28/100: War/ No More Trouble

Bob Marley & The Wailers (1978)

Es ist Sommer und damit die perfekte Zeit für Reggae. Jeder mag Reggae: meine Frau, meine Nachbarn, meine Schwiegermutter, mein Onkel in Stockholm und natürlich all die unzähligen Hänger, die ich während meiner Studienjahre getroffen habe. Reggae ist Sommermusik – dafür muss man kein Musikwissenschaftler sein. Reggae klingt so exotisch wie fliegende Fische, Red Stripe Bier, brasilianischer Fußball, Surfen auf Bali und Tauchen in Koh Samui.

Reggae ist die universelle Sprache der internationalen Backpacker-Gemeinde, die vermeintlich individuelle Reiseziele ansteuern und sich Zöpfe am Strand von Barbados, Goa oder Sansibar ins Haar flechten lassen wollen und dabei übersehen, dass sich der „Lonely Planet“ inzwischen mehr als 55 Millionen Mal verkauft. Was gleichbedeutend ist mit: Rucksack-Massentourismus in den abgelegensten Orten der Welt. Zumeist erlebt von Menschen, die sich an das entsprechende Reiseziel kaum noch erinnern, weil sie gerade seit neun Monaten um die Welt jetten und dabei so viel erlebt haben, dass sie gar keine Zeit haben, dass alles in ihre Reiseblogs zu schreiben, wenn sie nebenbei noch was vom Land erleben wollen. Oder sie können sich nur noch verschwommen daran erinnern, weil sie irgendwelche Pillen, Pilze oder sensationelles Gras ausprobieren mussten, um der Natur möglichst nah zu kommen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe mir einige der eben aufgezählten Orte angesehen und immer wieder die selbe Spezies getroffen.

Und was machen die Einheimischen? Sie eröffnen Strandbars und Surfbreet-Vermietungen, aus deren Boxen den ganzen Tag lang Bob Marleys Stimme den Soundttrack zu dem bunten Treiben gibt. Man muss nicht in Trenchtown unterwegs sein, um diesen Vibe zu fühlen – Marley ist überall, wo es warm ist zu Hause. Und nicht nur dort…

Denn es wäre unfair, Bob Marleys Musik so plump zu stigmatisieren und in eine Ecke zu drängen. Die Menschen würden seine Musik nicht noch 32 Jahre nach seinem Tod überall feiern, wenn da nicht mehr dahinter wäre. Posthum sind so viele Alben, Sampler, Remixprojekte und sonstewas erschienen, so dass seine Erben weiterhin in Kingston chillen können, auch wenn sie das eine ums andere Mal ganz hinterlistig um ihre Tantiemen gebracht wurden. Klar, mit „I shot the Sheriff“, „No Woman, No Cry“ oder „Buffalo Soldier“ ist sein musikalischer Nachlass natürlich deutlich unter Wert verschleudert worden. Ich möchte sagen, dass diese Songs immer noch bis zum Erbrechen überall im Radio gespielt werden – und trotzdem erwischt man sich ab und an beim Mitsummen – wenn der Moment stimmt.

Warum also dieser doch eher kulturpessimistische Einstieg in Marleys Musik? Nun, ich möchteklar machen, dass ich weiß, dass es fast etwas banal ist, das ich den Großvater des Reggae hier ins Spiel bringe: Jeder mag Bob Marley – warum also hier darüber sprechen? Weil er verdammt noch mal großartige Musik gemacht hat, weil sein Sound präzise-lässig produziert wurde und weil seine Fürsprache für die Unterdrückten in aller Welt bis heute Substanz hat.

Moment mal, denken sich jetzt der Michael oder irgendein Kommilitone aus dem Karibik-Seminar von Herrn Professor Hoenisch oder ein anderer kritischer Leser. Was faselt der da von Revoluzzersound? Marley ist doch längst Mainstream-Musik, zu der Bankangestellte und Kripobeamte auf After-Work-Parties zusammen an Strandbars in mittelgroßen Städten mit ihren Prosecco-Gläser schunkeln… Ja, eben! Bob Marley ist ganz entscheidend dafür verantwortlich, dass es Reggae überall in die Köpfe hinein geschafft hat. Natürlich immer verbunden mit dem Image von halbwegs ungepflegten Kiffer-Köppen, aber trotzdem hat er eine internationale Akzeptanz für einen der schönsten Musikstile seit Wolfgang Amadeus Mozart geschaffen. Jahaha, so weit würde ich hier locker gehen wollen!

Warum Marley mir so sehr am Herzen liegt? Nun, die Roots dafür findet man im Jahr 1989. Zu diesem Datum muss ich wohl keinem deutschsprachigen Leser über sechs Jahren noch viel erklären – aber für mich war es nicht nur der November, der mein Leben entscheidend verändert hat.

Im Sommer 1989 hatte ich gerade das erste Jahr an meiner neuen Schule in Zehlendorf einigermaßen überstanden. Ich habe ja mal angedeutet, wie es war, als meine Eltern nach der siebten Klasse beschlossen, nun ein Haus zu bauen und ins Grüne zu ziehen – nachdem ich gerade das erste Jahr im Gymnasium mit neuen Freundschaften gefüllt hatte. Kann ich keinem Elternpaar von Teenagern empfehlen – das macht die Kinder einsam, selbst wenn sie so talkative veranlagt sind wie ich.

Ich hatte mich in diesem Sommer wieder stärker auf das Vereinsleben konzentriert – auch mit sanftem Nachdruck meiner Eltern: Rudern war angesagt. Zwei bis drei Mal pro Woche entwickelte ich also eine Routine: raus mit dem Rad an den Wannsee, umziehen, Boot raustragen und ins Wasser hieven, Skulls raustragen und einklinken und dann los. Die Strecken waren durch die Mauerführung noch etwas eingeschränkt, aber zwölf bis 16 Kilometer konnte man schon schaffen.

Wir waren kein großer Verein und die Jugendarbeit hatte gerade etwas gelitten, weswegen wir immer nur so mit fünf bis sieben Pubertisten unterwegs waren. In diesem Sommer stieß Stefanie zu uns. Sie war zwei Jahre älter als ich und kam aus Rudow angereist: Sie muss immer so zwei Stunden unterwegs gewesen sein, um zu rudern und nahm das alles entsprechend ernst. Stefanie war cool – ganz klar und ich war in dem Alter, in dem schnell für ein neues Gesicht schwärmt beziehungsweise sich heimlich verliebt. Wobei heimlich vermutlich nicht der richtige Ausdruck war, denn mein ganzes Umfeld inklusive meiner Eltern, meiner Schwester und Stefanie wusste natürlich bescheid, warum ich das Rudertraining immer ernster nahm und nicht mehr so oft nach Ausreden suchte, um Zuhause vor dem Commodore sitzen zu bleiben.

Aus uns wurde natürlich nie etwas, auch wenn ich mir das sehnlich gewünscht hätte, aber das machte überhaupt nichts. Denn Stefanie führte mich an etwas ganz neues heran: ein Musikgenre, von dem ich in der BRAVO nichts gelesen hatte, weil der Protagonist acht Jahre vorher an einer tragischen Krebserkrankung verstorben war. Stefanie mochte Reggae, ohne Dreadlocks zu tragen. Sie war 16 und erzählte von ihren Discobesuchen und überspielte mir jede Woche ein paar Reggaekassetten.

Ich lernte Bob Marley & the Wailers kennen, aber auch Black Uhuru, Bunny Wailer, Burning Spear, Peter Tosh, Aswad und UB40 (damals war die Trennlinie zwischen Roots Reggae und Pop-Sounds noch nicht so scharf). Ich legte mir also langsam eine kleine Reggaesammlung zu und tauchte auf meinen Radfahrten zum Training und bei den Hausaufgaben am Nachmittag in diese unfassbar entspannte Soundwelt ein. Klar wusste ich nicht, was eigentlich dieses Babylon bedeutete und natürlich verstand ich auch keine dieser ganzen Kiffer-Analogien so richtig. Aber ich spürte einen positiven Vibe und genoss den Sommer.

Es war das erste Mal, dass ich bewusst versuchte, einen Überblick nicht nur über das Gesamtschaffen eines Künstlers sondern auch über die Nebenprojekte seiner Mitmusiker und Weggefährten zu verschaffen. Irgendwann kaufte ich mir mein erstes Bob Marley-Vinyl: „Rebel Music“.

Erst Jahre später merkte ich, dass es ich um eine dieser posthumen Kompilationen handelte – es war eben noch ein paar Jahre hin bis zur Erfindung von Wikipedia. Auch unsere Stadtteilbücherei hatte nur zwei Bücher zu dem Thema vorzuweisen: Eine Art Billig-Biographie und eine Übersicht über karibische Tänze. Das machte nichts, ich hörte weiter meine Reggae-Kassetten, dachte gerne an Stefanie und fühlte mich irgendwie ein kleines Stück erwachsener. Das erste wichtige Ereignis des Jahres war geschafft – der 9. November konnte kommen…

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Jeder mag Reggae? Damit hättest Du mir vor 20 Jahren nicht kommen müssen. Ich habe Reggae abgelehnt. Oder konkreter: Die Marley-Begeisterung um mich herum fand ich grauenhaft. Das hatte viele Gründe. Zum einen lief Marley bei mir unter „Oldie“ – den konnte ich nicht gut finden.. Und dann waren da diese Gymnsiasten aus Handrup, einer Schule, die auch im Einzugsbereich des Fiz Oblon war. Zumeist gut gelaunte Menschen mit einer Schwäche für
    Second-Hand-Kleidung, Öko-Theorien und Oldie-Musik. Das waren so Leute, die maulten, wenn es auf Geburtstagsparties Plastikgeschirr gab. Fuhren andererseits aber die drei Kilometer zur Freundin mit dem Auto. Und das drei Mal am Tag. Dabei hörten sie die Doors. Oder Jimi Hendrix. Oder eben Bob Marley. Um mich von denen abzugrenzen, musste ich Marley hassen. Das ging nicht anders. Und ich weiß auch nicht, ob eine Stefanie das – wie bei Dir – hätte kitten können.

    Ist aber natürlich ungerecht. Denn Bob Marley hat nicht nur Verdienste vorzuweisen, sondern auch noch tolle Songs hinterlassen. Meine Annäherung konnte aber nur in kleinen Schritten passieren – zu lange hatte ich pauschal gegen Marley, seine Zeitgenossen und meine Zeitgenossen gewettert. Da war zunächst die „Exodus“-Maxi, die ich 1992 gekauft habe. Und irgendwann habe ich ungefragt behauptet, dass es sicher toll sei, mal mit einer Gesangsspur von Marley zu arbeiten und einen seiner Songs zu remixen. Für jemanden, der parallel dazu Trent Reznor für einen der Größten hielt, empfand ich das schon als eine sehr weltoffene Aussage.

    Es ist vielleicht auch diese Remix-Affinität/Remix-Obsession (nichtzutreffendes bitte
    streichen), die für mein Wohlwollen gegenüber den von Dir genannten Remix-Projekten verantwortlich ist. Ich mag etwa „Chant Down Babylon“ sehr, das 1999 erschienen ist. Insbesondere „Turn Your Lights Down Low“ mit Lauryn Hill ist toll geworden und ist so fest in meiner „Aufwärmen“-Playlist verankert wie zum Beispiel das China-Schiff in Bonn-Beuel. Kein Wunder also, dass ich gleich twittern musste, als ich im Juli etwas über ein neues Projekt las.

    Ich kann aber nicht über Reggae und Marley schreiben, ohne dabei noch das Thema Dub zu streifen. Denn so kritisch ich Reggae gegenüberstand, so sehr schätzte ich immer schon einige der Sounds des Genres. Und in dem Moment, wo ein Echo eingesetzt wird, dessen Frequenzen sich verändern, und sich
    warme Bässe dazugesellen, bin ich immer noch begeistert. Wobei ich gleich wieder einräumen muss, dass ich da auch sehr „picky“ bin, wie der Engländer sagt. So radikal wie bei Mad Professors Remixen von Massive Attack mag ich es nicht. „Travelling Man“ von Studio 2 hingegen ist klasse. Diese Schwäche für Dub-Sounds verleitet mich sogar zu denken, Dreadzone seien cool. Du wirst wahrscheinlich nicht viele Menschen finden, die das in der Öffentlichkeit behaupten würden.

    Und wo ich ohnehin schon off-topic bin: Bim Sherman. Bim Sherman hat – wie
    Marley – eine tolle Stimme. Und wurde auch häufig und gut remixt. Und noch ein Schwenk:
    Hederos & Hellberg. Hederos &
    Hellberg haben eine tolle Version von „Concrete Jungle“ aufgenommen. Du merkst schon: Ich bin einsichtig. Und froh, mich inzwischen öffentlich zu
    Marley und Reggae bekennen zu können. Insofern: Ja, ich vermute – jeder mag Reggae. Selbst ich.

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