26/100: Eminena

HiFi Brown (2003)

„He’s nervous, but on the surface he looks calm and ready to drop bombs“

Als ich das Treppenhaus hinauf ging, ahnte ich nicht, was daraus jemals werden würde. Im obersten Stockwerk öffnete mir ein schüchterner, aber überaus freundlicher junger Mann. Er hatte offenbar kein Problem damit, dass ich mich mit meinem Kamerateam in seiner Studentenbude breit machen würde. Dabei war er in Wirklichkeit kein Student, sondern Auszubildender bei einem Musikverlag. Aber der Grund für unseren Besuch war ein anderer: seine Arbeit als DJ und Produzent.

Ich war gerade seit ein paar Wochen Praktikant beim Fernsehen. Natürlich wollte ich meine Arbeit besonders gut machen, weil ich davon träumte, wovon alle Medienpraktikanten träumen: übernommen werden. Mit ein wenig Nachhilfe in journalistischer Grundlagen-Recherche hatte ich bald seine Telefonnummer herausgefunden und Andreas nach ein paar Tagen auch ans Telefon bekommen. Er schlug das Interview bei sich in Schöneberg vor. Zu Fuß ungefähr acht Minuten von mir Zuhause entfernt.

„Ich werd‘ mal zu dir rübergehn“

Der Grund meines Interesses: Andreas hatte einen kleinen Clubhit gemixt. Dabei war er weder Komponist noch Sänger. Er hatte einfach die Zeichen der Zeit erkannt – und die standen auf Bastard Pop. Unter diesem Namen wurde der neue Trend zumindest in einigen deutschen Medien vorsichtig weitergereicht, nachdem erste Mixe auch im Radio zu hören waren.

„Alles was ich an dir mag, ich mein das so wie ich es sag“

Nur noch einmal zur Erinnerung: Das Prinzip von Bastard Pop ist denkbar einfach – scheinbar. Man nehme zwei Stücke, die aus möglichst unterschiedlichen Epochen stammen, und mixe sie so, dass sie etwas Neues ergeben. Das Instrumental von Song a) unter die Lyrics von Song b) und im Refrain vielleicht noch mal Song a) oder eventuell auch b) oder c). So wie es halt passt und Spaß macht. Die Kunst besteht darin, die Songs passend aufeinander abzustimmen – also sowohl vom Tempo als auch von der Skurrilität her.

Dieses Phänomen wurde später auch als Mashup oder Mash-up bekannt. MTV erinnerte sich 2004 für kurze Zeit an seine Wurzeln als experimentierfreudiger Trendsetter und vermarktete es unter dem Sendetitel „Ultimate Mash-Ups“: Samstagnachts wurden manchmal Bastard Pop-Hits mit fremdartigen Videos gespielt. Dabei wurde auch Jay-Z mit Linkin Park gemixt und sorgte dafür, dass beide Bands später miteinander auf Tour gingen. Der gemeinsame Song „Numb/ Encore“ zählt übrigens zu einer der stärksten Partynummern, die ich kenne. Unvergessen auch der Einsatz dieses Tracks in der Einstiegsszene des Remakes von „Miami Vice“. Doch zurück zum Thema.

„You better lose yourself in the music, the moment“

HiFi Brown hatte also Eminems „Lose Yourself“-Lyrics vom „8 Mile“-Soundtrack auf Nenas „Nur geträumt“ gelegt. (Beim Hören bitte nicht von dem Timbaland-Instrumental am Anfang irritieren lassen – ich habe online leider keine Cleanfassung zum embedden gefunden.)

Nena vs. Eminem (HiFi Brown) from SNK SOUND on Vimeo.

Eine geniale Track-Auswahl, auf die man erstmal kommen muss. Erster Pluspunkt. Zweiter Pluspunkt: Idealismus. Der Mann hat bis heute keinen Cent für diese Arbeit gesehen, denn die GEMA-Kohle wurde direkt an die Labels beider Künstler abgeführt. Dritter Pluspunkt: Der Ähh?-Effekt. Ich spiele den Song bis heute gerne und freue mich immer wieder, wenn die Leute nach den ersten Takten darauf warten, dass Nena gleich lossingt und dann aber Marshall Mathers rappt. Pluspunkt Nummer 4: Der wunderbare HiFi Brown hat Nena endlich mal cool gemacht und mit seinem Song wirklich das Genre entscheidend mitgeprägt.

„This world is mine for the taking“

Natürlich gab es auch andere Musiker, die sich daran versucht haben. 2manydjs, ein Seitenprojekt der Belgier Soulwax hatten bereits zuvor gemash-upt. Danger Mouse wurde ein halbes Jahr später damit berühmt, dass er Jay-Zs Lyrics vom „Black Album“ mit dem „White Album“ der Beatles zum „Grey Album“ vermischte. Ein Kunstprojekt, das die digitalen Möglichkeiten des Internets auslotete und nicht einmal 3.000 Mal verkauft wurde, bevor es von der EMI – ehemals Rechteinhaber des Beatles-Portfolios – aus dem Verkehr gezogen wurde. Dieses neue Musikgenre lotete also auch juristische Grenzen aus. Schlaue Macher wie HiFi Brown konnten aber nicht belangt werden, weil er ja keinen Tonträger zum Verkauf anbot.

„Coast to coast shows, he’s known as the globetrotter / Lonely roads, God only knows“

Andreas hatte einen Testballon abgesetzt und der flog hervorragend. Er hatte einen kleinen Partyhit, der auch im Radio lief. Überall stolperte man immer wieder über diesen Song.

Wer damals die 50 Whitelabel-Vinyls presste und an verschiedene DJs und Radiosender versendete, konnte übrigens nie ermittelt werden: HiFi war es jedenfalls nicht. Doch er war seinem Fan ganz bestimmt auch nicht böse. Denn für ihn bedeutete der kleine Erfolg von „Eminena“ eine Reihe von Bookings. Heute ist er ein gefragter DJ, lebt in Kanada und bringt die Nordamerikaner mit seinem „Berlin-Sound“ zum Tanzen. Sein Sound ist inzwischen übrigens deutlich elektronischer geworden.

„You only get one shot, do not miss your chance to blow“

Für mich war mein Besuch bei Andreas einer meiner ersten TV-Drehs überhaupt – und dann auch noch zu so einem richtig coolen Thema. Wow! Kontroverse, Nerdyness, Pop-Referenzen, Party pur – alles drin.

Wir quetschten uns also in sein Zimmer und filmten ihn dabei, wie er das Nena-Instrumental unter die Eminem-Vocals legte (alles auf Vinyl!). Und zwar nicht nur einmal, sondern vier Mal, damit ich genug Schnittbilder hatte, auch wenn mein Kamerateam extrem genervt war. Doch ich wollte ja unbedingt alles richtig machen und war ja auch irgendwie ihr Chef – selbst als Praktikant… Das Team nervte, aber Andreas machte es trotzdem Spaß. Dann wurde es Zeit für das Interview. Dafür gingen wir – zu Andreas Enttäuschung – nicht in den Table Dance-Club nebenan links, sondern den Vietnamesen-Imbiss nebenan rechts, weil ich sonst mein Praktikum niemals in einen Job hätte verwandeln können.

„The whole crowd goes so loud“

Zwei Tage später trafen wir uns im SO36, dem Kreuzberger Club, der sich mit der Verbreitung von Punk und Industrial in den 70er und 80er Jahren einen Namen als Avantgarde-Institution gemacht hatte und bis heute als Veranstaltungsort für subkulturelle Parties und Konzerte aller Art beliebt ist. Im SO36 legte ein Münchener DJ-Team auf, doch leider war die Veranstaltung in direkter Folge einer lange ausartenden Lesung des Dead Kennedys-Sängers Jello Biafra angesetzt, weshalb sich bis 3 Uhr morgens überhaupt nichts tat. Außer meinem Kamerateam, waren nur meine Freundin, Andreas und drei andere Zuhörer noch im Raum. Unser Party-Dreh wurde zur Farce wurde. Wir warteten und warteten und warteten, doch irgendwie kam niemand mehr. Später lernte ich, wie man mit vielen Nahaufnahmen und der einen oder anderen Archivaufnahme im Schnitt solche Filme trotzdem noch retten kann 😉

„Alles was ich an dir mag, ich mein das so wie ich es sag“

Viel wichtiger für mich ist aber das schöne Ende der Geschichte, die zum Glück kein Ende hat. Andreas ist seit diesem Abend ein sehr wichtiger Freund geworden. Er war immer da, wenn es drauf ankam: nach einer schrecklichen Weisheits-Zahn-OP, beim Duran Duran-Interview, bei meiner Drogen-Recherche im Berghain und bei meiner Trauung. Er ist jemand, der wunderbar provokant-kluge Gedanken zu allen wichtigen und unwichtigen Themen rund um Pop und Politik, Filmen und Beziehungen, Sneaker-Konsum und Schnitzeln formulieren kann, ohne dabei irgendwie klug zu scheißen. Er hat alles gesehen und kennt jeden (oder im Zweifel denjenigen, der einen kennt, der wiederum einen kennt) und interessiert sich für jede stilprägende Band oder Fernsehserie drei Monate, bevor ich das erste Mal davon höre. So haben wir auch immer mal wieder gemeinsam recherchiert – wobei das in Wirklichkeit heißt, dass ich eine Geschichte ans Tageslicht bringen wollte, von der ich keine Ahnung hatte und er mir alles erklärt und die richtigen Kontakte vermittelt hat. Nie wollte er dafür eine Gegenleistung – es freute ihn immer, wenn ich ein für ihn cooles Thema in die Zeitung oder ins Fernsehen brachte.

Andreas hat immer unzählige Projekte, über die er aber immer erst spricht, wenn sie was geworden sind. Manchmal höre ich monatelang nichts von ihm und dann ist er plötzlich wieder da und verblüfft mich mit irgendwas tollem Neuen. Ich sehe ihn nicht mehr so oft, aber immer wenn ich an ihn denke, höre ich irgendwann diese kleine Melodie und wie jemand rappt:

„A normal life is boring, but superstardom’s close to post mortem“

Falls Du das hier jemals liest: Danke für alles. Und: Du fehlst.

HiFi

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist eine klasse Idee, hier auch mal mit einem etwas anderen Songformat aufzulaufen. Ich wäre da nicht drauf gekommen. Genau so wenig, wie ich darauf gekommen wäre, Nena und Eminem zu kombinieren. Aber das Ergebnis funktioniert gut. Und die Geschichte, die Du damit verbindest, ist sehr bewegend. Die will ich nicht weiter kommentieren. Das wäre nicht angemessen. Aber zu Eminena kann ich doch ein paar Gedanken loswerden.

    Denn trotz Hörvergnügen muss ich etwas altherrenmäßig zugeben: Die Begeisterung, die sich vor etwa zehn, zwölf Jahren um das Thema Mash-Ups breit gemacht hat, habe ich nie ganz geteilt. Klar: 2manydjays liefen bei uns in der Redaktion rauf und runter. Und natürlich fanden wir es alle cool, dass Destiny’s Child und Nirvana zusammengepackt wurden. Aber die Sache verlor irgendwie ihren Reiz, als plötzlich alle in der Branche anfingen, ständig neue Links zu den nächsten unglaublichen Mash-Ups zu verschicken.

    Das muss zu der Zeit gewesen sein, als Richard X die Sugarbabes produzieren durfte. Der hatte zuvor als Girls on Top zahlreiche Mash-Ups produziert, auf die einige meiner Intro-Kollegen richtig steil gingen. Mit „Freak Like Me“, das ja auf dem gleichnamigen Song von Adina Howard und „Cars“ von Gary Numan basiert, war das Thema endgültig im Mainstream angekommen. Und spätestens da für mich ausgereizt.

    Das klingt jetzt ein schon wieder altherrenmäßig, aber: Ende der Achtziger war ich dem Phänomen „Wir werfen mal zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört“ ja schon einmal begegnet. Damals fing ich gerade an, mich fürs deejayen zu interessieren und verbrachte mit einem meiner besten Freunde den einen oder anderen Nachmittag beim DJ-Record-Shop in Osnabrück. Anlass für die Reisen aus unserer Provinz in die „Stadt“ waren eigentlich Termine beim örtlichen Kieferorthopäden. Wenn wir die hinter uns hatten, gingen wir in den Laden, bis uns ein Elternteil wieder zurück ins Artland brachte.

    Kaufen konnte ich damals nichts, dafür reichte das Taschengeld nicht. Aber wir hörten gern den Typen zu, die für ihre Wochenend-Gigs im Cincinatti oder einer anderen Großraum-Disco in der Gegend ,die Platten laut im Laden durchhörten. Und da waren auch häufig Bootlegs dabei, in denen ein DJ zwei, drei Songs ineinandergemischt und in kleiner Auflage als Whitelabel vertrieben hatte.

    Bei einer dieser Platten sind wir dann schwach geworden: Jemand hatte in „I Want Your Sex“ von George Michael „I Can’t Wait“ von Nu Shooz eingebaut. Wir schmissen unser knappes Geld zusammen und kauften die Platte spontan. Wir waren überzeugt davon, ein richtig rares Teil von unschätzbarem Wert gekauft zu haben. Nun ja, zumindest für uns war es das auch eine Zeit lang.

    Später versuchten wir uns auch selbst an solchen Mixen. Als wir uns als DJs in einer Bersenbrücker Diskothek bewarben, hatten wir zuvor eine Kassette aufgenommen, auf der wir (mehr schlecht als recht) Frankie-Goes-To-Hollywood-Maxis übereinander gelegt hatten. Die kam aber nie zum Einsatz: Der Discotheken-Besitzer fragte gleich zu Beginn unseres Gesprächs, ob wir auch Schlager spielten. Und ob wir Tanzspiele moderieren könnten. Und so sind wir mit den Platten und der Kassette, die wir für die kurze Präsentation unseres bescheidenen Könnens mitgenommen hatten, etwas deprimiert wieder abgezogen.

    An all das musste ich denken, als 2manydjs und Mash-Ups hip wurden. Sogar der Webmaster von depechemode.com fing damals an, Mash-Ups zu produzieren und ins Netz zu stellen. Klar, da war viel Depeche Mode dabei. Aber auch eine wirklich tolle Version, bei der Robert Smith „Just Like Heaven“ auf „Easy“ von den Commodores singt. Wenn ich einen Mash-Up empfehlen müsste – es wäre dieser. Oder doch der, bei dem Dave Gahans Vocals von „Behind the Wheel“ auf die Coverversion desselben Songs von Playgroup treffen?

    Den Mix von Destiny’s Child und Nirvana habe ich damals auch gelegentlich gespielt. Aber meist nur verstörte Blicke statt frenetischen Jubels von der Tanzfläche bekommen. Vielleicht wäre es mit Eminena anders gekommen. Ich werde es bei nächster Gelegenheit mal testen. Danke für die Anregung. Wäre ich von allein wie gesagt nicht drauf gekommen.

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