25/100: No, Surrender

Justin Currie (2008)

Das ist Liebe auf den ersten Blick
Nicht mal Drum‘ n Bass hält jetzt mit deinem Herzen Schritt
Du hast deinen Schatz gefunden, ohne lang zu buddeln
Bock ihn in den Arm zu nehmen und stundenlang zu knuddeln
Absolute Beginner

justin currie_no surrenderWie unerwartet innige Beziehungen doch entstehen können. Als ich vor ziemlich genau fünf Jahren das MP3 von „No, Surrender“ für lau heruntergeladen habe, hatte ich keine Ahnung was mich erwartet. Weder kannte ich den Interpreten, noch fand ich den Titel besonders vielsagend. „Sounds Like: Richard Ashcroft, The Stone Roses“. Naja. Aber die Möglichkeit des Downloads war da. Ich nahm sie wahr. Und habe bei der Gelegenheit einen Song entdeckt, der mir seitdem sehr am Herzen liegt. Im Vorbeisurfen, sozusagen. „Next MP3.“

Angesichts der Bedeutung des Songs für mich muss ich eingestehen: Einen gebührend warmen Empfang habe ich „No, Surrender“ nicht bereitet. Zu der Zeit hatte ich gerade ein paar Download-Seiten wie RCRDLBL und Spinner entdeckt und lud in meiner Euphorie einfach mal alles runter, was mir in den Browser kam. Die Beute übertrug ich im Anschluss auf meinen Aiptek-MP3-Player (ein Weihnachtsgeschenk meiner Frau) und schleppte die Songs zunächst ein paar Tage unbeachtet mit mir herum.

Bis zum jeweils nächsten Regentag. Denn da fahre ich statt mit dem Rad mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Für mich ist das kein Vergnügen. Um dem trostlosen Herumstehen an Haltestellen und in überfüllten Fahrzeugen etwas Positives abzugewinnen, höre ich mir unterwegs meine neuesten Downloads an. Ich stöpselte mir also an diesem Tag im Juni 2008 auf dem Heimweg die Kopfhörer in die Ohren. Und „No, Surrender“ war der erste Song, den mir den Player an dem Abend vorspielte.

Das perlende Intro, die relaxte Trommelei – die einfliegenden Streicher. Ich glaube es war bei deren Einsatz, dass mir zum ersten mal schwante, auf etwas Besonderes gestoßen zu sein.

Und dann fing Currie an zu singen. Ich habe nicht alles gleich verstanden, muss ich zugeben. Aber sein wütend-klagender Tonfall, die Bruchstücke, die ich beim ersten Hören entschlüsseln konnte und vor allem die Fragestellung im Refrain haben mich sofort gepackt. Und so machte ich mich zuhause auf die Suche nach mehr Informationen zu dem Herren und dem Text zu seinem Song.

Du hast es vielleicht gewusst, ich musste es googeln: Justin Currie war Sänger von Del Amitri. Mir war die Band immer egal gewesen, allein ihre Backenbärte fand ich bemerkenswert. Hätte ich beim Download gewusst, das Currie diesen Background hat, hätte ich den Song vermutlich nicht mal heruntergeladen.

Wichtiger war es mir dann doch, mehr über den Text von „No, Surrender“ in Erfahrung zu bringen. Und den finde ich immer noch unfassbar. Gut. Gelungen. So gut, dass ich jetzt etwas mache, über das ich sonst gern verächtlich schimpfe: in einer Rezension längere Passagen zu zitieren. Aber ich muss Dir einfach zeigen, wie gut die Lyrics sind.

“Bankrupt schools grind out fool after fool then feed them to a system where idiots rule”

“Constant growth the cancerous cure, a swarming race of profiteers ensure”

“Film fans flock to the latest schlock, blockbusters block out even the vaguest thought”

„Terrible tales of kidnapped kids keep you focused on the family and filling up the fridge”

“Puerile propaganda plugs up the TV, keep folk following the money so they’ll never be free”

Und es gibt da noch so viele Zeilen mehr, die “No, Surrender” zu einer sehr detailliert recherchierten und sehr genau wiedergegebenen Analyse der Welt eines Mittvierzigers machen. Die Durchhalte-Parolen für die Zeit, bis das Haus abbezahlt/die Kinder aus dem Haus/die Altersteilzeitmaßnahmen erreicht sind (“ten more years at this joint you’d be home & dry”); die Typen am Bankautomaten, die mich samstags nach dem Brötchenkauf nach Kleingeld fragen (“Beggars beat round the cash machines but you just slip between them with the usual lie”); die Erste-Klasse-Reisenden im vorderen Teil der Lufthansa-Maschinen (“First class passengers file on last after the scum are packed in with their tax-free loot”) – all das hat Currie in „No, Surrender“ zusammengebracht.

Und schließlich toppt er sein Lamento noch mit einer Killerfrage:

“Should you stand and fight, should you die for what you think is right. So your useless contribution will be remembered?”

Puh, Du merkst schon: Das ist eigentlich nichts, was man stundenlang knuddeln möchte. Was kann man auch erwarten, von einem Herren, der einen auf seiner Webseite mit „Welcome to Hell“ begrüßt und anschließend den armen Colin Hay als „Cunt“ beschimpft.

Zu allem Überfluss geht der Song in der Albumfassung auch noch fast acht Minuten.

Aber ich finde ihn großartig. Er findet textlich genau die goldene Mitte zwischen Penetranz und Wischiwaschi, die mich anspricht. Ich bin froh, dass ich ihn damals – aus reiner Gier, das räume ich gern ein – eingesackt habe, da er mir viele Denkanstöße gegeben hat. Das ist was fürs Leben. Zumindest fühlt es sich so an.

Und dieses Gefühl kannst Du auch haben, denn: Der Song wartet auch auf Dich. Auf dem Server von Spinner. Immer noch. Seit fünf Jahren. Und will von Dir heruntergeladen werden. Wirst Du…? Es könnte eine innige Beziehung werden…

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Wow, was für ein schönes Lied! Und was für eine phantastische Einführung in das Werk von Justin Currie. Keine Sorge, Del Amitri waren mir bislang genauso Böhmische Dörfer wie ihr Leadsänger – Du bist mir also weiterhin fünf Jahre voraus. Es ist schön, dass Du so viel Spaß mit den Lyrics hast. So muss Pop sein.

    Für mich gibt es ja grundsätzlich zwei Rezeptionsformen guter Popmusik. Die Eine: Man möchte darin eintauchen und denken, dass der Song nur für einen selbst geschrieben wurde und der Dichter quasi darauf wartet, mit einem mal einen gemeinsamen Abend zu verbringen… Dann könnte man bis zum Morgengrauen sitzen bleiben und mal alles besprechen, was Einen so in den letzten zwanzig Jahren bewegt hat, welche Erfahrungen man wo gemacht hat und warum es sich unbedingt lohnt, alte Platten der Beatles gut aufzuheben und zu studieren.

    Eine andere Lesart ist die des bloßen Rezipienten, der die Videos und das Artwork ebenso bewundert wie die genial formulierten Gedanken und meinetwegen auch eine Karte für die O2 World kauft, um mit 16.999 anderen zwei Stunden lang unterhalten zu werden. Von einer Künstlerin wie Madonna oder meinetwegen Beyoncé. Denn deren Hochglanz-Popmusik würde sofort ihren Charme verlieren, wenn man genau wüsste, wo die Künstlerin ihre Stümpfe kauft und was genau sie denn nun gefrühstückt hat, bevor sie ihren letzten Refrain eingesungen hat.

    Justin Currie gehört für mich klar in die erste Kategorie. Der Mann hat Fehler und besingt sie; er leidet und man leidet automatisch mit ihm, weil er verdammt noch mal recht hat. Vielleicht nicht mit jeder Zeile, doch je länger man zuhört will man ihm glauben – so wie man einem mitteljungen Politiker glauben mag, dass man ihn wählen soll, damit er im Bundestag mal so richtig aufräumt und das dann auch wirklich alles klären wird mit dem Bürgerkrieg in Syrien, der Zwangsernährung von Gefangenen in Guantánamo oder den Spionageprogrammen der NSA. Ein Versprechen, das man nicht ernsthaft glauben kann, das man aber gerne glauben will.

    Übertragen auf den Song heißt das: Hör mich an, ich bin für die nächsten 3:30 Minuten Dein Freund und wir können über alles reden, weil ich Dich verstehe. Natürlich weiß man beim Hören, dass es Kunst ist und man ein kleines bisschen belogen wird, aber es fühlt sich trotzdem gut an. So ein Song ist „No Surrender“ für mich.

    Wenn ich jetzt noch ein bisschen kulturwissenschaftlich klugscheißen wollte (damit sich die zehn Jahre Studium wenigstens ein bisschen gelohnt haben), könnte ich den Song mit dem Begriff post-Empire umschreiben. Die Unterscheidung von Empire-Künstlern und denen des post-Empire hat der von mir über alles geschätzte Schriftsteller Bret Easton Ellis vor zwei Jahren in einem Essay eindrucksvoll beschrieben. Es geht darum, dass die Ära der von Pepsi und Budweiser gesponsorten Künstler langsam zu Ende geht: diesen unnahbaren Hochglanz-Abziehbildern von denen ich vorhin sprach. Natürlich gibt es sie noch, aber sie werden weniger. Seiner Definition nach sind Künstler wie Eminem oder selbst Cee-Lo Green mit seinem Mittelfinger-Ohrwurm die authentischen Helden der Gegenwart: Sie scheren sich einen Dreck darum, was andere über ihre Fehler und Macken denken. Curries von Dir geschilderte „Einleitung zur Hölle“ und diverse Textpassagen haben mich sehr stark daran erinnert.

    Doch bevor es zu theoretisch wird noch eine andere Assoziation, die ich beim Lesen Deines Textes hatte. Im Herbst/ Winter 2006/ 2007 beschloss ich, endlich meine Magisterarbeit und meine letzten Prüfungen zu schreiben und mich dafür fünf Monate aus der Arbeitswelt zurück zu ziehen. Dank der großartigen Unterstützung meiner Mutter und eines knallharten Sparkurses gelang es mir, diese Zeit einigermaßen ohne größeren Schuldenberg zu überstehen. Doch ich musste ja sparen, und das hieß: Keine unnötigen Ausgaben für Alben oder Konzertkarten. Aber natürlich muss dieser Mensch Kultur konsumieren und dafür gab es damals eben vor allem das Internet. Und so wie Du von „Spinner“ berichtest, wurde ich dank meines guten Freundes Andreas auf die Seite „Hype Machine“ aufmerksam. Das habe ich ja schon mal erwähnt.

    Mir gefallen zwei Aspekte. Zum Einen macht man sich hier nicht mit Flatrate-Downloads ganzer Genres straffällig sondern ergattert nur einzeln platzierte – legale – Kostproben von Künstlern, die zumeist nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden. Ich hatte damals also das Gefühl, nicht am finalen Todesstoß der Branche mitzuwirken. Zum Anderen findet sich in der Sektion „Popular“ der heiße Scheiß, den Blogger von Australien bis Schweden gerade so posten, um ihre Leser auf seltene Remixe von Freunden und ähnliche Perlen aufmerksam zu machen.

    In jenem Winter habe ich zahlreiche – höchst unterschiedliche – Künstler entdeckt und mir später auch artig deren Tonträger gekauft. Manche davon wurden später so populär wie Amy Whinehouse, Feist und eben Justice, andere blieben kleiner aber fein, so wie Beirut, Jens Lekman und Vampire Weekend. Was ich sagen will: Das Ende der Nuller Jahre war für mich tatsächlich ein Zeit der Pop-Zufallsbekanntschaften. Das hat sich in meinen Augen inzwischen durch den Wandel der Blogosphäre hin zu einer stärker interaktiven Angelegenheit verändert. Angetrieben wurde dieser Wandel durch – wie wir es ja auch machen – Direktverlinkungen oder Einbettungungen von Videos. Und natürlich durch die zunehmende Kommerzialisierung sowohl von YouTube als auch Streaming-Diensten wie Spotify. Wieso sollte ich mir die Festplatte mit nie zu hörenden MP3s vollhauen, wenn ich mit einem Klick schnell reinhören kann und mir der Anbieter weiter rechts gleichzeitig anzeigt, was mich noch alles interessieren könnte? Warum sollte ein Durchschnittshörer mit vier CD-Käufen im Jahr noch mühselig Neues suchen? Der Mensch ist ein Faultier und geht eben den bequemsten Weg. Natürlich kann man an Vinyl- und CD-Bergen festhalten – doch seien wir ehrlich: Ist so ein Smartphone nicht viel handlicher im Urlaub? Und wie viele DJs – lange Zeit Gralshüter des physischen Tonträgers – schleppen heute noch Plattenkisten und 1210er mit auf Ihre Auftritte? Eben.

    Doch ich schreibe nicht hier, um irgendeinen Kulturverfall zu beklagen, es geht ja um die Blogosphäre und Wege, neue Musik zu entdecken. Links und rechts über den (Platten-)Tellerrand hinaus zu linsen, was es außer den bekannten Lieblingskünstlern in den abonnierten Fachzeitschriften vielleicht noch Interessantes gibt. Wenn ich mit 100 Songs meinen Teil dazu beitragen kann, dann helfe ich gerne.

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