21/100: Rage Hard (Slam Blam)

Frankie Goes To Hollywood (1986)

frankie_rageJetzt habe ich zuletzt so viel über Frankie Goes To Hollywood schwadroniert, da kann ich mich ruhig noch einmal länger über sie auslassen. Zumal mir das die Gelegenheit gibt, mich zu einem Thema zu äußern, das mich seit über 30 Jahren begeistert – die Achtziger-Jahre-Maxi-Single. Während viele sich an diesem Wochenende mit dem neuen Daft-Punk-Album beschäftigen, und andere den Ausgang des Eurovision Song Contest diskutieren, wird es hier so richtig nostalgisch…

Let me take you on a tour of the twelve inch
„Was ist eigentlich ein Remix?“, hat mich mein Vater mal gefragt. Es muss 1985 gewesen sein. Er hatte sich gerade bei famila einen Sampler gekauft und war im Tracklisting über dieses Wort gestolpert: Matt Biancos „More Than I Can Bear (Remix)“ war der Opener. Er hätte meiner Ansicht nach keinen geeigneteren Ansprechpartner im Umkreis von – sagen wir mal – 50 Kilometer finden können (so weit war es in etwa bis zu „Radio Deutsch“ in Osnabrück).

abc_look of loveDenn: Seitdem ich Anfang 1983 bei einer Mittagssendung von NDR2 den von Trevor Horn verantworteten „Special Remix“ von ABCs „The Look Of Love“ auf Kassette aufgenommen hatte, war ich von Remixen fasziniert.

Wobei „Remix“ zu der Zeit weitestgehend mit „Maxiversion“, „Extended Version“ oder „12“ Mix“ gleichzusetzen war. In vielen Fällen also frickelten der jeweilige Künstler, das Produktions- oder Studioteam am Rande der Aufnahmen aus dem vorliegenden Material eine Verlängerung des Songs. Gestrecktes Intro, ausgedehnte Instrumentalpassagen, verlängerte Drumloops – so hörte sich das damals weitestgehend an. Dass die Idee eines Remixes etwas mit DJs zu tun hatte, die Stücke gern ineinander laufen ließen bzw. verlängern wollten – woher hätte ich das damals wissen sollen?

Move With Me Over The Thrill Of The Twelve Inch
Diesen Kontext also komplett ausblendend konzentrierte ich mich stattdessen auf den Aspekt der Veränderung: Was wurde einem Song hinzugefügt? Was weggelassen? Gute Maxis enthielten Elemente, die es auf der Single-Version nicht gab. Doofe Maxis hingegen stellten lediglich die Instrumentalfassung des Songs vorneweg oder hintenan. Ich las bei meinen Besuchen bei Radio Deutsch, Rohlfing und später auch im DJ Record Shop in Osnabrück bzw. Hohe Pforte und famila in Quakenbrück alle Linernotes der dort erhältlichen Maxis. Ich stieß auf Namen wie Ben Liebrand, John „Jellybean“ Benitez, Steve Thompson & Michael Barbiero, Latin Rascals, Arthur Baker, Flood, Julian Mendelsohn, Phil Harding und nicht zuletzt Shep Pettibone.

Ich war begeistert, wenn es von einem Song verschiedene Maxis gab und stand stundenlang an der Vorhörtheke, um rauszukriegen, wie diese sich voneinander unterschieden.

„Remixer“ wurde somit für lange Zeit mein Traumberuf. Im Studio sitzen, Tonbänder in Empfang nehmen, diese zerschnippeln und wieder zusammenfügen, Geld kassieren – so malte ich mir meine Zukunft aus. Also fing ich an, selber „Maxiversionen“ am Kassettenrecorder zusammenzubasteln, indem ich einzelne Passagen eines Songs und seiner mir vorliegenden Versionen mehrmals hintereinander aufnahm und in eine neue Reihenfolge brachte. 20 Jahre später haben mir Bands wie Blackmail, Fotos, Pawnshop Orchestra oder Decorder freundlicherweise Gesangsspuren überlassen, um die herum ich Remixe produzieren durfte. Nicht alle haben meinen Auftraggebern gefallen. Einige wurden veröffentlicht. Viele nicht.

Play It Again, Wolf-Dieter
Was ist also ein Remix? Die Veränderung eines Songs, damit er in einen Clubkontext passt? Das ist sicherlich eine Antwort. Für Matt Biancos „More Than I Can Bear (Remix)“ traf sie allerdings definitiv nicht zu, schließlich wurde hier nur ein Chor dem Original vorangestellt und der Sound etwas verändert. Längst nicht alles, was in den Achtzigerjahren „remixed“ und „extended“ wurde eignete sich für den Club (man denke nur mal an die lange Version von Howard Jones’ „Hide & Seek“ oder „The Power Of Love“ von Jennifer Rush, wie soll das in einer Diskothek funktionieren?).

Die Club-Kontext-Antwort blendet auch den Hype aus, den Maxi-Singles bei mir, bei meiner Peergroup und offensichtlich auch vielen anderen Menschen ausgelöst haben. So erinnere ich mich etwa an einen Samstagabend Ende 1983 vor dem Radio, als Wolf-Dieter Stubel in der NDR2-Hitparade „Come Back And Stay“ von Paul Young ankündigte. In der vergangenen Woche habe er die Maxi des Songs gespielt, so Stubel, daraufhin hätten sich zahlreiche Hörer beim Sender gemeldet und darum gebeten, dies zu wiederholen. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von Zeiten, wo man eben nicht schnell mal eine kritische Masse in seinem sozialen Netzwerk zusammentrommeln konnte. Damals haben Menschen Postkarten geschrieben, mit angeleckten Briefmarken beklebt und dann zur Post gebracht. Mich freute das in diesem Fall übrigens sehr, da ich nach einer verpassten Sendung das Stück somit auch aufnehmen konnte.

Überhaupt Radio: NDR2 reagierte auf den Maxi-Hype mit einer eigenen Sendung. DJ GA, sprich: Moderator Gerd Alzen, spielte in der Sendung „Maxis Maximal“ ab 1985 die 12“-Inch-Singles aktueller Hits. Für mich auch bis ins hohe Teenageralter ein Grund, am Freitagabend vor dem Radio zu verweilen (bzw. durch Einsatz einer Zeitschaltuhr dafür zu sorgen, dass die Sendung auf Kassette aufgenommen wurde). Und bei NDR1 gab es eine Zeitlang die Regelung, dass Hans-Georg Martin an den schulfreien Samstagen in Niedersachsen die Top 10 der wöchentlichen Hitparade in Maxiversionen auflegte.

maxis_maximal

Klar, dass die Plattenfirmen das Konzept ausreizten, indem sie zu einem Song mehrere Maxis veröffentlichten. Depeche Mode, Sigue Sigue Sputnik, Pet Shop Boys, FGTH – sie trieben (und treiben weiterhin) uns mit ihrer Veröffentlichungspolitik in den Wahnsinn und finanziellen Ruin. Alles nur um auf dem Schulhof die Frage „Aber hast Du auch schon den Remix gehört?“ mit „Ja“ beantworten zu können.

Auch heute noch suche ich auf Flohmärkten und Plattenbörsen in erster Linie die Maxi-Singles, die ich vor 30 Jahren in den Regalen der Plattenläden stehen lassen musste

Where Nothing Is As It Seems
Was also ist ein Remix? Ein Hype, der am Ende nur die Verkaufszahlen erhöhen sollte? Sicherlich gibt es noch weitere Antworten. Einige davon stammen von Frankie Goes To Hollywood. Ihre Maxis – wie meine „Einstiegsdroge“ ABC häufig von Trevor Horn verantwortet – waren immer spektakulär. Sie waren lang, es gab mehrere unterschiedliche – zum Teil schwer erhältliche – Versionen, unerwartete Einfälle. Ein Höhepunkt dieses auch auf Cassette („Warriors Cassetted“) und CD („Warriors Compacted“) ausgelebten Irrsins ist die Vinyl-Maxi von „Rage Hard (Slam Blam)“.

Vor den eigentlichen Song hatten Trevor Horn und seine Mitstreiter einen rund siebenminütigen Exkurs gestellt, in dem Maxiversionen erklärt wurden. „Let me take you on a tour of the twelve inch, using this special extension of ‚Rage Hard‘ as our example”, eröffnet eine freundlichen Frauenstimme den Song, um dann Themen wie „Climax“, „Anti-Climax“ und “Merciless Reverb” am lebenden Beispiel zu erklären.

Was also ist ein Remix? Gelegentlich auch eine Lehrstunde. Oder – wie es Trevor Horn selbst in den Liner Notes der Maxi von „Warriors Of the Wasteland (Twelve Wild Disciples Mix)“ beantwortet: „’A gift.‘ – when it’s Frankie, and Frankie only. And this 12″ is Frankie. Only.“

10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Dieser Text ist doppelt super: So eröffnet er mir doch die Möglichkeit, sowohl auf den Künstler als auch auf das Thema Remixe einzugehen. Beides gibt viel her.

    Doch zuerst ein paar Gedanken zu Frankie. FGTH gehören zu den ersten Bands, deren Bravo-Poster in meinem Zimmer hingen. Dabei kannte ich nicht mal alle Hits: „Warriors of the Wasteland“ hatte ich mal im Radio zufällig erwischt und für gut befunden – bestimmt drei Jahre, bevor ich das erste Mal „Relax“ hörte. Trotzdem taugten die Jungs als Pin-Up-Boys fürs Kinderzimmer – ohne, dass ich irgendein ein Video von ihnen gesehen hätte. Ich will nicht immer von den alten Zeiten sprechen, aber gerade in den letzten zehn Jahren hat sich beim Musikhören so viel verändert. Während wir heute verärgert sind, wenn ein gesuchter Song nicht sofort unter den ersten zehn Google-Treffern in Videoform auftaucht oder irgendeine Band sich dem Spotify-System verweigert, so war es früher ein kleiner Sieg, einen Song im Radio voll erwischt zu haben. Und wenn die Musikrampe vom Moderator Deines Vertrauens vollgequatscht wurde, dann gehörte das irgendwie zum Song dazu. Gleiches gilt für Abmoderationen. Ich habe in meiner Kassettenzeit, bevor ich genug Taschengeld für den regelmäßigen Kauf von Platten und CDs hatte, Dutzende Songs mit blöden Radio-Kommentaren aufgenommen. Manche dieser Kassetten habe ich später bestimmt einhundert Mal durchgehört. So oft, dass sich diese Kommentare fest in mein Bewusstsein einprägten. Und ich später, als ich die entsprechende CD gekauft hatte, verwundert war, wenn dass da was fehlte. Vielleicht ein unbewusster Fall von postmoderner Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst. Solche Effekte sind heute aber längst passé – kein Mensch wartet ernsthaft noch am Radio auf einen Hit. Wir befinden uns eben ganz klar in der Post-Postmoderne!

    Frankie goes to Hollywood, das war für mich vor allem Frankie… äh, ich meine Holly Johnson. Von den anderen Typen ist mir noch der Lockenkopf mit dem Prollbart aka Peter Gill in Erinnerung. Ansonsten hat keiner der Mitmusiker nachhaltig auf mich Eindruck hinterlassen. Das liegt auch daran, dass ich mit 14 Jahren Holly Johnsons Soloalbum „Blast“ sehr mochte: Vor allem die Singles „Love Train“ und „Americanos“ sind mir bis heute gut in Erinnerung. Ich weiß noch, wie ich zusammen mit Sven und Torsten die Bravo-Übersetzung von „Americanos“ Zeile für Zeile durchging und überhaupt nicht kapierte, warum ein englischer Künstler ein spanisches Wort für Amerikaner benutzte. Auch musste ich mir lange von Sven erklären lassen, was diese „Chinos“ waren, die er da besang – keine Ahnung, ob es die damals wirklich noch nicht unter diesem Namen in Deutschland zu kaufen gab.

    Viel später habe ich mir „Bang!… The Greatest Hits of Frankie Goes To Hollywood“ gekauft. Und ich muss gestehen, ich war einigermaßen genervt, dass sie bei so vielen Songs ewig lange Intros hatten und nicht auf den Punkt kamen.

    Es mag Dich überraschen Michael, aber obwohl ein Kind der 80er bin, habe ich selten den Reiz von Remixen verstanden. Dabei muss man das schön trennen: Natürlich kapier eich sofort den Reiz des kompletten Besitzens: Zum Beispiel MUSS man als Fan einfach alle Disco-Alben der Pet Shop Boys im Regal stehen haben.

    Aber ich gestehe hiermit öffentlich, dass ich selten Tracks erlebt habe, die durch das nachträgliche Bearbeiten und Verlängern meist von Remixern besser geworden sind. Wahnsinn, ich mache Deine Arbeit nieder – das wollte ich nicht.

    Aber im Ernst, wie viele Songs Deiner Lieblingssänger kennst Du, bei denen ein Externer, der nicht zusammen mit den Künstlern im Studio ein Stück Kunst erarbeitet hat, eine hörenswertere Variante produziert hat? Also mir fallen spontan vier ein – und die sind meist sogar offiziell ausgekoppelt worden: Ein französischer Remix der Stuttgarter Rapper Massive Töne, Fatboy Slims Bearbeitung der Beastie Boys, eine Reggae-Version von Alicia Keys und Pharrell Williams Bearbeitung der Rolling Stones. Natürlich weiß ich, dass die Welt nicht nur schwarz-weiß ist. Es muss nicht nur DIE EINE gute Fassung eines Songs geben. Und trotzdem: Die Zeiten, in denen ich Maxis durchgehört habe und damit vier, fünf, sechs Versionen eines Stückes am Stück, liegen hinter mir. Natürlich habe ich meine Handvoll Künstler, von denen ich alles kaufe, was ich in die Hände bekomme. Und auch alles höre. Aber halt nicht unbedingt mehr unendlich oft.

    Es ist schon ein Paradoxon, das ich hier mal versuchen will zu entschlüsseln. Wie geneigte Leser es schon gemerkt haben, ist Rapmusik wohl das Genre, in dem ich behaupten darf, mich einigermaßen gut aus zu kennen. Gerade Rap oder HipHip (die Zeiten, in denen die genaue Abgrenzung voneinander stundenlange Diskussionen mit mir auslösen, liegen lange in der Vergangenheit) ist ja die Musik, die per se auf Eklektizismus basiert: Dem Auseinanderfriemeln von tollen Primärsounds – seien es nun einzelne Basslinien oder komplette Songideen. Was anderes tut ein Remixer auch nicht – allerdings haben Rapper ja zugleich den Anspruch, das zusammengeraubte Klangkunstwerk mit ihrer Stimme und ihren Texten zu veredeln. Und was soll ich sagen: Das ist meist auch genau das, was mich an einem Song kickt. Ein Sample kann noch so gut gewählt sein und Emotionen in mir hervorrufen – wenn es der Lyricist darauf nicht bringt: niente. Hier mal ein Beispiel!

    Was hat das alles mit dem Remix-Thema zu tun? Alles und nichts! Klar werden auch im HipHop unzählige Remixe produziert, die irgendwelche Nummern scheinbar noch clubtauglicher machen sollen. Aber tut mir leid: Selten genug kann mich das eben überzeugen. Zuletzt erlebte ich eine solche Enttäuschung beim Jamie XX-Remix von Adele. Bei einem Artikel über den sehr von mir geschätzten DJ Ron stolperte ich über diese Version von „Rollin in the Deep“, suchte danach und dachte dann beim Hören: „Wie bitte? Das soll die Leute zum Tanzen bringen?!?“

    Doch bevor ich hier nicht mehr nur als der Instrumental-Hasser, sondern auch noch als der Remix-Verächter gelte, hier noch eine kleine Einschränkung. Was ich seit einigen Jahren sehr sehr gerne höre, sind Bastard Pop-Mixe. Doch wer mich da besonders beeindruckt hat, das erzähle ich ein anderes mal.

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