27/100: I Can’t Wait

Nu Shooz (1986)

Foto 20.07.13 18 25 49 (1)Mit Deinem Eminena-Posting hast Du bei mir einen Nerv getroffen. Lieder ineinanderzumischen war immer einer der Aspekte, der mich beim Auflegen am meisten fasziniert hat. Musik raussuchen, Lieder nacheinander abspielen und Leute damit erfreuen – damit habe mit etwa zehn, elf Jahren angefangen: Karneval in der Orientierungsstufe, Kindergeburtstage… Da war ich gern (und ungefragt) am Start. Aber so richtig abgehoben beim Thema „Auflegen“ bin ich, als ich mit 16 mehr oder weniger unfreiwillig in eine Disco geschleppt wurde. Dies ist die Geschichte dieses prägenden Abends, der mich in eine andere Umlaufbahn katapultiert hat.

Intro
Ich habe verhältnismäßig spät angefangen, in Clubs (damals ja noch: Diskotheken) zu gehen. Während in meinem Umfeld Freunde und Verwandte schon mit 13, 14 an Sonntagnachmittagen unbedingt ins „Sir George“ in Quakenbrück zur Jugenddisco wollten, blieb ich Zuhause und las oder spielte Fußball oder baute vielleicht sogar noch Lego-Raumfahrt. Auch als ein paar meiner besten Freunde ein Jahr später anfingen, sich an Wochenenden in Dorfdiscos zu treffen, blieb ich zuhause und schaute im holländischen Fernsehen „Miami Vice“ im Original mit Untertiteln.

Folglich war ich in den Türkei-Sommerferien 1986 nicht wirklich begeistert, als meine Spielkameraden die Idee entwickelten, einen Abend in der nächstgelegenen Disco zu verbringen. Sollten sie doch unsere Eltern fragen – sie würden ohnehin „nein“ sagen. Dachte ich – fälschlicherweise. Denn die kamen mit einem mir noch viel weniger sinnvoll erscheinendem Vorschlag um die Ecke: Wenn ich als einer der älteren in der Gruppe mitfahren würde, würde man uns Kinder um 22 Uhr ins „Dokus Bucuk“ fahren und dort um Mitternacht wieder abholen.

Build-Up
Hatte ich eine Wahl? Nein. Und so brachte mein Vater fünf mehr oder weniger aufgedrehte Kinder zwischen 14 und 16 Jahren und mich in unserem Auto an einem Freitagabend zu dieser Disco. Ich weiß nicht, ob er an der Kasse etwas klären oder regeln musste, aber: Wir saßen tatsächlich um kurz nach 22 Uhr in der großen Freiluftdisco als einzige Gäste aufgeregt und eingeschüchtert um einen Tisch und gaben die uns mitgegebenen türkischen Lira für Cola aus.

Ich wusste nicht was ich hier sollte. Es war außer uns niemand da. Der DJ, den wir in seiner abgedunkelten Kanzel gar nicht sehen konnten, spielte „Where Did Your Heart Go?“ von der Wham!-Abschieds-EP und ähnliche Schmachtfetzen. Was sollte bitte schön so toll sein, dass ich dafür auf meine traditionelle Karl-May-Sommerferien-Lektüre verzichten musste?

Irgendwann nahm die Musik dann doch Fahrt auf. Und als „I Can’t Wait“ von Nu Shooz kam, war ich mit den anderen tatsächlich auf der Tanzfläche. Wir hatten ja viel Platz und rannten hin und her, wir feuerten uns gegenseitig an, den Floor diagonal zu überqueren und klatschten uns ab.


Nu Shooz – I Can't Wait von hushhush112

Crossfade
Nach ein paar Minuten kam in dem Song ein Break, bei dem ich hellhörig wurde. Denn obwohl ich „I Can’t Wait“ zur Genüge kannte, kam eine mir bis dato unbekannte Passage. Ich ging davon aus, dass der DJ eine obskure Maxi aufgelegt hatte. Plötzlich setzten Soundeffekte ein – Glassplittern zum Beispiel. Ich weiß noch wie ich dachte, dass das ganz schön weit weg vom Original, selbst für einen obskuren Remix. Um dann nicht mehr Nu Shooz, sondern Janet Jackson singen zu hören. „Nasty“. Ich war in einem ganz anderen Lied! Und hatte den Übergang gar nicht mitbekommen!!! Wie konnte das sein????

Ab da hörte ich genauer hin und stellte fest, dass der DJ offensichtlich die Lieder ineinandermischte. Er bot uns überhaupt keine Gelegenheit, mit dem „Tanzen“ aufzuhören, sondern hielt uns mit „Let’s Go All The Way“ von Sly Fox und „Lessons In Love“ von Level 42 weiter in Bewegung.

Bridge
Der Abend endete wie bei Aschenputtel: Plötzlich war es Mitternacht und wir mussten raus zur wartenden Kutsche. Ich fand es verwunderlich, dass sich trotz der – wie ich inzwischen fand – großartigen Musik offensichtlich nur wenig Menschen im „Dokus Bucuk“ eingefunden hatten. Von wegen: Als wir rauskamen stand an der Tür eine lange Schlange tanzwütiger Urlauber, die alle rein wollten, als wir raus wollten. Der Parkplatz war so voll, dass wir meinen Vater in seinem BMW nicht gleich sahen. Ich begriff, dass unsere Eltern uns mit dem Discobesuch ein wenig reingelegt hatten. Denn offensichtlich fing der Abend jetzt erst richtig an, und wir wurden nach Hause kutschiert. Im Nachhinein muss ich zugeben: Hut ab. das war ganz schön gewitzt.

Wie dem auch sei: Warum auch immer andere Menschen in Discos gehen wollten – ich für mich hatte meinen ganz persönlichen Grund gefunden. Die Musik. Das Mixen. Den DJ. Und so bearbeiteten auf der Rückfahrt mittlerweile sechs aufgedrehte Kinder meinen Vater, die Aktion doch am nächsten Abend bitte, bitte, bitte zu wiederholen. Was dann erstaunlicherweise auch erlaubt wurde. Erneut waren wir um 22 Uhr die einzigen im „Dokus Bucuk“. Da ich ja ohnehin nur verstehen wollte, was der DJ dort machte, war mir das aber egal.

Outro
Und seit diesen zwei aufeinanderfolgenden Abenden finde ich Auflegen richtig klasse. Lieder ineinander übergehen zu lassen, zu schauen was passiert, wenn sich Frequenzen überlagern, wie sich Beats und Instrumente ergänzen… Ich bin sicherlich nicht der große Mixmaster, aber wenn alles läuft und die Leute auf der Tanzfläche gemeinsam rätseln, ob das noch „I Follow Rivers“ ist oder schon ein Remix von „Heavy Cross“ und sie bei der Auflösung ein kleines bisschen jubeln, bin ich glücklich.

Anfangs hatte ich aber natürlich keinen Schimmer davon, wie so etwas geht. Erst 1987 kaufte ich mir mit meinem besten Freund das erste Mischpult (gebraucht, 40 ,- DM, kein Crossfader). Bis dahin behalfen wir uns beim „Auflegen“ mit einem einfachen Trick: Wir stellten immer zwei Kompaktanlagen im Raum auf und spielten darauf jeweils abwechselnd ein Lied. Für uns hörte sich das dann so an, als würden die Lieder ohne Pausen ineinander übergehen.

27_nushoozSpäter übte ich an meinem Plattenspieler das Anpassen von Geschwindigkeiten, um auf Abi-Partys meine drei, vier Acid-House-Maxis aneinander zu hängen. Oder so eine Art Mash-Up auf Kassette aufzunehmen, wo sich „Living in a Box“ und „West End Girls“ begegneten. Oder „Where The Streets Have No Name“ und „Blue Monday“. Oder „True Faith“ und „Lady Ice And Mr Hex“. Alles auch heute noch auf Laien-Niveau. Aber Spaß macht es weiterhin.

Auslaufrille
nushooztrakSomit ist ein im Grunde genommen ein doch eher durchschnittlicher 80s-Song verantwortlich für meine Begeisterung am Auflegen. Die noch mal richtig an Fahrt aufgenommen hat, als ich vor drei Jahren die DJ-Software Traktor für mich entdeckte. Geschwindigkeiten verlässlich per Knopfdruck anpassen, gut laufende Passagen einfach verlängern, am Equalizer schrauben und einen Filter als Soundeffekt hinzufügen – ein Traum. Um mich dabei wohl zu fühlen, brauche ich nicht mal Menschen auf der Tanzfläche, sondern kreise einfach auf meiner Umlaufbahn…

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Yo, dann wollen wir mal. 

    Vorschau unterwegs auf dem iPhone: Nu Shooz – nie gehört. Ehrlich nicht. Was der Michael da wieder ausgegraben hat..? 

    Kleine Blitzumfrage bei guten Freunden, die das eine oder andere Jahr mehr Lebenserfahrung als ich haben. Ergebnis: ‚Na klar, „I can’t wait“ war doch einer DER großen Disco-Hits der 80er!‘ Okay, bis eben dachte ich, ich kenne die 80er gut. Bin zwar spät eingestiegen, hab in den letzten 25 Jahren aber eigentlich alles Wesentliche aufgeholt. 

    Erkenntnis: Tja, das Lernen hört wohl so schnell nicht auf. Prima!

    Dann den Text Zuhause in Ruhe durchgelesen und den Play-Button gedrückt. Und eine erstaunliche Erkenntnis gewonnen: Ein Déjà Vu! Das Instrumental im Hintergrund, diese…tja, wie soll ich sagen… hohen ultrakünstlichen Synthis-Refrain-Sounds, die kommen mir doch wahnsinnig bekannt vor. Kurzer Check bei „Who sampled“ ergibt: 28 Tributes an den Song, darunter einige von Rappern der 80er – alles klar.

    Tja, das ist mal so Stream of Consciousness-mäßig wiedergegeben, wie ich unsere Nr. 27 zunächst erlebt habe. Vermutlich könnte der Song auch heute mit ein paar Modifikationen gut im Club laufen – ich hab im Netz ein paar Mash Ups unter anderem mit Snoop gefunden – Sweet!

    Zu Deiner rührenden Begleitlyrik habe ich natürlich auch noch ein paar Worte. Zuerst aber mal: Cooles Foto. Das Smiley-Shirt, dieser busy Gesichtsausdruck und die DJ @ Work-Körperhaltung: Phantastisch! 

    An solche Urlaubs-Disco-Erlebnisse kann ich mich auch noch gut erinnern. Es gab da 1989 ein Parkhaus (!) in der finnischen Provinz, wo ich aber mit meinem Cousin Markus schüchtern in der Ecke stand, weil statt den Pet Shop Boys vor allem Guns N‘ Roses gespielt wurde. Dann war da dieser Campingplatz 1991 in der Bretagne, wo ich in Begleitung von drei platzeigenen britischen Jugendbetreuerinnen lässig meinen ersten Open Air-„Rave“ zu 2 Unlimited hingelegt und vergeblich versucht habe, einen coolen Tanzstil zu entwickeln. 1992 dann eine Fahrt mit der Sportjugend nach Kreta (erstmals ohne Eltern), als der Eurodance gerade anfing, seine boshaften Züge zu zeigen: mit Ohrwürmern von Dr. Alban und Culture Beat. Dann gab es da noch diesen Sommerurlaub 1993 mit den Eltern meiner damaligen Freundin in ein französisches Nudistencamp, über den ich an dieser Stelle den Mantel des Schweigens legen möchte. Nur so viel: Eine Teenie-Sommerdisco gab es auch da – und man sah viele Menschen abends erstmals angezogen. Und gleich kam es zum Kultur-Clash: Die anderen trugen Chiemsee-Pullis, ich meine White Sox-Cap und meine ersten teuren Turnschuhe – Jordans VII. An die Musik dort erinnere ich mich aus unerklärlichen Gründen kaum 😉

    Über den DJ als mögliche Berufswahl habe ich erstmals im Englischunterricht der 8. Klasse nachgedacht. Unsere Lehrerin hatte uns so ein merkwürdiges Magazin mitgebracht, eine Art pädagogisch wertvolle BRAVO irgendeiner Austausch-Organisation oder eines Kulturministeriums – was weiß denn ich. 

    Jedenfalls standen dort unfassbar langweilige Texte über die Lebensweise der Briten bzw. der britischen Jugendlichen: Was sie kochen, welchen Sport sie treiben etc. Langweilig und altbacken – bis ich auf einer Seite dann diesen Text entdeckte: „How I became a DJ“. Mit Interesse las ich, was dieser – vermutlich bis heute völlig unbekannte Plattenreiter – darüber erzählte, wie er aus Interesse an Popmusik einen Beruf machte: Ein paar eigene Platten, dazu ein paar geliehene und eine Möglichkeit, irgendeine lokale Sportfeier zu beschallen… so wie eben Hunderte DJ-Biographien mal begonnen haben. Vom Mixen war sicher auch die Rede, aber mich fesselte vor allem die Vorstellung, dass ich – ohne ein Instrument zu spielen – den ganzen Abend andere Menschen mit Musik unterhalten würde und diese Menschen dabei viel Spaß hätten.

    Allerdings dauerte mein Traum keine drei Minuten, da nämlich Lorenz mein Interesse an diesem Text wahrgenommen hatte und gleich wieder zusammen mit Michael und Oliver rumlästern und mir die Sache vermiesen musste: ‚Kuck Dir Mikko mal an, der denkt echt, dass er ein DJ sein könnte, muahaha…‘

    So blieb mir erstmal nur Zuhause der Spaß, einen Klangteppich in mein Kinderzimmer zu zaubern: Mit zwei Tapedecks und einem Plattenspieler. Im Gegensatz zu den meisten Gleichaltrigen besaß ich nämlich keine zur-Konfirmation-geschenkte-Kompaktanlage, sondern mehrere schöne Einzelteile: Ein altes Technics-Deck, ein neueres von Grundig und einen Plattenspieler von Tchibo. Mit denen spielte ich nacheinander Lieder ab, indem ich an meinem Verstärker an dem Knopf drehte, mit dem man zwischen den verschiedenen Quellen wechselte. Keine besonders elegante Variante, aber immerhin stellte ich so einen Soundflow her, der mir gerade gefiel. 

    Viel viel später bekam ich dann von meinem Vater ein kleines Mischpult geschenkt, mit dem er zuvor den Klang seiner Homevideos gesteuert hatte. Ich war happy! Das Gerät half mir, meine Lieblings-Deutschrap-Songs einigermaßen übergangsfrei auf Mixtapes für Fahrten in meinem ersten und zweiten Golf zu bannen. Mit diesen Tapes quälte ich meine Freunde und Freundinnen auf langen Fahrten durch Europa, da ich am Lenkrad ja schließlich der Boss war. 

    Allerdings muss man sagen, dass diese Übergänge wenig mit Tempi und Eleganz zu tun hatten – was mich nie störte. Das lag allerdings nicht nur an meinem Laien-Wissen, sondern auch daran, dass es Mitte der 90er tatsächlich noch nicht so viele gute deutsche Rapsongs gab, die sich zum Mixen eigneten. Die Produktionen waren in diesem damals noch sehr jungfräulichen und zerfaserten Genre längst nicht so glatt, wie heute. Obwohl natürlich längst nicht nur die Fantastischen Vier einen Majorvertrag hatten, war der Sound, der die Studios verließ, oft noch sehr roh und wenig tanzbar. 

    Es gab vor allem viele Laien, die sich mit ihrer DIY-Attitüde am Berappen von selbstgeschrubbelten Gitarren, deutlich zu bemüht-ausgewählten und unrhythmischen Rare Groove-Jazz-Samples und abgegriffenen Simon Harris „Beat Breaks & Scratches“-CDs versuchten. Mal hörte ich Popscheiben von Fettes Brot und dann wieder Wu Tang- und Rawkus-orientierten Underground-Sound von den Massiven Tönen oder RAG. Aber bis das alles Massen-, Radio-, Club- und damit für Laien Mix-tauglich wurde, dauerte es eigentlich noch bis in die Sido-Ära hinein.

    Natürlich würde ich mich nie mit DJ-Profis vergleichen, die davon leben und am Abend 2.000 Euro Gage und mehr verdienen. Aber inzwischen habe ich ein paar Mal erleben können, wie es sich anfühlt, wenn 30 bis 100 Leute meine Song-Auswahl ein paar Stunden lang feiern: Wenn erst einmal der Punkt überwunden ist, dass alle komplett nüchtern und schüchtern wie 13-Jährige auf die Tanzfläche linsen und bei mir die Angst nachlässt, die ersten Mutigen könnten durch den nächsten Song wieder abgeschreckt werden, entsteht irgendwann ein Kick: Den kann man niemanden so richtig beschreiben, der es nicht selbst erlebt hat – es ist die Euphorie des Moments! 

    Natürlich bin ich mir immer bewusst, dass ich mich als DJ mit fremden Federn schmücke, da ich die Songs ja nicht komponiert habe. Doch das ist mir spätestens in dem Moment egal, wo ich anfange, selber wild herum zu tanzen und zu springen, die Hooks mit zu grölen und schon fünf Songs in der Pipeline meines Programms habe, von denen ich spüre, dass sie den anderen gefallen werden.

    Aber was soll ich sagen: Ich glaube, Du weiß, wovon ich rede, oder?

  2. Pingback: Interlude: Jahresabschluss (Teil 2) | 100 Songs

  3. Pingback: 47/100: Quadrophonia | 100 Songs

  4. Pingback: 55/100: Where Will You Go When The Party’s Over (A Tom Moulton Mix) | 100 Songs

Schreib einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.