Interlude: Depeche Mode

Ich war gestern bei Depeche Mode in Düsseldorf. Es gibt bestimmt Menschen, für die fällt solch ein Satz in die Kategorie „Wir waren gestern bei IKEA in Godorf.“ Oder: „Wir waren gestern im Centro in Oberhausen.“ Für mich hingegen sind Reisen zu DM-Konzerten emotional recht aufwühlend. Schließlich laufen diese Aufeinandertreffen mit der Band jedes Mal auf die Grundsatzfrage hinaus: Spricht die Band mich an? Läuft da noch etwas zwischen uns? Oder haben wir uns nach inzwischen 31 Jahren auseinandergelebt?

Ich muss zugeben: Ich hatte vor dem gestrigen Abend bereits eine vorgefertigte Meinung. Und hatte in Gedanken dieses Blogposting hier schon einige Tage vorher fertig gedacht:

  • die Konzerte haben immer diese vorhersehbare Draturgie;
  • die ersten Songs des jeweils aktuellen Albums sind die ersten Songs des Konzerts;
  • „Walking In My Shoes“ wird weit vorne in der Setlist als Eisbrecher eingesetzt;
  • Pianoballaden in der Mitte des Konzerts;
  • Dave und das Ablegen seiner Weste;
  • die unerträgliche Rock-Trommelei, die auch wirklich jeden Song zerschreddert;
  • die schwachen neuen Songs des Albums, die im Kontext mit Sachen wie „Halo“, „Home“ oder „Higher Love“ wirklich abkacken…

Im Prinzip teile ich viele der Beobachtungen, die kürzlich in einem vieldiskutierten Artikel des Rolling Stone zum Berliner Konzert gemacht wurden.

Aber.

Nach gestern Abend muss ich dann doch noch einmal umdisponieren. Nicht, dass die oben genannten Ereignisse nicht eingetroffen wären. Da war aber doch noch so viel mehr beim Konzert zu erleben. So dass ich mich am Ende des Abends wider Erwarten glücklich und zufrieden in den Stau auf dem Messeschnellweg eingereiht habe.

1. Neue Botschaften
Für ihre Verhältnisse kamen DM mir an einigen Stellen recht politisch vor. Da wäre zum Beispiel „Judas“ von „Songs of Faith and Devotion“, das Martin Gore nur von Klavier begleitet gesungen hat.

Im Mittelteil heißt es dort unter anderem „Don’t just stand there and shout it, do something about it“. Während ich mich noch fragte, ob diese Zeilen auch auf die Proteste in Ägypten, Brasilien und der Türkei bezogen werden könnten, kam Gore selbst mit der Antwort um die Ecke: Er wiederholte zum Abschluss des Songs „do something about it“ noch einmal – was ich durchaus als Aufforderung zu politischer Partizipation verstanden habe.
Die andere Stelle, die ich bemerkenswert fand, war die Kombination des Songs „Halo“ mit dem dazugehörigen Video auf der Leinwand. Ich fand es sehr treffend, dass Anton Corbijn Zeilen wie „When our worlds they fall apart, when our walls come tumbling in, though we may deserve it, it will be worth it“ mit Bildern aus Berlin unterlegt hat.

Ist ja eigentlich auch naheliegend: Fallende Mauern? Klar, Berlin. Auch hier kann ich durchaus eine politische Botschaft reiniterpretieren: “Wände niederreißen lohnt sich“. War mir so bei der Band seit „New Dress“ nicht mehr so aufgefallen. Fand ich gut.

2. Wiederkehrende Gänsehautmomente
Ich finde es erstaunlich, dass die Band mich – einen Mittvierziger, der eigentlich nicht so gut auf sie zu sprechen ist – emotional aus den Füßen hauen kann. Aber die schaffen das. Und wie. Einer dieser Momente war „Higher Love“. Martin Gore tat zunächst so, als wolle er das Lied allein singen, nach einem kurzen Innehalten nach dem ersten Refrain setzte dann (für mich völlig unerwartet) die Band ein.

Zugegeben, diesen Trick haben sie bei früheren Tourneen mit „Home“ auch schon vorgeführt. Und auch da bin ich ihnen gern auf den Leim gegangen. Aber „Higher Love“ war nie eine A-Seite und wurde seit 1994 nicht mehr auf Konzerten gespielt. Zudem ist es ein Hammer-Song von „meiner“ DM-LP. Mit dem neuen Arrangement haben sie mir einen Riesengefallen getan.
Ebenso mit dem bereits erwähnten „Halo“. Die neue Version, angelehnt an den Goldfrapp-Remix von 2004, tut dem Song gut. Verbunden mit dem Video von Anton Corbijn, das am Ende zwei klasse Pointen enthält, war das definitiv ein Highlight.

3. Erkennbare Anstrengungen
Darüber, dass bei DM ja viel vorhersehbar ist, habe ich mich bereits weiter oben ausgelassen. Ich rechne der Band aber hoch an, dass sie ganz offensichtlich darum bemüht ist, ein paar Überraschungen aus ihren Hüten zu zaubern. „A Pain that I’m used to“, ohnehin nicht der zugänglichste Song, wurde komplett überarbeitet und klang mit durchgängiger Kuhglocke ein wenig nach LCD Soundsystem. Das kann man mögen oder nicht. Die Intention aber hat mir gefallen – zumal Tourkeyboarder Peter Gordeno sich für den Song einen Bass umgehängt und damit das recht starre Bühnenbild aufgebrochen hat.

4. Streitbare Entscheidungen
In der Setlist waren ein paar Songs versteckt, die sicherlich nicht den Geschmack der Massen treffen. Neben „A Pain that I’m used to“ zähle ich „Barrel Of A Gun“ zu solchen Momenten. Sind da etwa ein paar ältere Typen auf Krawall gebürstet? Es ist natürlich schade, dass diese Stellen von einem Teil des Publikums genutzt werden, um Bier wegzubringen und/oder neues zu holen. Umso anerkennenswerter finde ich, dass die Band dieses Risiko in Kauf nimmt.

5. Sonstige Eindrücke

  • Es ist schon eine komische Erfahrung, als Frisch-Aus-der-Kirche-Ausgetretener zu Songs wie „Home“ oder „Personal Jesus“ mitzusingen. Diese Bezüge zu einem Gott habe ich früher einfach hingenommen. Gestern musste ich dann doch ein paar mal stutzen.
  • Bitte: Musikvideos wieder mit Anton Corbijn drehen. Ausschließlich. BITTE!
  • „I thank you for bringing me here“: Richtet sich Martin beim Refrain an das Publikum?
  • Wenn man einen Platz weit weg von der Bühne hat, erspart einem das den Anblick nerviger Rockismen. Mir hat es glaube ich gut getan, mich auf die Musik konzentrieren zu können und nicht von der Performance abgeschreckt zu werden, die mir die letzten Jahre zunehmend auf den Keks ging.
  • 50.000 Leute schwenken die Arme zu „Never Let Me Down Again“. Reißen die Arme in die Luft zu „Reach Out Touch Faith“. Hammer. Dass das geht. Magic? Nein. Music!
  • Fletch ist bei seinem „Solo“ tatsächlich nervös geworden.

6. tl;dr
Mein Fazit nach dem gestrigen Konzert in Düsseldorf bezogen auf mein Verhältnis zur Band: Statt „Never again is what you swore the time before“ schwenke ich um auf „I found the peace I was looking for“.

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