29/100: Vision (O Euchari In Leta Via)

Hildegard von Bingen (1151-1158)

Die Herleitung für meinen heutigen Post ist etwas umständlich. Aber zu Zeiten ohne Shazam und Google gestaltete sich die Suche nach einem Song oder Sample oft sehr mühselig – wie diese Geschichte zeigen wird. Hier kamen viele Zufälle zusammen, bis ich ein musikalisches Rätsel nach mehreren Jahren endlich lösen konnte.

Oktober 1991
29_volume_one_1000Kurz vor Beginn meines Studiums reise ich ein paar Tage nach Paris. Meine Gastgeber nehmen mich auch mit zu dem (zumindest sagten sie mir das damals) größten Plattenladen der Stadt, FNAC. Ich verbringe eine ewig lange Zeit damit mir zu überlegen, für welchen Tonträger ich mein schmales Budget angreifen soll. Da fällt mir ein Sampler in die Hände, der mich mit exklusiven Remixen von New Order, Nitzer Ebb und The Shamen lockt. Die eigentliche Besonderheit: Die CD ist gleichzeitig ein 200-seitiges Magazin mit Beiträgen über alle Bands auf der CD sowie Plattenkritiken und Essays. Das alles zu einem regulären Preis. Am Ende fällt die Wahl nicht schwer: „Volume One“ wandert in meine Einkaufstüte.

Sommer 1992
An einem Samstag helfe ich einer Kommilitonin beim Umzug. Während einer Pause fahre ich zum Media Markt und wühle in den Kisten und Regalen. Mir fällt „Volume 3“ in die Hände. Erst bei dieser Gelegenheit erfahre ich, dass es Fortsetzungen des Samplers gibt, dessen erste Ausgabe ich ein Dreivierteljahr vorher in Paris gekauft habe. Ich muss nicht lange auf die Tracklist schauen – die Kaufentscheidung ist schon längst gefallen.

29_volume_three_1000Ich kann es kaum erwarten, nach dem abgeschlossenen Umzug nach Hause zu fahren, die CD einzulegen und durch das diesmal 192-seitige Booklet zu blättern. Die ersten Songs – unter anderem von Daisy Chainsaw und Depth Charge – finde ich recht durchwachsen. Andrerseits begegne ich zum ersten Mal Therapy?, die mich mehrere Jahre begleiten werden.

Und dann kommt Track 13 – „Wasted/Belfast“ von Orbital – und der wird eröffnet mit einem wunderschönen Frauengesang.

Ich kann die Sprache nicht erkennen, tippe auf Latein und werde dann gleich von tollen Harmonien und einem moderatem Elektrobeat durch Strophe und Refrain getragen. Während der Song läuft lese ich mich im Booklet zu Orbital ein. Das Interview-Format mit den beiden Hartnoll-Brüdern gibt nicht viel her über die Band und den Song, aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. „Wasted/Belfast“ wird ruckzuck zu einem meiner Alltime-Faves. Aber die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende…

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Frühjahr 1993
Mit „Sweet Harmony“ sind The Beloved auf allen Kanälen vertreten. Mastermind Jon Marsh ist mir seit seinen Remixen von „World in my Eyes“ in sehr guter Erinnerung. Der Song und das dazugehörige Album gefallen mir ausgesprochen gut. Also versuche ich, noch mehr über die Band zu erfahren. Dabei stoße ich immer wieder auf Hinweise, dass The Beloved drei Jahre zuvor schon mal einen Klassiker veröffentlicht haben sollen, „The Sun Rising“. War mir bis dato nicht untergekommen, aber meine Neugier war geweckt.

Herbst 1993
29_logic tranceAus der Grabbelkiste eines größeren Osnabrücker Supermarkts fische ich den Label-Sampler „Logic Trance“ heraus. Außer The Orb und The Shamen kenne ich eigentlich kaum einen der aufgeführten Künstler aber – Moment: Da ist ja auch „The Sun Rising“ drauf. Zwar in einem Remix, aber egal. Kaum zuhause angekommen lege ich die Platte auf meinen Dual-Plattenspieler und setze die Nadel auf das letzte Stück der Seite B. Was ist das für eine Stimme? Ist das nicht…

Ja, es ist die Frauenstimme aus Orbitals „Wasted/Belfast“. Ich bin etwas überfordert und ratlos. Wer hat sich da jetzt bei wem bedient: Orbital bei Beloved? Beloved bei Orbital? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Aber auch „The Sun Rising“ wird – nicht zuletzt wegen des betörenden Gesangs – zu einem meiner Lieblingslieder, dessen unzählige Remixe ich auch über 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen noch immer nicht alle auf der Festplatte habe.

Frühjahr 1994
Ich verstehe endlich, warum der Song von Orbital „Belfast/Wasted“ heißt, da ich zufällig die „Satan“-Maxi-CD der Brüder Hartnoll bei Galeria Kaufhof finde. Als Bonus ist ein Track namens „Belfast“ aufgeführt. Keine Frage, dass ich die Platte haben muss. Zuhause spiele ich ihn gleich an und lerne: „Belfast“ ist ein Instrumental, das für „Volume 3“ mit Vocals ergänzt wurde. Aber auch hier finde ich keine Angaben darüber, wer denn die Frau ist, deren Gesang auch in dieser Version das Highlight ist.

April 1995
Mein Jahr als Assistant Teacher an der Greenford High School in London geht zu Ende. Viele der Schüler, denen ich versuche Deutsch beizubringen, sind mir ans Herz gewachsen. Dementsprechend groß ist meine Freude, als mich meine Kollegen fragen, ob ich bei einer Studienreise nach Deutschland als Betreuer mitfahren möchte. Und so verbringe ich mit drei Lehrern und rund 30 Schülern ein paar Tage in Bacharach am Rhein. Das Wetter spielt mit, die Schüler sind unkompliziert, die Stimmung unter uns Betreuern entspannt. Wir verbringen unter anderem einen Tag im Phantasialand und beobachten interessiert, wie die männliche Dorfjugend abends mit ihren Mofas vorfährt, um die Mädchen unserer Gruppe zu beeindrucken.

Nur in wenigen Momenten ist die Stimmung angespannt, zum Beispiel wenn die begleitenden Lehrerinnen bei längeren Busfahrten die Hiphop-Tapes der Jungs aus dem Cassetten-Recorder holen. „What a filthy language“, klagen meine Kolleginnen angesichts der Texte von Dr. Dre, 2Pac oder Notorious B.I.G. Der Leiter unserer Gruppe versteht es allerdings, diese Stimmung dann noch mit seinen Mixtapes anzuheizen. Er reicht mit einem breiten Lächeln seine 70s-Disco-Cassetten nach vorne durch, die wie erwartet lautstarke Proteste bei den Schülern auslösen.

Bei einem unserer Stopps kauft er eine Cassette, auf deren Cover eine Nonne abgebildet ist. Als er damit nach vorne geht, um sie beim Busfahrer in den Player einzulegen, ahnen die Schüler schon Schlimmes. Sie warten gar nicht erst, bis die Musik einsetzt – sie protestieren schon vorher. Um erst recht durchzudrehen als diese wunderschöne Stimme einsetzt.

Die, die ich zum ersten Mal bei Orbital und später dann bei The Beloved gehört habe.

Um mich herum herrscht Tumult, ich bleibe ganz ruhig in meinem Sitz und gebe mich dem Moment hin, ein musikalisches Rätsel gelöst zu haben.

Das Stück, das ich seit Jahren gesucht habe und das ich jetzt im Bus zum ersten Mal komplett höre, heißt Vision (O Euchari In Leta Via). 1995 höre ich es in einer Interpretation der Sopranistin Emily Van Evera. (Da sich die Aufnahme nicht einbetten lässt, habe ich für dieses Post eine andere Fassung auswählen müssen.) „O Euchari“ stammt ursprünglich von Hildegard von Bingen, einer Benediktinerin, die von 1098 bis 1197 gelebt haben soll. Sie wird in der katholischen Kirche als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt. Papst Benedikt XVI. ernennt sie 2012 zur Kirchenlehrerin. Da die Version von Van Evera aber aus dem Jahr 1994 stammt, kann es nicht ihre Stimme sein, die Orbital und Beloved gesamplet haben. (Vermutlich stammt sie von Emma Kirkbys 1982er-Album „A Feather On The Breath Of God“, an dem Van Evera aber auch beteiligt war). Klingt kompliziert? Ich steige da auch nicht ganz durch, aber das spielt jetzt auch keine große Rolle mehr.

Herbst 2011
Es gibt mittlerweile auch viele andere Versionen von „O Euchari“, die gern auch auf Samplern mit Namen wie „Mystic Voices“ oder „Mystic Chants of the Middle Ages“ erscheinen. Und ich habe das markante Sample seitdem schon mehrere Male in anderen Kontexten gehört. Seine Faszination hat es immer behalten. Auch als mir Last FM im Herbst 2011 einen neuen Remix in die Playlist schiebt.

Die Version des australischen Produzenten Dopamine ist zwar recht vorhersehbar und nicht wirklich filigran. Aber wenn im Break „O Euchari“ ertönt, bin ich immer noch ergriffen. Und aufs Neue froh, das Rätsel um diese Stimme gelöst zu haben.

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Wow Michael, das ist aber eine schöne Geschichte – genau dafür machen wir 100 Songs doch auch, oder? Du hast es so lebhaft beschrieben, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, wie Du Dich gefühlt hast, als Du im Bus saßt und genau diese Melodie erklang…

    Bei dem Song selber bin ich sehr zwiegespalten. Und das hat mehrere Gründe. Es ist nicht so, dass ich jahrhundertealte Musik und Melodien grundsätzlich ablehne. Dafür hat mich meine Frau oft genug zu Mittelalter-Festen geschleift, wo ja auf den richtigen Bühnen wirklich die Post abgeht! Speed-Punk mit selbstgebastelten Dudelsäcken oder auch sinnliche Melodien, wie von den Medieval Babes sind mir nicht fremd und gehen gut rein. Und hast Du mal von der Band Hasenscheiße gehört? Ernsthaft, die machen sehr unterhaltsame Stücke nach Barden-Manier!

    Doch dann höre ich O Euchari In Leta Via gesampelt in diesen Dance-Gewändern und fühle mich an den Enigma-Overkill der 90er Jahre erinnert. Sicher, Michael Cretu ist ein überaus freundlicher und interessanter Gesprächspartner, den ich mal in einer Musiksendung namens Deutsche Beats begrüßen durfte. Aber nein, „Sade – dis-moi – düdü-düdü“ kann ich einfach nicht mehr hören.

    Kleiner Einschub an dieser Stelle: Wir schreiben das Jahr 1998. Ich bin mit meiner Freundin N. zu einer Art Hoffest bei ihren Eltern in Kreuzberg eingeladen. In Wirklichkeit ist das der 18. Geburtstag des Sohnes der Hausbesitzer. Als wir ankommen, sind der junge Mann – dessen Namen ich wirklich vergessen habe – und seine Freunde schon ganz schön breit. Seine Eltern und mehrere Nachbarn stehen lächelnd daneben – es gibt Schnäppsken, aber Mikko bleibt beim Bier. Da es kalt wird, begibt sich die Runde in den Partykeller, der genau so aussieht, wie man sich einen westdeutschen Partykeller eben vorzustellen hat.

    Kurz vor 23 Uhr bin ich bereit zu gehen, aber N.s Mutti flüstert was von einer Überraschung, die wir nicht verpassen sollten. Zwanzig Minuten geht die Tür auf und ein stämmiger Schrank, Marke Brandenburger Türsteher, kommt rein. Ups? Waren wir zu laut? Nein, er stellt einen Stuhl in die Mitte der Tanzfläche und schmeißt seinen Ghettoblaster an: „Düdü-Düdü“ und eine Nonne betritt den Raum. Sie ahnen es bereits? Yep, die Nonne ist gar keine Nonne, sondern kann ganz erstaunlich gut tanzen. Der 18-jährige Jüngling hat von seinen Eltern eine Stripperin spendiert bekommen, die ihr Handwerk gut versteht. Alle stehen drum herum: Nachbarn, Kumpels, Eltern, meine Freundin und deren Eltern… Damit das nicht falsch rüberkommt: N. war hinterher empörter als ich, aber diese Bilder werde ich nicht mehr los. Irgendwie wollte ich diese Geschichte Herrn Cretu bei seinem Studiobesuch nicht erzählen, zumal meine Chefs daneben standen… aber vielleicht liest er das hier ja irgendwann mal. Im Internet geht schließlich nichts verloren. Also Herr Cretu: Ich habe ihre Sandra-Produktionen geliebt, aber mit Enigma haben Sie leider ein falsches Publikum angelockt!

    So, das war dieser Teil. Jetzt zum Thema Samples raushören. Damit bist Du bei mir als Rap-Fan natürlich an der richtigen Adresse. Ich mag diesen Eklektizismus oder meinetwegen Referenz-Pop sehr gerne. Für mich müssen Musiker keine Virtuosen an Bass oder Schlagzeug sein: Programmier mir nen ordentlichen Beat und digge ein paar Cuts und Samples, die mich überraschen und ich bin Dein.

    Der erste Track, bei dem ich diesen Spaß des Grübelns und Suchens bewusst hatte, war 1987 „O.K.“ von der vergessenen deutschen Formation Okay. War sehr lustig, dieser Mix aus „Achtung an Gleis 2“ und Kermits „Also, das allerbeste was Füße tun können ist tanzen“. Dann hat mich mein Freund  Hendrik im Herbst 1991 mit dem Debütalbum „Jetzt geht’s ab“ von vier Herren aus dem Ländle bekannt gemacht und da war erstmal alles andere uninteressant für mich: Referenzen von Star Wars bis Ernie aus der Sesamstraße machten die CD immer wieder zu einem neuen Hörabenteuer.

    Wenn man vom Rap der Jahre ’92 bis ’97 spricht, gilt das heute für viele als die Golden Era: Jede Woche erschienen haufenweise New Yorker Perlen von Wu-Tang-Mitglieder über Gang Starr bis hin zu Mobb Deep, um nur ein paar zu nennen. In diese Hochphase galt es als schick, Daddys Plattenkiste mit raren Soulplatten der ’60er und ’70er Jahre zu durchsuchen und so wurden haufenweise Rare Grooves mit Zitaten von asiatischen Kampfsportfilmen oder Al Pacino-Movies gesampelt. Für mich ein völlig undurchsichtiger Musikwust, der mich vor allem im Endergebnis interessierte: dem Rapsong. Ich vertraute darauf, dass uns die Produzenten was Feines zusammenrührten, ohne mich großartig für die gesampelten Vorbilder zu interessieren. Dazu kannte ich mich in diesen Genres einfach nicht gut genug aus und hätte auch keinen Nerv gehabt, mich da reinzuarbeiten. Ich musste ja schon versuchen, die neue Gegenkultur Rap so gut es geht abzuarbeiten…

    Irgendwann gab es so viele Deutschrapper, dass ihre Sprach-Zitate und einzelne Verses teilweise wie selbstverständlich übernommen wurden: Dendemann, damals noch Frontmann von Eins Zwo, hat das einigermaßen intensiv betrieben. Es gab damals eine Hardcore-Formation aus Bremerhaven namens No Remorze, deren wütender kurdischer Frontmann Crack seine Verse über ein sensationelles Sample spittete, von dem ich erst 15 Jahre später herausfand, dass es sich dabei um Led Zeppelin handelte. Sorry Boys, man kann nicht alles gehört haben…

    Dann kam die Phase, in der auch im Pop alles hin- und hergerührt wurde – und ich spreche dabei nicht mal von Eurodance-Vorreitern wie DJ Bobo, bei dessen erster Single „Somebody Dance With Me“ ich stolz war, dass ich das Original kannte (Interessierte damals übrigens niemanden in meinem Umfeld, obwohl ja Michael Jackson zu hören war!) Nein, ich meine eher die Liga Robbie Williams, der sich für „Rock DJ“ mal eben so bei A Tribe Called Quest und Barry White bedient hat. Oder Madonna, die sich bei „Hung Up“ einfach mal für viel Geld bei ABBA eingekauft hat. Und heute sind wir eben so weit, dass Jay-Z und Kanye für „Otis“ mal eben ganze Strophen shoppen gehen…

    So, nun habe ich seit Sonntag gerätselt, was ich Dir zum Thema Sample-Raten erzählen könnte. In diesem Frühjahr gab es tatsächlich einen Track, bei dem mich das Sample-Raten wahnsinnig machte – und ich auch über Google nicht weiterkam. Der Berliner Rapper Megaloh hat für seinen Track „Dr. Cooper (Ich weiß)“ einen Vocal-Cut aus dem ’96er Track „Fenster zum Hof“ von den Stieber Twins benutzt. Ich kannte den beide Songs, aber vor allem wusste ich, dass schon mal jemand anders sich dieses Samples bedient hatte. Eines Abends saß ich mit der Produktmanagerin von Megaloh zusammen, und ich wollte unbedingt kund tun, dass ich seit einigen Tagen immer mal wieder über die Frage grübelte, wer das schon benutzt hatte. „Ja“, sagte sie, „Ich weiß schon. Das haben die Fans unter YouTube gepostet – das ist irgend so ein Track von Fettes Brot.“ Das stimmte, aber dieser Song war es nicht, den ich in meinem Kopf hörte. Ich skippte mich also durch meine Lieblingsalben der ’90er durch und wusste, es muss irgendwo sein. Ich googelte und googelte, bis ich auf die App „Who Sampled“ stieß. Und da stand es dann: Es waren Blumentopf mit „Liebe & Hass“. Den Song hätte ich beleibe nicht zu meinen Lieblingen zugeordnet, aber ich muss ihn wohl mal sehr häufig gehört haben. Jedenfalls war das Rätsel gelöst.

    Ich weiß schon, das mit der App ist sehr unsportlich. Aber so ist die Musikwelt heute halt.

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