Gastfeature: West End Girls

Wenn meine Frau mir ein Buch schenkt, bleibt das selten folgenlos. Zu meinem Geburtstag hat sie erneut meinen Geschmack getroffen: „Gut aufgelegt“ von Dirk Duske ist ein großartiger Ratgeber für DJs und solche die davon träumen, einer zu sein. Den ganzen Sommer schon nehme ich es ständig zur Hand und lese mich durch die vielen Tipps und Tricks. Ich freue mich darum sehr, dass wir Dirk für einen Gastbeitrag gewinnen konnten. Viel Spaß beim Lesen!

„West End Girls“ von Pet Shop Boys (1986) von Dirk Duske

Mit Musik habe ich mich schon im jungen Alter von sieben Jahren beschäftigt. Als andere sich auf ihrem Kassettenrekorder Kinderlieder reinzogen, krachte die Gitarre von Angus Young aus meinem Lautsprecher. Diese Phase nahm ein Viertel meines damaligen Lebens ein. Dies klingt zwar recht lang, aber nur in Bezug auf mein damaliges junges Alter. Denn es folgten Jahre des ständigen musikalischen Umbruchs, den gitarrenlastigen Sounds folgten elektronische, auch groovige mit Raps, oder welche, die beide Einflüsse vereinten. Wie ein Song, der im November 1985 mein weiteres Leben musikalisch entscheidend prägte: „West End Girls“.

Pet-Shop-Boys-West-End-GirlsZur DDR-Zeit begann ich in Schulen unserer Gegend aufzulegen bzw. einzulegen, natürlich mit Kassetten. Zur täglichen Recherche und Musikbesorgung eines Schallplattenunterhalter (kurz SPU), so die offizielle, von der Partei abgesegnete Bezeichnung eines DJs, zählte das tägliche Mitschneiden von Sendungen auf RIAS 2, Bayern 3 oder NDR 2. Letzterer war in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, nur selten rauschfrei, und wenn überhaupt, nur mono zu empfangen. Dabei stand eine Sendung jede Woche auf dem Aufnahmeplan: „Maxis Maximal“ mit Gerd Alzen. Obwohl in der DDR die SPUs nicht mixten und deren eingelegten Titel von ständigen Moderationen unterbrochen wurden, galten die ausgedehnten Versionen als begehrte Sammlerobjekte, die Sendungen als Treffpunkt vor dem heimischen Radio. Man tauschte untereinander die Titel per stundenlangen Überspielsessions und frönte mancher Version, die das Original mit zusätzlichen Overdubs verschandelte oder unnötig in die Länge zog. Völlig egal. Das besondere an „Maxis Maximal“: Unter drei Maxis durften die Hörer eine auswählen. So auch im November 1985, als die „West End Girls“ antraten. Eine Single, die schon 1984 in einer von Bobby Orlando (u.a. The Flirts) produzierten Version erschien, allerdings damals kaum Beachtung fand. Anderthalb Jahre später wurde „West End Girls“ erneut veröffentlicht, allerdings neu eingespielt mit Stephen Hague an den Reglern. Das schlug ein, in United Kingdom und selbst den USA. Auch bei den Hörern der Radiosendung, denn sie standen auf die Londoner Mädels, mich zunächst allerdings ausgenommen. Wie hießen die Jungs nochmal? Catcha Boys oder Ketschup Boys? In der DDR wurde zwar fakultativ Englisch unterrichtet, aber die Phonetik der Moderatoren lies einen gewissen Spielraum für die Schreibweise zu. Es hat einige Monate gedauert, bis die Information über die Mauer schwappte, dass Freunde, die in einer Zoohandlung arbeiteten, ihnen den Namen gaben. Bis dato schrieb ich in mein Kassettenheft, wo alle Titel gelistet waren, Catcha Boys. Keine Ahnung, was das heißen sollte, aber man musste dem Kind einen Namen geben.

Zurück zu diesem denkwürdigen Moment: Nach meiner Enttäuschung über den Sieg der „West End Girls“ startete ich vorsichtshalber mein Kassettendeck, schließlich war der Titel in Großbritannien auf die Eins gegangen. Das musste nichts heißen, denn die Engländer entsetzten mich schon oft in der Vergangenheit mit ihren Pole Positions. Trotzdem gab ich den „Was auch immer-Boys“ eine Chance. Der damalig gespielte Dance-Mix weckte zunächst mit seinen Beats mein Interesse. Dank 112 BPM schön tanzbar, die Drums kamen richtig fett, trotz durchschnittlicher RFT-Anlage und einem leicht verrauschten UKW-Signal. Nach dem etwas untermalenden melancholischen Teppich setzte diese Bass-Line ein, der ich mich auch als eingefleischter HipHop- und Funk-Fanatiker nicht entziehen konnte. Gespannt wartete ich auf die Vocals:

Sometimes you’re better off dead
There’s a gun in your hand and it’s pointing at your head
You think you’re mad, too unstable
Kicking in chairs and knocking down tables
In a restaurant in a West End town
Call the police, there’s a madman around
Running down underground to a dive bar
In a West End town

Was?! Das musste ich erst einmal verdauen, nicht inhaltlich. Ein „Weißer“ rappt mit so einem britischen, gar versnobten Akzent. Passt das zu den üblichen Rapper-Attitüden aus der Bronx? Nein, schließlich geht es um ein Edelviertel Londons.

In a West End town, a dead end world
The East End boys and West End girls
In a West End town, a dead end world
The East End boys and West End girls
West End girls

dirk duske_723127Diese Hookline ging mir sofort ins Ohr, aber beim Gesang konnte ich mir noch kein Urteil erlauben. Es war einfach zu anders. Nach reichlich sechs Minuten erfolgte die Blende, schön vom Moderator ausgespielt, die Stopptaste beendete das Band. „West End Girls“ musste ich zunächst verarbeiten, mich reinhören, denn es war keine Liebe auf den ersten Blick bzw. Ton, eher nach dem fünften Reinhören. Auch zur Schuldisco konnte ich die Crowd mit dem Song nicht um den kleinen Finger wickeln. Er flog relativ schnell aus meiner Playlist, aber die Liebe zu dem Song wuchs ständig. Fortan verfolgte ich sämtliche Veröffentlichungen der Pet Shop Boys, nach „Love Comes Quickly“ und „Opportunities“ hatten sie mich, ich war ein Fan der Pet Shop Boys. Ihre Schallplatten in der DDR zu kaufen, ein Wunschdenken. Lediglich das Album „Please“ wurde im damaligen Intershop, ein Geschäft in dem nur Währungen aus dem kapitalistischen Ausland zugelassen waren, angeboten. Dank schwarz getauschter DDR-Mark zählt dieses Exemplar noch heute zu meiner Sammlung. Jedes der folgenden Alben schickte mir meine Verwandtschaft aus der Bundesrepublik oder mein Bruder ließ sie von Kollegen per Dienstreise mitbringen. Auch optisch prägten mich die Pet Shop Boys, denn nicht ohne Grund kaufte ich mir bei meinem ersten London-Besuch im Jahr 1994 ein Boy-Cap in der Carnaby Street, das ich noch heute zu meinen Gigs trage.

Das Interesse an den Pet Shop Boys erlosch nie, obwohl ich mich seit dem Album „Yes“ nicht mehr als Fan bezeichnen würde. Denn die Melancholie, die mich einst an den Pet Shop Boys vorrangig faszinierte, verschwand zunehmend in ihren aktuelleren Songs. Trotzdem, die Pet Shop Boys, speziell „West End Girls“ fasziniert mich auch nach hundertmaligem Hören und zählt zu meinen unangefochtenen Lieblingssongs, der auch gegenwärtig in einem meiner Deep House- oder Nu Disco-Sets Platz findet.

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4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Willkommen bei 100 Songs, Dirk! Es hat wirklich Spaß gemacht, diese spezielle Rezeptionsgeschichte von „West End Girls“ quasi aus dem East End der Republik erzählt zu bekommen. Catcha Boys? Phantastisch! Danke für diesen großen Moment auf unserem Blog!

    Sei Dir zugleich versichert: Das mit dem Musikhören war hüben wie drüben nicht viel anders. Über „misheard lyrics“ hatten wir ja schon mal gesprochen. Dazu gleich noch mehr. Doch aus rein pekuniären Gründen war es auch einem 12-jährigen West-Berliner Musik-Fan 1987 nicht vergönnt, immer alles als Tonträger zu besitzen: Au contraire, ich habe rückblickend manchmal das Gefühl, meine komplette Freizeit der Jahre ’87 bis mindestens ’90 auf dem Sofa vor der Anlage verbracht zu haben – immer mit einem Finger an der Pause-Taste…

    Zurück zu den misheard lyrics: Bei den Pet Shop Boys war das bei mir tatsächlich etwas anders. Ich kannte die Band und ihre Gesichter und sogar einige ihrer Texte – Wochen bevor ich ihre Musik gehört habe. 

    Und mit den Pet Shop Boys erlebte ich dann diesen High Noon-Moment, den jeder verliebte Sechstklässler so ähnlich irgendwann einmal durchlebt hat. Es ging darum, zu bestehen oder zu losen – ich wollte beweisen, dass ich auch in der Pubertät angekommen und ihrer würdig war. Meine erste Barthaare sprießen, meine Stimme wurde tiefer und wie alle Jungs in meiner Klasse war ich in Sophie Marceau verliebt. Und ein bisschen auch in die blonde Neue – Cornelia, genannt Conny.

    Eine Schwärmerei, die für uns alle von Anfang so chancenlos war, weil Conny ihren Marktwert kannte. Und so war ich total perplex, als sie in einer Pause plötzlich auf mich zukam, mir meine BRAVO aus der Hand nahm und scheinbar nebenbei fragte, wie ich denn „Suburbia“ fand. Hm, tja, eigentlich ganz gut, antwortete ich – ohne den Song je gehört zu haben. 

    Aber ich war ja seit einigen Wochen fleißiger Stammleser des Bauer Verlags und wusste, worum es ging. Ich hatte in diesen Wochen alles aufgeholt, was ich bis dahin verpasst hatte: Europe, a-ha, Duran Duran, Depeche Mode – bis auf die Horoskope und das Impressum hatte ich jeden Textfitzel genau studiert. Ich war munitioniert für plötzliche Schulhof-Konversationen und würde mir nie mehr die Blöße geben müssen, einen angesagten Künstler nicht zu kennen. Das wäre zu der Zeit in etwa so gewesen, als hätte man zugegeben, noch nie ohne Eltern im Kino gewesen zu sein oder sich zum Geburtstag noch Playmobil zu wünschen. Pop-Wissen gehörte einfach zum Erwachsen werden dazu – so viel war mir klar.

    Und weil ich Woche für Woche das neueste über Mortens verdreckte Londoner WG, Joey Tempests Bügel-Tipps für Rüschen-Hemden sowie Simon Le Bons Erinnerungen an seinen Yacht-Unfall studierte, kam ich auch nicht drum herum, die Pet Shop Boys zu bemerken: Zwei zurückhaltend-freundliche Männer, die sich in schicke Baseball-Mützen, Sonnenbrillen und T-Shirts kleideten und ebenfalls komische Sachen gefragt wurden. Ich wusste, dass sie im Taxi durch die fuhren und dabei alle vier Arme aus den Fenstern herausstreckten, um die Geräusche der Stadt auf Band festzuhalten. Ich erinnerte mich daran, dass sie in „Suburbia“ etwas von Polizisten, Farbfernsehen und Hunden erzählt hatten und dass die Zeile „I only wanted something else to do but hang around“ vier Mal nacheinander gesungen wurde – aber ich hatte eben keinen blassen Schimmer, wie das wohl klingen mochte. Denn dieses „Suburbia“ lief dummerweise äußerst selten bei uns im Radio und bei Formel Eins hatte ich es verpasst. Ich hatte lediglich den BRAVO-Songtext samt deutscher Übersetzung genauer unter die Lupe genommen. 

    Also log ich Cornelia ins Gesicht und sagte – so lässig wie möglich – dass „Suburbia“ okay sei – mir das Lied von den „Western Girls“ aber viel besser gefalle (Ich hatte zwar mal den richtigen Titel gelesen, aber vielleicht nicht ganz richtig abgespeichert). Ich hatte gezogen und geschossen – und dabei mein Knie getroffen – jetzt wird es peinlich, oder? 

    Nein, überhaupt nicht. Denn Cornelia kannte diesen Titel nicht und blätterte lustlos weiter in meiner BRAVO. Und sie hatte das Gespräch wohl auch im nächsten Moment wieder vergessen, als Sascha und der schöne Eric dazu kamen und sie für den Nachmittag zu einem Eis einluden.

    Trotzdem, diesen Pet Shop Boys musste ich weiter auf den Grund gehen, wenn sogar blonden Rückenschwimmerinnen so viel an ihnen lag. Also lieh ich mir einige Wochen später „Please“ in der Bücherei aus und überspielte sie mir auf Kassette. Dabei fiel mir auf, das der Song wenig mit Cowboys zu tun hatte. Dann hörte ich das Album so lange durch, bis ich beide Songs – zumindest lautmalerisch – auswendig mitsingen konnte. Bis heute übersetze ich mir immer wieder mal ein paar neue Zeilen in richtiges Englisch. Allerdings habe ich kaum erlebt, dass mich die Textsicherheit bei Liedern der Pet Shop Boys in der Frauenwelt irgendwie weitergebracht hätte… 

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