23/100: Let’s Go Out Tonight

Craig Armstrong (1998)

Foto 24.11.12 17 52 07Ich hatte schon immer ein gespaltenes Verhältnis zu Plattenrezensionen. Einerseits finde ich es natürlich enorm hilfreich, in einem kurzen Text die Einordnung eines Werks querlesen zu können. Mich interessiert der Hintergrund des jeweiligen Künstlers und natürlich auch, aus welchen Gründen der Autor die Platte lobt oder verreißt. In vielen Fällen kriegen Rezensionen dies hin, sie sind im Grunde also eine gute Sache. (Wenig hilfreich finde ich hingegen Rezensionen, in denen Song-Texte der Platte ausgiebig zitiert werden. Ohne Musik kann ich damit nicht viel anfangen. Außerdem argwöhne ich, dass der Rezensent mit diesem Mittel versucht, sein Honorar durch bloße Textreproduktion auf leichte Art zu verdienen.)

Andererseits musste ich aber schon früh feststellen, dass die Wahrnehmung eines Autoren, und wie er versucht, mir eine Platte näher zu bringen, an meiner Kategorisierung komplett vorbeigehen kann. Mit 12 oder 13 habe ich mal eine Rezension über eine neue Leonard Cohen-LP in der Bravo (!) gelesen. Die Botschaft klang für mich vielversprechend: kluge Texte, ausdrucksvolle Stimme, gute Songs. Muss ich mir anhören, dachte ich. Mit dem missmutigen Brummen, das mir an der Vorhörtheke bei Radio Deutsch über die Kopfhörer geboten wurde, konnte ich dann aber so gar nichts anfangen.

Solche Erfahrungen habe ich seitdem immer wieder gemacht. Eine Zeitlang habe ich sogar selbst Rezensionen geschrieben. Wie viele Fehlkäufe mag ich wohl verursacht haben?

Es gibt aber auch Beispiele, wo der Autor einer Plattenbesprechung und ich auf einer Wellenlänge sind. Eines davon ist “The Space Between Us” von Craig Armstrong.

Geigen, Harfen, Flügel, Kastagnetten, dubbige Beats, bevor die Streicher beschließen: ‚komm in meine Arme‘. Piano-Parts, kuschelige, die Sofas und Futons dieser Welt strapazierende Orchester-Orgien mit dezenten Midtempo-Beats…

Gut, dachte ich einmal mehr, das klingt vielversprechend. Also bin ich los, um eine Vorhörtheke bei Brinkmann in Osnabrück zu blockieren. Und siehe da: Ich bekam genau das, was mir der Autor versprochen hatte: „symphonische Umarmungen“. Schon mit Titel 2, dem von Liz Fraser gesungenen „This Love“, war klar, dass dies eine neue Lieblingsplatte werden würde. Nicht ahnend, dass der eigentliche Knüller ziemlich weit hinten auf der LP untergebracht war.

Als Nummer 11 wartete „Let’s Go Out Tonight“ auf mich. Das sich behutsam entwickelnde Arrangement. Die brüchig-flehende Stimme des Sängers. Die wunderbaren Harmonien. Ein Meisterwerk. Und Grund genug, mich auf die Spur des Sängers und Songwriters zu begeben.

from karina saputri on Vimeo.

Der heißt Paul Buchanan und ist, wie ich mir nach und nach anlas, Sänger der Band The Blue Nile. Obwohl die seit den Achtzigerjahren einige LPs und Singles veröffentlicht hatten, hatten sich unsere Wege bis zu diesem Tag bei Brinkmann 1998 nie gekreuzt. Ich fand dann auch ein paar Jahre später die Originalversion von „Let’s Go Out Tonight“ auf dem Blue Nile-Album „Hats“ aus dem Jahr 1989 in der Restekiste unserer Musikbücherei. Sie ist aber bei weitem nicht so schön, wie die von Craig Armstrong arrangierte.

Apropos Craig Armstrong: Mir wurde erst zu dem Zeitpunkt klar, dass der Musiker aus Schottland bereits für meinen Kauf der „Protection“-LP von Massive Attack ausschlaggebend war. An einem Sonntag im Herbst 1994 war ich im Londoner Stadtteil Camden auf einem Flohmarkt. Einige der dortigen Clubs hatten ihre Türen geöffnet und Standflächen vermietet. In einem lief sogar Musik – unter anderem ein etwas schleppendes Instrumentalstück, durch das sich so eine Art Schnorchel-Atmen durchzog. Der DJ sagte mir auf meine Nachfrage hin, dass es sich um „Heat Miser“ von der (damals) neuen Massive Attack-LP handele. Und die habe ich mir daraufhin gekauft. Erst vier Jahre später habe ich realisiert, dass Craig Armstrong in dem Stück Klavier spielt.

Darüber hinaus ist er unter anderem auch für das wunderbare Arrangement von „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ auf der Pet Shop Boys-LP „Nightlife“ verantwortlich, ebenso für die herzzerreißende Untermalung der Balkon-Szene in Baz Luhrmans „Romeo & Julia“. Nur, um mal ein paar wenige der wirklich wunderbaren Stücke aus Armstrongs Feder zu nennen.

Und als ich dann mal eine Rezension über Craig Armstrong schreiben durfte – was ist mir da eingefallen? „Musik, deren Schönheit sprachlos macht.“

Würdest Du Dich auf solch eine Empfehlung hin mit einem unbekannten Künstler befassen? In diesem Fall würde es sich wahrhaft lohnen.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Tja Michael, mit Deinem Rezensions-Gegenüber bei 100songs.de hast Du hier nun dummerweise jemanden sitzen, der fast immer in seinen Texten ausgiebig zitiert (hat). Kann schon sein, dass das in unserem Blog weniger vorgekommen ist als bei meinen kommerziellen Arbeiten. Doch als jemand, der selber kein Instrument spielen kann, konzentriere ich mich meist auf die Texte. Wenn die nicht stimmen, hat es Musik sehr schwer bei mir. Nur da kann ich klugscheißen oder sie in meiner Welt einordnen. Geniales Gitarrenspiel könnte ich nicht selbstbewusst und überzeugend von Jugendhaus-Geschrubbel öffentlich unterscheiden wollen.

    Aber ich möchte gar nicht ausschließen, dass das Zeilenschinden unbewusst eine Rolle dabei gespielt hat. Manchmal sogar ganz sicher – was ich angesichts des Honorar-Niveaus von Musikmagazinen oder Kulturteilen von Zeitungen nur recht und billig finde. Wobei wir natürlich zwischen 15 Zeilen Kurzkritik, 60 Zeilen Überblick und 200 Zeilen Hauptgeschichte unterscheiden sollten. 

    Wenn ich in einem 15-Zeiler zitiert habe, dann nur, weil ich entweder gezielt auf einen Gag hingeschrieben habe. Oder ich war – man höre und staune – von der Poesie der zitierten Verse wirklich extrem angetan oder auch abgeturnt. Bei 60-Zeilern könnte es sehr viel wahrscheinlicher was mit Mangel an Ideen zu tun gehabt haben – bei 200-Zeilern wiederum ist es ein stilistisches Mittel. Gerne habe ich zitiert, um die Poesie fachgerecht zu zerlegen und mich an einzelnen Phrasen zu weiden. Oder aber, um beispielsweise die Handlungsweise eines Protagonisten zu kontrastieren – so nach dem Motto: Harter Junge aus einem Problemviertel droht seinen Mitwettbewerbern lyrisch mit dem Genozid ihrer Mütter – und zieht sich dann vor dem Betreten einer Wohnung artig die Schuhe aus – oder serviert den Gästen zuvorkommend Grünen Tee.

    Aber das hier ist ja kein Grundlagenseminar für journalistisches Schreiben, daher will ich jetzt nicht schulmeisterlich klingen. Nur so viel: In meinen Jahren des Dichtens von Texten habe ich die Erfahrung gemacht, dass sowieso jeder eine völlig andere Herangehensweise hat. Und bei der kritischen Auseinandersetzung mit Kunst gilt das gleich noch drei Mal mehr. 

    Selbstverständlich hat sich mein Schreiben mit den Jahren enorm verändert: Für einen meiner ersten Rezensions-Gehversuche bekam ich noch Liebesbriefe von den Stieber Twins aus Heidelberg nach Hause, die mit dem freundlichen Ratschlag wie „Mit dem Schülerzeitungs-Style mal woanders nerven“ geschmückt waren. Aber immerhin wurde ich gelesen. Und ich lernte, dass Promoter nach Demotapes nicht unbedingt noch freigiebig wertvolles Vinyl hinterher schicken, wenn man zuvor geschrieben hat, dass der Akzent der Künstler nervt und die Beats jetzt auch eher so lala waren.

    Mit den Jahren erlernte ich immer bessere Konflikt-Vermeidungsstrategien (sehr gut sind da Synonyme, solange sie der Chefredakteur nicht munter in der Szene ausplaudert) aber auch das Fokussieren auf Text-Themen. Zwischenzeitlich waren meine Gedanken zur Popwelt von einzelnen Seminarthemen aus jeweils aktuellen Studienfächern geprägt (letztere wechselten in den zehn Jahren meines Studiums mehrfach). Dann wiederum beeindruckten mich Texte von Popliteraten so sehr, dass ich einzelne Rezensionen und Texte zu Begegnungen mit Künstlern dutzendfach durchlas – und meinen Freundeskreis mit Zitierlesungen „beglückte“. Was die im Rückblick betrachtet erstaunlich häufig sehr tapfer über sich ergehen ließen.

    Und irgendwann habe ich beschlossen, dass ich das mit dem Kritisieren von Musik auf einem für mich zufriedenstellenden Niveau kann. Natürlich darf man nicht arrogant sein und denken: Der Beruf des Schreiberlings ist einmal erlernt und ab dann verfasst man gleichbleibend gute Texte. Mitnichten: Nur wer regelmäßig viel liest, kann sich entwickeln. Hab ich mal gehört und für gut befunden.

    Außerdem ändern sich die Zeiten und damit die dichterischen Moden – dazu zählt ganz sicher auch das korrekte beziehungsweise ausgiebige Zitieren von Songtexten. Gerade im Netz-Zeitalter erleben wir gerade ganz interessante Wandlung – schließlich kann ich etwa 98 Prozent aller Pop-Texte in 30 Sekunden sofort wiederfinden. Da wird ausgiebiges Zitieren von Versen in Rezensionen natürlich überflüssig. Aber ich komme eben aus einer Zeit, in der man ein Vinyl alle 20 bis 25 Minuten auf einem Plattenteller hin und her gewendet hat. Und ich hatte auch immer Spaß daran, mir die Bilder und Textchen und Randnotizen bei besonders wertvollen Tonträgern lange lange anzusehen. Das mache ich ganz klar auch längst nicht mehr so intensiv – hat sicher auch was damit zu tun, dass ich mit 17 gar nicht wusste, wie der Tag rumgehen sollte und genug Muße dafür hatte. Doch wenn ich ehrlich bin: Selbst ein ultracool gestaltetes CD-Booklet, wie bei Kanye Wests „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ kann mich trotz des genialen Covers von George Condo nur eine erschreckend kurze Zeit beschäftigen. Dabei ist das ja gerade in der Musikszene der große Trend: So ziemlich jeder deutsche Rapact releast bei Amazon momentan eine limitierte Sammler-/Fan-Box mit T-Shirt, Buch, Gutschein-Code, Konfetti oder sonstigen Gimmicks. Und er kann sicher sein, dass die Dinger lange vor dem VÖ-Termin den Status „ausverkauft“ bekommen. Begehrlichkeiten werden geweckt – perfektes Marketing. Doch wissen dann wirklich alle 5.000 Käufer so einer Sonderedition auch wirklich die Arbeit dahinter Wert zu schätzen? Ich gebe freimütig zu: Ich nicht immer.

    Doch wie kamen wir dahin? Ach ja, ich erklärte gerade langatmig, warum ich gerne zitiere und nebenbei auch, weshalb ich mich hier in unserem Blog so anarchisch gegen jede nachvollziehbare Strukturierung von Textformen wehre. Because I can.

    Aber jetzt noch wirklich ein paar Worte zu Craig Armstrong. Deine Rezension war damals sehr gut geschrieben. Ich habe auch in die Platte reingehört. Dann habe ich gemerkt, dass ich nicht ausreichend zugehört habe. Leider erreicht mich Armstrongs Sound momentan überhaupt nicht. Meine Seele will gerade etwas mehr musikalischen Krawall – so etwas hast Du ja neulich auch schon ganz treffend analysiert. 

    Ich wundere mich ja selbst, welche Musik ich beispielsweise vor sechs, sieben Jahren gehört habe. Und ich war damals nicht unschuldige 16 Jahre sondern eher doppelt so alt. Und wenn ich mir auf Fotos meine Klamotten von damals anschaue, wundere ich mich ebenfalls. Dabei schrieb Alexander von Schönburg in seiner „Kunst des stilvollen Verarmens“ in einer Randbemerkung so schön: Irgendwann sollte ein Mann seinen Modegeschmack mal zusammen haben. Kann schon sein. Dieser Mann hier SOLLTE vielleicht, hat aber nicht. Auch because I can.

    Mein Geschmack verändert sich immer wieder. Das gilt eben auch für Mucke. Alte Klassiker werden neu entdeckt, andere Lieblingsplatten zünden mit der Zeit nicht mehr. Oder sie nerven einfach. Das selbe gilt für neue Musik: Immer wieder kommt halt doch etwas von mir zuvor vollkommen Ignoriertes neu dazu. Gerade häre zum ersten Mal bewusst die Queens of the Stone Age. Sensationell – danke, Norman.

    Aber Michael, bitte schreib mich noch nicht vollkommen ab für den Craig Armstrong-Fanclub. Sein Pet Shop Boys-Arrangement hat mir wirklich sehr gut gefallen. Ich versprech Dir, ich probiere es später noch mal. Im Herbst oder in ein paar Jahren.

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