24/100: Verstrahlt

Marteria (2010)

Es gibt Künstler, die machen einfach alles richtig. Selten haben mich Sound und Stimme, Stories und Artwork, sowie die Features auf einem Album so überzeugen können, wie bei Marterias „Zum Glück in die Zukunft“. Vieles hatte ich im Vorfeld schon gelesen über diesen Rostocker Rapper, der zuerst bei Hansa Rostocks Jugendkader und danach als Hugo Boss-Model in New York Karriere gemacht hatte. Sportlich, gut aussehend, markante Stimme, cooles Auftreten, sympathischer norddeutscher Akzent – da mag man denken, dass der liebe Gott die Gaben doch etwas sehr unfair auf Einen verteilt hat.

Doch das stimmt nur zum Teil. Marteria hat sich sein Renommée in Deutschlands Musik-Szene hart erarbeitet. Die anderthalb Jahre der Produktionsphase dieses Albums müssen sehr lang gewesen sein. Man las von Tütensuppen und Ravioli zur Überbrückung der Geldknappheit und von langen Bahnfahrten aus der Innenstadt in den Berliner Südwesten, wo er mit den Hitproduzenten The Krauts geduldig so lange an seinem Album feilte, bis es fertig war. Ein langer Atem ist nicht das Einzige, was Marten Laciny auszeichnet. Seine Tracks sind nicht nur gut durchproduziert, sondern auch lyrisch vor allem auf das Wesentliche reduziert. Storytelling, aber keine Romane.

Als Freund von guten Texten finde ich es zwar etwas schade, dass er seinen lyrischen Output bei fast allen Tracks auf zwei Strophen beschränkt. Doch seine ehrlich-klingenden Eingeständnisse von zahlreichen Fehlern seines bisherigen Lebensweges konnten mich überzeugen: Lehre abgebrochen, gescheiterte Beziehung mit Kind – das sind so Sachen, die man 2010 nicht unbedingt in dieser Art von Rappern erzählt bekommen hat. Denn: Marteria war zweifellos derjenige, der in meinen Augen die neue Intelligenz in den von Bushido und Aggro Berlin geprägten Sound gebracht hat. Nicht, dass ich etwas gegen diese Art von Straßen-Storytelling gehabt hätte. Au contraire: Einige der größten Proll-Songs dieser Zeit liefen bei uns – zum Leidwesen meiner Frau – sehr oft im Auto oder im Wohnzimmer. Rap hat viele Facetten – und diese gehört seit NWA definitiv dazu. Doch als selbst Düsseldorfer Wohlstands-Bubis oder Kleinkleckersdorfer Hinterwäldler von Cash, Koks und Nutten rappten und dann noch von der BRAVO (!) dafür gefeiert wurden, fing es an, mich etwas zu langweilen.

Marteria hat also zusammen mit dem Casper, dann Cro und jetzt haben wir die schöne Situation, dass selbst Leute wie Prinz Pi, DCVDNS oder zuletzt Genetikk endlich für ihre Musik massenwirksam gewürdigt werden. Und gleichzeitig gibt es innovative Gangster-Rapper wie Haftbefehl, die das Straßending weiterhin korrekt bedienen und sich ebenfalls jedes Mal etwas Neues einfallen lassen.

Deutscher Rap macht wieder Spaß. Das habe ich vor drei Jahren gesagt, das habe ich letztes Jahr gesagt und diesen Sommer sage ich das auch wieder. Und ich hoffe, dass es noch eine Weile so bleibt. Die Zeichen stehen günstig, wenn man sich Marterias letztjährigen Sommer-Erfolg „Lila Wolken“ anschaut. Auch Casper und Cro haben ja wieder neue Musik in der Pipeline. Dann kommt hoffentlich auch wieder etwas aus dem Hause Eißfeldt – egal ob als Delay oder Beginner. Übrigens: Von Jan Eißfeldt hat sich Marten sehr genau angesehen, wie man professionell interessant bleibt. Ähnlich wie Jan lässt sich auch Marteria viel Zeit für seine Produkte. Statt krampfhaft ein Album rauszuknallen, wurde es im letzten Jahr eine 5-Track-EP – mit drei Single-Auskopplungen!

Cut.

1998 führte ich ein sehr angenehmes Telefon-Interview mit zwei Rappern aus Rostock, von denen einer wohl der Marteria war. So genau weiß ich das nicht, denn mein Belegexemplar mit dem Text ist in meinem letzten Keller leider verschimmelt. Ich erinnere mich noch an die sehr bescheidene Art, mit der die beiden ihre Hood „Mecklenburg-Vorpommern“ beschrieben haben: Fünf Städte, in denen sich alles Musikalische abspielt. Und: Es gibt da oben nicht nur brennende Asylbewerber-Heime. Das war ja schließlich der Eindruck, den viele Wessis von den „Neuen Ländern“ hatten. Dezidiert unterhielten wir uns über Ami-Rap-Einflüsse und Klamotten und es war angenehm, diese Jungs da oben im Norden zu wissen.

2007 sah ich ihn dann das erste Mal live im Vorprogramm von Jan Delay: Allerdings nur drei Songs lang. Denn als ich zuvor recherchierte, wer da also auf der Bühne stehen würde, stieß ich auf die ersten Videos von Marsimoto. Und ich war echt genervt: Dieser geklaute Quasimoto-Style, die nervig-gepitchte Stimme, diese deprimierenden Beats, dieses Kiffer-BlaBla… Ich konnte überhaupt nicht verstehen, warum Jan so voller Begeisterung für ihn war. So verpasste ich also absichtlich Dreiviertel seiner Show und hakte das Thema Marsimoto erstmal ab.

Bis ich im Herbst 2010 über dieses Video stolperte:

Eine anständige Plansequenz, preppy Outfits, ein Beat, der sich an das Ohr anschmiegt und diese wunderbare Hook. Ich war begeistert. Also freute ich mich, dass Kollege Olaf mir zwei Karten für die Release-Party in einer einigermaßen bescheiden-coolen Location in Neukölln besorgen konnte.

Auf der Bühne: Der Pappkopf vom Album-Cover und das DJ-Set des wirklich sensationell-unfassbaren spanischen DJ-Kumpels Kid Simius. Ein musikalisches Ein-Mann-Orchester, das man einmal im Leben gesehen haben sollte (ich war auch noch beim dritten Mal total geflasht!). Dann wurde es Kiffer-Grün, denn dieses „Green Berlin“-Ding ist Marteria in diesem Leben wohl nicht mehr auszureden und der Mann brachte den Neuköllner Festsaal zum Beben. Am Ende gab er dann noch mal den Marsimoto und ich fing langsam an, auch diese Kunstfigur etwas besser zu verstehen und hatte viel Spaß.

Letztes Jahr sah ich dann die aktuelle Marsimoto-Show beim Berlin-Festival: Ein eindrucksvolles Beat-Rambazamba mit viel Nebel und grünem Rauch und aromatisierter Luft. Das war extrem unterhaltsam, aber ich bin mir trotzdem sicher, dass ich Zuhause dann doch lieber Marteria als Marsimoto höre.

Was hälst Du von dieser doppelten Identität?

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  1. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Diese Frage stelle ich mir selbst immer wieder. Ich meine: Du sprichst hier mit jemandem der mehrere Blogs betreibt, unterschiedlichen Aufgaben nachgeht und mehrere Meter Plattenregal braucht, um all seinen Interessen auch nur annähernd nachzukommen. Was ich von doppelten Identitäten halte? Was könnte ich anderes sagen als: Kenne ich. Finde ich gut. Mehr davon.

    Aber mal ganz ab von meinen eigenen Befindlichkeiten: Auch musikalisch finde ich es häufig sehr spannend zu verfolgen, wie unterschiedlich sich einige Personen darstellen. So richtig wahrgenommen habe ich diese Art Rollentausch erstmals mit den bereits eingeführten Al Jourgensen und Paul Barker. Ich fand es faszinierend, dass sie beinahe für jede ihrer musikalischen Ideen gleich ein neues Projekt aus der Taufe hoben.

    Ähnlich vielschichtig und verwirrend ist der Output von Bill Leeb. Zur selben Zeit, in der ich Ministry und Revolting Cocks prima fand, lernte ich auch Frontline Assembly zu schätzen, die zu der Zeit aus dem oben genannten Leeb und seinem Kollegen Rhys Fulber bestanden. Mit Erstaunen – und tatkräftiger Unterstützung von Ecki Stiegs „Grenzwellen“ – stellte ich fest, dass die Band – teils in der selben personellen Besetzung – auch als Delirium, Intermix oder auch Noise Unit unterwegs waren. Für Fans und grundsätzlich Musikbegeisterte sind solche Verästelungen einerseits wahnsinnig spannend. Andererseits führen die auch zu extrem hohen Investitionskosten, will man wirklich mit all diesen Veröffentlichungen Schritt halten.

    Diese Idee, sich mehrere Alter Egos für unterschiedliche Klangfarben zuzulegen, wurde dann ja auch im Techno zelebriert. Moby zum Beispiel veröffentlichte Anfang der Neunzigerjahre ja auch noch Platten als Voodoo Child und U.H.F. Und machte sich dann auch noch den Spaß, als Voodoo Child Moby-Tracks zu remixen. Wobei ich irgendwann mal aufgeschnappt habe, dass sich gerade im Techno die Künstler unterschiedliche Namen zugelegt haben, um gleichzeitig bei mehreren Labels Platten veröffentlichen zu können. Wenn ich mir die Releases von Paul Schmitz-Moormann anschaue, scheint da etwas dran zu sein. Ganz zu schweigen von Tom Middleton und Mark Pritchard, die als Global Communication, Jedi Knights, Secret Ingredients, The Chameleon, Link & E621 und Reload beinahe alle Facetten elektronischer Musik abgedeckt haben – von Ambient über House bis Drum ’n‘ Bass.

    „Anonymität kann ja so schön sein. Einfach tun und lassen, was man möchte, keine Erwartungen erfüllen müssen und dann (zur Not) genauso schnell wieder verschwinden, wie man aufgetaucht ist. Kein anderes musikalisches Genre zeigt die angenehm praktische Seite der Anonymität immer wieder so schön wie das elektronische. Da ist es einfach schick, sich für die verschiedenen musikalischen Interessen jeweils ein eigenes Etikett zuzulegen. Derrick May tut es. Moby tut es. Richard D. James sowieso. Und so tun es auch die Herren Wenner und Klos aus Köln. Sie versehen ihre Produktionen mit unterschiedlichen Namen, wenn dabei etwas Unterschiedliches rumkommt. Ist es Drum’n’Bass, dann heißt es Monophace. […] Ist das Produkt wiederum etwas relaxter, nicht ganz so schnell, und werden die Bässe ein ganz klein wenig fies – dann heißt es Van Delta.“

    So habe ich mich dem Thema Identitäten Ende Anfang des Jahrtausends anzunähern. Fast zeitlgleich stieß ich auf eine Truppe, die dieses Multiple-Identitäten-Ding auch im Indie-Bereich auslebte: Blackmail. Da ist zum Beispiel Kurt Ebelhäuser, der einerseits Gitarrist bei Blackmail ist, andererseits mit der selben Ernsthaftigkeit auch die Band Scmbucket betreibt. Nicht zu vergessen Aydo Abay, der bis 2008 Sänger bei Blackmail war, aber schon zu der Zeit mit Dazerdoreal und Ken mit zwei weiteren Projekten am Start war. Nicht alles entsprach meinen persönlichen Präferenzen – aber das Engagement und die Energie waren immer wieder beeindruckend.
     
    Um meine Ausführungen in die Gegenwart zu tragen sei hier noch VCMG erwähnt. Martin L. Gore hat unter dem Namen mit seinem früheren Kumpel Vince Clark seine Vorliebe für Techno ausgelebt. Das daraus entstandene Album „Ssss“ gefällt mir bei weitem besser als „Delta Machine“ – aber das ist ein anderes Thema.

    Und so kann ich es also nur zu gut nachvollziehen, dass sich auch ein Marten Laciny mehrere Identitäten zulegt. Erst recht, wenn man sieht, dass er auch in Fußball, Modeln und Schauspielerei gut aufgehoben ist. Ich bin erstmals mit „Verstrahlt“ auf ihn aufmerksam geworden. Ich fand den Song gleich prima – und mochte gar nicht glauben, dass der Track wirklich keinen Haken hat. Alles richtig gemacht – finde ich auch. Auch bei „Lila Wolken“, übrigens. Mit Marsimoto hingegen habe ich mich noch nicht eingehender beschäftigt. Hole ich jetzt nach. Und bin mir dabei fast sicher, dass Lacincy noch weitere Spielflächen finden wird, auf denen er sich umtreiben wird. Ein Teil von mir kann ihm dafür das Bloggen nahe legen. Auch da hat man genügend Spielräume, um sich ganz unterschiedlich auszutoben.

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