich arbeitete ein paar Reisetipps aus dem Internet ab (Spielzeugladen, Olivenöl, Aussichtspunkte). Ich schrieb endlich mal ein paar Ideen für Musikvideos auf (und lasse sie seitdem auf der Festplatte Schimmel ansetzen/reifen). Ich fuhr auf Empfehlung eines Freundes mit der Bahn nach Monaco. Auf der Fahrt dorthin und zurück – vorbei an den Häusern von Bono, The Edge und der Google-Gründer – hörte ich „Because Of Toledo“, das ich damals gerade für mich entdeckt hatte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAn diesem ersten Februar-Wochenende 2008 wurde es noch richtig, richtig warm. Am Samstagnachmittag saß ich nach meiner Rückkehr aus Monaco am Strand von Nizza und hörte auf meinem iPod Nano „Es reicht – Ruhe jetzt“. Ich schaute den Flugzeugen nach, die beim Anflug auf die Stadt über der Bucht eine Schleife drehen, ich steckte meine nackten Füße in die Kiesel (Februar!) und schaute aufs Meer. Auch für solche Momente ist die Playlist wie geschaffen.

Also: Es gibt solche und solche Gelegenheiten, die Playlist aufzurufen. Der erste Song aber ist immer „Because Of Toledo“. Und auch darum hat er auch so viele Wiedergaben.

Welcher Song ist es bei Dir?

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Mensch, Michael – das ist ja heute wieder Romantik pur. Und ich kann Dir hiermit bestätigen, dass Du in jedem Fall den Test „The German Quiz“ mit mehr als meinen 82 Prozent bestehen würdest: Die meistgespielten Songs bei iTunes regelmäßig checken – das verdient meinen allerhöchsten Blogger-Respekt!

    Bevor wir zu meinem meistgespielten Track kommen, ein paar Worte zu „Because of Toledo“. Ich kann sagen, dass ich The Blue Nile – abgesehen von Deinen Ausführungen zu Craig Armstrong – nie gestreift habe. Da muss ich mal wieder ganz offen gestehen: Nicht meine Baustelle. Dabei gefällt mir der Song gut – lebte ich in Bayern würde ich jetzt schreiben: „Da kann man nix gegen sagen.“ Doch so recht zünden kann das emotionale Kopfkino bei mir nicht – das gilt natürlich nur für meine eigenen Gefühle. Die Geschichten, die Du damit verbindest, sind ganz wunderbar und machen Lust auf mehr (Anmerkung des Autors: Michael darf ab jetzt noch weitere 34 Songs in unsere Liste eingeben!).

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark unsere musikalische Pop-Empfindung doch von diesem Americana-Ding geprägt ist: Mal träumen wir uns nach Kalifornien, dann sind wir tief in den Straßen von New York verwurzelt, dann geht es in die Südstaaten – ich kreuze beispielsweise seit einem Viertel Jahr bei Filmen („Spring Breakers“), Schriftstellern (Joey Goebel), Schauspielern (Johnny Depp) und Serien („Justified“) den mir zuvor völlig fremden Bundesstaat Kentucky. Und seitdem ich etwas mehr Wissen darüber habe, freue ich mich auf einmal, wenn ich zufällig etwas Neues aus der Gegend zwischen Lexington und Louisville erfahre. Und so ähnlich ist es bei Dir ja schließlich auch mit Toledo: Bill Buchanans Beschreibungen changieren zwischen konkret und unkonkret. Hinfahren könnte fatal entlarvend und enttäuschend sein – doch das macht diesen Song doch gerade wichtig: Er baut eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem auf. Was könnte Kunst besseres erreichen? (Mal sehen, ob jemand auf diese provokante These antworten will…)

    Doch nun zu MEINEM Toptitel. Da mein iTunes-Account vor zwei Jahren auf einen anderen Rechner umgezogen ist, musste ich zwei Listen zählen. Allerdings nutze ich seit anderthalb Jahren fast nur noch Spotify – daher finden sich die zwanzig meistgehörten Songs auf meinem alten iBook, was ich zum Glück noch mal booten konnte.

    And the Winner is: Die Proclaimers mit „I’m gonna be (500 Miles)“. Ich muss sagen, dass mich das doch sehr überrascht hat. Vor allem, weil der Titel zehn Plays mehr hat, als der danach folgende Rap-Song, über den ich vielleicht ein anderes Mal schreibe. Nun muss man dazu sagen, dass nicht ich sondern meine Frau etwa vier Titel der Proclaimers bei iTunes erworben hat und der Song auf mehrere Playlisten stand, die wir gemeinsam nutzen. Wie verliebt muss man bitteschön sein, wenn man sein iTunes-Passwort weitergibt..? 

    Doch im Ernst: Auch wenn ich den Song nie bewusst auf die Liste gesetzt hätte, ist er nun hier. Ich brauche auch niemandem viel dazu zu erklären – die Proclaimers haben damit einen popkulturellen Meilenstein fabriziert, der sich nicht auch über zahlreiche Filme und Serien nachhaltig in unser kollektives Bewusstsein gefressen hat (zuletzt spielte er eine zentrale Rolle in einer Folge von „How I Met Your Mother“). Ein wundervoll komponierte Pop-Evergreen aus Schottland, der tatsächlich schon 25 Jahre alt ist! Und das hört man ihm wirklich nicht an, oder?

  2. Noch ein Nachtrag in eigener Sache: Ich habe aus Versehen einen weiteren Kommentar zu diesem Posting gelöscht, weil er im Spam einsortiert war.

    Lieber Kommentator,

    falls ich Deinen Beitrag gelöscht haben sollte: sorry. Wir würden uns freuen, wenn Du uns Deinen Kommentar noch einmal hinterlässt. Ich bin dann auch vorsichtiger.

  3. Pingback: 43/100: Giant | 100 Songs

  4. Pingback: 49/100: Bück’ Dich hoch | 100 Songs

  5. Pingback: 99/100: When I’m 64 | 100 Songs

Schreib einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.