22/100: D.A.N.C.E.

Justice (2007)

Dschüß-‚tieß nicht ‚Dschaß-tiß. Die Herren sind Franzosen und warum sie immer wieder falsch ausgesprochen werden, ist mir ein Rätsel. Überhaupt frage ich mich gerade, warum wir hier in „100songs“ eines der wichtigsten Popländer bislang nur ansatzweise gestreift haben. Wie sträflich – das muss sich jetzt hier ändern.


JUSTICE – D.A.N.C.E. von edbangerrecords

In dieser Woche habe ich mich beruflich mit dem neuen Daft Punk-Album beschäftigt. In meiner Recherche bin ich immer wieder über die schöne Verschwörungstheorie gestoßen, dass sich hinter Justice die unmaskierten Roboter von Daft Punk verstecken. Interessante Vorstellung, die sich auf den selben Wohnort, den selben Manager und eine ähnliche Musik stützt. Klingt alles lustig, aber für mich ist klar: Justice sind die besseren Daft Punk.

Justice sind eine der innovativsten Bands der letzten zehn Jahre. Ihr Sound ist genauso club- wie stadientauglich, eignet sich aber ebenso hervorragend zum Abwaschen daheim. Justice machen alles richtig: Sie provozieren, sie unterhalten, sie überraschen und sie umarmen den Zuhörer. Zumindest ihre Musik tut das in meinen Augen.

Gibt es heute noch richtige Pop-Stars? Kunstfiguren, für die sich die Fans die Seele aus den Leibern schreien? Wenn man sich die 2009 erschienene US-Tour-Doku „A Cross The Universe“ anschaut, ist man selbst als Justice-Fan überrascht, wie hysterisch manche Damen auf die Präsenz der beiden Slacker-Franzosen reagieren. Trotzdem wird ihr Sound dort in großen Hallen als Offenbarung gefeiert. Klar spielt das Kreuz-Logo eine Rolle, aber irgendwas in dem Justice-Sound muss die Fans zum Ausrasten bringen. Der hippe Elektro-Sound alleine kann das nicht sein. Sicherlich ist es auch das ungehemmte Sampeln von musikalischen Querverweisen durch die Jahrhunderte: So beginnt das in diesem Jahr erschienene Live-Album „Access All Arenas“ (nicht „Access All Memories“, hihi) mit einer elektronischen Soundcollage, in der Lloyd Webbers „Phantom der Oper“-Signatur genauso verschmilzt wie Akira Ifukubes „Godzilla“-Melodie. Diese Art der frechen Selbstbedienung ohne Schamgrenzen kennen wir ja auch von Justice oder meinetwegen auch US-Rappern der 2000er Jahre. Aber selten habe ich es so schön erlebt, wie in Justices Liveversion von „Genesis“.

Ich muss gestehen, dass viele Menschen, die mich kennen, vermutlich kaum auf die Idee kommen würden, mir eine Affinität zu French House zuzugestehen. Und das macht auch Sinn: Alles, was in dieser Zeit an vergleichbarer elektronischer Musik in Deutschland entstanden ist, interessiert mich nicht die Bohne. Au contraire – von mir aus kann man mich gerne Techno-Hasser nennen. Wobei ich in den 90ern auf deutlich mehr Techno-Parties als French House-Events unterwegs war. Das ist vor allem meiner Herkunft als Berliner geschuldet – wer zwischen ’92 und ’97 spannende Clubs erleben wollte, musste sich einfach irgendwo zwischen Tresor und E-Werk bewegen. Und damit halt auch Techno ertragen – was mich aber nicht nachhaltig beeindruckt hat.

Viel spannender fand ich immer den Blick nach Paris. In Zeitschriften wie „Prinz“ und „Max“ wurde in aller Regelmäßigkeit über die Pariser Szene berichtet. Wer diese Texte las, konnte den Eindruck gewinnen, dass die Franzosen nicht nur besser essen und trinken, sondern auch viel coolere Feten feiern. Style, Sex und Sound – alles schien dort für mich interessanter als hier.

Nun bin ich in der Schule nicht gerade zu einem France-Profi gereift. Wie der Großteil meiner Generation konzentrierte ich mich beim Fremdsprachen-Studium eher auf den anglo-amerikanischen Bereich, was popmusikalisch natürlich viel Sinn macht. Alles, was ich aus den sechs Jahren Französischunterricht in der Schule behalten habe, ist die einigermaßen instinktive Anwendung des Passé Composé und ein paar langweilige Schulbuch-Abbildungen von Jugendlichen in Cordhosen. Logisch mochte ich Pierre Richard, Jean-Paul Belmondo und den großen Louis de Funès. Doch subkulturell oder musikalisch schien in Frankreich wenig Interessantes zu passieren. MTV spielte ab und an mal ein Mylène Farmer-Video, aber sonst..?

Meine Ignoranz wurde auch nicht durch zwei Frankreich-Reisen mit meinen Eltern und den Eltern meiner Freundin verbessert: Irgendwie trafen wir keine coolen Franzosen meines Alters, mit denen ich unbedingt hätte abhängen wollen. Wenn ich mal jemanden meiner Altersklasse am Strand sah, so waren das wuschelhaarige Beachvolleyball-Cracks in Quicksilver-Shorts. Keine Anknüpfungspunkte für mich.

Erst im Zivildienst änderte sich langsam mein Verständnis für französische Pop-Kultur. In der VIVA-Sendung „Freestyle“ wurden immer häufiger französische Rap-Videos gezeigt und 1995 kam „La Haine“ ins Kino: Dieser visionäre Problemfilm mit Vincent Cassel, in dem es um Vorstadt-Unruhen in den Cités und die Schere zwischen „französischen Franzosen“ und Migranten ging. Ein Knaller, kann ich nur sagen – ich habe den Film bis heute bestimmt ein Dutzend Mal gesehen und bin jedes Mal wieder total geflasht, wenn ich ein Detail entdecke, dass ich erst später aus den zahlreichen Presseberichten über die Krawalle in den Banlieus 2005 kapiert habe: Eine Klamotte, eine Gestik, eine Bemerkung. Warum ich das so ausführlich erzähle? Na, dann checkt mal „Stress“ von Justice – so etwas atemberaubend Krasses habe ich selten gesehen.

1999 ging ich dann das letzte Mal mit meinem Golf II auf Reisen. Zu dieser Zeit lief kaum Radio bei mir im Auto, sondern fast nur Kassetten. Doch in Paris war alles anders: Ein phantastischer Moment, wie ich durchs 3. Arrondisement auf der Suche nach einem Hotel cruiste und irgendein Radiosender nacheinander NTM, IAM und einen französischen Remix von Eminems „My name is“ spielte.

Und seit diesem Urlaub sehe ich Frankreich mit anderen Augen: Landestypische Speisen sind nicht mehr nur Nutella-Crepes und Froschschenkel. Auch die Kultur wurde nach und nach mehr als nur die „Mona Lisa“ im Louvre oder ein kitschiger Toulouse-Lautrec-Print auf dem Straßenmarkt von Sacre-Coeur. Literarisch habe ich inzwischen von Balzac bis Beigbeder, Despentes und Houellebecq tolle Romanciers entdeckt – und musikalisch eben Justice. Modisch macht den Franzosen ja eh keiner was vor, aber dass es neben Chanel und Dior auch coole junge und einigermaßen bezahlbare Mode von APC oder Kitsuné gibt, ist ein Segen. Welche Rolle Mode für die Popmusik-Kultur spielt, müssen wir ja nicht weiter diskutieren. Aber ich möchte trotzdem noch kurz hervorheben, wie genial ich den verpennert-coolen Justice-Look finde – und damit natürlich auch die Idee für das „D.A.N.C.E.“-Video.

Justice sind für mich auch die Repräsentanten einer neuen Zeit der Musikrezeption. Dass ich sie irgendwann im Herbst 2006 für mich entdeckte, verdanke ich der Blogosphäre. Mein Kumpel Andreas hatte mich auf die Seite „Hype Machine“ aufmerksam gemacht und fortan verfolgte ich mit Spannung aktuelle Anspieltipps von Stockholm bis Brisbane. Vieles davon war nur ein kurzlebiger Hype, doch manche Acts höre ich bis heute gerne und habe dabei manchmal auch das wohlige Gefühl, Teil von deren Fan-Avantgarde zu sein. Klar kommt man irgendwann nicht mehr hinterher, ALLE geposteten MP3s auch aufmerksam durchzuhören und danach alle Alben artig zu kaufen. Aber immer, wenn mir gar nicht mehr einfällt, mit welcher coolen Musik ich meine aktuellen TV-Berichte unterlegen soll, werde ich bei „Hype Machine“ gut beraten.

Ich habe ja am Anfang geschrieben, dass für mich Justice die besseren Daft Punk sind. Natürlich machen auch Daft Punk tolle Songs, aber meine Aussage hat natürlich vor allem damit zu tun, dass jeder Nappel schon mal „One More Time“ gehört hat und gerade das neue Album lobt, während Justice als Zugpferd des Ed Banger-Universums schon ein gewisses Pop-Grundinteresse erfordern. Das klingt nach unfassbar unsympathischem Distinktionsgehabe, aber irgendwie passt das ja auch wieder ganz gut zu den beiden Franzosen, wie ich finde…

Wie gefallen Dir Justice?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Der Hype um Daft Punk ist in der Tat ein guter Anlass, sich den popmusikalischen Einflüssen Frankreichs auf meine Plattenkäufe zu widmen. Und auch ich muss zugeben: Im Vergleich zu Künstlern aus den USA oder England hatten es die aus Frankreich bei mir unverhältnismäßig schwer. Und das, obwohl bei uns zuhause französisch gesprochen wurde und ich somit eigentlich auch textlich einen Zugang gehabt habe. Oder zumindest: hätte haben müssen.

    Folglich haben vergleichsweise wenige Songs französischen Ursprungs ihre Spuren bei mir hinterlassen. „Born to be Alive“ von Patrick Hernandez, zum Beispiel. Und auf jeden Fall „Cargo“ von Axel Bauer. Die Maxi fiel mir Anfang 1984 bei meinen regelmäßigen Besuchen in der Plattenabteilung des Kaufhauses Hohe Pforte auf. Ich konnte weder mit Titel, noch mit Sänger oder Produzent etwas anfangen und fragte mich, ob ich vielleicht irgendeinen Hit verpasst haben könnte. Irgendwer musste die Platte ja geordert haben, und das ja wahrscheinlich auch aus guten Gründen.

    Ein paar Wochen später fuhr ich zum ersten Mal zum Schüleraustausch nach Frankreich. Und kam  dann wieder mit „Cargo“ in Berührung. Der Song lief dort regelmäßig im Radio, der große Bruder meines Brieffreundes hatte die Single im Regal, meine Gastfamilie erklärte mir die Bedeutung. Ich war begeistert. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland erwarb ich die Maxi bei Hohe Pforte, wo sie noch immer auf mich wartete. Ich mag den Song immer noch sehr gern. Oft ist es ja so, dass Dinge, die man in einem anderen Land zu schätzen lernt (das Bier, der Ketchup, der Clubhit) und daraufhin in die Heimat mitnimmt, prompt ihren Zauber verlieren. Bei „Cargo“ ist das nicht der Fall.

    Guesch Patti, France Gall – gehört und weitgehend vergessen. Erst Ende der Neunziger stieg ich wieder bei französischer Musik ein – klar, wegen „Da Funk“. Auch für Stardust, Bob Sinclar, Etienne de Crecy und besonders Cassius war ich Feuer und Flamme. Großartige Songs und Alben, die da aus dem Nachbarland kamen.

    Interessanterweise habe ich Justice hier nie einreihen können. Ich vermute, weil sie mir in einem ganz anderen Kontext begegnet sind. Ich hatte ein paar Jahre lang nur wenig Club-Musik gehört und las ihren Namen (Dschaß-tiß) zum ersten Mal beim Intro in einem Atemzug mit Digitalism, dem anderen Hype aus dem Jahr 2007. Angesichts des großen Forums, das beide Bands dort bekamen, hörte ich mir deren Sachen damals an und dachte: Aha, so klingt Disco-Musik also heute. „D.A.N.C.E.“ war catchy und treibend, im Grunde genommen stimmte alles. Und im Gegensatz zu dem wirklich unhörbaren Remix, den Digitalism von „Never let me down again“ produziert hatten, war das ja wirklich zugänglich. Allerdings wundere ich mich bis heute über den Klang des Stücks. Für mich hört es sich immer noch so an, als hätte jemand beim Mastern den Kompressor falsch eingestellt. Vielleicht ist das mir vorliegende MP3 aber auch schrott. Vielleicht wollen junge Leute ihre Musik so hören. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch irgendwo dazwischen.

    Was Justice in den Jahren seit „D.A.N.C.E.“ veröffentlicht haben, hinterließ mich meist ratlos. Eine audiovisuelle Reizüberflutung. Laut, sperrig, nicht Club, nicht Pop, nicht Rock. Ich fand viele Gründe, Justice zu mögen. Und genau so viele, mich von ihnen abzuwenden. Für „D.A.N.C.E.“ aber kann ich mich weiterhin begeistern. Und zwar – als kleine Randnotiz – ausschließlich für die Originalversion. Die vielen Remixe, die mir in Blogs unterkamen, reichen da nicht ran – selbst wenn Stuart Price oder Mos Def ihre Finger im Spiel haben.

    Mein Frankreich-Exkurs ist damit übrigens noch nicht ganz zu Ende. Denn da gibt es tatsächlich noch eine Platte, die ihre Spuren hinterlassen hat. Dazu aber mehr in einem eigenen Posting.

  2. Pingback: 76/100: Homecoming | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.