Interlude: Arcade Fire

Wie viel Brimborium kann man um einen Song eigentlich noch veranstalten? Die Rede ist von „Reflektor“, der neuen Arcade-Fire-Single. Zwei Videos, eins davon „interaktiv“ in Zusammenarbeit mit Google, eines von Anton Corbijn. David Bowie im Hintergrund, eine „mysteriöse“ Onlinekampagne, besondere Öffnungszeiten von Plattenläden… Mir war das alles zu viel.

Und als ich mir den Song dann doch mal anhören wollte, ging die Nerverei weiter. Ich musste ewig suchen, bis ich eine Videoplattform fand, auf der „Reflektor“ nicht gesperrt war. Nicht mal auf der Seite der Plattenfirma konnte ich den Clip abrufen. (Warnung – jetzt spricht der alte Mann in mir:) Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es gehe gar nicht um die Musik, sondern nur darum, was die Medien dazu erzählen können. Letztendlich bin ich dann bei tape.tv fündig geworden.

Immerhin: Der Song ist doch so gut, dass ich meinen ursprünglichen Verriss-Reflex kontrollieren kann. Also: Ich mag den Groove, ich mag einige Melodien. Aber für mich ist der Sänger mit seiner dünnen, beliebigen Stimme echt eine Hemmschwelle. Und ein bisschen zu gewollt ist mir das ganze auch. Immerhin: Ich konnte es mir – trotz der eher schwierigen Begleitumstände – in Ruhe ansehen.

Du stehst der Band ja etwas gewogener gegenüber. Sag‘ Du doch auch mal was dazu.

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  1. Erinnerst Du Dich noch an meinen Springsteen-Text? Und wie genau ich mich immer noch an den Moment erinnern kann, als ich 1988 das erste Mal meinen eigenen CD-Player anschaltete? Ja, damals waren die Silberlinge ein Aufbruch in die Moderne, straight in die Zukunft – einfach THE HOT SHIT!

    Und heute? Da fristen sie ein trauriges Dasein: Keiner unter 30 denkt noch daran, zu Saturn zu gehen oder selbst bei Amazon 16 Euro zu investieren, wenn es den Song nicht auch als Download gibt. Was ja quasi für fast alle Songs der Welt früher oder später gilt. 

    Haben in den 90ern noch alle das Ende des Vinyls betrauert, so läuft das mit der CD deutlich anders: Die CD war schon immer der hinterhältige glattgebügelte Schwager der Schallplatte: Geboren im Yuppie-Zeitalter, war sie zwar deutlich pflegeleichter, aber eben nicht so liebenswert wie das gute alte Vinyl. Ohne Ecken und Rillen – auch nach 20-maligem Gebrauch immer noch silbern schillernd statt matt-schwarz. Ein Kaufanreiz für Kurzentschlossene, die nach Feierabend bei Karstadt noch den Hit und die anderen 11 Songs von diesem Typen aus dem Radio mit nach Hause nehmen wollten. Im Vinyl-Zeitalter wäre so ein unreflektiertes Zugreifen undenkbar gewesen: Wer schleppt denn im Bus so ein unhandliches und zugleich empfindliches Ding wie eine LP mit, wenn er nicht langwierig vorher das Cover angeschaut und die Abhörstation bei WOM blockiert hat… 

    Okay, ich verkitsche bewusst. Denn im Endeffekt ist es heute total egal – Vinyl und CD: beide sind tot. Damit steht die CD auf der selben Planke, auf der die Vinyl-LP vor 20 Jahren zum Kielholen angetreten ist: Absprung in das langsame kollektive endgültige Vergessen. 

    Natürlich kaufen heute noch immer viele Liebhaber die Alben ihrer Idole auf CD während die MP3s längst den Markt dominieren – aber diesen Parallelismus der Medien gab es 1993 schließlich auch. Aber es nutzt nichts, das zu betrauern: Selbst die hartgesottenen Musikliebhaber, die von Berufswegen her physische Tonträger kaufen müssten, sind längst übergelaufen: Die Musikjournalisten und die DJs. Ich kenne kaum noch einen Plattenreiter, der mit physischen Tonträgern arbeitet. Warum auch? Eine gut sortierte Festplatte garantiert, dass im Zweifel jeder noch so abstruse Wunsch erfüllt wird. Wenn das W-Lan in der Location stimmt, dann gibt es im Zweifel überhaupt kein Problem mehr. 

    Wobei ich zugeben muss, dass ich bislang keinen DJ erlebt habe, der neben dem Mixen noch schnell was bei iTunes kauft oder bei BeeMP3 klaut. Aber denkbar wäre es. Und wenn es erstmal vernünftige Spotify-Mixprogramme gibt, dann gibt es überhaupt keine Grenzen mehr. Das versprechen interessante Sets zu werden…

    Warum ich das alles schreibe? Nun, Arcade Fire widmen ihren Song und auch ihr Video sehr offensichtlich der CD. Ein melancholisches Abschiedsvideo, wie auch der letzte Zuschauer spätestens beim spiegelnden CD-Sarg begreift. Erster Pluspunkt.

    Zweiter Pluspunkt: Der bilinguale Text. Frag mich nicht, aber ich finde es immer noch cool, wenn auf einem Track englisch UND französisch gesungen wird. Comment te dire adieu. 

    Dritter Pluspunkt: Der Mummenschanz. Ich war ja wirklich ein absoluter MTV-Junkie und habe jahrelang die Werke von Kunsthochschul-Absolventen in Trailern und Videos aufgesogen. Es muss bunt und crazy sein. Und: Lustige Verkleidungen sind mir in Musikvideos lieber als im Kölner Karneval 😉

    Vierter Pluspunkt: Ich bin schon happy, wenn David Bowies Stimme in zwei Refrainzeilen ganz leise im Hintergrund zu hören ist. Dann weiß ich: Er ist immer noch da und passt darauf auf, dass wir gut unterhalten werden.

    Fünfter Pluspunkt: Die Länge. Ich meine: Hallo-ho? Wir haben das Internet und 90 Prozent der Acts halten sich immer noch an die 4-Minuten-Formatradio-Vorgaben der 80er und 90er..? Wozu gibt es denn diese ganzen tollen Verbreitungswege über Vimeo, Tape.tv und YouTube (Clipfish ja ab sofort leider nicht mehr), wenn die Künstler nicht mal ein wenig rumspinnen und sich längenmäßig austoben können? Mehr davon, bitte.

    Minuspunkt: Der Song selbst. Mir gefällt das Drumherum und die Idee, aber melodisch und harmonisch finde ich den Song boring. 

    Damit habe ich dann aber auch genug gesagt, oder?

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