Interlude: David Bowie

Endlich komme ich noch dazu, noch von meinem letzten London-Abenteuer zu erzählen. Es war superstressig, auch aus Gründen, über die ich hier nicht reden kann, aber es hat sich – mit kleinem Abstand betrachtet – doch sehr gelohnt. Anlass meines Besuchs war der Dreh von drei Fernsehbeiträgen, wobei einer davon bei einer schnellen Stippvisite blieb: Die Kinopremiere des Dokumentarfilms „One Direction. This Is Us“. Da sich die Veranstalter weigerten, außer RTL irgendein anderes deutsches Team für den Roten Teppich zu akkreditieren, konnte ich am nächsten Tag auf Agenturen-Material zurückgreifen, weshalb ich aber trotzdem nachmittags am Londoner Premieren-Kino-Platz – dem Leicester Square – vorbei spazierte und überwältigt war, wie viele Tausende schulpflichtige Teenager (es waren allerdings noch Ferien in Uk) sich vier Stunden vor Beginn des Vorprogramms (!) dort versammelt hatten.

Ich ging stattdessen ein paar seltene Air Max kaufen und bereitete mich auf meinen anderen Dreh vor: Eine Stadttour auf den Spuren von David Bowie durch Soho. Wer diesen Blog hier regelmäßig verfolgt, weiß, dass David Bowie mir sehr viel bedeutet. Und so wie mir ging es vielen Fans: Als Bowie zu seinem 66. Geburtstag überraschend eine neue Single in memoriam an seine Berliner Jahre veröffentlichte, war das Feuer erneut entfacht. Das Album stieg dann ja im März mal ganz entspannt in 18 Ländern auf Platz 1 ein und ich durfte bei der Eröffnung der Bowie-Ausstellung im Victoria & Albert-Museum eine Reportage mit klugen Bowie-Kennern und 300 exklusiven Ausstellungsstücken drehen.

Die Ausstellung ging jüngst zu Ende und gilt als die erfolgreichste in der 162-jährigen Geschichte des renommierten Museums überhaupt. Es wird kolportiert, dass über fünf Monate alle Tickets im Vorverkauf weg gingen und immer nur noch so 300 bis 400 Plätze an der jeweiligen Tageskasse erhältlich waren.

Bowie berührt also weiterhin und so war es nur logisch, dass irgendjemand auf den Trichter kommen würde, mal zu schauen, wo eigentlich alles angefangen hatte. So kam ich also zu der Stadtführung durch Soho, wo man in anderthalb Stunden den Weg des 16-jährigen David Robert Jones zum Weltstars Bowie anschaulich miterleben kann.

Natürlich sieht Soho längst nicht mehr so aus wie vor fünfzig Jahren, als David Bowie in schmuddligen Cafés und düsteren Gay-Bar-Kellern rumhing, sich vom Mod über den Folk- und Art-Rocker langsam hin zu Ziggy Stardust wandelte.

Londons Soho ist heute eine weitgehend gentrifizierte Touristenmeile und ein Feierabendtreff für Banker und Angestellte. Man stolpert über Sneakerläden und gesunde Burger-Restaurants. Liam Gallagher hat seinen Modeladen „Pretty Green“ in der Carnaby Street gleich nebenan von Puma und Gegenüber von American Apparel und Hugo Boss. Japanische Nikon-Touristen stoßen mit Freizeit-Punks aus Polen zusammen; überall summt es spanisch und finnisch und deutsch durch die Straßen und niemand muss in diesem Viertel Schlimmeres befürchten, als dass das Sushi schon etwas zu lange auf dem Fließband im Kreis gegondelt ist…

Hier hat David Bowie also angefangen, noch ernsthafter Musik zu machen, als in seinem Kinderzimmer im beschaulichen Vorort Bromley. Sein älterer Bruder hat ihn mit der Gegenkultur bekannt gemacht: Es ging um Jazz-Clubs, Rock’n’Roll-Sonntage im Marquee Club, Vernissagen und sexuelle Befreiung.

Als David Bowie 1963 nach London kommt, jobbt er bei einer Plattenfirma als Packer und liest im Giaconda-Café Stellenanzeigen für Musiker. Er wechselt von Band zu Band (sieben bis acht sind verbrieft) und experimentiert damit auch immer mit neuen Musikstilen. Es ist unfassbar spannend, durch die Denmark Street zu laufen, in der bis heute mit Musikinstrumenten gehandelt wird.

Die Tour führt dann zu spannenden Orten wie der Straße, in der er zusammen mit Lindsay Kemp gewohnt hat. Linday Kemp ist ein weißgeschminkter Allround-Künstler: Tänzer, Schauspieler, Pantomime, Travestie-Darsteller. An ihn wendet sich Bowie frustriert, als sein Solo-Debütalbum 1967 nicht so erfolgreich wird, wie er es erwartet hat. Die Stadtführerin erzählte, dass Bowie sich von der Musik abwenden wollte und wie ihn beispielsweise das japanische Kabuki-Theater beeinflusst hat.

Doch zum Glück geht seine Karriere ja weiter und so führt die Tour auch zu den Trident Studios. Schaut Euch die kleine Gasse auf dem Foto an – man kann wirklich an der blauen -Tür vorbeilaufen und ahnt nicht, dass darin so Schätze wie „Space Oddity“, „Hunky Dory“ und „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ aufgenommen wurden. Aber auch „Hey Jude“, „Walk on the Wild Side“ oder auch zahlreiche Songs von Elton John, Queen und den Rolling Stones…

Trident Studios

Tja, ich will nicht alles verraten. Dabei macht aus meiner Sicht überhaupt nichts aus, wenn man einige Tourstops bereits kennt. Soho ist so voll mit kleinen Geschichten – ich war zum Beispiel total begeistert, als mir die Straße gezeigt wurde, in der das Cover von „What’s the Story (Morning Glory)“ aufgenommen wurde. Und die Straße sieht tatsächlich noch so aus wie damals.

Ganz im Gegenteil zu der kleinen Seitengasse von der Regent Street, in der Vorder- und Rückseite der Plattenhülle von „Ziggy Stardust“ fotografiert wurden. Die rumpelige Gasse sieht viel größer aus, als sie ist und zum Beweis dafür, dass es sich um den richtigen Ort handelt, wurde letztes Jahr eine offizielle Plakette in Erinnerung an diese Aufnahmen angebracht. Ich kann nur sagen – der Besuch dieses Viertels mit dem Fokus auf Bowie hat mich sehr glücklich gemacht. Und dazu gibt’s jetzt noch den passenden Track – here we go:

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